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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Werden und Vergehen von Wörtern

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Im neuen Duden stehen 5000 neue Wörter, die erst in den letzten Jahren aufgekommen sind.

Ein Teil davon bezeichnet gesellschaftliche oder technische Neuerungen wie Billigflieger, Minijob, Rundumbetreuung, Klingelton, Nanotechnologie ‚Technik im molekularen Bereich’, Webdesign ‚Gestaltung einer Internetseite’. Aber auch Modewörter sind dabei wie prollen ‚prahlen, laut sein, ,schimpfen’, uncool (früher sagte man „blöd“) sowie ältere volkstümliche Ausdrücke wie Kuckuckskind ‚uneheliches Kind, das mit den Halbgeschwistern aufwächst’ oder der norddeutsche Gruß moin moin.

Manche davon haben wohl nur eine geringe Lebenserwartung. Zum Beispiel Teuro. Das pfiffige Wortspiel ist entstanden als Kritik an der Preisentwicklung nach der Einführung des Euros. Wahrscheinlich werden die Preise in den nächsten Jahren weiter steigen. Das kann man dann aber nicht mehr der Währungsumstellung ankreiden. Teuro ist also ein zeitgebundenes Wort, das bald wieder in Vergessenheit geraten wird.

Ähnlich ist es anderen Wörtern in der Vergangenheit auch ergangen. Wer von den Jüngeren weiß noch, was die Wende war (Untergang des Sozialismus in Osteuropa um 1990), ein Halbstarker (Jugendlicher in den 50er Jahren), die Währung (Währungsreform von 1948) oder der Kohlenklau (Symbolfigur eines Aufrufs zur sparsamen Wirtschaft im 2. Weltkrieg)?

Nicht alle Modewörter gehen bald wieder unter. Manche haben ein erstaunliches Alter wie klauen, das sich im 1. Weltkrieg verbreitet und in der Umgangssprache fast schon stehlen verdrängt hat. Oder kaputt, das praktische Gegenwort von ganz, ursprünglich ein Ausdruck beim Kartenspiel und seit dem 17. Jahrhundert gebräuchlich.

Wie sonst im Leben herrscht auch in der Sprache ein steter Verdrängungswettbewerb. Goethes Knabe und hessisch Bub wurden von Junge verdrängt. Luthers Ufer und warten haben dem süddeutschen Stade, beiten ein Ende gemacht. Nur noch Fachleute wissen, dass man vor 1200 Jahren für ‚sprechen’ auch quedan sagte oder dass das mittelalterliche Turnier Tjost oder Buhurt hieß.

Besonders interessant sind moderne Wörter mit Vorsilben, zu denen es keine einfachen Wörter mehr gibt: Bearbeiten kommt von arbeiten, versprechen von sprechen, Unruhe von Ruhe. Aber woher kommt beginnen, behelligen, bequem, genug, überkandidelt, Unflat, unwirsch, verderben, vergessen, verlieren? Zu behelligen gehörte hellig ‚erschöpft’, zu bequem alt bequeman ‚bekommen’ in der Bedeutung ‚zuträglich sein’. Überkandidelt ‚überspannt’ liegt niederdeutsch kandidel ‚frisch munter’ zugrunde. Zu Unflat gehörte mittelhochdeutsch vlât ‚Sauberkeit’ (hessisch Uufloot ist ein ‚unverschämter Kerl’). Unwirsch ist entstanden aus mittelhochdeutsch unwirdisch ‚unwürdig, würdelos’. Verderben ist verwandt mit altenglisch deorfan ‚arbeiten’, vergessen mit englisch get ‚bekommen’ und verlieren / Verlust mit lose. Beginnen und genug dagegen sind immer nur mit der Vorsilbe überliefert. Die einfachen Wörter müssen sehr früh untergegangen sein.

   

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Datum: 14.09.2004

Aktuell: 17.12.2014