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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Leben nach dem Tod

Ein Brief an Diana

Email:

Auferstehung

Die volkstümliche Vorstellung

Neues Testament

Jesus  und die Sadduzäer

Leibliche oder geistige Auferstehung

Totenreich

Abrahams Schoß

Höllenfahrt Christi

Hölle

Mittelalterliche Vorstellungen

Fegefeuer

Seelenwanderung

Westliche und östliche Vorstellunge

Buddha

Der Schmelzer

Was ist das, das den Tod überdauert

Wie ich mir das Leben nach dem Tod vorstelle

Können wir überhaupt wissen, was nach dem Tod ist?

Geist und Materie

Nur Bilder

Das Schicksal der Seele

 

1. Auferstehung

a. Die volkstümliche Vorstellung

Im Alten Testament steht kaum was von einem Leben nach dem Tod, nur in Spurenelementen. Das Alte Testament war in seinen wichtigsten Teilen um 400 v. Chr. abgeschlossen, letzte Ergänzungen bis ca. 150 v. Chr. Das Neue beginnt mit Jesus (ab 30 n. Chr.), die ältesten Schriften in den 50er-Jahren.

Inzwischen war der Glaube an die Auferstehung der Toten am Jüngsten Tag aufgekommen: Die Weltgeschichte geht nicht ewig weiter, sondern hat einmal ein Ende am "jüngsten", d.h. am "letzten Tag". Dann kommt Gott persönlich oder sein himmlischer Abgesandter, der Menschensohn, und hält Gericht. (Daniel 7, Spurenelement AT) Aber schon damals war der größte Teil der Menschheit schon unter der Erde und nicht mehr darauf. Das wäre nun den Lebenden gegenüber sehr ungerecht, wenn Gott die Toten nicht auch vor Gericht stellen würde. Also macht er sie wieder lebendig und beurteilt alle nach dem, was sie getan haben. Die Bösen werden dann wieder umgebracht (oder in der Hölle bestraft), die Guten dürfen weiterleben in einer unvorstellbar besseren Welt. – So ähnlich sagen das die Zeugen Jehovas noch heute und malen die bessere Welt in den leuchtendsten Farben aus.

b. Neues Testament

Diese Vorstellungen waren zur Zeit Jesu in der Bevölkerung weit verbreitet und auch Jesus und seine Jünger sind voll darauf abgefahren, auch die Pharisäer, die zu Unrecht als Jesu ärgste Feinde dargestellt werden, nicht aber die Sadduzäer, das war die Berufsgenossenschaft der hauptamtlichen Priester. Die erkannten vom AT (Alten Testament) nur die Thora (5 Bücher Mose) an, und da steht halt mal nichts von Auferstehung. Das NT (Neue Testament) berichtet von einer Diskussion, die Jesus mit den Sadduzäern über dieses Thema geführt hat (Mk 12,18-27), und dass Paulus einmal vor Gericht die Pharisäer gegen die Sadduzäer ausspielen konnte, indem er sagte: "Meine Herren, ich stehe hier, weil ich an die Auferstehung der Toten glaube." (Apostelgeschichte 23,6-9).

In der Offenbarung werden Weltuntergang, Gericht und Auferstehung ausführlich behandelt. Es finden sich aber auch sonst viele Stellen im ganzen NT. Einer der wichtigsten Texte ist 1. Korinther 13, wo sich Paulus mit Leuten auseinandersetzt, die zwar an die Auferstehung Jesu, nicht aber an die der Toten am Jüngsten Tag glauben.

