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Eine Urkunde des Lorscher Codex vom 23.06.852 erwähnt, dass
König Ludwig der Deutsche in Gerunesheim eine Verordnung zugunsten
des Klosters Lorsch erließ. Das ist die erste datierte Erwähnung von
Gernsheim. In den
Jahrbüchern von Fulda
steht 871 die Form Gerinesheim.
Leider nicht datiert
(wohl aus der Zeit
830-50, spätere
Abschrift) ist die älteste Nennung aus dem sog. Reichsurbar von Lorsch, wo
die Rheinstadt Gernesheim genannt wird.
Aus diesen drei Texten
geht hervor, dass es in Gernsheim einen Königshof gab, an dem sich König
Ludwig der Deutsche mindestens zweimal aufgehalten hat. Das Reichsurbar
berichtet von Abgaben, die die benachbarten Höfe an den König zu
entrichten hatten.
Die älteste benennbare
Bevölkerungsschicht in Süddeutschland, die Kelten, sind im Ried
archäologisch kaum greifbar. Sie haben aber andere Spuren hinterlassen,
nämlich:
a)
in der Mundart
z.B. Gelerrch
'baufälliges Gebäude' (gälisch làrach 'Ruine'); Mock
'Mutterschwein' (irisch muc 'Schwein'); Wutz = walisisch
gwys 'Schwein'
b)
in Siedlungsnamen
z. B. im Namen von
Trebur = 764/5 Triburen (irisch treb 'Wohnung'). Ein Ort
auf der Insel Anglesey (nördlich von Wales) heißt Trefor.
Der Kammerhof bei
Leeheim hieß 865 uilla Camben (altkeltisch camba 'Krümmung')
Schon in vorchristlicher
Zeit drangen germanische Stämme aus Ostdeutschland, die Sueben, nach
Südwesten vor, überschritten den Rhein und lieferten Caesar den Vorwand
zur Eroberung Galliens. Sie setzten sich auch im Rhein-Main-Neckar-Raum
fest und bildeten in römischer Zeit die Civitas Sueborum Nicretorum
'Verbandsgemeinde der Neckarsueben". Von ihnen haben die Schwaben
ihren Namen. Am Nordrand des Bezirks lag Bisistat 'Stätte des
Nordwinds' = Bürstadt.
Archäologisch sind die
Sueben nachgewiesen in Darmstadt in der Nähe des Schlosses; der kaum
verständliche Name Darmundestat scheint also von den Sueben geprägt
worden waren. Ähnlich Autmundestat = Groß-Umstadt, das wie
Seligenstadt und Dieburg-Altenstadt auf eine römische Ansiedlung
zurückgeht.
Ein merkwürdiger Name,
der wegen seiner Endung -iz, -oz germanisch sein muss, ist
Bibiliz, Bibiloz, das im Ried dreimal vorkommt (Biblis, Wasser
Biblos und Altenbibeles = Wolfskehlen) - vielleicht eine
Ableitung von beben mit der Bedeutung 'Schilfrohr, Ried' (vgl.
Rohrheim). Wasser bezieht sich nicht direkt auf die
Flüssigkeit, sondern ist ein altes Eigenschaftswort für 'nass' (englisch
wet).
Seit Kaiser Vespasian
setzten sich die Römer in Südwestdeutschland fest, sicherten die neue
Provinz durch Kastelle und den Limes, bauten Straßen und versorgten die
Bevölkerung durch gleichmäßig aufs Land verteilte Bauernhöfe.
Auch am Rheinknie
entstand ein solches Kastell, das den Hafen und die Straßen nach
HD-Neuenheim, Mainz und Dieburg sicherte, daneben ein Vicus
(Zivilsiedlung) im Süden des heutigen Gernsheim. Auch in der Allmendfelder
Gemarkung entstand eine kleine Garnison. Bauernhöfe in der Umgebung, auch
in Klein-Rohrheim, sicherten die Verpflegung.
Nach dem Ausbau des Limes
und der Befriedung der Provinz wurden die Kastelle aufgegeben; der
Vicus bestand weiter.
Römische Spuren in
Siedlungsnamen finden wir in Ladenburg (römisch: Lopodunum),
Dieburg (Dietburg 'Heidenstadt'), Obernburg, alle
römisch; burg hat hier noch die alte Bedeutung 'Stadt'.
