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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Siedlungen im Gernsheimer Raum

Vortrag zum 1150. Stadtjubiläum am 15.06.2002 in Gernsheim

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Der Anlass für das Jubiläum

Allgemeine Siedlungsgeschichte

Kelten

Sueben

Römer

Alemannen

Burgunder

Franken

Siedlungsgeschichte des Gernsheimer Raums

Rohrheim

Gernsheim

Biebesheim

Stockstadt

Wasserhof und Langwaden

Geroldshause

Frenkenfeld

Maria Einsiedel

Allmendfelder Höfe

Allmendfeld

 

I. Der Anlass für das Jubiläum

Eine Urkunde des Lorscher Codex vom 23.06.852 erwähnt, dass König Ludwig der Deutsche in Gerunesheim eine Verordnung zugunsten des Klosters Lorsch erließ. Das ist die erste datierte Erwähnung von Gernsheim. In den Jahrbüchern von Fulda steht 871 die Form Gerinesheim.

Leider nicht datiert (wohl aus der Zeit 830-50, spätere Abschrift) ist die älteste Nennung aus dem sog. Reichsurbar von Lorsch, wo die Rheinstadt Gernesheim genannt wird.

Aus diesen drei Texten geht hervor, dass es in Gernsheim einen Königshof gab, an dem sich König Ludwig der Deutsche mindestens zweimal aufgehalten hat. Das Reichsurbar berichtet von Abgaben, die die benachbarten Höfe an den König zu entrichten hatten.

II. Allgemeine Siedlungsgeschichte
des Rhein-/ Main-/ Neckarraums

1. Kelten

Die älteste benennbare Bevölkerungsschicht in Süddeutschland, die Kelten, sind im Ried archäologisch kaum greifbar. Sie haben aber andere Spuren hinterlassen, nämlich:

a) in der Mundart

z.B. Gelerrch 'baufälliges Gebäude' (gälisch làrach 'Ruine'); Mock 'Mutterschwein' (irisch muc 'Schwein'); Wutz = walisisch gwys 'Schwein'

b) in Siedlungsnamen

z. B. im Namen von Trebur = 764/5 Triburen (irisch treb 'Wohnung'). Ein Ort auf der Insel Anglesey (nördlich von Wales) heißt Trefor.

Der Kammerhof bei Leeheim hieß 865 uilla Camben (altkeltisch camba 'Krümmung')

2. Sueben

Schon in vorchristlicher Zeit drangen germanische Stämme aus Ostdeutschland, die Sueben, nach Südwesten vor, überschritten den Rhein und lieferten Caesar den Vorwand zur Eroberung Galliens. Sie setzten sich auch im Rhein-Main-Neckar-Raum fest und bildeten in römischer Zeit die Civitas Sueborum Nicretorum 'Verbandsgemeinde der Neckarsueben". Von ihnen haben die Schwaben ihren Namen. Am Nordrand des Bezirks lag Bisistat 'Stätte des Nordwinds' = Bürstadt.

Archäologisch sind die Sueben nachgewiesen in Darmstadt in der Nähe des Schlosses; der kaum verständliche Name Darmundestat scheint also von den Sueben geprägt worden waren. Ähnlich Autmundestat = Groß-Umstadt, das wie Seligenstadt und Dieburg-Altenstadt auf eine römische Ansiedlung zurückgeht.

Ein merkwürdiger Name, der wegen seiner Endung -iz, -oz germanisch sein  muss, ist Bibiliz, Bibiloz, das im Ried dreimal vorkommt (Biblis, Wasser Biblos und Altenbibeles = Wolfskehlen) - vielleicht eine Ableitung von beben mit der Bedeutung 'Schilfrohr, Ried' (vgl. Rohrheim). Wasser bezieht sich nicht direkt auf die Flüssigkeit, sondern ist ein altes Eigenschaftswort für 'nass' (englisch wet).

3. Römer

Seit Kaiser Vespasian setzten sich die Römer in Südwestdeutschland fest, sicherten die neue Provinz durch Kastelle und den Limes, bauten Straßen und versorgten die Bevölkerung durch gleichmäßig aufs Land verteilte Bauernhöfe.

Auch am Rheinknie entstand ein solches Kastell, das den Hafen und die Straßen nach HD-Neuenheim, Mainz und Dieburg sicherte, daneben ein Vicus (Zivilsiedlung) im Süden des heutigen Gernsheim. Auch in der Allmendfelder Gemarkung entstand eine kleine Garnison. Bauernhöfe in der Umgebung, auch in Klein-Rohrheim, sicherten die Verpflegung.

