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Meine Antwort:
Man muss wohl in einem
Land geboren sein und selbst Geschwister oder Kinder gehabt haben, um zu
wissen, wie dort Kleinkinder zuerst ihre Mutter nennen.
Ich hatte ja eine lange Liste von
Mama-Papa-Wörtern veröffentlicht, die zeigt, dass
Mama das häufigste Wort für 'Mutter' ist und ziemlich konkurrenzlos
dasteht (wenn man Variationen wie Amma mit rechnet), während beim Vater
Wörter mit B/P und D/T etwa gleich stark vertreten sind (Papa,
Abba, Atta,
Tata).
Diese Wörter sehen aus wie das Natürlichste der Welt. Und doch unterliegen
sie auch der Mode. Beispiel: Papá und
Mamá kamen vor 1800 mit der französischen Mode
auf. Bei uns in Hessen gibt es die wahrscheinlich älteren Nebenformen
Bābe und Mamme.
Für den Vater waren aber auch Atta,
Ätte und Tate
gebräuchlich. Eine Weiterbildung zu Mamme ist
das alte
Muhme 'Schwester der Mutter'.
Amme ist nicht die leibliche Mutter, sondern
eine Frau, die das fremde Baby stillt.
Die lautlich ähnlich gebildeten Opa,
Oma sind noch keine hundert Jahre alt und aus
den kindlichen Lallformen Omama,
Opapa < Großmama,
Großpapa entstanden. Ursprünglich sagte man
Ahn, Ahne,
Ähni usw.
Aufgrund dieser Beobachtungen vermute ich, dass die Häufigkeit von
Mama auf kulturellen Einfluss zurückgehen
könnte. Die feinen Leute hatten vor 150 Jahren bei uns französische
Gouvernanten, welche die Babys schon im zarten Alter französisch
Papa, Maman
lehrten. In den ehemaligen Kolonialgebieten hatte man eingeborene
Kindermädchen, die die Sprache ihrer Dienstherrschaft sprechen mussten und
die europäischen Wörter an ihre eigenen Kinder weitergaben.
Wie stark diese Lallwörter dem kulturellen Wandel unterworfen sind, sehen
Sie an drei Beispielen:
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Chinesisch
fù,
mǔ lauten ursprünglich bá,
me oder mǝ̄́
(also so ähnlich wie bei uns). Heute sagt man im erwachsenen Sprachgebrauch
meist fùqīn,
mǔqīn (mit qīn
'blutsverwandt'), zusammengesetzt wie unser Va-ter,
Mu-tter. In der Familie sind aber auch
baba und mama
gebräuchlich, kein Import, sondern Verdopplung der einfachen Silben.
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Alttürkisch heißt der Vater ata, die Mutter
ana. Die heutigen Türken sagen dagegen
baba und anne und
benutzen für 'Vater' sogar das "feine" persische Wort
peder.
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Althebräisch heißen
die Eltern אב áb und אם
ém, auf Jiddisch aber טאַטע Tate
("Daddy") und מאַמע Mamme.
LALLWÖRTER entstehen
dadurch, dass kleine Kinder hören, wie die Erwachsenen sprechen, und
versuchen diese Laute nachzumachen. Die Erwachsenen verbinden diese "Wörter"
mit einem Sinn, z.B.
ata oder tata bedeutet nicht
'Vater' sondern 'weggehen' und
heia 'Bett'. Das hat eine gewisse
Tradition, so hat man als Kind auch schon gesprochen. Solche Wörter sind
überraschend weit verbreitet und wahrscheinlich ziemlich alt.
Mit fortgeschrittener Fähigkeit versuchen die Kinder dann auch
Erwachsenenwörter nachzusprechen, was nicht immer gelingt. Mein Enkel sagte
z.B. für Schokolade "Schokomane". Jetzt kann er's richtig. Die
Lall-Namen der Geschwister aber bleiben oft
zeitlebens erhalten. Dann heißt die erwachsene Dorothea immer noch
Dodo, Irmgard
Emma, Bernhard
Benno, englisch Richard
Dick und Robert Bob.
Die Kinderwörter für Vater könnten aus dem Versuch entstanden sein, das
indogermanische pater nachzusprechen, so lassen
sich jedenfalls die Varianten mit B/P und D/T erklären. Bei der
Mutter war's eher umgekehrt, die bekam die
Endung vom Vater (ter
'Haus'), ursprünglich sagte man nur Ma,
Am, Mama,
Amma.
Lallwörter sind auch
Bube
'Junge' und
Buhle 'Liebste(r)', ursprünglich
'Verwandter' und entstellt aus Bruder.
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