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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Schiefe Bilder

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Mördergrube

kein Schwein

Laus über Leber

 

Dass ein Bild an der Wand schief hängt, sehen wir auf den ersten Blick, und haben es im Nu wieder geradegerückt. Schiefe Bilder in der Sprache geraderücken ist schwieriger:

So bei "aus seinem Herzen keine Mördergrube machen" 'nichts verschweigen, offen über eine Sache reden'. In Gruben 'in die Erde gegrabenen Löchern' hat man in Notzeiten seine Wertsachen versteckt. Dass jemand etwas verschweigt und in der "Grube seines Herzens" verbirgt, können wir also verstehen. Aber warum "Mördergrube"?
Der Ausdruck stammt aus Luthers Bibelübersetzung und meint die 'Räuberhöhle', also den Unterschlupf von Räubern in einer Felsengrotte. Der Prophet Jeremia wirft seinen Zuhörern vor, sie kämen nach ihren Schandtaten in den Tempel, um dort Geborgenheit zu suchen wie Verbrecher in ihrer Räuberhöhle. Luther hat dieses Wort mit "Mördergrube" übersetzt. Auch an anderen Stellen schreibt er "Mörder" statt "Räuber", vielleicht nach damaligem sächsischem Sprachgebrauch. In den neueren Bibelausgaben ist das verbessert.
Eine "Räuberhöhle" kann aber auch wie im Märchen von Ali Baba der Ort sein, wo Banditen ihr Diebesgut versteckt haben. In diesem Sinn ist die Redensart gemeint: "aus seinem Herzen kein Beuteversteck machen" und alles offen darlegen.

Eine Leserin fragte, wie der Ausdruck zu erklären sei: "Das kann kein Schwein lesen" oder "verstehen". Auch das ist ein schiefes Bild, denn Schweine können ja nicht lesen oder verstehen. Zur Erklärung zieht man gern eine Geschichte von einer gelehrten Familie Swyn heran, die ungebildeten Mitbürgern Dokumente vorgelesen hätte. Manchmal war aber etwas so schlecht geschrieben, dass es sogar die Swyns nicht verstehen konnten.
Das klingt doch recht gekünstelt. Vielleicht will diese Redensart sagen: Ein unleserliches Schriftstück "sieht aus wie Sau" und kann daher nur von einem Schwein geschrieben sein. Aber der unordentliche Schreiber müsste doch seine eigene Schrift lesen können. Wie schlimm muss es sein, wenn noch nicht einmal er sie entziffern kann!
Wahrscheinlich ist aber "kein Schwein" nur ein derber Ausdruck für 'niemand'. Man sagt ja auch "Es kümmert sich kein Schwein um sie" oder "Es ist kein Schwein da."

Ein schiefes Bild ist auch, dass "einem eine Laus über die Leber gelaufen ist", wenn er schlecht gelaunt ist. Emotionen verspüren wir in unsren Organen, Stress schlägt sich auf den Magen. Liebe und Kummer empfinden wir im Herzen und Aggressionen in der Leber. Wenn sich also jemand ärgert, dann kommt es ihm vor, als ob ihm "etwas über die Leber laufe", so die ältere Fassung des Ausdrucks. Leber und laufen beginnen mit L, das lockte die Laus mit demselben Anlaut an, obwohl sie sachlich nicht in dieses Bild passt.

   

 

 

 

 

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Echo Online

 

Datum: 22.08.2006

Aktuell: 24.12.2009