Mitte des 2er
Jahrhunderts waren die Römer durch den langen Zweifrontenkrieg - im Westen
gegen die Germanen, im Osten gegen die iranischen Parther - wirtschaftlich
so geschwächt, dass sie ihre Truppen in Südwestdeutschland reduzieren
mussten. Spuren von Baumaßnahmen (Verkleinerung der Kastelle) zeugen heute
noch davon. Schließlich zogen sie ihre Truppen und Einrichtungen hinter
den Rhein zurück und überließen die "Wacht am Rhein" germanischen
Söldnern, die noch lange ihre Kontakte zur alten Heimat in Ostdeutschland
und Böhmen pflegten, wie römische Souvenirs beweisen, die dort gefunden
wurden.
Diese germanischen
Krieger ließen ihre Familien nachkommen und bildeten einen zunächst
militärisch aufgebauten Verband, der sich Alemannen 'alle Männer =
das gesamte militärische Aufgebot' nannten.
Als die römischen
Soldzahlungen ausblieben, bedienten sich die ehemalige Schutztruppen
selbst durch Raubzüge nach Gallien und Italien, was die Römer veranlasste,
zurückzuschlagen und Strafexpeditionen zu unternehmen.
Die Alemannen wohnten zum
Teil in den verlassenen römischen steinernen Gebäuden und versuchten
sogar, die römische Kultur weiterzuführen, wie Funde aus Seligenstadt und
Groß-Bieberau beweisen. Andererseits bauten sie aber auch neue Gehöfte in
germanischer Holzbauweise.
Darüber wissen wir
auch von dem römischen Schriftsteller Ammianus Marcellinus, der Mitte des
3er Jahrhunderts einen römischen Kriegszug über den Rhein begleitet hat.
Er kam auch zu einem Ort, der Palas hieß, das scheint das heutige
Pfohlbach bei Miltenberg zu sein (Pfohl = Pfahl 'Limes').
Dort sei die Grenze zwischen den Römern und Burgundern gewesen.
Die Burgunder von der
Ostseeinsel Bornholm waren also um 370 jenseits des Limes im Bauland,
drangen aber schon seit Jahren an den Rhein vor und nahmen das katholische
Christentum an. Römische Quellen schildern sie später als ein friedliches
Völkchen, das sich aufs Bauhandwerk spezialisiert hatte, aber immer wieder
von den Hunnen belästigt wurde.
Namenparallelen zwischen
Orten im Ried und Burgund sowie sprachliche Indizien erwecken den
Anschein, dass Langwaden und übern Rhein Hahnheim und Saulheim
burgundische Gründungen sind. Bei Lampertheim wurden burgundische Gräber
entdeckt. Burgundischen Ursprungs scheint auch die lateinische
Grabinschrift der Remico von Goddelau zu sein - eins der ältesten
christlichen Zeugnisse in Südhessen.
Mit der Ruhe war's vorbei
seit dem Einfall anderer ostgermanischer
Stämme, die in der Neujahrsnacht 406/7 den Rhein überschritten, Mainz
zerstörten und Gallien verwüsteten. Diese Völkerflut riss auch die
Burgunder mit, deren König Gundacharius in
römischen Quellen zweimal erwähnt wird. Die Burgunder waren es wohl, die
Worms belagerten und eroberten und die Provinz Belgica besetzten. Das
Burgunderreich erstreckte sich also von Straßburg und der Mainspitze bis
zur Nordsee.
436 wurden die Burgunder
von den Römern vernichtend geschlagen. Gundacharius kam ums Leben und der
Rest seines Volkes wurde ins heutige Burgund umgesiedelt.
Die belgische Provinz war
nun vorübergehend wieder in römischer Hand, aber in der Rheinebene war ein
Machtvakuum entstanden, das fränkische Siedler anlockte, an die uns die
Namen auf -heim erinnern (Personennamen mit -s oder -n
+ heim wie Bensheim, Heppenheim).
Eine weitere Erinnerung
an diese Zeit ist die Grundlage der
Nibelungensage:
* Das Burgunderreich mit
der Hauptstadt Worms unter König Gunther, das ein tragisches Ende findet.
