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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Der miese Mister

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Wenn eine Miss vorübergeht, dreht sich der Mister nach ihr um, während die Missis ihn zürnend anschaut. Missliebige Missetaten vermisst niemand, denn sie missfallen, lösen Missbehagen aus und werden von Mister, Missis und Miss missbilligt. Eine Miss findet also Wohlgefallen, die mit miss- zusammengesetzten Vokabeln nicht.

Wie das? Die beiden Wortgruppen sind verschiedener Herkunft: Das englische mister ist verkürzt aus altfranzösisch maistre 'Meister, Herr'. Missis ist die Kurzform von mistress (zu altfranzösisch maistresse, neu maîtresse 'Herrin, Geliebte'). Bei miss hat man die zweite Silbe weggelassen.

Das missbilligende miss- gibt es auch im Englischen (miss 'verfehlen, vermissen', mistake 'Missgriff') und anderen germanischen Sprachen. Es bedeutet eigentlich 'verwechselt, daher falsch'.

Dieses miss- drückt aus, dass etwas mies ist. Das ist ein Wort aus dem Jiddischen. Dort bedeutet mis 'widerwärtig'. Bei den Juden bezeichnet dieses Wort mehr das Aussehen, im Deutschen mehr den Charakter.[1]

Ein "mieser Mister" oder "böser Onkel" ist also ein 'schlechter Kerl'. Er ist miserabel (lateinisch miserabilis 'erbärmlich', zu miser 'elend'), aber nicht unbedingt ein Misanthrop 'Menschenfeind'[2]. Der hat etwas gegen die Menschheit überhaupt, nicht gegen einzelne Menschen.

Wenn sich ein mieser Mister an einer kleinen Miss oder ihrem Bruder vergreift, nennen wir das Kindesmissbrauch – ein merkwürdiges Wort, denn Kinder, ja Menschen überhaupt, gebraucht man nicht. Sie sind kein Mittel zu irgendeinem Zweck, sondern haben ihre eigene Daseinsberechtigung. "Wir sollen Menschen lieben und Dinge gebrauchen; nur wenn wir Dinge lieben und Menschen gebrauchen, ist es unsittlich."[3] Es kann also keinen rechtmäßigen "Kindesgebrauch" geben, in keinerlei Hinsicht.
Miss- drückt nur aus, dass etwas schlecht ist, und muss kein Gegenteil haben. Ähnlich ist es mit Vertrauensmissbrauch. Wir haben Vertrauen, aber wir "gebrauchen" es nicht. Wenn jemand das Vertrauen eines anderen als Mittel zum Zweck ausnutzt, ist das ein Missbrauch.

Was könnte man sonst sagen? Ein Sittlichkeitsverbrecher "schändet" Frauen oder Kinder. Wir sprechen daher von einem "Kinderschänder". Ist dieser Ausdruck besser? Schänden bedeutet 'jemandem Schande machen, ihn entehren, schändlich behandeln', so dass sich das Opfer schämen muss. Eigentlich müsste sich der Täter schämen, aber er hat kein Ehrgefühl, gibt einfach seinen Trieben nach und treibt Schändliches. Er nimmt seinem Opfer die Menschenwürde und verletzt es körperlich und in seinem Selbstwertgefühl. Das Wort Kindesschändung ist eindeutig, drückt unsre Missbilligung aus und erweckt nicht den Eindruck, als gäbe es eine harmlose Variante.

   

 

 

 

 

 


 

 

[1] Klepsch, Westjiddisches Wörterbuch 2,1059

[2] zu griechisch mîsos 'Hass' und ánthrōpos 'Mensch'

 

 

 

 

 

 

[3] Joseph Fletcher, Leben ohne Moral (1969) S. 53

 

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Echo Online

 

Datum: 26.02.2012

Aktuell: 21.01.2010