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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Zweizüngig

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Die Schlange hat eine gespaltene Zunge, mit der sie mehrere Duftstoffe gleichzeitig wahrnehmen und in eine räumliche Beziehung zueinander setzen kann. Die gespaltene Schlangenzunge ist für uns ein Symbol für hinterhältige Menschen, die freundlich reden und es böse meinen. Was bei ihnen gespalten ist, ist nicht die Zunge, sondern ihr Wesen. Sie sind unzuverlässig.

Die Zunge ist das wichtigste Sprechorgan. 12 unsrer Konsonanten artikulieren wir mit der Zunge, 5 mit den Lippen und 3 im Hals.[1] Auch bei den Vokalen ist die Zunge beteiligt. Bei allen Vokalen und einigen Konsonanten wirkt auch der Kehlkopf mit. Dort wird der Ton erzeugt, den die anderen Sprechorgane zu Lauten formen.

Was Sprachen voneinander unterscheidet, sind nicht nur Vokabeln und Grammatik, sondern auch die Aussprache. Das Englische wird weiter hinten im Hals gesprochen als das Deutsche. Die Franzosen "sprechen durch die Nase" und betonen die Wörter am Ende. Deutsch sprechende Ausländer kann man oft daran erkennen, dass sie "weicher", das heißt stimmhafter sprechen.
Viele Sprachen haben Laute, die wir kaum nachsprechen können. Anfänger tun sich schwer beim englischen Th und W und im Französischen bei oui 'ja' und den Nasenlauten. Italiener kriegen unser H nicht hin und Engländer kapitulieren vor unserm Ch.

Da die Zunge unser wichtigstes Sprechorgan ist, bezeichnen viele Völker mit dem betreffenden Wort auch die 'Sprache' (französisch langue, russisch jazýk). Uns ist diese Bedeutung ebenfalls geläufig.
Es wäre aber unrecht, zweisprachige Menschen als "doppelzüngig" zu bezeichnen. Viele Deutsche können sich nicht vorstellen, dass es mehrsprachige Menschen gibt. Denn wir können uns in einem Umkreis von vielen Autostunden in unsrer Muttersprache verständigen. Dabei übersehen wir leicht, dass es auch in unserm Land seit langer Zeit Minderheiten mit eigenen Zungen gibt wie Sorben[2], Juden und Zigeuner und Bewohner der Grenzgebiete; von den seit Jahrzehnten hier lebenden Menschen fremder Herkunft ganz zu schweigen. Sie haben uns Einsprachigen gegenüber den Vorteil, dass sie von Kind auf in zwei oder mehreren Idiomen geübt sind.

Sprachkenntnisse sind notwendig, wenn wir uns verständigen wollen. Aber sie sind keine Garantie, dass wir wirklich begreifen, was die anderen sagen wollen. Die reden vielleicht über Themen, von denen wir nichts verstehen. Oder sie haben ganz andere Interessen als wir.
Es gibt Leute, die gehen uns damit auf die Nerven, dass sie uns nicht ausreden lassen und die von uns angefangenen Sätze beenden. Sie beherrschen aber die Kunst, so zuzuhören, dass sie mitdenken und sich in den anderen hineinversetzen können. Einfühlungsvermögen ist der Schlüssel zur Verständigung.

   

 

[1] mit den Lippen: b, p, f, w, m; mit der Zunge: d, ich, g, t, k, j, l, n, ng, r, s, sch - mit dem Zäpfchen: das französische und hochdeutsche r - im Hals: ach, h und der Knacklaut
Q, v, x, y, z sind keine eigenen Laute, sondern Lautkombinationen oder alternative Schreibungen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

[2] in der Lausitz südlich von Berlin

 

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Echo Online

 

Datum: 25.05.2010

Aktuell: 07.06.2011