Von daher hat diese Vorstellung einen berechtigten Platz im Glaubensbekenntnis: "von dort (aus dem Himmel) wird er (Christus) kommen, zu richten die Lebenden und die Toten… Ich glaube an … die Auferstehung der Toten…"

c. Jesus  und die Sadduzäer (Markus 12,18-27)

Hier hat also zwischen den beiden Testamenten eine Entwicklung stattgefunden: Das AT kennt nur das irdische Leben, das NT die Auferstehung der Toten (und dann geht’s weiter im Glaubensbekenntnis): "und das ewige Leben", nämlich in der besseren Welt nach dem Jüngsten Gericht. Da die Auferstandenen ewig leben, brauchen und dürfen sie sich nicht mehr vermehren und deshalb wird es auch keine "Zweckgemeinschaft zur Aufzucht von Kindern" mehr geben (die heutige Ehe ist etwas Anderes!). Deshalb wird auch die siebenfach verheiratete Frau in der Sadduzäergeschichte keinem ihrer frühren "Besitzer gehören", weil die Auferstandenen (geschlechtslose Wesen) sein werden wie die Engel, die ja auch nicht heiraten.

Wenn man sich das so primitiv ausmalt wie die Sadduzäer, die ja beweisen wollten, dass eine Auferstehung zu unlösbaren Konflikten führen muss, dann wird klar, dass das ja nicht sein kann. Wie löst Jesus dieses Problem? Er rückt ab von der primitiven leiblichen Auferstehung (die Toten kommen, wie sie waren, aus dem Gab raus). Sondern er vergleicht die Auferstandenen mit Engeln, d.h. Geisteswesen. Die Engel haben keinen Körper. Die Flügel auf den Bildern sind keine Körperteile, sondern uralte Symbole für Geist (vgl. die heiligen Geist als Taube). Ich entnehme diesen Ausführungen Jesu, dass auch Jesus nicht körperlich, sondern geistig auferstanden ist.

d. Leibliche oder geistige Auferstehung?

Nun ist aber im NT insofern ein Widerspruch, als viele Stellen, auch die Offenbarung an eine massive körperlich Auferstehung glauben, wie das im Volksglauben zur Zeit Jesu weit verbreitet war. Die Jünger haben Jesus also nicht immer verstanden, sondern ihre Vorstellungen mit eingebracht und über die Auferstehung so gepredigt und geschrieben, wie sie sich das vorstellten. In der Tat stellt eine geistige Auferstehung ganz schöne Ansprüche an unser Vorstellungsvermögen.

Was also die allgemeine Totenauferstehung anbetrifft, so stimmen darin nicht nur alle christlichen Gruppierungen mit dem NT überein, sondern auch die Muslime und die heutigen Juden (geistige Erben der Pharisäer). Die Aussagen des AT sind also durch die des NT ersetzt. Ich weise nochmals darauf hin, dass der Glaube an die Auferstehung zur Zeit Jesu weit verbreitet war, nicht nur bei den ersten Christen. Juden und Muslime stimmen in dem Punkt zwar mit dem NT überein, aber sie berufen sich nicht drauf, sondern alle drei stehen auf einer gemeinsamen Grundlage.

2. Totenreich

a. Abrahams Schoß

Im Gleichnis vom reichen Mann und armen Lazarus (Lukas 16,19-31) kommt eine ganz andere Vorstellung zur Sprache: Die Guten kommen in "Abrahams Schoß", die Bösen in die Hölle.

Das Bild von "Abrahams Schoß" kommt sonst nirgends in der Bibel vor und entstammt wohl der Redensart, dass ein Sterbender "zu seinen Vätern versammelt" wird, d.h. er kommt dahin, wo seine Väter auch hingekommen sind, ins Totenreich unter der Erde, wo sie nach alttestamentlicher Darstellung "schlafen". Abraham ist der Stammvater aller Juden.

b. Höllenfahrt Christi

Nach mittelalterlicher christlicher Vorstellung ist Jesus "hinabgestiegen in das Reich der Toten". Das bedeutete zunächst einfach: Er kam wie alle Verstorbenen in das Totenreich unter der Erde, blieb dort über den Sabbat und wurde dann von Gott "auferweckt" und aus dem Totenreich in den Himmel geholt. Seitdem haben die an Jesus glauben einen Platz bei Jesus und Gott im Himmel. Das mit der "Höllenfahrt Christi" hat man später so verstanden, als habe Jesus die Gläubigen früherer Zeiten aus der Unterwelt befreit und mit sich in den Himmel genommen. Es blieben also nur die Bösen und die Nichtchristen in der Unterwelt.

