Startseite | Religion  | Sprachwissenschaft | Geschichte | Humanwissenschaft | Naturwissenschaft | Kulturwissenschaft | Kulturschöpfungen

Sprachen | Wörter | Grammatik | Stilistik | Laut und Schrift | Mundart | Sprachvergleich | Namen | Sprachecke

Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Geheime Ziffern

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

Email:

Leserfrage

 

Die Inder haben die genialen Ziffern erfunden und mit ihnen die Null. Von der verwickelten Geschichte dieser Wörter.

Die Null verdankt ihre Existenz dem Rechenbrett. Darauf waren eine Reihe Karos eingezeichnet, links für die Hunderttausender, rechts für die Einer. Zum Rechnen benutzte man Steinchen (lateinisch calculi, daher kalkulieren 'rechnen'). Den zehnten Stein legte man auf das Zehnerfeld und räumte das Einerfeld leer. Null war ein leeres Karo. Das drücken wir mit den sogenannten "arabischen Ziffern" aus und schreiben für "einen Zehner null Einer" abgekürzt "10". Diese Schreibweise wurde im 7. Jahrhundert von den Indern erfunden und uns durch die Araber vermittelt.

Um 1300 unterschied man diese "Ziffern" von den "deutschen Zahlen", die wir heute "römisch" nennen, entstanden aus Zählstrichen "I II III IV V". Die Null heißt auf Altarabisch tsifr, ein Wort, das auch 'leer, vakant' bedeuten kann. Die Lateiner machten um 1200 daraus cifra. Zur selben Zeit kam in Italien lateinisch zephirum auf (nach dem ähnlichen griechischen zéphyros, eigentlich 'Westwind'). Davon ist das romanische Kunstwort zero 'Null' gekürzt. Die Italiener hatten also cifra und zero und gaben cifra die Bedeutung 'arabisches Zahlzeichen'. Daraus wurde vor 1400 unser Ziffer, das anfangs auch 'Null' bedeutet hat.

Im 14. Jahrhundert prägten die Italiener das Wort nulla (lateinisch 'keine'), das haben wir um 1500 als Null übernommen.

Die Steinchen auf dem Rechenbrett waren unbeschriftet. Es gab aber auch "Rechenpfennige" mit den arabischen Ziffern. Diese hatten eigenartige Namen. Die Null hieß sipos, nach dem mittelgriechischen Namen dieser Marke, psiphos, eigentlich 'Steinchen'. Dieses Wort liegt auch dem arabischen tsifr zugrunde. Das r stammt aus hebräisch sefär 'Schrift': Die Juden benutzen ihre Buchstaben auch als Zahlzeichen. In unsrer Schrift wäre E 5, J 10, S 100, Z 800. Arabisch tsifr 'Null' scheint eine Kreuzung aus griechisch psiphos und hebräisch sefär zu sein.

A1 B2 C3 D4 E5 F6 G7 H8 I9 J10 K20 L30 M40 N50 O60 P70 Q80 R90 S100 T200 U300 V400 W500 X600 Y700 Z800

Die hebräische Schreibweise reizte dazu, die Buchstaben eines Wortes als Zahlen zu addieren. "Echo" ergäbe E 5 + C 3 + H 8 + O 60 = 76. Das kann jeder selbst ausrechnen. Der umgekehrte Schluss von der 76 auf "Echo" ist nicht zwingend. Ein bekanntes Beispiel für diese Buchstabenrechnung ist die Rätselzahl 666 in der Bibel (Offenbarung 13,18), die sich nicht eindeutig auflösen lässt.
Aus den hebräischen Zahlbuchstaben ergab sich die Bedeutung Ziffer 'Geheimschrift', die schwer zu "entziffern" ist. Dafür sagen wir seit dem 18. Jahrhundert mit den Franzosen Chiffre. Dies hat heute mehr die Bedeutung 'Kennziffer' (zum Beispiel bei Kleinanzeigen)

 

 

   

 

Leserfrage:

Was hat es mit der Rätselzahl 666 auf sich?

 

Meine Antwort:

Die 666 stammt aus Offenbarung 13,18
In diesem Kapitel wird eine widergöttliche Macht beschrieben in Gestalt zweier Tiere. Das muss gewesen sein in den 90er-Jahren des 1. Jahrhunderts, als Johannes die Offenbarung geschrieben hat. Die Situation: Der römische Kaiser Domitian verlangt, dass alle Untertanen ihn wie einen Gott verehren. Die Juden brauchen nicht zu opfern, die haben eine Ausnahmegenehmigung. Die Christen aber müssen und weigern sich. Das gibt Ärger: Gefängnis ist das Wenigste. Einige werden hingerichtet. In Kleinasien (heute Türkei) waren die Behörden besonders eifrig. Es ist klar, was mit den beiden Tieren gemeint ist: Das eine ist der Kaiser, das andere der kleinasiatische Gouverneur. Vom Kaiser kennen wir den Namen, vom Gouverneur nicht. Seine Buchstaben ergaben zusammengezählt 666. Man hat alles Mögliche ausprobiert: "Kaiser Nero" wäre möglich, aber der war schon 30 Jahre tot, allenfalls ein Musterbeispiel für spätere Christenverfolger. Man hat auch auf spätere Namen gedeutet. "Adolf Hitler" ginge auch, ebenfalls "Benediktus" (hat man vor ein paar hundert Jahren geglaubt und auf einen anderen Papst Benedikt bezogen).
Wozu hat Johannes das geschrieben? Doch nicht um die damaligen Christen vor irgendwelchen Benedikts oder Hitler zu warnen, sondern um ihnen die Augen zu öffnen für das, was damals die Gemüter bewegt hat: Der Kaiser und sein Gouverneur sind Handlanger des Teufels. Das durfte er nicht laut sagen. Er hatte auch Redeverbot und war auf eine kleine Insel verbannt. Da schrieb er halt einen Brief mit Bildern, die ein Außenstehender nicht verstand, wohl aber die Empfänger dieses Briefs. Wenn er geschrieben hätte: "Seht euch vor dem August oder Claudius oder Romeo", dann wäre er dran gewesen, wenn der Brief abgefangen worden wäre. So aber konnte man ihm nichts nachweisen. Die 666 ist vielleicht auch bloß ein Deckname wie bei "Agent 007". Der Mensch Nr. 666 ist lange tot. Die damalige Geheimniskrämerei ist verständlich, aber es hilft uns heute nicht weiter, zu raten, wie er hieß. Wir wissen es nicht. Und ist ja auch egal.

 

 

nach oben

Übersicht

 

Echo Online | Begriffe Mathematik | Zahlwörter

Sprachecke: 23.06.2005 | 30.06.2005 | 10.01.2012 | 17.01.2012 | 31.01.2012

 

Datum:

Aktuell: 26.03.2016