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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Brave Barbaren

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Sie waren erst vor kurzem von den Bäumen heruntergekommen, bedeckten ihre Blöße notdürftig mit Fellen oder Baströckchen, stießen unartikulierte Laute aus und streiften mit riesigen Keulen durch die Pampa auf der Suche nach Essbarem, vor allem nach Menschenfleisch. So ungefähr stellte man sich in der Kolonialzeit die "Wilden" vor. Nicht viel anders dachten manche Römer über die unzivilisierten "Barbaren" jenseits der Grenzen.

Βάρβαροι Bárbaroi nannten die Hellenen diejenigen, die kein gepflegtes Hochgriechisch sprachen, Dialektsprecher genauso wie Ausländer, vor allem die Perser. Fremde Völker mit anderen Sitten empfand man als 'ungebildet, unzivilisiert', "wild". Die Römer, selbst in diesem Sinn "Barbaren", übernahmen mit der griechischen Kultur diesen Ausdruck.

Ba-ba sagen die kleinen Kinder bei ihren ersten Sprechversuchen. Bar-bar oder bal-bal sind ähnliche Silben, die unbeholfenes Sprechen nachahmen. Davon abgeleitet sind babbeln, Blabla, plappern, hessisch brebeln 'murren'. Altindisch बर्बराः barbarāḥ bezeichnete einen Nichtarier. Altarmenisch բարբառ barbaȓ bedeutet 'Stimme, Sprache', heute 'Dialekt'. Berber sind die nicht arabisch sprechenden Ureinwohner Nordafrikas. Hier ist also noch die Bedeutung 'nicht hochsprachlich, fremdsprachlich' klar zu erkennen.

Wilde Barbaren haben noch nie was von Goethe gehört, schmatzen beim Essen und haben keine Ordnung. Als unerschrockene Krieger waren sie gefürchtet, letztlich aber disziplinierten Truppen unterlegen, die planvoll vorgingen und nicht nur ihre Wut austobten. Wild hat ja heute noch einen Klang von 'rasend und unbeherrscht'.

Im frühen Mittelalter bekam in der Provence das aus barbarus abgeleitete brau die Bedeutung 'noch nicht gezähmt', daher 'junger Stier'.

In den romanischen Sprachen wurde daraus bravo 'draufgängerisch, tapfer', eine Eigenschaft nicht nur von jungen Bullen, sondern auch von Soldaten, die sich furchtlos ins Kampfgetümmel stürzten. Aggressivität gegenüber dem Feind wurde gelobt, aber innerhalb der Truppe oder gar gegenüber den Offizieren war sie unerwünscht. Da wurde strikter Gehorsam verlangt. Der "brave Soldat" zeichnete sich also nicht nur durch Angriffslust aus, sondern auch durch Unterordnung, Gehorsam, Disziplin.

In dieser Bedeutung wurde das Wort brav ins Zivilleben übernommen. Als "braver Mann" galt nicht einer, der draufschlug, sondern der seine Pflicht tat.

Schließlich kam brav auch in die Familien: "Ein braves Kind gehorcht geschwind", aber man erwartete von ihm keine soldatische Tapferkeit, mit der es im Sandkasten Spielsachen eroberte.

In Studentenkreisen kam im 18. Jahrhundert der italienische Beifallsruf bravo auf, hier ganz allgemein im Sinn von 'lobenswert'.

   

 

 

 

 

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Echo Online

 

Datum: 23.10.2007

Aktuell: 24.12.2009