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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Die Sprache Kanaans

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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"Ank schm bn 'bd'schtrt aschqlnj - Ich, Schamma, Sohn des Abdi-Aschtart aus Askalon", so beginnt eine phönikische Inschrift. Phönikisch war wie Althebräisch ein kanaanäischer Dialekt. Kanaan ist der alte Name des Heiligen Landes. Die Ureinwohner verständigten sich in der "Sprache Kanaans", die heute keiner mehr kann und versteht.

Wenn wir heute von der "Sprache Kanaans" reden, meinen wir nicht dieses ausgestorbene Idiom, sondern die Art, wie man sich in frommen Kreisen ausdrückt.

Klar, wenn man von besonderen Sachverhalten reden will, braucht man Vokabeln, die in der Alltagssprache nicht vorkommen. Nur der evangelische Pfarrer trägt ein Beffchen am Kragen des Talars. Nur in der katholischen Kirche steht eine Monstranz 'Prunkbehälter für das geweihte Abendmahlsbrot'. Die Schüler Jesu nennt man Jünger und die beiden Übeltäter, die mit ihm gekreuzigt wurden, Schächer (ein altes Wort für 'Räuber', das schon in der mittelalterlichen Bibeldichtung vorkommt). Das sind Fachausdrücke, deren Bedeutung man erfährt, wenn man sich genauer mit religiösen Themen beschäftigt. Die fromme Sondersprache ist notwendig, um bestimmte Sachverhalte auszudrücken, die anderswo keine Rolle spielen.

Schwieriger zu verstehen ist die altertümliche Sprache, die in der religiösen Literatur und im Gottesdienst gepflegt wird. Im 8. Gebot heißt es: "Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten." Meine Konfirmanden dachten ans Schulzeugnis, gemeint aber ist die Zeugenaussage vor Gericht. Was ein Nächster ist, lässt sich erklären. Damit aber hatten sie das Gebot noch nicht verstanden, denn sie sagten regelmäßig "wieder deines Nächsten", weil es im 9. Gebot heißt "deines Nächsten Haus." Das Problem waren also nicht die Wörter, sondern die Satzkonstruktion: Sie kannten das Wort wider nicht, das 'gegen' bedeutet und mit dem Akkusativ konstruiert wird.

Die "Sprache Kanaans" hat auch immer dazu gedient, eine Gruppe zusammenzuhalten und gegen andere Gruppen abzugrenzen. Die vertrauten Formulierungen schaffen Nestwärme und lassen erkennen, dass ein Redner kein "Ungläubiger" ist. Wenn die Bundeskanzlerin "Freudigkeit an Innovationen" fordert, zeigt sie, "wes Geistes Kind sie ist", nämlich eine Pfarrerstochter. Denn Freudigkeit, oft missverstanden als 'Freude an etwas', ist evangelischer Jargon für 'Mut zum entschlossenen Handeln' und kommt von Freidigkeit 'Mut zu reden' aus der alten Lutherbibel.

Am Sprachgebrauch kann man auch die Glaubensrichtung erkennen, ob man Ijob, Ezechiel oder wie in der Lutherbibel Hiob, Hesekiel  sagt. Der protestantische Gottesdienst ist leicht von der katholischen Messe zu unterscheiden, der katholische Díakon vom evangelischen Diakôn.

   

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Echo Online

 

Datum: 17.11.2009

Aktuell: 16.02.2018