c. Hölle

Dagegen sprechen Jesus und das Neue Testament öfter von der Hölle, dem "Ort der Qual". Man muss sich das wohl so vorstellen, dass sich sowohl "Abraham" als auch die Hölle in der Unterwelt befinden, allerdings durch einen Abgrund voneinander getrennt. Der Reiche in der Hölle schläft nicht, sondern ist bei vollem Bewusstsein (sonst könnte er ja nicht gequält werden) und kann sich mit Abraham unterhalten.

Zuletzt wird in dem Gleichnis die Möglichkeit erwogen, dass Lazarus "auferstehen" und für kurze Zeit das Totenreich verlassen könnte. Das wird aber als unnötig abgelehnt.

d. Mittelalterliche Vorstellungen

Hier haben wir also schon fast alles, was den späteren christlichen Glauben an Himmel und Hölle kennzeichnet: Das Gericht findet nicht für alle am Ende der Welt statt, sondern für jeden persönlich am Ende seines Lebens. Die Toten werden dann in verschiedene Abteilungen der Unterwelt eingewiesen, wo es den Guten gut geht und die Bösen in den Flammen gepeinigt werden.

Beides, die "klassische" Vorstellung von der Auferstehung am Jüngsten Tag und das Weiterleben in Himmel und Hölle stehen im jüdisch-christlichen Glauben unausgeglichen nebeneinander. Im NT überwiegt das Wort "Auferstehung", die man sich verschieden vorstellen konnte (materiell oder geistig).

Im späteren Christentum hat sich dagegen der Glaube an Himmel und Erde durchgesetzt, vielleicht unter Einfluss des griechischen Glaubens an die Unsterblichkeit der Seele.

e. Fegefeuer

Nun ist es ja ein bisschen schwierig, die Menschen in Gute und Böse einzuteilen. Das wäre wie bei Gericht die falsche Alternative: Freispruch oder lebenslänglich. Nein, in Wirklichkeit gibt es einen nahtlosen Übergang von abgrundtief böse und himmlisch gut. Also kam man im Mittelalter aufs Fegefeuer, das entspricht unsrer Freiheitsstrafe für eine bestimmte Zeit. So könnte Gott die guten und bösen Werke besser gegeneinander aufrechnen. – Wir Evangelische glauben nicht ans Fegefeuer und überlassen es Gott, nach welchen Kriterien er einmal sein Urteil spricht. Da wir in der Regel auch nicht beichten müssen, haben wir es uns ganz abgewöhnt, die Sünden nach ihrer Schwere zu klassifizieren und auszurechnen, wie lange man für was im Fegefeuer schmoren muss. Das finde ich besser so.

3. Seelenwanderung

a. Westliche und östliche Vorstellungen

Der westliche Kulturkreis geht davon aus, dass unser Leben und die Geschichte einmalig ist und die Zeit gradlinig von einem Anfang bis zu einem Ende verläuft und nicht wiederholt werden kann: Was wir von uns wissen, ist dass wir geboren wurden und einmal sterben müssen. Genauso nehmen wir an, dass die Welt als Ganzes einen Anfang hat (Schöpfung, "Urknall") und irgendwann einmal "untergehen" wird. Was vor unsrer Geburt bzw. vor der Schöpfung war, können wir nicht wissen. Es gab uns bzw. die Welt noch nicht. Die jüdisch-christlich-muslimische Hoffnung reicht aber über den individuellen Tod und das Ende der Welt hinaus. Wir hoffen auf was Besseres.