* Der fränkische
Abenteurer Siegfried, der sich in Worms niederläßt, und von dem
abenteuerliche Geschichten erzählt werden. (Tatsächlich hat sich wohl eine
fränkische Gruppe, die sich Nibelungen nannte, nach dem Untergang
der Burgunder in Worms niedergelassen und eine alte Sage von Siegfried und
seiner Ermordung mitgebracht.)
* Die Sage wurde Hunderte
von Jahre lang durch Erinnerungen an spätere Ereignisse und Personen
ergänzt, bis sie schließlich um 1200 im Nibelungenlied ihre endgültige
Fassung bekam.
Quer durch Südhessen
verläuft die Grenze zwischen fest und fescht: Die Grenze
läuft entlang des sog. alten Neckarbetts und des Nordrands des Odenwalds.
Nördlich dieser Grenze sagt man fest, südlich davon fescht.
Ähnlich werden nördlich und südlich dieser Linie unterschiedliche
Mundartwörter für dieselbe Sache gebraucht.
Dialektgrenzen verlaufen
nie zufällig, sondern immer parallel zu früheren politischen Grenzen. Die
fest- / fescht-Linie zeigt also wohl eine Demarkationslinie
zwischen den altansässigen Alemannen und den eindringenden Franken ab 436.
Die Franken waren wohl
wie die Alemannen ein militärischer Verband in römischen Diensten, der in
den Niederlanden und Belgien stationiert war. Ende des 4er Jahrhunderts
entmachtete der Franke Chlodwig die fränkischen Häuptlinge mit List und
Gewalt und schuf ein "Königtum der Franken", das sich von der Nordsee bis
an Mosel und Main erstreckte, brachte Gallien unter seine Gewalt und
unterwarf 498 auch die Alemannen.
Chlodwig begründete die
Dynastie der
a)
Merowinger,
die dann systematisch
fränkische Kolonien in Südhessen anlegten: Griesheim ('Sandheim'),
Rohrheim, Nordheim, Ostheim, Altheim, Nauheim ('Neuheim').
Teilweise scheinen diese Kolonien an vorhandene Siedlungen anzuknüpfen
(Nordheim an Bisistat = Bürstadt 'Stätte des Nordwinds'), Rohrheim
an den Gernsheimer Vicus.
Karte des 7er-Jahrhunderts
Die Merowinger
zersplitterten ihre Kräfte durch ständige Bruderkriege und Familienfehden.
Am Ende hatten die rheinfränkischen Hausmeier (Karl Martell,
Pippin) die tatsächliche Macht. 751 ließ sich Pippin zum König krönen und
begründete die Dynastie der
b)
Karolinger
Unter ihnen erfolgte eine
systematische Erschließung von Südhessen, unterstützt durch
Klostergründungen wie Lorsch (764), durch die erstmals Siedlungsnamen
aktenkundig wurden:
Heim war
ursprünglich ein einzelner Hof, der mit den Hütten der Arbeiter ein
kleines Dorf bildete. In karolingischer Zeit bedeutete Heim also
'Dorf', daher wurden neue Höfe -hof genannt, neue Dörfer hausen.
Durch Erbteilung wurde aus dem -hof ein -hofen.
Ein völlig neuer Namentyp
sind die Orte auf bach (ursprünglich wohl zu engl. back
'Rücken', später auf den Wasserlauf bezogen, Rodungsname im Odenwald).
-feld(en) dagegen
deutet an, dass der neue Hof mitten im "Feld" angelegt wurde wie die
modernen Aussiedlerhöfe. Frankenfeld hieß ursprünglich
Frenkenfeld und hat mit dem Stammesnamen nichts zu tun, sondern gehört
wohl zu pfrangen, pfrengen, pfrenken 'einschließen, einzäunen'.
Ein interessanter Fall
ist Gundernhausen, von dem eine Fulder Urkunde berichtet, es habe
früher Suntilingen geheißen, jetzt aber Gunterateshusen,
benannt nach einem Grundbesitzer Gunderat. Der alte Name erinnert
an das niedersächsische Süntelgebirge, dessen Bewohner Karl der
Große 804 im Rahmen der Sachsenkriege zwangsumgesiedelt hatte. Dagegen
scheint Sachsenhausen bei Frankfurt nach einem Gründer Sachso
benannt zu sein; bei den -sachsen-Orten bei Weinheim (Groß-,
Lützel-, Hohen-Sachsen, ursprünglich Sahsenheim 779) war der
Namensgeber wohl ein einzelner Niedersachse (vielleicht ein Verbannter).
