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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Atlantis

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Der Bericht Platons

Die Quellen
Timaios

Kritias

Überlieferungskritik
Zweifel an den Kenntnissen

Unterschiedlicher Wert der Quellen

Überhöhte Zahlen
Wir wissen zu wenig über die Frühgeschichte Ägyptens und Griechenlands.
Schriftliche Quellen oder mündliche Epen?
Die geographischen Angaben
Zusammenfassung:
Kritik am methodischen Vorgehen
Folgerung

II. Woher kommt der Name Atlantis

III. Wo lag Atlantis

Lag Atlantis in der Nordsee?
Beweise für Helgoland
= Wattenmeer
Widersprüche zu Platon

Zusammenfassung

Wo lag denn sonst Atlantis?

 

 

I. Der Bericht Platons

1. Die Quellen

a. Timaios

Platon (gestorben 348/7) berichtet in seinem Dialog "Timaios" von einem Besuch des athenischen Gesetzgebers Solon (um 600) in Ägypten: Die ägyptischen Priester von Sais hätten ihm erzählt, es habe schon vor ca. 9.000 Jahren einen athenischen und vor ca. 8.000 Jahren einen ägyptischen Staat gegeben. Zu dieser Zeit habe das gesamte westliche Mittelmeer bis Italien und Nordafrika bis Ägypten unter der Vorherrschaft einer Insel Atlantis gestanden, die "vor den Säulen des Herakles" gelegen habe und so groß wie "Asien und Libyen zusammen" gewesen sei (bzw. ca. 400 x 600 km). Die Vorfahren der Athener hätten aber die Atlanter geschlagen; schließlich sei die Insel "während eines einzigen schlimmen Tages und einer einzigen schlimmen Nacht" untergegangen, ebenso wie das "ganze streitbare Geschlecht" der Urathener. Begleiterscheinungen seien "ungeheure Erdbeben und Überschwemmungen" gewesen. Das Meer über der versunkenen Insel sei unbefahrbar geworden, weil der "sehr hoch liegende Schlamm" die Schiffahrt behindere.

b. Kritias

Platon überliefert im "Kritias" außerdem ein anschauliches Bild von der Insel, ihrer mythischen Vorgeschichte und ihrer sozialen Organisation. Von diesen Ausführungen sind erwähnenswert: Die Atlanter stammen vom Gott Poseidon, ab; ihre Insel ist ungemein fruchtbar, so dass sie ihren ganzen Lebensunterhalt von der Insel selbst bestreiten können; sie fördern im Bergbau viele Metalle u. a. ein jetzt nur noch dem Namen nach bekanntes "Bergerz", das so wertvoll war wie Gold; auf der Insel gab es eine Stadt mit Königsburg, von ringförmigen Gräben und einem Kanal zum Meer hin umgeben; der Norden der Insel war gebirgig, der Süden eine Ebene; die Insel habe die Form eines Vierecks gehabt. Das Land sei eingeteilt gewesen in 60.000 Kleren (Gutshöfe), deren jeder einen Anführer, vier Pferde, 4 Mann Kavallerie, 9 Mann Infanterie und 4 Matrosen stellen musste. Die Streitmacht habe über 10.000 Streitwagen und 1.200 Kriegsschiffe verfügt und müsste eine Streitmacht von über einer Million Krieger gehabt haben.
Die Insel hätte also bei einer Grundfläche von der Hälfte der alten Bundesrepublik (Atlantis, 120.000 qkm, BRD 248.611 qkm) eine Armee gehabt, die doppelt so stark war, wie die Bundeswehr (1977: 490.350).

2. Überlieferungskritik

a. Zweifel an den Kenntnissen

i Was wussten die Zeitgenossen Platons von Ägypten?

Man kann bezweifeln, was die spätägyptischen Priester von Sais wirklich von der alten Zeit gewusst haben, was Solon davon verstanden hat und was wiederum Platon davon verstanden hat. Man muss mindestens annehmen, dass der Philosoph, Verfasser der "Nomoi" und der "Politeia" und Konstrukteur zweier Idealstaaten die Überlieferung in seinem Sinne ausgeschmückt hat.
Schon bei Herodot (4–er Jahrhundert) wird deutlich, wie wenig Kenntnis vom alten Ägypten in Griechenland selbst bei Kennern des Landes vorhanden war. Sollte man darum Platon, der das Land nicht aus eigener Anschauung kannte, mehr Kenntnis voraussetzen, als bei dem weitgereisten Herodot?

ii Was wussten die Ägypter zur Zeit Solons?