Anders die östlichen Religionen (Hinduismus, Buddhismus). Sie gehen davon aus, dass die Geschichte und das Leben ein ewiger Kreislauf sind. Welten entstehen und gehen zugrunde und neue Welten entstehen. Genauso auch das individuelle Leben: Unsere "Seele" war vor unsrer Geburt in einem anderen Körper und wird nach unserem Tod in einen anderen Körper einkehren (so genannte Seelenwanderung). Damit eng verbunden ist die Lehre von der Vergeltung: Alles, was wir tun, hat Folgen für unsre nächste Existenz. Verdienste und Schulden rechnen sich gegeneinander auf und die Bilanz bestimmt, ob wir im nächsten Leben als Grashalm, Hund, Kuli, Maharadscha oder Gott wiedergeboren werden. Macht ja nichts, auch ein Hund kann zum Gott aufsteigen und ein Gott zum Grashalm verkommen.

Das hört sich vielleicht ganz verlockend an. Aber ist das wirklich wünschenswert, immer wieder geboren zu werden? Ich hab an meinem einen Leben eigentlich genug.

b. Buddha

Für den verwöhnten nepalesischen Prinzen Siddharta Gautama war es ein Schock, plötzlich mit Armut, Krankheit und Tod konfrontiert zu werden. Er erkannte: "Alles Leben ist Leiden" und er fragte sich: Was ist die Ursache dafür und wie komme ich da wieder raus? Antwort: Ursache allen Leidens ist der Lebenstrieb, der mich dazu bringt, Verdienste und Schulden auf mich zu laden, die ich im nächsten Leben abfeiere oder abbüße. Wenn es mir gelingt den Lebenstrieb in mir abzutöten und meine Lebensbilanz Null zu Null aufgehen zu lassen, so wird mein Konto gelöscht und ich bin erlöst. Das Nirwana, das ich damit erreiche, ist nicht das Nichts, sondern ein positiver Zustand, der sich aber nicht beschreiben lässt. Nachdem Gautama zu dieser Erkenntnis gekommen war, nannte er sich Buddha, der Erleuchtete und begründete den Buddhismus.

Heute gibt es viele Menschen, die wollen gar nicht in den Himmel, die begnügen sich damit, dass sie tot sind, kein "Sparbuch" hinterlassen und in Vergessenheit geraten. Was geschieht mit denen? Kommen die dann in die Hölle? Was ist mit den Buddhisten, die sich nach dem Nirwana sehnen? – Ich denke, dass auch im Himmel der Datenschutz gilt. Wenn jemand unbedingt von der Festplatte gelöscht werden will – Gott zwingt niemand und lässt uns auch nach dem Tod unsre Freiheit.

c. Der Schmelzer

Bei Henrik Ibsen, Peer Gynt, hab ich eine interessante Variante gelesen: Peer Gynt ist ein totaler Versager. Gegen Ende seines Lebens trifft ihn der "Schmelzer", der sagt, er müsse eingeschmolzen und neu gegossen werden, weil er den Sinn seines Lebens verfehlt habe. Peer versucht ihm auf verschiedene Weise zu entkommen, u.a. dadurch, dass er den Teufel bittet, ihn in die Hölle zu schaffen. Der Teufel hat an dem Versager aber kein Interesse. Er kann nur abgrundtief böse Seelen gebrauchen. Die sind wie photographische Negative, die man mit Pech und Schwefel und viel Geduld in ein anständiges Positiv verwandeln kann. Aber was soll er mit einem so verwischten und verwackelten Bild wie Peer Gynt anfangen?

Ibsen erwägt also, ob Seelenwanderung nicht was ist für Leute, die in ihrem Leben gescheitert sind. Können sie nicht noch einmal eine Chance haben? Klingt gar nicht so dumm.

d. Was ist das, das den Tod überdauert?

Alle Religionen, die westlichen wie die östlichen, setzen voraus, dass der Mensch eine Seele bzw. etwas hat, was den Tod überdauern kann. Das ist dem modernen Menschen aber fragwürdig geworden. In den Siebzigerjahren hat jemand in Berlin eine Umfrage gemacht: "Glauben Sie an eine Seele?" Die meisten Deutschen glaubten nicht, die meisten Türken glaubten.

