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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

Fragen und Antworten

Aussprache von <v>

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Frage:

Warum werden Wörter wie Vater mit V beginnen, wie F ausgesprochen? Bei Vase ist es ja auch anders.

 

 

   

 

Meine Antwort:

Warum schreibt man Vater mit v?

Das "Vogel-V" bei Vater, Vogel, viel, voll, ver- usw. ist ein Überbleibsel der mittelalterlichen Rechtschreibung. Wie noch heute im Niederländischen hat man am Wortanfang grundsätzlich v geschrieben (auch vadem, veder, vinden, vlach, vort, vrage, vuoz = Faden, Feder, finden, flach, fort, Frage, Fuß), neuere Fremdwörter aber mit f. F wurde wohl schärfer gesprochen als v (ähnlich s und ß heute noch in der Schweiz und in Österreich). Seit etwa 1400 hat man den Unterschied nicht mehr gemacht und vermehrt auch bei deutschen Wörtern f geschrieben, aber nicht konsequent. Vielleicht hat man bei Vater und Faden noch eine Zeitlang einen Unterschied gehört. Aber warum wir uns heute noch mit dem Vogel-V herumplagen müssen, weiß ich auch nicht.

Warum spricht man Vase mit w?

Unsre Schrift stammt vom Lateinischen ab. Im altlateinischen Alphabet standen am Schluss …S T U X und die aus dem Griechischen übernommenen Buchstaben Y und Z. U wurde vor Konsonant wie englisches w gesprochen, am Wortanfang und nach Konsonant wie u (ähnlich I als j oder i).

Dieses "englische w" gab es in allen germanischen Sprachen, im Deutschen bis ungefähr 1300. Als die Germanen den vergorenen Traubensaft kennen lernten, hörten sie das lateinische vinum noch als "winum" (engl. w), daraus althochdeutsch uuin (engl. double u). In den ersten Jahrhunderten nach der Zeitenwende änderten die Römer aber ihr Aussprache und sprachen v wie unser heutiges w. So hörten unsre Vorfahren in advocatus, breve, vespera und viola kein engl. w mehr, sondern ein deutsches, für das sie aber noch keine Entsprechung hatten. Sie behalfen sich daher mit f (fogat, briaf, heute: Vogt, Brief) oder schrieben zwar v, das sie aber wie f aussprachen (daher "Feilchen, Fesper").

Den Laut des "dt. w" hat einen anderen Ursprung: Es ist eine Variante von b, das man heute noch im Hessischen am Anfang "hart", im Wortinnern "weich" ausspricht: "Bauch = Bauch, aber "aber = awwer". Am Wortende sprach man ursprünglich f (plattdeutsch Grab = Graf; den Herrn Grafen schrieb man grave oder greve (gesprochen "grawe, grewe), daher in Namen das Nebeneinander von Gräfen- und Greben-.

Scharfes und weiches F, lateinisches und romanisches V, germanisches W, "weiches B" – das war einfach zu viel. So kam es zwischen 1300 und 1500 zu einer Lautvereinfachung, wie wir es heute noch haben: F wurde vereinheitlicht und nicht mehr zwischen f und v unterschieden. W wurde dem weichen B angeglichen und das romanische V blieb erst mal bei der Aussprache f (daher immer noch "Feilchen, Feschper"), Hessischen heute noch ("Faltin, Fanille, Fas, Fisasch, Fitze" = Valentin, Vanille, Vase, Visage, Vice 'Feldwebel'). Die Aussprache "Wase" usw. kam erst im 19. Jahrhundert.

 

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Datum: 2010

Aktuell: 25.12.2013