Man muss sich ferner klarmachen, dass Ägypten und seine Priester zur Zeit, Solons bereits auf eine 2500jährige Landesgeschichte zurückblicken, konnten. Die Priester von Sais lebten in der ägyptischen Spätzeit, als das altägyptische Staatswesen schon längst in Zerfall geraten war. Es lagen zwar Urkunden aus der klassischen Zeit vor, und die Buchstaben waren noch dieselben, wie 2500 Jahre früher, aber die Sprache hatte sich geändert, und es ist sehr unsicher, ob die Priester die alten Texte wirklich lesen und verstehen konnten.
Falls in Sais wirklich schriftliche Quellen über Atlantis vorgelegen haben, ist es doch möglich, dass nicht alles, was Platon darüber berichtet, aus diesen Quellen stammt, oder dass die Priester mehrere Überlieferungen zusammengeworfen haben.

b. Unterschiedlicher Wert der Quellen

Bei einer genaueren Sichtung der platonischen Überlieferung stellen wir fest: Platon berichtet im "Timaios" recht ausführlich über den Besuch Solons in Ägypten und bringt in diesem Zusammenhang die "Sage", wie er es selbst nennt, von der atlantischen Großmacht, ihrer Niederlage gegen die Athener und dem Untergang sowohl von Athen als auch von Atlantis. In seinem letzten Dialog Kritias dagegen bringt der Philosoph seinen detaillierten Bericht über Land und Leute.
Es ist also anzunehmen, dass Platon im Timaios alte Überlieferungen zitiert, während er im Kritias mehr ein utopisches Idealland konstruiert, wie er es auch in anderen Werken getan hat. Den Kritias können wir also vergessen. Denkbar wäre freilich, dass hier Platon aus anderen Quellen (Reisebeschreibungen?) schöpft.

c. Überhöhte Zahlen

Was die Zahlen angeht, so gibt es doch nachprüfbare Fakten:
Die ägyptische Geschichtswissenschaft ist heute einmütig der Meinung, dass das ägyptische Staatswesen um 3.000 v. Chr. begründet wurde. Platon behauptet, dagegen, es sei zur Zeit Solons schon 8.000 Jahre alt gewesen, während der athenische Staat noch 1000 Jahre älter sei.
Die ältesten Siedlungsspuren in Athen weisen dagegen in die Zeit um 3.000 [1]. Die saitischen Priester haben also das Alter ihres Staates ums Dreifache überschätzt.
Nun stehen diese Angaben freilich im glaubwürdigeren Timaios. Wenn aber im Kritias angegeben wird, die Insel Atlantis sei halb so groß wie die alte Bundesrepublik gewesen [2] und habe ein Heer unterhalten, das stärker als die Bundeswehr gewesen sei, so wirken diese Angaben übertrieben.
Dass Zahlen in historischen Angaben unwahrscheinlich hoch sind, finden wir auch in anderen Fällen:

  • Die sumerischen Urkönige regierten Hunderttausende von Jahren.

  • Die biblischen Urväter erreichten ein Alter von knapp 1.000 Jahren.

  • Mose sei mit 600.000 Mann (= Israel zur Königszeit) aus Ägypten ausgezogen.

  • Goliath sei über 3 m groß gewesen

  • De Arche Noah habe die Größe eines modernen Supertankers gehabt.

d. Wir wissen zu wenig über die Frühgeschichte Ägyptens und Griechenlands.

Die großen Zahlen in der Atlantisüberlieferung sind also von vornherein verdächtig, so dass wir keine Schlüsse daraus ziehen können. Immerhin wäre denkbar, dass die Blütezeit und der Untergang von Atlantis in die ersten Anfänge, des ägyptischen Alten Reiches fielen, über dessen Geschichte wir nur unzureichend informiert sind. Über das vorhellenische Athen dagegen wissen wir so gut wie gar nichts. Es ist uns aus geschichtlicher Zeit nicht bekannt, dass Ägypten von einer westlichen Macht beherrscht worden wäre, die von Athen besiegt wurde. Ebensowenig ist mir von einer Überschwemmungskatastrophe in Athen aus historische Zeit bekannt.

e. Schriftliche Quellen oder mündliche Epen?

