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Frage:
Sehr oft wird das Wort Brüderlichkeit angewandt. Als Frau fühle
ich mich davon nicht angesprochen, meiner Meinung nach sind damit nicht alle
Menschen, also Männer und Frauen, gemeint. Für mich bezeichnet das Wort
Geschwisterlichkeit besser den aus der französischen Revolution
bekannten Begriff Brüderlichkeit.
Können Sie mir über diese beiden Begriffe etwas mehr sagen? Kann man in der
heutigen Zeit das Wort Geschwisterlichkeit statt Brüderlichkeit
verwenden? Ich habe mit großer Freude vor einigen Wochen die Rede von
Bundestagspräsident Thierse in Paris vor französischen und deutschen
Volksvertretern gelesen, und er sprach von Geschwisterlichkeit, was die
französischen Volksvertreter wohl etwas irritiert hat |
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Meine Antwort:
Es ist sehr schwierig und mühsam,
der Tatsache in der Sprache gerecht zu werden, dass es nicht nur Männer,
sondern auch Frauen gibt. Teil dieses Problem ist unsere Gewohnheit,
Personenbezeichnungen ohne Kennzeichnung für männlich zu halten und eine
eigene Endung dran zu hängen, wenn Frauen gemeint sind. Wieso ist ein
Student, Lehrer, Polizist automatisch männlich? Dann haben wir die Mühe,
in der Mehrzahl immer sagen und schreiben zu müssen: Studenten und
Studentinnen usw. Gerechter wäre es doch, den Männern auch eine Endung
zu verpassen: Studenton / Studentin, Studentonen / Studentinnen. Das
wäre nötig, wenn wirklich nur Männer oder Frauen gemeint sind, sonst könnte
man für die Mehrzahl sagen Studenten, was beides beinhaltet.
Sie fragten mich wegen der Brüderlichkeit. Der Ausdruck hat in der
Tat seinen jetzigen Bedeutungsgehalt durch die französische Revolution
bekommen: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. In Adelungs
Wörterbuch von 1793 steht als Stichwort nur brüderlich ‚nach Art
leiblicher Brüder’ mit dem Verweis „daher die Brüderlichkeit“.
Gemeint ist mit diesen Parolen: 1. Alle Menschen sind frei und keine
Untertanen. 2. Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich, haben die gleichen
Rechte und werden unabhängig vom „Stand“ für die gleichen Vergehen auf in
gleicher Weise bestraft. 3. Alle Menschen sollen sich als „Brüder“ ansehen,
d.h. als Angehörige derselben Bevölkerungsschicht, nicht als Herren und
Knechte bzw. Mägde wie bisher. – Diese dritte Forderung ist wohl am
schwersten umzusetzen, weil es da nicht nur auf den Gesetzgeber, sondern auf
jeden Einzelnen ankommt.
Folglich in Schillers „Tell“ der Rütli-Schwur: „Wir wollen sein ein einig
Volk von Brüdern…“
Sicherlich kann man problemlos an die Stelle der Brüderlichkeit die
Geschwisterlichkeit setzen, mit dem Vorteil, dass dieser Begriff
nicht so ideologisch vorbelastet ist. So macht es schon seit fast 20 Jahren
die evangelische Kirche.
Beide Wörter sind aber auch emotional vorbelastet. Ich denke da an das
bierselige Bruderschaftstrinken oder an die Blutsbrüderschaft à la Karl May.
In meiner (und hoffentlich auch in Ihrer Familie) ist es zum Glück so, dass
die Geschwister zusammenhalten und einander lieben. Ich kannte auch andere
Fälle, etwa Schüler- und Konfirmandengeschwister, die sich aufs Blut
hassten. Mindestens sollten wir bei Geschwisterlichkeit mit bedenken,
dass sich Geschwister auch manchmal streiten. Ich messe daher weder der
Brüderlichkeit noch der Geschwisterlichkeit große Bedeutung bei
und gebrauche beide Wörter so gut wie nie. Große Worte sind manchmal sehr
hohl.
Dann gibt es ja auch noch die aggressive Meinung: „Und willst du nicht mein
Bruder sein, dann schlag ich dir den Schädel ein.“ Auch das kann zur
Brüderlichkeit, Geschwisterlichkeit gehören!
Wichtiger ist die Verbrüderung oder Verschwisterung. Das ist
etwas Konkretes, was auch sichtbare Folgen haben kann. Wer sich formell
„verbrüdert“, wird sich künftig nicht mehr siezen, sondern duzen.
Städteverschwisterungen (Städte gelten als weiblich!) führen zu einer
dauerhaften Partnerschaft. Ich glaube kaum, dass sich die Verbrüderung
durch Verschwisterung ersetzen lässt, weil beide Wörter zu spezielle
Bedeutungen haben.
Weiter fällt mit ein die Fraternisierung, wenn sich Soldaten mit der
gegnerischen Bevölkerung anbiedern, was im Krieg streng verboten ist.
Anbiederung ist auch im Frieden nicht immer sinnvoll. Ein Therapeut oder
Berater sollte sich nicht mit dem Klienten auf eine Stufe stellen, weil er
einen kritischen Abstand braucht.
Geschwister war ursprünglich nur die ‚Gesamtheit der Schwestern’ – im
Gegensatz zu den Gebrüdern ‚alle Brüder’ (z.B. „Gebrüder Grimm“).
Aber schon im Mittelalter hat das Wort die Bedeutung ‚alle Schwestern und
Brüder’ bekommen – eine Besonderheit, auf die wir Deutsche stolz sein
können. Im Französischen und Englischen gibt es diesen Begriff nicht.
Folglich blieb den Revolutionären nur die fraternité. |
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