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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Kindermund

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Kinder haben manchmal ungewöhnliche  Ausdrücke wie Lautsager für 'Lautsprecher' oder Rauchnudeln statt 'Dampfnudeln'. Da haben sie eine Vokabel kennen gelernt und wissen auch, was sie bedeutet. Wenn sie aber Wochen oder Monate später dieses Wort anwenden wollen, können sie sich nicht mehr genau dran erinnern und bilden es neu. Denn Rauch kann man ja mit Dampf verwechseln und sprechen ist so was Ähnliches wie sagen.

Manchmal erfinden sie nicht nur Wörter, sondern auch  grammatische Formen:

Wenn man sagen kann "gemacht ", müsste man auch sagen können "geesst". Das ist zwar folgerichtig, aber falsch.

Und manchmal haben sie etwas falsch verstanden. Ein Kind gab die Redensart "Jetzt hat die arme Seele ihr Ruhe" wieder mit "Jetzt hat die Amsel ihre Ruhe." Dieser Spruch ist ja auch schwer zu verstehen. Gemeint ist: Jetzt ist alles verteilt, es gibt nichts mehr. Aber warum hat dann die arme Seele ihre Ruhe? Gedacht war ursprünglich an einen Totengeist, der im Grab nicht eher Ruhe findet, bis der Schatz gehoben ist, den er versteckt hatte. Heute reden wir meist von der "lieben Seele" und denken an den Nachwuchs, der so lange quengelt, bis er bekommt, was er haben will. Brauchen wir uns dann zu wundern, wenn ein Kind diesen Spruch missversteht und nicht "arm(e) Seel(e)", sondern "Amsel" sagt?

Die Eltern und Geschwister fanden diesen Satz so witzig, dass sie die "Amsel" in ihren eigenen Sprachgebrauch übernahmen.

Nicht nur die Kinder lernen also von den Erwachsenen, sondern auch die Erwachsenen von den Kindern. Manche merkwürdigen Ausdrücke sind wohl so zu erklären, dass sie von Kindern erfunden und von den Erwachsenen nachgeahmt wurden. In der älteren Mundartliteratur ist etwa vom Brauterich statt vom Bräutigam die Rede. Da wusste jemand nicht, was das Gegenstück von Braut ist und schuf ein neues Wort. Oder wie heißt der Bruder der Nichte? Da ersann ein Kind den Nichter und ein Erwachsener führte ihn sogar in die Literatur ein.

Wir reden in diesen Fällen nicht von "Kindermund", sondern von einer "scherzhaften Redeweise". Wir wissen genau, dass es falsch ist, sagen es aber trotzdem, weil es so drollig ist.

Kinder waren es wohl auch, die die Grammatik vereinfacht haben. Im Indogermanischen  gab es acht Fälle mit unterschiedlichen Endungen, im Althochdeutschen vier und heute unterscheiden wir in Einzahl und Mehrzahl nur noch zwei oder drei Endungen. Man kann das als Verfallserscheinungen bedauern oder als geniale Vereinfachungen bewundern. Die gelehrten Grammatiker und die Dichter haben an einer altertümlichen Redeweise festgehalten, die oft sehr kompliziert konstruiert war. Die nachwachsenden Generationen waren es, die die Regeln einfacher gemacht haben.

   

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Echo Online

 

Datum: 21.07.2009

Aktuell: 24.12.2009