Die ältesten geschichtlichen Erinnerung der Menschheit sind uns in Form von Epen überliefert, also nicht als verschwommene Traditionen, sondern als ausformulierte, wörtlich überlieferte Dichtung. Von daher wäre es möglich dass ein geschichtliches Ereignis über Jahrtausende mündlich weiterüberliefert wird; einer schriftlichen Aufzeichnung, wie Platon meint, bedarf es dabei nicht.

i Beispiel: Die Sintflutsage

Klassisches Beispiel ist die orientalische Sintflutsage, die erstmals von den Sumerern wahrscheinlich im 2–er Jahrtausend als Epos aufgezeichnet wurde, mehrere akkadische Bearbeitungen erfuhr, wohl in mündlicher Form in Palästina bekannt wurde, und auf diese Weise 2000 Jahre später in die Bibel gelangte. Das Ereignis selbst, die Sintflut, lag schon im zur Zeit der ältesten Aufzeichnung in grauer Vorzeit.

ii Schlüsse daraus:

Interessant ist an diesem Beispiel folgendes:

  • Die Sage hat politische Umwälzungen überstanden (Besetzung Mesopotamiens durch die Akkader) und geographische und kulturelle Grenzen überschritten.

  • Die sumerische Sintflut und die Arche waren wesentlich bescheidener als die biblische, der sumerische Noah nahm zwar eine ganze Schiffsbaufirma, dafür aber nur seine Haustiere mit. Die Sage neigt also im Laufe der Überlieferung dazu, die Zahlen zu vergrößern und dem Ereignis eine möglichst globale Bedeutung zu geben.

Von daher gesehen wäre es denkbar, dass sich in Ägypten tatsächlich vorägyptische Traditionen gehalten haben.

f. Die geographischen Angaben

An der Sintflutsage lässt sich ferner zeigen, dass die geographischen Verhältnisse zwar ziemlich getreu weiterüberliefert werden, dass man sich aber trotzdem an der jeweils bekannten Geographie orientierte.

  • Der sumerische Noah landete auf dem Berg Nisir in Kurdistan,

  • der biblische auf dem Araratgebirge in Armenien,

  • der griechische auf dem Parnass bei Korinth,

  • der indische auf dem Himalayagebirge.

Wir müssen also vermuten, dass die überlieferten geographischen Angaben der Sage sich nicht mit den geographischen Vorstellungen eines Solon oder Platon decken.

i Die "Säulen der Herakles"

Die Insel Atlantis lag nach Platon "außerhalb der Säulen des Herakles", wobei Platon hervorhebt, dass der saitische Priester versucht habe, eine ägyptische geographische Bezeichnung dem Griechen Solon begreiflich zu machen. Wir dürfen also diese Ortsangabe nicht pressen.
Unter den "Säulen des Herakles" verstand man im Altertum die Meerenge von Gibraltar, wobei sich die Griechen bewusst waren dass diese Identifikation nicht ursprünglich ist: Die Säulen hießen so, weil sie Herakles sie auf seiner Reise nach Westen errichtet hatte. Ein mythologisches Bild (ursprünglich wohl von den beiden Bergen, zwischen denen die Sonne auf– und unter geht) wurde also von den Griechen auf eine geographische Gegebenheit am Ende der damals bekannten Welt übertragen.

Was aber verstanden nicht die Griechen, sondern die Vorfahren der Ägypter darunter?
Die Ägypter des Alten Reiches hatte nur unvollkommene Vorstellungen von den Ländern außerhalb ihrer eigenen, Grenzen. Den Orient lernten sie erst im 2. Jahrtausend durch Kriegszüge und Handel kennen. Mit ihren westlichen Nachbarn, den Libyern, standen sie auf dem Kriegsfuß.
Überlieferte geographische Bezeichnungen aus uralter Zeit können also nur sehr ungenau und ungefähr sein: "ganz weit weg, hinterm Berg, dort wo die Sonne auf– oder untergeht".

ii Der "Horizont"

Unter den Hieroglyphen gibt es ein Zeichen, das die Sonne zwischen zwei Bergen zeigt und die Bedeutung 'Ort des Sonnenauf- oder Untergangs, Horizont' hat und achet o. ä. (mit weichem ch) gesprochen wurde. Das zugehörige Wort achti bedeutet 'Horizontbewohner', bezeichnet also die Leute, die ganz weit weg wohnen, im fernen Osten oder Westen.
So ungefähr, ungenau (noch nicht mal die Himmelsrichtung ist eindeutig) müssen wir uns eine eventuelle altägyptische Nachricht über Atlantis vorstellen. Dennoch ist anzunehmen, dass man in Ägyptern in diesem Fall nicht an den näher gelegenen Orient, sondern an den fernern Okzident gedacht hat, denn

  • es kamen die Ägypter als sesshafte Bauern in alter Zeit zwar kaum in den Orient, dafür aber kamen die Orientalen immer wieder, auch ungebeten, nach Ägypten. so dass die Ägypter doch einigermaßen genaue Vorstellungen von den Ländern im Osten hatten. Eine sagenhafte terra ignota konnte also nur im Westen liegen.