Wie kommt das, dass wir uns Seele nicht mehr vorstellen können? Schuld daran ist unser materialistisches Denken, wonach Materie und Energie die Grundlagen unsrer Welt sind und sonst nichts. Geist wird von vielen verstanden als etwas, was in unserem Gehirn entsteht, und wenn das nicht mehr tut, gibt’s so wenig Geist wie Brummen und Bewegung, wenn wir den Motor ausstellen (die Abgase aber bleiben). Unter Seele verstehen viele das, was wir salopp unser Nervenkostüm nennen und was der Psychologe analysiert und der Psychiater repariert.

Dabei wird einfach die dritte Komponente unsrer Welt übersehen, nämlich die Information. Wir erleben Materie meist nicht als ungestaltete Klumpen oder Wolken, sondern die meiste Materie hat eine Gestalt, vom Atom übers Kristall bis zu Lebewesen und vom Grashalm bis zum Milchstraßensystem. Ein simples Wasserstoffatom, bestehend aus einem Proton und einem drum herum sausenden Elektron hat eine Gestalt und "weiß", dass es sich mit einem Kollegen und einem Sauerstoffatom zu Wasser verbinden kann. In alle dem sehe ich schon Vorformen von Geist. Geist und Information sind ein und dasselbe.

So ist es auch mit deiner Seele. Du hast mir jetzt einiges über dich erzählt und ich hab mir ein Bild von dir gemacht. Das alles habe ich unter dem Stichwort "Diana" irgendwo in meinem Gehirn abgespeichert. Du hast mir deine Daten auf elektronischem Weg übertragen, in deinen Rechner eingetippt und sie erschienen bei mir auf dem Bildschirm. Aber wie kommen sie in meinen Kopf? Das von Rechner zu Rechner ging über eine materielle Leitung. Aber von deinem Kopf zum Rechner von meinem Rechner in meinen Kopf, das war doch schon mal ein immaterieller Datentransfer, der sich physikalisch nicht erklären lässt. Wie das vor sich geht, "will mir einfach nicht in meinen Kopf". Deine Seele, das ist die Summer aller Informationen über dich, notfalls komprimiert auf die 5 Byte "DIANA".

Genauso, wie deine Daten in meinem Kopf gespeichert sind, so stelle ich mir vor, dass sie Gott auch irgendwo gespeichert hat. In der Bibel gibt es das Bild von den himmlischen Büchern, in denen alles drin steht, und vom Buch des Lebens. Bücher, das war damals der aktuellste Stand der Technik. Heute würden wir von einer himmlischen Festplatte reden. Und heute haben wir auch ein bisschen eine Vorstellung davon, dass Gott gar nicht jedes Atom deines Körpers und jede Sekunde deines Lebens protokollieren muss. Schon mal was von Datenkomprimierung gehört? Notfalls reicht dein Name, um dich wieder zu rekonstruieren, wenn du nicht mehr da sein solltest. – Das ist der tiefer Sinn des Auferstehungsglaubens: Du bist nicht verloren, wenn du stirbst. Sondern Gott hat deine Daten gespeichert und kann sie wieder rekonstruieren.

Mir täte es schon genügen, wenn er mich nicht vergisst und meine Daten auf der Festplatte nicht löscht.

So kann man sich auch die östliche Vorstellung von der Seelenwanderung erklären: Was da weiter lebt, ist nicht deine Persönlichkeit, sondern dein himmlisches Konto, das irgendein neues Lebewesen erbt. Und wenn du am Ende deines Lebens nichts mehr auf dem Konto, aber auch keine Schulden hast, dann gibt’s auch nichts zu erben.