Nach dem Ausbau des Limes und der Befriedung der Provinz wurden die Kastelle aufgegeben; der Vicus bestand weiter.

Römische Spuren in Siedlungsnamen finden wir in Ladenburg (römisch: Lopodunum), Dieburg (Dietburg 'Heidenstadt'), Obernburg, alle römisch; burg hat hier noch die alte Bedeutung 'Stadt'.

Mitte des 2er Jahrhunderts waren die Römer durch den langen Zweifrontenkrieg - im Westen gegen die Germanen, im Osten gegen die iranischen Parther - wirtschaftlich so geschwächt, dass sie ihre Truppen in Südwestdeutschland reduzieren mussten. Spuren von Baumaßnahmen (Verkleinerung der Kastelle) zeugen heute noch davon. Schließlich zogen sie ihre Truppen und Einrichtungen hinter den Rhein zurück und überließen die "Wacht am Rhein" germanischen Söldnern, die noch lange ihre Kontakte zur alten Heimat in Ostdeutschland und Böhmen pflegten, wie römische Souvenirs beweisen, die dort gefunden wurden.

4. Alemannen

Diese germanischen Krieger ließen ihre Familien nachkommen und bildeten einen zunächst militärisch aufgebauten Verband, der sich Alemannen 'alle Männer = das gesamte militärische Aufgebot' nannten.

Als die römischen Soldzahlungen ausblieben, bedienten sich die ehemalige Schutztruppen selbst durch Raubzüge nach Gallien und Italien, was die Römer veranlasste, zurückzuschlagen und Strafexpeditionen zu unternehmen.

Die Alemannen wohnten zum Teil in den verlassenen römischen steinernen Gebäuden und versuchten sogar, die römische Kultur weiterzuführen, wie Funde aus Seligenstadt und Groß-Bieberau beweisen. Andererseits bauten sie aber auch neue Gehöfte in germanischer Holzbauweise.

Darüber wissen wir auch von dem römischen Schriftsteller Ammianus Marcellinus, der Mitte des 3er Jahrhunderts einen römischen Kriegszug über den Rhein begleitet hat. Er kam auch zu einem Ort, der Palas hieß, das scheint das heutige Pfohlbach bei Miltenberg zu sein (Pfohl = Pfahl 'Limes'). Dort sei die Grenze zwischen den Römern und Burgundern gewesen.

5. Burgunder

Die Burgunder von der Ostseeinsel Bornholm waren also um 370 jenseits des Limes im Bauland, drangen aber schon seit Jahren an den Rhein vor und nahmen das katholische Christentum an. Römische Quellen schildern sie später als ein friedliches Völkchen, das sich aufs Bauhandwerk spezialisiert hatte, aber immer wieder von den Hunnen belästigt wurde.

Namenparallelen zwischen Orten im Ried und Burgund sowie sprachliche Indizien erwecken den Anschein, dass Langwaden und übern Rhein Hahnheim und Saulheim burgundische Gründungen sind. Bei Lampertheim wurden burgundische Gräber entdeckt. Burgundischen Ursprungs scheint auch die  lateinische Grabinschrift der Remico von Goddelau zu sein - eins der ältesten christlichen Zeugnisse in Südhessen.

Mit der Ruhe war's vorbei seit dem Einfall anderer ostgermanischer Stämme, die in der Neujahrsnacht 406/7 den Rhein überschritten, Mainz zerstörten und Gallien verwüsteten. Diese Völkerflut riss auch die Burgunder mit, deren König Gundacharius in römischen Quellen zweimal erwähnt wird. Die Burgunder waren es wohl, die Worms belagerten und eroberten und die Provinz Belgica besetzten. Das Burgunderreich erstreckte sich also von Straßburg und der Mainspitze bis zur Nordsee.

436 wurden die Burgunder von den Römern vernichtend geschlagen. Gundacharius kam ums Leben und der Rest seines Volkes wurde ins heutige Burgund umgesiedelt.

Die belgische Provinz war nun vorübergehend wieder in römischer Hand, aber in der Rheinebene war ein Machtvakuum entstanden, das fränkische Siedler anlockte, an die uns die Namen auf -heim erinnern (Personennamen mit -s oder -n + heim wie Bensheim, Heppenheim).

