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Frage:
Ein
Sprachproblem vorzustellen bereitet mir seit einiger Zeit Kopfzerbrechen. Es
handelt sich dabei um das harmlose Wort toll. Bekannt ist es vor
allem als Vorsilbe in Tollwut, doch wird es in vielfältiger Bedeutung
angewendet. So ruft die Mutter ihren Kinder zu: "geht spielen aber treibt es
nicht zu toll. Die Soldaten benehmen sich in der Schlacht tollkühn, und der
Jüngling kommt in der Disco tolldreist zur Sache. Mancher Mann hat sich aus
Jux und Tollerei in ein Abenteuer gestürzt und eine tolle Nacht erlebt. In
früheren Zeiten ist manch einer im Tollhaus gelandet. Und in der Dichtung?
Theodor
Storm im Oktoberlied:
»Und geht es draußen noch so toll,
unchristlich oder christlich,
ist doch die Welt, die schöne Welt
so gänzlich unverwüstlich.«
Goethe,
Faust 1, Hexenküche:
Faust. »Mir widersteht das tolle Zauberwesen;
versprichst Du mir, ich soll genesen...«
Weiter unten:
»Nein, sage mir, was soll das werden?
das tolle Zeug, die rasenden Gebärden...«
Oder bei v.
Fallersleben, "Die Patrioten":
»Sie wurden toll und immer toller,
die Flaschen leer, die Köpfe voller.«
Gehört auch
der Tollpatsch in diese Aufzählung oder gar die
Haartolle?
Vollkommen
verwirrend wird es im neueren Sprachgebrauch. So hat die Frau, die auf der
Modenschau als Modell die neueste Kreation zeigt, eine tolle Figur
und das Pin-up-Girl im Männermagazin vielleicht einen tollen Busen.
Der Sportler hat im Wettkampf einen tollen Rekord aufgestellt. Der
Beispiele gibt es viele.
Wenn Sie in
diesen tollen Wirrwarr nach Ursprung, Herleitung, Sprachgebrauch Klarheit
herbeiführen könnten, wäre das nicht toll? |
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Meine Antwort:
Toll
ist wahrhaft ein tolles, verwirrendes Wort.
Um es zunächst klar zu stellen: Tollpatsch 'Tölpel', hessisch
Dappes, hat mit diesem Wort nichts zu tun, sondern kommt von
ungarisch talpas 'Fußsoldat', gesprochen "tolposch", zu talp
'Sohle'.
Auch der Tölpel hat damit nichts zu tun, sondern ist eine
Verkleinerung des frühneuhochdeutschen tölp, Herkunft ungewiss.
Tolle dagegen ist eine niederdeutsche Dialektform von Dolde
'eine Anordnung von Blüten'.
Und
nun zu Ihrem Stichwort toll: Es ist entstanden aus germanisch
dwelan 'verwirrt sein, daher gotisch dwals 'töricht',
von einem, der dumme Fehler macht oder sich verrückt verhält,
althochdeutsch tol 'dumm, töricht, albern'.
Ihren Zitaten ließe sich noch eins anfügen aus einem althochdeutschen
Spracheführer: »Tole sint Ualhâ = stulti sunt Romani« 'die spinnen, die
Römer', die Baiern dagegen sind spâhe = sapientes, was in diesem
Zusammenhang wohl eher 'so dass andere es verstehen können, normal' als
'weise' bedeutet. Wie bei Asterix: die Römer machen lauter Sachen, die die
Gallier nicht verstehen. Oder sie waren toll, weil sie nicht
verständlich sprachen, in bairischen Ohren.
Im
Mittelhochdeutschen bedeutet tol:
1. 'töricht, unsinnig ' = dumm
2. 'vermessen' = frevelhaft
aber auch schon 3) 'stattlich, ausgezeichnet', zum Beispiel von einem
Ritter, der von seiner Dame einen Kranz bekommen hat oder von einem, der
gelobt worden ist (die waren wohl außer sich über diese Ehrung).
Es gibt auch schon tolküene 'tollkühn', tollenkopf
'schwachsinniger Mensch' (als Tadel) und tollentranc 'betäubender
Trank.
Im
Frühneuhochdeutschen war dolisieren 'sich toll benehmen',
dollisieren 'faseln' tolman 'Tobsüchtiger'.
Adelung
notiert um 1800:
Toll, ein Wort, in welchem der Begriff einer Art eines ungestümen Geräusches
der herrschende zu seyn scheinet. Es bedeutet überhaupt, ein solches
ungestümes betäubendes Geräusch verursachend und darin gegründet.
1. Im weitesten Verstande, wo man es im gemeinen Leben noch in allen den
Fällen gebraucht, wenn jemand ohne Noth ein betäubendes Geräusch verursacht,
es geschehe aus welchen Bewegungen es wolle.
2. In einigen engern und theils figürlichen Bedeutungen.
(1) Aus Zorn oder Trunkenheit ungestüm tobend.
(2) Aus Beraubung des Verstandes und Bewußtseyns tobend und rasend.
(3) Figürlich.
(a) Des gehörigen Gebrauches des Verstandes und Bewußtseyns beraubt, ohne
den Nebenbegriff des ungestümen Lärmens, daher alsdann auch der harte
Nebenbegriff wegfällt.
b) Seltsam, wunderlich, in der vertraulichen Sprechart.
[Adelung: Grammatisch-kritisches Wörterbuch: Toll. Adelung: Wörterbuch, S.
54060 (vgl. Adelung-GKW Bd. 4, S. 621)]
Grimm
um 1850 (Band 21, 632 ff):
Toll:
1. seines verstandes und bewusztseins beraubt und darnach sich geberdend…
unsinnig, wahnsinnig, tobsüchtig.
a) von personen 'dumm, thöricht, wahnsinnig, unsinnig, ungeschickt,
tobsüchtig, rasend'
b) von thieren: 'ohne Verstand, aggressiv, tollwütig'
ferner: 'betrunken, wirr im Kopf, närrisch, wunderlich, auffallend, grell
(von Kleidern), gefühllos (von Körperteilen).
2. gute eigenschaften:
ausgelassen lärmend > fröhlich
wunderlich, auffallend > bewundernswert
3. 'toll machend' (Tollkirche)
Der
große Duden bringt:
toll
1. (veraltet) sich aufgrund einer Psychose auffällig benehmend:
2. (veraltet) tollwütig
3. a) ungewöhnlich, unglaublich
b) (ugs.) großartig, prächtig
c) (ugs.) sehr groß, stark
d) (ugs.) <intensivierend bei Verben u. Adj.> sehr
e) (ugs.) schlimm
f) (ugs.) ausgelassen u. wild
Der
moderne Sprachgebrauch (anerkennend) hat also seine Wurzeln, die bis ins
Mittelalter zurückgehen. Das hat mich selbst überrascht, denn ich empfand
toll als ein Modewort aus meiner Jugend (50er-Jahre), also das, was man
heute cool oder geil nennt oder voll 'sehr' (das ist
voll cool). Warum das alles mit L endet?
Der
Sprachgebrauch geht also in zwei Richtungen:
1. von 'töricht' über 'geisteskrank' nach 'rasend'
2. von 'töricht' über 'verrückt, wunderlich' nach 'bewundernswert' und
'sehr' |
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