Ein anderer Völkername
ist vielleicht in Lampertheim erhalten, das 832 Langbardheim und
Langobardonheim 'Heim der Langobarden' heißt - vielleicht ein Hinweis
auf die Unterwerfung dieses Volkes durch Karl d. Gr. 773-74, vielleicht
hieß der Ort aber tatsächlich 'Heim des Landbert, Lampert', und die
Anspielung auf den Stamm wäre nur ein Missverständnis.
Namensdeutung:
-heim Karte |
-heim Liste |
weitere Namen
Überlieferung der Siedlungsnamen
Name
Ein merowingisches
Gräberfeld zwischen Groß- und Klein-Rohrheim bezeugt eine frühe
Besiedlung. 793 wird Rorheim superior = Groß-Rohrheim genannt, was
die Existenz von Klein-Rohrheim voraussetzt; solche Zwillingsorte findet
man öfter. Klein-Rohrheim könnte einen römischen Bauernhof fortsetzen,
dessen Spuren man dort gefunden hat.
Name
wird 830/50 relativ spät
genannt, scheint aber seinem Namen nach in die frühe fränkische Zeit
zurückzugehen: 'Heim des Gerin / Gerun' (mit langem e und kurzem i / u).
Möglicher Grund für die späte Erwähnung: Gernsheim gehörte nicht zum
Kloster Lorsch, wurde als Königsgut nicht so bald verschenkt und nur
selten vom Herrscher besucht - also kein Grund, aktenkundig zu werden.
Name
hat zwar auch einen
merowingischen Friedhof, wird aber erst um 1200 als Bubenesheim
erwähnt ('Heim des Buobin' mit langem i). Da in Biebesheim wohl freie
Bauern wohnten, gab es noch weniger Gründe für eine Aktennotiz.
Name
heißt 764 Stochestat,
benannt wohl nach einem Grenzpfahl. 1338 wird in Stockstadt am Main (Stoddenstat)
ein eiserner Grenzpfahl genannt, der mitten im Main stand.
Namen:
Wasserhof |
Langwaden
liegen zwar außerhalb der
Gernsheimer Gemarkung, werden aber 830/50 im Reichsurbar als Zubehör zum
Gernsheimer Königshof genannt und sind wesentlich älter (suebisch,
burgundisch).
Name
829 ein einzelner Hof bei
Hähnlein, sonst nicht mehr erwähnt
Name
1166 als Neugründung an
Stelle eines wüst gewordenen Dorfes (= Prangenheim?) genannt; im 16er
Jahrhundert wird der Hof aufgegeben und nach dem 1. Weltkrieg als
Frankenfeld neu gegründet.
Name
scheint auf eine
mittelalterliche Einsiedelei zurückzugehen (1449 Flurname). 1493 wird die
Ecclesia Sancte Marie Ansidl in einem römischen Ablassbrief erwähnt
- der älteste Beleg für die südhessische Aussprache von "ein" als aon.
1929-66 gab es dort ein Kapuzinerkloster, das anschließend in ein
Jugendheim umgewandelt wurde.
Zu Beginn der Neuzeit
begann die Zersiedlung der Landschaft durch Einzelhöfe. Im Osten der
Gemarkung entstanden:
1613 Hof
Gräbenbruch (Gräbe
= Graf Katzenelnbogen bzw. Landgraf Darmstadt, Bruch 'Sumpf')
1693
Johannishof
(gegründet vom Mainzer Dechant Johannes Cüntzer, mit einer
Johanneskapelle)
1794
Fängenhof (vgl.
Fanggraben; fangen 'Wasser sammeln und ableiten')
1808
Wildehirschhof an der Grenze nach Hähnlein (wohl missdeutet aus wilde
Hörste 'wildes Gestrüpp'), Ende des Jahrhunderts wieder aufgegeben.
1886/88
Neuhof
Name
1937 als
nationalsozialistisches Bauerndorf gegründet. Allmende ist
'Gemeindeland, das dem Ortsbürger überlassen wird'. |