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Heinrich Tischner Fehlheimer Straße 63 64625 Bensheim |
Sprachecke in den Echo-ZeitungenFragen und AntwortenOchse |
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Frage: Ist ein Ochse nicht ein verschnittener Stier? |
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| Stier |
Meine Antwort: Wie Sie sich in Grimms Deutschem Wörterbuch 13,1130 überzeugen können, bezeichnet Ochse »das zahme männliche, verschnittene und unverschnittene Rind.« Aus praktischen Gründen ist es üblich die männlichen Tiere, die man nicht zur Zucht braucht, zu verschneiden, weil sie dann nicht mehr so ungestüm und daher fügsamer sind. Man sieht also kaum unverschnittene Stiere. Von daher bekommt das Wort Ochse automatisch die Bedeutung 'verschnittenes männliches Rind' (Bedeutungsverengung, nicht eine Frage der wissenschaftlichen Definition). Im volkstümlichen Sprachgebrauch steht tatsächlich Kuh und Ochse und nicht Stier nebeneinander. (»Le bœuf 'der Ochs', la vache 'die Kuh'…«) Im nördlichen Odenwald hielt die Gemeinde im Ochsenstall einen Ochs oder Faselochs, zu dem die öchsige Kuh geführt wurde. Aus vielen Redensarten und Zusammensetzungen wird klar, dass Ochse nicht speziell das verschnittene Tier, sondern das Rind überhaupt meint: Wenn man einen Menschen Ochse, Hornochse nennt, zweifelt man an seiner Intelligenz und Bildung, nicht an seiner Zeugungsfähigkeit, ähnlich Rindvieh. Ob jemand wie eine Kuh oder wie ein Ochse »am Berg« oder »vorm neuen Scheuertor« steht, ist genauso gleichgültig wie dass jemand in Versuchung kommt, ausgerechnet »einem Ochsen ins Horn petzen« zu wollen (bei der Kuh oder dem Stier wäre das genauso erfolglos). Aus anatomischen Gründen ist es auch vergeblich, »einen Ochsen melken« zu wollen. Bei einem Stier oder Bullen hätte man auch keinen Erfolg. Im Unterschied zu den Milch gebenden Kühen wurden die nicht für Weiterzucht oder als Zugtiere verwendeten männlichen Rinder bald geschlachtet. Daher steht Ochsenfleisch synonym zu Rindfleisch; die Körperteile werden unabhängig vom Geschlecht des Schlachttieres gern nach dem Ochsen benannt, etwa Ochsenauge (auch: 'Spiegelei', Pflanzenname), Ochsenschwanz, Ochsenzunge. Der gefürchtete Ochsenziemer war ein Prügel aus dem getrockneten Zeugungsglied des Tieres.
Stier sagt man nur, wenn die
Zeugungsfähigkeit betont werden soll. Das Nebeneinander wie bei Stier
und Ochse gibt's auch im Lateinischen (taurus, bos), im
Spanischen (toro, buey) usw. Dabei wird das Rindvieh, das in der
spanischen Arena abgeschlachtet wird, immer toro, Stier genannt. Ich
denke also bei Stier immer an die "sportliche" Version mit
langen Hörnern, während ich mir unter Ochse eher was Gutmütiges mit
breiter Stirn und kurzen Hörnern vorstelle, aber ungeheuer stark. Wenn ein
überladener Pferdewagen im Morast stecken blieb, holte man die Zugochsen vom
Hofgut, die machten das Fahrzeug wieder flott. Auch landschaftliche Unterschiede spielen eine Rolle. Bulle ist die norddeutsche Version. Ich stelle mir unter Bulle einen massigen Koloss vor, so eine Art Kaltblütler unter den Rindern, mit einem Ring durch die Nase, Züchterstolz auf dem Biebesheimer Viehmarkt. In der modernen Fachsprache, nach dem Krieg wohl durch die Landwirtschaftsschulen aufgekommen, hat Bulle die anderen Ausdrücke verdrängt. Der Landwirt mästet Bullen zum Schlachten und führt die Kuh zum Gemeindebullen. Im Ried gebrauchte man für beide Versionen des männlichen Rindes in den 30er-Jahren den Ausdruck Farren. Die Bedeutung 'Zuchtstier' ist im Südhessischen Wörterbuch gut bezeugt, aber auch die Bedeutung 'kastrierter Zugochse'. |
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Leserbrief:
zum Thema, ob ein Ochse ein
beschnittener Bulle (oder Stier) ist, hier noch folgende Anregung: |
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Datum: 2005 Aktuell: 29.10.2010 |
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