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Heinrich Tischner Fehlheimer Straße 63 64625 Bensheim |
Haarige KröteSprachecke in den Echo-Zeitungen |
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Mundart ist eine Sprache, mit der man nicht alles sagen kann. Die fehlenden Ausdrücke borgt man sich aus der Schriftsprache. Man kann solche Lehnwörter oft leicht erkennen: Südhessisch Aifersucht, Oolass 'Anlass', Autobahn müssten altmundartlich Aawersucht, Ooloss, Autoboh heißen, aber das ist nicht überliefert. Diese Wörter stammen aus dem Hochdeutschen. Autobahnen gibt's erst seit 1921, der Begriff ist spätestens seit 1931 nachweisbar. Damals hatte sich schon weitgehend das Hochdeutsche durchgesetzt, anders als bei der Einführung der Eisenbahn (Aiseboh) Mitte des 19. Jahrhunderts, da hat man noch Hessisch gesprochen und konnte das hochdeutsche Wort übersetzen. Die Eifersucht ist aber so alt wie die Liebe und Anlässe gab's doch auch schon seit eh und je. Warum gab es dafür keine Mundartwörter? Weil volkstümliche Sprache eine Abneigung gegen abstrakte Begriffe hat. Man hätte sich ganz anders ausdrücken müssen: "Der Otto hat sich aufgeführt wie nur was, weil sein Mädchen den Hans angeguckt hat." Wenn das keine Eifersucht ist! Man hatte auch "keinen Anlass", das Wort Anlass zu benutzen. Man sagte "keinen Grund". Umgekehrt kann man auch im Hochdeutschen nicht alles sagen und muss manchmal auf Mundartwörter zurückgreifen. Für Fachausdrücke gibt es oft keine hochdeutschen Entsprechungen: Die Langwied war beim hölzernen Ackerwagen eine Stange, die Vorder- und Hintergestell verband. Mit dem Hähsenholz hängte man das geschlachtete Schwein auf. Wie heißt das auf Hochdeutsch? Gefühlsbetonte Ausdrücke wie Hannebampel 'willenloser Mensch', Olwel 'Grobian', Dappes 'Tollpatsch' lassen sich übersetzen, aber dann werden sie kalt und gefühllos. Krott 'Kröte' dient auch als Kosewort für ein Mädchen: "Es gibt kein schöner Dierchen als wie e hoorig Krott." [1] Kröten sind eklig, Mädchen reizend. Entscheidend für den Gefühlswert ist nicht das Wort an sich, sondern was der Sprecher meint. In vielen deutschen Dialekten kann man stufenlos zwischen reinem Hochdeutsch und Mundart wechseln, je nach Situation. Ein schönes Beispiel ist das um 1870 entstandene Mundartgedicht "Kirchweihfreuden" des in Pfungstadt geborenen Georg Heß: "E Stunn noch soll ich woarte? … Do fällt mei Daigk zusamme, Mei Kuche wern mer rack (trocken)!".[2] Das ist reiner Dialekt. Zwei Strophen weiter heißt es schon fast hochdeutsch: "So führt’ e uklug Wörtche Beinoh zu Keilerei, Spräng net de schwitzend Bäcker Beschwichtigend ebei".[3] Im Laufe der Zeit hat sich dieses Sprachgemisch immer mehr der Schriftsprache angenähert. Das Ergebnis ist aber kein Hochdeutsch. Die alten südhessischen Dorfmundarten mit ihren vielen örtlichen Besonderheiten weichen einer großräumigen Regionalsprache, dem Neuhessischen. |
[1] ein Rätselwort: "Es gibt kein schöner Tierchen als wie eine haarige Kröte." [2] 9c "Eine Stunde noch soll ich warten? … Da fällt mein Teig zusammen, Meine Kuchen werden mir rack!" [3] 10b "So führt ein unkluges Wörtchen beinahe zur Keilerei, spränge nicht der schwitzende Bäcker beschwichtigend herbei " Man hätte das so ausgedrückt: "Wegen der ihrem schlechten Geschwätz hätten sie sich beinahe in die Haare kriegt, wenn nit der Bäcker dazwischen gangen wäre und hätte geduppcht (beschwichtigt)." |
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Datum: 04.05.2010 Aktuell: 24.04.2010 |
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