Eine weitere Erinnerung an diese Zeit ist die Grundlage der

Nibelungensage:

* Das Burgunderreich mit der Hauptstadt Worms unter König Gunther, das ein tragisches Ende findet.

* Der fränkische Abenteurer Siegfried, der sich in Worms niederläßt, und von dem abenteuerliche Geschichten erzählt werden. (Tatsächlich hat sich wohl eine fränkische Gruppe, die sich Nibelungen nannte, nach dem Untergang der Burgunder in Worms niedergelassen und eine alte Sage von Siegfried und seiner Ermordung mitgebracht.)

* Die Sage wurde Hunderte von Jahre lang durch Erinnerungen an spätere Ereignisse und Personen ergänzt, bis sie schließlich um 1200 im Nibelungenlied ihre endgültige Fassung bekam.

Mundartgrenzen

Quer durch Südhessen verläuft die Grenze zwischen fest und fescht: Die Grenze läuft entlang des sog. alten Neckarbetts und des Nordrands des Odenwalds. Nördlich dieser Grenze sagt man fest, südlich davon fescht. Ähnlich werden nördlich und südlich dieser Linie unterschiedliche Mundartwörter für dieselbe Sache gebraucht.

Dialektgrenzen verlaufen nie zufällig, sondern immer parallel zu früheren politischen Grenzen. Die fest- / fescht-Linie zeigt also wohl eine Demarkationslinie zwischen den altansässigen Alemannen und den eindringenden Franken ab 436.

6. Franken

Die Franken waren wohl wie die Alemannen ein militärischer Verband in römischen Diensten, der in den Niederlanden und Belgien stationiert war. Ende des 4er Jahrhunderts entmachtete der Franke Chlodwig die fränkischen Häuptlinge mit List und Gewalt und schuf ein "Königtum der Franken", das sich von der Nordsee bis an Mosel und Main erstreckte, brachte Gallien unter seine Gewalt und unterwarf 498 auch die Alemannen.

Chlodwig begründete die Dynastie der

a) Merowinger,

die dann systematisch fränkische Kolonien in Südhessen anlegten: Griesheim ('Sandheim'), Rohrheim, Nordheim, Ostheim, Altheim, Nauheim ('Neuheim'). Teilweise scheinen diese Kolonien an vorhandene Siedlungen anzuknüpfen (Nordheim an Bisistat = Bürstadt 'Stätte des Nordwinds'), Rohrheim an den Gernsheimer Vicus.

Karte des 7er-Jahrhunderts

Die Merowinger zersplitterten ihre Kräfte durch ständige Bruderkriege und Familienfehden. Am Ende hatten die rheinfränkischen Hausmeier (Karl Martell, Pippin) die tatsächliche Macht. 751 ließ sich Pippin zum König krönen und begründete die Dynastie der

b) Karolinger

Unter ihnen erfolgte eine systematische Erschließung von Südhessen, unterstützt durch Klostergründungen wie Lorsch (764), durch die erstmals Siedlungsnamen aktenkundig wurden:

Heim war ursprünglich ein einzelner Hof, der mit den Hütten der Arbeiter ein kleines Dorf bildete. In karolingischer Zeit bedeutete Heim also 'Dorf', daher wurden neue Höfe -hof genannt, neue Dörfer ­hausen. Durch Erbteilung wurde aus dem -hof ein -hofen.

Ein völlig neuer Namentyp sind die Orte auf ­bach (ursprünglich wohl zu engl. back 'Rücken', später auf den Wasserlauf bezogen, Rodungsname im Odenwald).

-feld(en) dagegen deutet an, dass der neue Hof mitten im "Feld" angelegt wurde wie die modernen Aussiedlerhöfe. Frankenfeld hieß ursprünglich Frenkenfeld und hat mit dem Stammesnamen nichts zu tun, sondern gehört wohl zu pfrangen, pfrengen, pfrenken 'einschließen, einzäunen'.

Ein interessanter Fall ist Gundernhausen, von dem eine Fulder Urkunde berichtet, es habe früher Suntilingen geheißen, jetzt aber Gunterateshusen, benannt nach einem Grundbesitzer Gunderat. Der alte Name erinnert an das niedersächsische Süntelgebirge, dessen Bewohner Karl der Große 804 im Rahmen der Sachsenkriege zwangsumgesiedelt hatte. Dagegen scheint Sachsenhausen bei Frankfurt nach einem Gründer Sachso benannt zu sein; bei den -sachsen-Orten bei Weinheim (Groß-, Lützel-, Hohen-Sachsen, ursprünglich Sahsenheim 779) war der Namensgeber wohl ein einzelner Niedersachse (vielleicht ein Verbannter).

