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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Herr Vater, Frau Mutter

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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"Herr Vater, Frau Mutter", das ist mega-out. So sagt kein Mensch mehr. Das singen wir allenfalls noch in dem Lied "Der Mai ist gekommen". Normale Kinder sagen "Papa, Mama, Vati, Mutti" oder ähnlich. Das ist familiärer Sprachgebrauch. Offiziell heißt es "Vater, Mutter" und so reden Erwachsene gegenüber Fremden.

Dass wir diesen Unterschied machen, ist eine Eigenart der indogermanischen Sprachen. Lallwörter wie Papa, Mama kann jedes Kind aussprechen. Die Erwachsenenwörter Vater, Mutter, Bruder sind dagegen künstlich gebildet nach demselben Bauplan. Dieses lässt sich im Deutschen kaum noch erkennen, im Englischen (father, mother, brother) und Lateinischen (pater, mater, frater) ist das deutlicher.

Allen dreien gemeinsam ist die Endsilbe -ter, wohl zu Dorf, Turm 'Haus, Wohnung'. Der Vater, patêr ist der 'Ernährer des Hauses', zu indogermanisch pa- 'essen, trinken, ernähren'. Salopp gesagt: Der "Vater" ist der, der das "Futter" beschafft. Die Mutter, mâtēr ist die 'Mama des Hauses'. Dieses Urwort Mama bedarf keiner Erklärung. In Bruder, frater steckt unser gebären, indogermanisch bher- 'tragen, hervorbringen': Bherâ-ter war das 'Kind des Hauses'. Dieses einfache System wurde anscheinend offiziell eingeführt, als sich die vaterrechtliche Gesellschaftsordnung durchgesetzt hatte. Vorher war, wie in den ältesten Teilen der Bibel zu erkennen, nicht der Erzeuger, sondern der älteste Bruder der Mutter Familienoberhaupt. Der Partner der Mutter wohnte vielleicht gar nicht im Haus, die Kinder würden ihn heute "Onkel" nennen. Nun auf einmal beanspruchte dieser Mann, Familienoberhaupt zu sein. Damit war ein neues Wort fällig, Vater und nun mussten auch die Beziehungen untereinander neu definiert werden. Erstes Ergebnis: Die Mama wurde zur Mutter und die Kinder untereinander zu Brüdern. Auch das Verhältnis Eltern - Kinder wurde neu definiert: Es entstand das Wort Tochter, indogermanisch dhugh-tér, 'der die Mutter Milch gibt', zu einem Wort für 'fließen lassen', das in unserm Tau erhalten ist.

Die Wörter Bruder, das Familienmitglied derselben Generation, und Tochter, das der jüngeren Generation, waren zunächst unabhängig vom Geschlecht. Die Unterscheidung erfolgte später durch Schwester (swéswer) 'die Angehörige', und Sohn (sunús) 'der Geborene'.

Der Wechsel von "Mama und ihr Mann" zu "Mutter, Vater" lässt sich datieren: Die Hethiter kannten nur die alten Lallwörter anna 'Mutter', atta 'Vater', als sie sich um 2500 von den übrigen Indogermanen trennten und nach Kleinasien zogen. Nach 2000 machten sich die Griechen selbständig und brachten schon die neuen Wörter Vater, Mutter, Bruder 'Familienmitglied', Tochter, Sohn in ihre neue Heimat mit.

   

 

 


Leserfrage:

In welchen ältesten Teilen der Bibel sind die geschilderten vorpatriarchalischen Verhältnisse zu erkennen? Das Debora-Lied (Ri 5) wird von den Kritikern für den ältesten schriftlich niedergelegten Teil des Alten Testaments überhaupt gehalten. Aber über etwelche Familienverhältnisse findet sich nichts.

Meine Antwort:

das mit den "ältesten Teilen der Bibel" meinte ich nicht literargeschichtlich, sondern chronologisch, so wie die Geschichten erzählt sind. Im Gewirr der literargeschichtlichen Hypothesen kann man sich ganz schnell verheddern, und vor allem, man kann sie keinem begreifbar machen.

Alles, was vor der Königszeit, d.h. vor 1000 war, lässt sich kaum noch historisch rekonstruieren. Debora gilt als "Richterin", d.h. sie lebte zwischen Saul und Mose. Aber bereits die Chronologie der Richterzeit ist in sich nicht schlüssig. Wie lange hat sie gedauert? 200 Jahre? 400 Jahre? Wann hat Mose gelebt, um 1250 oder um 1450? Wann lebten die Erzväter? Das ist alles sehr ungewiss und verschwimmt im Dunkel der Geschichte. Auf dieses Glatteis möchte ich mich lieber nicht begeben.

Von daher kann man sich drüber streiten, was literarisch der älteste Teil der Bibel ist, da gibt es noch mehr Kandidaten, z.B. das kurze Schilfmeerlied Ex 15,1, die 10 Gebote, das Brunnenlied Num 21,14-18. Oder auch das Prahllied Lamechs Gen 5,23+24.

Woran ich dachte, sind die sehr altertümlichen Geschichten von Isaak und Rebekka Gen. 24 und von Jakob, Rahel und Lea, Gen 29: Gen 24 ist zwar eine jüngere Erzählung, die aber alte Verhältnisse widerspiegelt: Der Unterhändler Elieser bittet nicht den Vater Bethuel, sondern den Bruder Laban um die Hand Rebekkas. Mit demselben Laban, jetzt als Vater, hat's später auch Jakob zu tun, dem Laban erst die hässliche Lea andreht, bevor er die begehrte Rahel bekommt. All das sind vor- oder wenigstens nichtisraelitische Rechtsverhältnisse.

Ein weiteres altes Beispiel aus vorisraelitischen Verhältnissen: Simson (Ri 14.15). Da wird eine prächtige Hochzeit gefeiert, aber wie Simson ein paar Tage später zu seiner Frau will, wird er vom Vater nicht hereingelassen. Da schimmert also noch der alte Brauch der Besuchsehe durch, bei welcher die Frau im Haus ihres Vaters bleibt und der "Onkel" nur zu Besuch kommt.

Oder die Bemerkung Gen 2,24 "Darum wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und seiner Frau anhangen", nicht umgekehrt. Der Mann heiratet in die Familie der Frau ein, nicht die Frau in die des Mannes.

Das alles sind nur Spurenelemente, die patriarchalischen Verhältnisse sind auch im Orient sehr alt, wie man an diesen Stellen erkennen kann, und haben ältere Zustände überlagert.

 

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Indogermanische Verwandtschaftsnamen

 

Datum: 30.04.2007

Aktuell: 02.02.2010