5. Wie ich mir das Leben nach dem Tod vorstelle

a. Können wir überhaupt wissen, was nach dem Tod ist?

i. Berichte von Sterbenden

Wir haben Berichte von Menschen, die dem Tod nahe oder klinisch tot waren und wieder zurückgeholt wurden, sowie Berichte von Sterbenden.

Typische Elemente dieser Berichte:

  • Man erlebt sich von außen (die Seele hat sich vom Körper gelöst).

  • Man hat manchmal ein überklares Bewusstsein, obwohl man äußerlich ohnmächtig oder klinisch tot ist.

  • Man sieht sich den "Film" seines Lebens rückwärts an und beurteilt sich dabei selbst.

  • Man wird von einem Boten aus dem Jenseits abgeholt.

  • Man befindet sich in einem engen dunklen Tunnel, der zum Licht führt.

Das sind aber keine Aussagen, was nach dem Tod kommt, sondern nur, wie es sein kann, wenn man stirbt.

ii. Erscheinungen kürzlich Gestorbener

Es gibt quer durch die Geschichte und durch alle Kulturen unzählige Berichte, wonach sich Sterbende bei den Angehörigen gemeldet haben. Dass es so etwas gibt, lässt sich nicht bezweifeln.

Das muss aber kein Beweis für ein individuelles Weiterleben nach dem Tod sein, sondern ließe sich auch dadurch erklären, dass eine telepathische Verbindung durch den Tod abreißt. Das ist etwa so wie bei dem Bahnwärter, der sich durch nächtliche Züge nicht stören lässt, aber aufwacht, weil ein Zug nicht gekommen ist.

iii. Klassische Gespenstererscheinungen und Spiritismus

Es gibt quer durch die Geschichte und durch alle Kulturen hindurch Berichte, wonach manche Tote im Grab keine Ruhe finden und sich den Lebenden offenbaren, oder dass Lebende mit Toten Kontakt aufnehmen können.
Auch das muss kein Beweis für ein Weiterleben sein, es ist zunächst einmal anzunehmen, dass sich diese Erscheinungen im Gehirn lebender Menschen bilden.

iv. Totenauferweckungen

Es scheint möglich zu sein, eben gestorbene Menschen wieder ins Leben zurückzuholen. Das hat jeder bessere Sanitäter schon getan und wird in unzähligen alten Geschichten erzählt.

Aus alledem lässt sich vermuten, dass es so etwas wie eine Seele gibt, die nach Herzstillstand und vielleicht sogar Hirntod mindestens eine Zeitlang weiterlebt. Davon zeugen auch alte Glaubensvorstellungen, wonach die Seele noch 40 Tage lang in der Nähe seiner Leiche bleibt, ehe sie endgültig verschwindet.

Es lässt sich aber kaum sagen, was sich im Hirn der Hinterbliebenen abspielt und was objektive Wirklichkeit sein könnte. Mit den herkömmlichen Methoden der Naturwissenschaft lässt sich das alles nicht erklären. Es müsste sich aber durch einen wissenschaftlichen Vergleich alter und moderner Berichte feststellen lassen, dass es unabhängig von der Kultur und Zeitepoche ähnliche Erfahrungen auf der ganzen Welt gibt.

Es ist jedenfalls nicht so, wie vielfach behauptet wird, dass wir nichts wissen könnten, weil noch niemand von drüben zurückgekommen ist. Wir bekommen durch diese Geschichten aber nur eine Vorstellung, wie es ist, wenn man stirbt, und wie es sein könnte, wenn man die erste Zeit tot ist.

b. Geist und Materie

Die Materialisten glauben, dass Geist etwas ist, was durch Materie entsteht und an Materie gebunden ist: Mein Gehirn und Nervensystem produzieren Gefühle, Wahrnehmung, Willen, Gedächtnis, Denken, Bewusstsein. Man sollte annehmen, dass das alles erlischt, wenn der Körper nicht mehr existiert.

