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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Tote Natur

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Wir kennen diese Bilder aus den Dürregebieten: Der Boden ist steinhart und besteht aus einem Netz von Sprüngen und Rissen. Ein abgestorbener Baum streckt seine kahlen Äste flehend zum Himmel, darunter das von der Sonne gebleichte Gerippe eines Tieres: tote Natur. Möchten Sie sich so etwas übers Sofa hängen?
Ich kann mir nicht vorstellen, dass das jemand gefällt. Aber in Italien, Frankreich und anderen Ländern ist es nicht ungewöhnlich, dass man seine Wohnung mit "Toter Natur" (natura morta) schmückt. Was gibt es auf diesen Bildern zu sehen? Blumen, Früchte, Gegenstände, erlegte Jagdbeute – alles, was sich nicht bewegt.

Wir nennen diese Art von Kunst Stillleben, ein Wort, das wir von den Niederländern übernommen haben. Das dortige stilleven ist gekürzt aus stillstaand oder stilliggend leven, man könnte übersetzen 'stille, bewegungslose Szene'. Für einen Anfänger ist es einfacher, unbewegte Objekte zu malen als ein Schiff im Sturm oder galoppierende Pferde. Was den Künstler an diesem Thema reizt, ist die Möglichkeit, die symbolische Wirkung der Objekte zur Geltung zu bringen: Totenschädel und verlöschende Kerze gemahnen an unsre Vergänglichkeit. Der Spiegel lässt uns nach Sein und Schein fragen. Der Schmetterling symbolisiert die auferstandene Seele.

Heute schreiben wir Stillleben, mit drei L, weil das Wort von still kommt. Vor der Rechtschreibreform von 1996 hat man auch Stil-leben verstehen und an einen Kunststil denken können: In der Gotik stellte man idealisierte Gestalten vor einem abstrakten Hintergrund dar. In der Renaissance begann man realistisch zu malen. Das Barock zeigte das pralle Leben. Aber Stillleben ist keine Frage der Kunstepoche, sondern des Gegenstands und ist eine Bildgattung wie Porträt, Seestück oder Landschaft.

Stil allgemein ist die besondere Art, wie sich jemand ausdrückt: Franz Marc malte seine Pferde in "falschen Farben". Edgar Degas führte den Pinsel mit leichter Hand. Mozarts Musik ist leicht beschwingt, Beethovens wuchtig und schwer. Goethe hatte eine andere "Feder" als Schiller. Genauso war Stil ursprünglich gemeint: Lateinisch stilus war der Griffel, mit dem man auf Wachstafeln schrieb, im übertragenen Sinn: die sprachliche Ausdruckweise.

Man hat früh das lateinische stilus mit griechisch stŷlos 'Säule, Stütze' verwechselt, daher das englische style, das von der Kunst in eine ganz andere Richtung führt: zu der Art, wie man sein Leben gestaltet und sich zurechtmacht, mit Hobbies, Wohnungseinrichtung, Kleidung, Schmuck, Frisur und Kosmetik. Man merkt dem englischen Wort auch in der Aussprache an, dass es aus dem Griechischen kommt: "Stail" setzt einen langen Vokal wie im Griechischen voraus, stilus hat aber kurzes I.

   

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Echo Online

 

Datum: 15.06.2010

Aktuell: 09.06.2010