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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Christkind

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Heute tragen Babys Windelhöschen, die man nach Gebrauch hygienisch verschließt und entsorgt. Noch vor 40 Jahren benutzte man Tücher, die gewaschen wurden. Bis ins 19. Jahrhundert hat man Säuglinge gewickelt und wie eine Mumie bandagiert. Nur das Köpfchen guckte heraus. Auch das neugeborene Jesuskind musste sich das gefallen lassen.

An das gewickelte Christkind erinnerte schon 1571 der Christstollen, ein laibförmiger Weihnachtskuchen. Die dicke Schicht Puderzucker stellt die Windeln dar und mit ein bisschen Phantasie kann man in der länglichen Form so etwas wie ein Wickelkind ahnen. Grundbedeutung von Stollen ist 'dickes Rundholz, zylinderförmiger Körper'. 1329 bezeichnete stolle ein länglich-rundes Weizenbrot. Schon 1474 gab es in Dresden ein Christbrot, das 1741 Christstolle genannt wurde. Der heutige Christstollen besteht aus Hefeteig mit vielen süßen Zutaten. Die Rosinen darin werden schon 1571 erwähnt. Der Name lässt sich deuten als Stollen in Gestalt des gewickelten Christkindes.

Krist war der mittelalterliche deutsche Name von Jesus Christus. Aus einem lateinischen Gebet wurde die ungewöhnliche Formulierung "der heilige Christ" ins Deutsche übernommen, zuerst um 830 in den niederdeutschen Heliand, seit dem 12. Jahrhundert auch ins Hochdeutsche. Um 1535 fragte Luther seine Tochter Lenchen, was ihm wohl der Heilige Christ bringen werde. Er benutzte diesen Titel als ehrfürchtige Bezeichnung im Gegensatz zum verniedlichten Christkind, das er 1530 neben St. Niklas als Volksbrauch erwähnt. Luther hat also nicht das Christkind erfunden, sondern nur umbenannt. Er hat seinen Kindern gegenüber wohl auch sonst vom Heiligen Christ gesprochen.

1691 standen der Heilige Christ und das Christkindlein in gleicher Weise für den Geschenkebringer und das Weihnachtsgeschenk. Erst im 19. Jahrhundert hat sich das Christkind gegen den Heiligen Christ endgültig durchgesetzt.
Im evangelischen Südhessen begleitete noch in den 30-er Jahren eine weiß gekleidete und verschleierte junge Frau als Christkind den Nikolaus und noch heute sagt man Christkindchen zum Weihnachtsgeschenk.

Der nordostdeutsche Weihnachtsmann ist seit 1820 bezeugt[1], ein Nikolaus[2], der an Weihnachten kommt. Obwohl heute der Langbärtige bei vielen Feiern und Werbeveranstaltungen Gaben verteilt, ist ihm nicht gelungen, das Christkind von seinem angestammten Platz zu verdrängen. Nur östlich von Weser und Werra sagen die Kinder, dass der Weihnachtsmann die Geschenke bringt. Im übrigen Deutschland glauben sie unbeirrt an das meist unsichtbare Christkind.[3] Der alte Mann ist nur sein Diener.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 



 

 

 

 

 

 

 

[1] Grimm, Deutsches Wörterbuch 28,726

[2] Sprachecke 2004 | 2006

[3] Atlas zur deutschen Alltagssprache: Christkind (17.12.2009)

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Übersicht

 

Echo Online

Warum muss man kleine Kinder belügen? | Sprachecke 07.12.2004 | 05.12.2006

 

Datum: 28.12.2010

Aktuell: 29.12.2010