Ich dagegen glaube, dass Geist unabhängig von Materie, ja dieser sogar vorgeordnet ist. Der Architekt plant ein Haus zunächst nur in seinem Kopf und dann auf Papier, bevor es in Stein Wirklichkeit wird. Ich behaupte, dass Information = Geist neben Materie und Energie eine der Grundbestandteile der Welt ist. Allein physikalisch und chemisch, ohne Berücksichtigung der gespeicherten Informationen und der verwirklichten Gestalt ist die Welt nur unzureichend beschrieben.

Von daher kann ich mir vorstellen, dass der menschliche Geist ebenso eine selbständige Größe ist und nicht nur von seinem Körper abhängig. Wir leben schließlich ja auch weiter in unsren Genen und den Ideen, die wir erfolgreich hinterlassen haben. So muss es auch eine Art Weiterleben unsrer Persönlichkeit geben. Vielleicht muss der Geist sich erst entwickeln, damit er vom Körper unabhängig wird.

c. Nur Bilder

Die traditionellen Vorstellungen sind nur Bilder und können keine objektiven Beschreibungen des Jenseits sein:

  • Weiterleben der Seele in der Nähe des Grabs, im Totenreich, in Himmel und Hölle

  • Todesschlaf und Auferstehung

  • Seelenwanderung.

Diese drei Bilder scheinen einander zu widersprechen. Drücken sie unterschiedliche Zustände aus, sodass die Menschen nach dem Tod tatsächlich ein unterschiedliches Schicksal hätten, je nachdem, was sie anstreben? Oder sind das nur unzureichende Versuche sich vorzustellen, was nach dem Tod kommt? Ich neige zu der zweiten Auffassung und versuche mir vorzustellen, dass ich in den Himmel komme.

d. Das Schicksal der Seele

Nach der Bibel ist unsere Seele der Lebenshauch Gottes. Wenn Gott ausatmet, entsteht neues Leben, wenn er einatmet, nimmt er den Lebenshauch wieder zu sich und die Lebewesen sterben (1. Mose 2,7; Psalm 104,29; Prediger 12,7).

Mit diesem Bild werden drei Rätsel gelöst:

i. Woher kommt meine Seele?

Sie ist ein Teil von Gott und hat sich durch unsere Geburt von Gott getrennt. Das ist kein schuldhafter "Sündenfall", sondern das hat Gott so gewollt, als er die Welt geschaffen hat.

Damit ist aber zugleich auch gesagt, dass Gott und ich getrennte Wesen sind, solange ich lebe. Wichtig ist, dass ich meine Herkunft nicht vergesse und mein Ziel nicht aus dem Auge verliere: zurückkommen zu Gott.

ii. Wozu sind bin ich auf der Welt?

Ich bin dazu auf der Welt, dass ich durch Erfahrung reifer werde. Ich kam auf die Welt als ungehobelter Klotz und soll im Laufe meines Lebens das Kunstwerk werden, das Gott mit mir geplant hat. Das Leben ist dazu da, mich abzuschleifen – aber die Welt ist auch dazu da, dass ich mich in sie einbringe und mithelfe, dass sie das wird, was Gott sich bei ihrer Erschaffung vorgestellt hat.

Wichtig: Wir sind noch nicht, was wir sein sollen, sondern müssen das erst noch werden.

iii. Was kommt nach dem Tod?

Ich hoffe, dass meine Seele wieder zu Gott zurückfindet und sich wieder mit ihm vereinigt (= Himmel + Nirwana). Ich befürchte, dass sie ihr Ziel nicht erreicht, einfach erlischt (= ewiger Tod, Hölle), als "Gespenst" herumirrt oder sich eine neue Bleibe sucht (= Seelenwanderung).

In diesem Modell lassen sich alle alten Anschauungen auf einer höheren Ebene miteinander in Einklang bringen.

   

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Übersicht

 

Geist | Seele

Sprachecke 06-04.2010

 

Datum: 2004 / 06

Aktuell: 17.05.2013