Ein anderer Völkername ist vielleicht in Lampertheim erhalten, das 832 Langbardheim und Langobardonheim 'Heim der Langobarden' heißt - vielleicht ein Hinweis auf die Unterwerfung dieses Volkes durch Karl d. Gr. 773-74, vielleicht hieß der Ort aber tatsächlich 'Heim des Landbert, Lampert', und die Anspielung auf den Stamm wäre nur ein Missverständnis.

Namensdeutung: -heim Karte | -heim Liste | weitere Namen

III. Siedlungsgeschichte des Gernsheimer Raums

Überlieferung der Siedlungsnamen

Rohrheim

Name

Ein  merowingisches Gräberfeld zwischen Groß- und Klein-Rohrheim bezeugt eine frühe Besiedlung. 793 wird Rorheim superior = Groß-Rohrheim genannt, was die Existenz von Klein-Rohrheim voraussetzt;  solche Zwillingsorte findet man öfter. Klein-Rohrheim könnte einen römischen Bauernhof fortsetzen, dessen Spuren man dort gefunden hat.

Gernsheim

Name

wird 830/50 relativ spät genannt, scheint aber seinem Namen nach in die frühe fränkische Zeit zurückzugehen: 'Heim des Gerin / Gerun' (mit langem e und kurzem i / u). Möglicher Grund für die späte Erwähnung: Gernsheim gehörte nicht zum Kloster Lorsch, wurde als Königsgut nicht so bald verschenkt und nur selten vom Herrscher besucht - also kein Grund, aktenkundig zu werden.

Biebesheim

Name

hat zwar auch einen merowingischen Friedhof, wird aber erst um 1200 als Bubenesheim erwähnt ('Heim des Buobin' mit langem i). Da in Biebesheim wohl freie Bauern wohnten, gab es noch weniger Gründe für eine Aktennotiz.

Stockstadt

Name

heißt 764 Stochestat, benannt wohl  nach einem Grenzpfahl. 1338 wird in Stockstadt am Main (Stoddenstat) ein eiserner Grenzpfahl genannt, der mitten im Main stand.

Wasserhof und Langwaden

Namen: Wasserhof | Langwaden

liegen zwar außerhalb der Gernsheimer Gemarkung, werden aber 830/50 im Reichsurbar als Zubehör zum Gernsheimer Königshof genannt und sind wesentlich älter (suebisch, burgundisch).

Geroldshause

Name

829 ein einzelner Hof bei Hähnlein, sonst nicht mehr erwähnt

Frenkenfeld

Name

1166 als Neugründung an Stelle eines wüst gewordenen Dorfes (= Prangenheim?) genannt; im 16er Jahrhundert wird der Hof aufgegeben und nach dem 1. Weltkrieg als Frankenfeld neu gegründet.

Maria Einsiedel

Name

scheint auf  eine mittelalterliche Einsiedelei zurückzugehen (1449 Flurname). 1493 wird die Ecclesia Sancte Marie Ansidl in einem römischen Ablassbrief erwähnt - der älteste Beleg für die südhessische Aussprache von "ein" als aon. 1929-66 gab es dort ein Kapuzinerkloster, das anschließend in ein Jugendheim umgewandelt wurde.

Allmendfelder Höfe

Zu Beginn der Neuzeit begann die Zersiedlung der Landschaft durch Einzelhöfe. Im Osten der Gemarkung  entstanden:

1613 Hof Gräbenbruch (Gräbe = Graf Katzenelnbogen bzw. Landgraf  Darmstadt, Bruch 'Sumpf')

1693 Johannishof (gegründet vom Mainzer Dechant Johannes Cüntzer, mit einer Johanneskapelle)

1794 Fängenhof (vgl. Fanggraben; fangen 'Wasser sammeln und ableiten')

1808 Wildehirschhof an der Grenze nach Hähnlein (wohl missdeutet aus wilde Hörste 'wildes Gestrüpp'), Ende des Jahrhunderts wieder aufgegeben.

1886/88 Neuhof

Allmendfeld

Name

1937 als nationalsozialistisches Bauerndorf gegründet. Allmende ist 'Gemeindeland, das dem Ortsbürger überlassen wird'.

   

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Übersicht

 

 

 

Datum: 2002 / 2006

Aktuell: 25.10.2012