Startseite | Religion  | Sprachwissenschaft | Logische Wissenschaft | Geschichte | Humanwissenschaft | Naturwissenschaft | Kulturwissenschaft | Kulturschöpfungen

Sprachen | Wörter | Grammatik | Stilistik | Laut und Schrift | Mundart | Sprachvergleich | Namen | Sprachecke

Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Ich täte kaufen

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

Email:

 

 

„Wenn meine Mutter mir zehn Pfennig geben täte, täte ich mir eine Täte kaufen und täte auf der Täte so lange täten, bis die Täte nicht mehr täten täte“ haben wir in der Schule als abschreckendes Beispiel gelernt.
Tatsächlich müssten wir sagen: „Wenn meine Mutter … gäbe, kaufte ich…“ (Konjunktiv). So sagt aber heute keiner. Sondern wir umschreiben: „Wenn meine Mutter … geben würde, würde ich … kaufen“ oder eleganter „… gäbe, würde ich … kaufen“.
Ob wir täten oder würden sagen, ist im Prinzip gleich: Statt des einfachen Konjunktivs gäbe, kaufte ziehen wir heute eine Zusammensetzung mit einem Hilfsverb würde, täte vor.
Das ist nichts Neues. Denn unsere Sprache ist im Fluss. Seit 2000 Jahren ist die Tendenz zu beobachten, bei Deklination und Konjugation nicht die Wörter selbst zu verändern, sondern Hilfswörter vorzusetzen. Das ist auch in anderen europäischen Sprachen so.

Beispiele:

  • Vor 1200 Jahren genügte es noch zu sagen gibit.
    Heute setzen wir ein Personalpronomen davor und sagen er gibt.

  • Vor 1200 Jahren genügte es noch zu sagen Kindes.
    Heute setzen wir einen Artikel davor und sagen des Kindes, eines Kindes oder sogar mit Präposition vom Kind, von einem Kind.

Statt der einfachen Vergangenheit ich lief, ich kaufte gebrauchen wir in der Umgangssprache lieber das zusammengesetzte ich bin gelaufen, habe gekauft. Der Unterschied zwischen beiden Formen wird damit verwischt. Ursprünglich war gemeint: ich lief – gestern, aber nicht heute. Ich habe gekauft – vor zehn Jahren, aber die gekaufte Ware habe ich heute noch.
Die Bildung Hilfsverb + Vollverb ist in den germanischen Sprachen sehr alt. Nur Präsens ich lobe und Präteritum ich lobte kommen ohne Hilfsverben aus; alle anderen Zeiten wurden schon immer durch Zusammensetzungen gebildet: Ich habe gelobt, hatte gelobt, werde loben. Dagegen lateinisch: laudo, laudabam, laudavi, laudaveram, laudabo.

Dazu gehört auch, dass sich in der Umgangssprache längst auch tun als Hilfsverb eingebürgert hat.

Wichtige Verwendungen, die nicht als korrekt gelten:

  1. Umschreibung des Konjunktivs: „Wenn meine Mutter … geben täte“

  2. Umschreibung des Präsens: „Was machste dann?“ – „Ich dun Kartoffel schäle“ statt „ich schäle…“

  3. Tun gebrauchen wir auch, um besonderen Nachdruck auf das Verbum zu legen: „Er dut mir nit schreiwe, nit ums Verplatze“ statt „Er schreibt mir unter keinen Umständen.“

Wir neigen also dazu, statt einteiliger Verben zweiteilige zu bilden und damit den Satzbau zu vereinheitlichen. Das Problem ist nämlich im Deutschen, dass der erste Teil des Prädikats vor dem Objekt, der zweite danach steht: „Ich kaufe Brot“ – „ich habe Brot gekauft, ich würde Brot kaufen“.

Sagen wir dagegen „ich tue Brot kaufen“, dann haben wir in allen Fällen dieselbe Wortstellung Subjekt – Prädikat 1 – Objekt – Prädikat 2. Langfristig lässt sich also kaum vermeiden, dass „ich tue kaufen, ich täte kaufen“ sich allgemein durchsetzt.

Damit verschärft sich aber ein anderes Problem, das wir jetzt schon haben: Wenn der bedeutungstragende Teil des Prädikats erst am Ende des Satzes steht, erfahren wir auch erst am Schluss, was der Satz wirklich aussagt. „Das macht besonders lange Sätze mit vielen Einschüben und Verschachtelungen und was dem Sprecher sonst noch zwischendurch an Notwendigem und Überflüssigem einfallen könnte, schwer verständlich“. (Beispielsatz!).

Daher ziehen wir besser den zweiten Teil des Prädikats vor: „Das ist besonders schwer verständlich bei langen Sätzen“ und fahren mit einem Relativsatz fort: „die mit vielen ... versehen sind“.

   

 

 

 

 

nach oben

Übersicht

 

 

 

Datum: 2003

Aktuell: 24.12.2009