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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Labyrinth

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Als Schüler nahm ich einmal zu einem Schulausflug 5 DM mit und kam mit meinem Geld samt einer Tafel Schokolade wieder heim. Das Geld hatte ich nicht ausgegeben und die Schokolade hatte ich gewonnen, weil ich als erster aus einem Labyrinth herausgefunden hatte.

Neulich korrigierte ein Bekannter: Das sei kein Labyrinth, sondern ein Irrgarten gewesen. Ein Labyrinth ist ein verschlungener Weg, der zur Mitte führt, und auf dem man wieder herausfindet. Das ist richtig, aber in der Umgangssprache nennt man auch einen Irrgarten Labyrinth.

Das Wort kommt von griechisch labýrinthos. Die älteste Bedeutung war ein 'großes Gebäude'. Der Palast von Knossos trug diesen Namen, ebenso eine gewaltige Grabanlage von Pharao Amenemhet und noch ein paar andere Bauwerke. In den weitläufigen Fluren mit hunderten von Zimmern konnte man sich verlaufen. Nach einer Sage sind Menschen im Labyrinth umgekommen, weil sie keinen Ausweg fanden. Daher die übertragene griechische Bedeutung, 'Irrweg, verworrener Gedankengang'.

Das eigentliche Labyrinth, der gewundene Weg in die Mitte, ist schon in der Steinzeit bekannt, wie ein bandkeramischer Fund aus Rüsselsheim zeigt. Man nannte es in der Antike nicht Labyrinth, sondern Troja. Das war auch der Name eines Reitturniers für Jugendliche; vielleicht musste man da einem labyrinthartigen Weg folgen. Die heutige Bezeichnung ist erst in Pompeji (1. Jahrhundert n. Chr.) nachweisbar, da steht bei einer Zeichnung der Text: "Labyrinthus. Hic habitat Minotaurus – Das Labyrinth. Hier haust der Minotaurus."

Ein langer, gewundener Weg also vom antiken Palast zum Irrgarten. Aber woher kommt der Name? Er ist um 1400 v. Chr. bereits im mykenischen Kreta als Da-pu-ri-to- bezeugt, in einer Silbenschrift, die nur ungefähr die gesprochenen Laute wiedergeben konnte. Tatsächlich sagten die frühen Griechen Dabúrinthos, später Labürinthos. Die Endung erinnert an Städtenamen wie Korinthos aus einer Zeit, bevor die Griechen kamen.

In der kretischen Schrift gab es kein L. Offenbar war bei den dortigen Ureinwohnern L kein eigener Laut wie im Griechischen. Die frühen Griechen behalfen sich mit R. Aber Labyrinth schrieb man nicht mit R, sondern mit D. Diesen Laut sprach man anscheinend auch am Wortanfang je nach Zusammenhang unterschiedlich, nach Vokal L, nach Konsonant D.

Die Hethiter in Kleinasien schrieben zwar tapar- 'regieren', taparnas 'Herrscher', nannten aber einen ihrer Könige Labarnas (um 1600). Dieses Wort könnte in Labyrinth stecken. Die Leute von Kreta nannten also den weitläufigen Palast von Knossos Dapurinto- 'herrschaftlich'. Da man sich darin verlaufen konnte, bekam der Name die Bedeutung 'Irrweg', dann 'Art Spirale' und schließlich 'Irrgarten'.

   

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Echo Online

 

Datum: 26.09.2006

Aktuell: 26.03.2016