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Heinrich Tischner Fehlheimer Straße 63 64625 Bensheim |
MauerblümchenSprachecke in den Echo-Zeitungen |
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Verachte mir keiner die unscheinbaren
Mauerblümchen, die zwischen den Steinen wurzeln. Sie haben wunderschöne
Blüten, fallen aber kaum auf, weil sich die Nachbarinnen, die Rosen, mit
ihren leuchtenden Farben ins Auge drängen. Wörter sind wie Menschen: Da gibt es den Tattergreis Feuerstuhl 'Motorrad' [1], die Zwillinge sachlich und sächlich (mal mit und mal ohne "Zöpfe") [2], die aufgedonnerte Reinigungsfachkraft, die arbeitslose Vorratsdatenspeicherung [3], die alleinerziehende Schraubenmutter (die Schraube hat ja keinen Vater), den beleibten Donau-Dampfschifffahrts-Kapitän, die magersüchtige Fee und ihren ausländischen Lover, den die Rassisten schikanieren. Die Mauerblümchen unter den Vokabeln fallen gegenüber diesen Herrschaften gar nicht auf. Sie halten sich bescheiden im Hintergrund und tun treu und unverdrossen ihre Pflicht. Wir nehmen sie kaum wahr, sie würden uns aber sehr fehlen, wenn es sie nicht mehr gäbe. Beispiel: Welches Wort vermissen wir im Englischen am meisten? Ich denke jetzt nicht an Feierabend oder kaputt, für die andere Sprachen keine genaue Entsprechung haben, sondern an "noch". Man kann es oft mit yet oder still übersetzen und muss es manchmal umschreiben oder ganz darauf verzichten. Wie ein schüchternes Mädchen bleibt "noch" brav auf seinem Stuhl. Aber manchmal wird es doch zum Tanz gebeten und bekommt einen roten Kopf. Es hätte ihm ja nichts ausgemacht, "noch länger" zu warten, freut sich aber, wenn es "noch einmal" aufgefordert wird. Merken Sie den Unterschied? Das erste "noch" ist blass, unbetont, das zweite hat einen roten Kopf, weil es betont wird.
Genauso ein Mauerblümchen ist "auch".
Aber es kann über den Sinn eines Satzes entscheiden: "Du
hast ja nur Klöße. Willst du auch Soße?"
und "Ich habe mir schon
genommen, willst du auch Soße?"
Das blasse "Auch" hebt die Speise hervor,
das mit dem roten Kopf den Tischnachbarn. Wie Aschenputtel, das sich für den Ball aufgeputzt hat, machen es auch einige Mauerblümchen unter den Vokabeln: Die blassen Mädchen "nie, nicht, sonst, jetzt" tanzen an zu zweit als "nie und nimmer, überhaupt nicht", in Amtsrobe als "ansonsten", im Barockkleid als "jetzo, jetzund", im Dirndl als "jetzten, jetzet, jetzetle". Sonst würden wir sie nicht wahrnehmen. Ob ihnen jedes Ballkleid steht, ist eine andere Frage. [1] ein Modewort der 50er-Jahre (Küpper, Wörterbuch der deutschen Umgangssprache 232), inzwischen veraltet [2] Das noch 1691 unbekannte sächlich (nur in Zusammensetzungen wie nebensächlich) bekam vor 1800 die Bedeutung 'Neutrum'; sachlich 'objektiv' wurde um 1820 gebildet. (Weigand, Deutsches Wb. 2,512) [3] Die bisher gehandhabte "Speicherung elektronischer Kommunikationsvorgänge" wurde vom Bundesverfassungsgericht am 02.03.2010 für verfassungswidrig erklärt. |
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Datum: 16.03.2010 Aktuell: 11.03.2010 |
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