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Frage:
Ein in der Schweiz arbeitender deutscher Informatiker sagt mir, dass er
viel lieber in der Schweiz als in Deutschland arbeite, und zwar wegen des
Schweizer „oddr?“ am Satzende. Diese Wendung
beinhalte für den Angesprochenen die Möglichkeit des Widerspruchs oder einer
anderen Meinung. Dagegen sprächen die Deutschen extrem direktiv.
Ich persönlich habe das „oddr?“,
„isn’t it?“ oder unser „nicht
wahr?“, hessisch „net?“,
eigentlich immer als zeitraubende, nicht ernst gemeinte oder das „Ähhh“
vermeidende Floskel empfunden, komme aber nach dieser Aussage ins Grübeln.
Steckt oder steckte da doch etwas an Sprachkultur und Toleranz dahinter?
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Meine Antwort:
Wenn man hinter jedem Satz "gell",
"n'est
ce pas" oder "isn't
it" sagt, dann werden durch
den exzessiven Gebrauch diese Wörter tatsächlich zu einer Floskel und
verlieren an Wert wie zu viel in Umlauf gekommenes Geld. Sparsam eingesetzt
haben sie die Funktion einer Bestätigungsfrage, die den Hörer mit
einbezieht und ihn nicht nur mit Worten überschüttet.
Es ist aber auch ein wichtiger Unterschied zwischen der gesprochenen und
der geschrieben Sprache. Wenn ich mit jemand spreche oder eine Rede
halte, habe ich die Menschen im Auge, zu denen ich etwas sage. Bei einem
Gespräch rechne ich damit, dass der Andere auch etwas sagen will. Bei einer
Rede lässt sich das schwer verwirklichen. Aber ich sehe doch, was die Leute
für Gesichter machen, und versuche darauf einzugehen.
Beim Schreiben sehe ich das nicht und bekomme nur zeitverzögert
Rückmeldungen, bei Briefen z. B., da muss ich mich auf meine Intuition
verlassen, dass ich die richtigen Worte finde und niemand verärgere.
Dazu kommt, dass man beim Sprechen zum Mitdenken Zeit geben muss, das ist
der Sinn der Floskeln und Ähs. Aber auch der Ausführlichkeit von dem, was
man sagt. Schon die Höflichkeit verlangt, dass man nicht mit der Tür ins
Haus fällt, sondern den Gesprächspartner erst mal einstimmt auf das, was
kommt. Telegrammstil oder Kasernenhofton wären unhöflich.
Was hier Kultur ist, ist beim Schreiben Unkultur. Da hat man selbst Zeit, um
an seinen Formulierungen zu feilen, und der Leser, um das Geschriebene auf
sich wirken zu lassen. "Äh"
oder "net
wohr" sind hier fehl am
Platz. Diese Konzentration auf das Wesentliche beim Schreiben hat aber seine
Rückwirkungen auf die gesprochene Sprache. Da gewöhnt man sich als
schreibgewohnter Mensch leicht einen akademischen Vortragston an, der bei
einem Gespräch unangemessen ist, aber auch bei einer Rede. Man muss die
Menschen mit denen oder zu denen man spricht, einbeziehen.
Mir hat es sehr geholfen, dass ich meinen Dialekt nicht einfach durch
Hochdeutsch ersetzt habe, obwohl ich aus beruflichen Gründen hochdeutsch
reden musste. Am Dialekt kann man lernen, wie gesprochene Sprache aufgebaut
ist, das sind ja nicht nur eine andere Grammatik und ein paar andere
Vokabeln. Ich habe als junger Mensch absichtlich versucht, "akademische"
Sachverhalte in Mundart umzusetzen, das lässt sich nicht so einfach Wort für
Wort übersetzen, sondern man muss ganz anders formulieren. Das war eine
Übung, die mir sehr geholfen hat.
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