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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Moloch

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Caesar berichtet, die Gallier hätten Kriegsgefangene in einer Hohlfigur verbrannt. Die Ureinwohner des Heiligen Landes opferten angeblich ihre Kinder und legten sie auf die Arme einer glühenden Statue aus Metall. Ähnliche Gräuel werden den Karthagern nachgesagt. Aus der Bibel stammt der Name dieses Götzen: Moloch (zum semitischen Wort für 'König'). Das können wir uns heute nicht mehr vorstellen. Wer bringt denn seine Kinder um? Tatsache ist aber, dass man in Karthago verbrannte Kinderknochen fand sowie Inschriften mit den Wörtern molc (eine Art Opfer) und molc homor  'Röst-Opfer'. Und leider werden auch heute bei uns Kinder vernachlässigt, misshandelt, getötet.

In meiner Jugend redete man vom "Moloch Verkehr", der in der alten Bundesrepublik jährlich so viele Todesopfer forderte, wie eine Kleinstadt Einwohner hat. Moderne Molochs  sind Mächte, für die wir bedenkenlos alles einsetzen, auch wenn Menschen dadurch zu Schaden kommen. Daran musste ich denken, als ich hörte, dass die Lebensmittel knapp und teuer werden – eine Folge unsres unersättlichen Energiehungers. Dem "Moloch Energie" opfern wir landwirtschaftliche Flächen und nehmen in Kauf, dass Menschen verhungern müssen.

Opfer ist wie die meisten Wörter mit pf ein Fremdwort. Es ist abgeleitet von lateinisch operari 'tätig sein', hier im Sinn von 'ein gutes Werk tun'. Die Bedeutung ist aber beeinflusst von dem ähnlichen offere 'darbringen'. Das klassische Opfer besteht ja darin, dass man den Göttern etwas darbringt und dem menschlichen Gebrauch entzieht. Man stellt Speisen vor das Kultbild, ernährt die Gottheit mit Rauch und Blut und deponiert Weihegaben im Tempel. Im Christentum gibt es diese Art von Opfer nicht mehr. Wir liefern zwar immer noch materielle Werte, meist Geld, im Gotteshaus ab. Diese Werte werden aber nicht vernichtet oder in der Kirche gehortet, sondern damit werden die Bedürftigen unterstützt und gemeinnützige Projekte finanziert. Aus dem kultischen Opfer (offere) ist also ein gutes Werk (operari) geworden.

Auch im täglichen Leben reden wir von Opfer. Da bringen Menschen große Opfer für etwas, was ihnen wichtig ist. Sie hängen Zeit und Kraft und Geld daran. Anders ausgedrückt: Sie leisten Verzicht auf Freizeit, Erholung, Erspartes. Aus dem realen Akt des Darbringens wurde die ideelle Leistung des Verzichtens.

Häufiger aber reden wir davon, dass irgendein Moloch seine Opfer fordert, nicht nur Verkehr und Energie, sondern auch Krieg, Verbrechen, Profitgier. Opfer sind Menschen, die dadurch zu Schaden kommen oder sterben. Sie werden meist nicht mehr absichtlich dargebracht, sondern "fallen zum Opfer". Das alte Bild vom Götzen, der das Letzte fordert, ist also immer noch aktuell.

 

 

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Datum:

Aktuell: 26.07.2016