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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Danken und Denken

Weihnachts-Echo

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Danken ist eine Wohltat nicht als selbstverständlich hinnehmen, sondern dem Wohltäter sagen, dass wir sie anerkennen.

Als Kind habe ich gelernt, mich für ein Geschenk zu bedanken, zuerst mündlich mit Händedruck, dann auch schriftlich. Im Kindergarten wurden wir gedrillt, erst Bitte und dann Danke zu sagen, wenn wir unsre Täschchen mit dem Frühstück ausgeteilt bekamen. Als Erwachsener musste ich lernen, mich bei meinen Mitarbeitern zu bedanken und nichts als selbstverständlich hinzunehmen. Als Christ lernte ich nicht nur Bittgebete zu sprechen, sondern auch Dankgebete und vor dem Essen Gott für seine Gaben zu danken.

Automatisiertes Verhalten und Feingefühl

Wozu das alles? Wozu andressiertes Verhalten und steife Zeremonien? Warum geben wir uns nicht so, wie wir sind? Weil danken eine Kulturtechnik ist wie mit Besteck essen und Auto fahren. Da brauchen wir uns nicht jedes Mal zu überlegen: Wo ist die Bremse? Gabel oder Messer in die rechte Hand? Das geht alles ohne dass wir nachdenken, automatisch. Aber Routine und Feingefühl schließen einander nicht aus. Die Bremse auf Anhieb finden ist das eine, sie mit Gefühl bedienen das andere. Automatisch wissen, dass wir zu danken haben, ist nur der Anfang. Dann können wir uns immer noch überlegen, wie kühl oder herzlich und mit welchen Worten das geschehen soll.

Dankbarkeit und Selbstverständlichkeit

Außer Routine und Feingefühl im Einzelfall lernen wir nebenbei eine wichtige Lebenshaltung: die Dankbarkeit. Wir erkennen, dass nichts selbstverständlich ist. Es könnte auch ganz anders sein: Die Tante schenkt mir dieses Jahr nichts. Die Erzieherin vergisst mir mein Frühstück zu geben. Die Mitarbeiter sind lustlos oder kündigen. Ich muss nach einem Wirbelsturm Essbares aus den Trümmern heraussuchen. Ist es mein Verdienst, dass ich in einem wohlhabenden Land unter angenehmen klimatischen Verhältnissen und in Frieden lebe? Was kann ich dafür, dass mich der Lateinlehrer in der ersten Stunde ermutigt hat, statt mir diese Sprache gleich zu verleiden? Habe ich das Internet erfunden, durch das ich als Schwerhöriger Kontakte pflegen kann?

Ich könnte natürlich auch umgekehrt fragen: Warum musste mir ein Lehrer jede Lust an Sport von vornherein vergällen? Da fange ich an zu klagen. Dankbarkeit stärkt eine positive Einstellung, Klagen eine negative.

Dankbarkeit und Bescheidenheit

Ein anderes Gegenteil von Dankbarkeit ist die Anspruchshaltung: Das Täschchen mit dem Frühstück gehört mir. Warum muss ich mich dafür bedanken? Und bei einer Katastrophe müssen die Hilfsorganisationen handeln. Ich habe ein Recht auf die Sicherung meines Existenzminimums. Und überhaupt, wenn es Gott gibt, warum nimmt er mir dann mein Gehör? Ich habe doch ein Recht auf Information!

Mit Undankbarkeit und Klagen versauern wir uns das Leben, mit dem Pochen auf unsre Ansprüche machen wir anderen das Leben zur Hölle. Dankbarkeit und Bescheidenheit sind Zwillinge. Die wahre Lebenskunst besteht darin, dass wir unsre Grenzen anerkennen, uns mit unserm Los zufriedengeben und das Gute sehen lernen.

Liebe oder Machtausübung?

Danken bedeutet schließlich auch, dass wir anerkennen, dass wir dem Wohltäter verpflichtet sind. Ich muss gestehen, dass mir das schwerfällt. Es kennt doch auch jeder die Schattenseiten der Wohltaten: Man kann damit seine Überlegenheit zeigen, Macht ausüben, demütigen. Bestechung ist auch eine Art schenken. Wir dürfen nicht jedes Geschenk annehmen. Aber wir dürfen uns doch auch etwas Gutgemeintes gefallen lassen und den guten Willen anerkennen.

Danken und Denken

Wer dankt, zeigt, dass er gemerkt hat, dass ihm jemand Gutes tun wollte. Das germanische thankus hat wohl 'Denken' und 'Aufmerksamkeit' bedeutet. Später unterschied man zwischen Gedanke 'Überlegung' und Dank, das die Bedeutung von lateinisch gratiae 'Gefälligkeiten, Dank'[1] angenommen hatte.[2] Heute können wir nur noch ahnen, dass beide Wörter einst zusammengehörten.

 

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Echo Online

 

Datum: 24.12.2013

Aktuell: 31.10.2017