  • war jedem Ägypter klar, dass das Land der Toten im Westen liegt, da wo die lebensspendende Sonne untergeht. Im Westen, auf Wüstenboden, stehen auch seit uralter Zeit die Pyramiden. Wo anders hätte man ein versunkenes Land suchen sollen? Das hat also mit historischen Erinnerungen gar nichts zu tun, sondern ergab sich aus dem primitiv-anschaulichen Weltbild der Ägypter von selbst.

  • berichtet die platonische Überlieferung ausdrücklich, dass die versunkene Insel ganz Nordafrika sowie die europäischen Mittelmeerländer mit Ausnahme von Griechenland beherrscht hätte. Eine solche Macht aber, die zwar über Italien, aber nicht über Griechenland gebietet, müsste man ja wohl im Westen suchen Aber das ist das schwächste Argument für den Westen, weil man ja bei den Alten keine besonderen geographischen Kenntnisse voraussetzen darf. Libyen, das kannten die Ägypter als aggressiven Nachbarn; aber wussten sie was von Italien, von Mauretanien, von Spanien?

g. Zusammenfassung

Wenn sich auch nicht leugnen lässt, dass mündliche Überlieferung Jahrtausende überbrücken, kann, wenn sie in epischer Form verdichtet ist, sind doch erhebliche Bedenken gegenüber dem platonischen Bericht anzumelden:

i Die Zeitangaben sind verdächtig,

weil die Sage leicht bereit ist, überlieferte Zeiträume und Größen zu überschätzen, und zur angegebenen Zeit (8–9000 Jahre vor Solon) noch gar keinen ägyptischen Staat gegeben hat.

ii Die geographischen Angaben sind verdächtig,

weil man bei den Ägyptern der alten Zeit nur ungenauer geographische Kenntnisse erwarten darf.

iii Die Angaben über Land und Leute von Atlantis im Kritias sind verdächtig,

weil Platon eine Schwäche für Idealstaaten hatte, so dass anzunehmen ist, dass bei den Angaben im Kritias seine Phantasie eine erhebliche Rolle gespielt hat.
Als Überlieferungskern bleibt trotzdem bestehen: Ein Volk, das aus dem Westen kam, hat in vorgeschichtlicher Zeit über Ägypten geherrscht und wurde von einer Großmacht im ägäischen Raum geschlagen. Später ging sowohl die Heimat des Westvolkes als auch der ägäischen Großmacht in einer Naturkatastrophe unter.

II. Woher kommt der Name Atlantis?

III. Wo lag Atlantis?

1. Lag Atlantis bei den Azoren?

Otto Muck, "Alles über Atlantis" behauptet, Atlantis sei das heute 3.000 m unter dem Meeresspiegel liegen Azorenplateau, das infolge eines Planetoiden-Einschlags am 05.06.8498 v. Chr. im Ozean versunken sei.

a. Beweise für die Azoren

Als Beweise führt Muck u.a. an

  • Das Azoren-Plateau hat in etwa die von Platon überlieferte Größe von ca. 400 x 600 km; die Azoren haben das bei Platon vorausgesetzte milde Klima.

  • Die Insel Atlantis habe dem Golfstrom den Weg nach Norden versperrt; ihr Untergang habe dem Strom den Weg nach Norden freigegeben, so dass das Ende der Eiszeit anbrach und die Gletscher zu schmelzen anfingen. Dieser Prozess wäre allerdings durch vulkanische Aschewolken, die Jahrtausendelang über Europa hingen, stark, verzögert worden.

Dagegen spricht folgendes: Der Golfstrom fließt heute nördlich von den Azoren; vorausgesetzt, dass er seine Bahn im Süden nicht verändert hat, wäre also eine Insel an den Azoren keine Sperre gewesen, die den Weg nach Norden verhindert und die Eiszeit ermöglicht hätte.
Der Wegfall einer Golfstromsperre würde zwar sehr gut das Ende der letzten Eiszeit erklären, nicht aber, wie es zu dem wiederholten Wechsel zwischen Eis- und Warmzeiten im Quartär gekommen ist.
Muck selbst relativiert. den Beweis dadurch, dass er zugibt dass der Abschmelzungsprozess der Gletscher länger gedauert hat als es bei einer plötzlichen ständigen Zufuhr von warmem Golfstromwasser zu erwarten gewesen wäre. Seine Erklärung: Eine dicke Wolke aus vulkanischer Asche habe jahrtausendelang in Europa den Himmel verdunkelt und die Sonneneinstrahlung behindert.

Die Azorentheorie hat ihre Wurzel aber ganz woanders: Man versuchte zu erklären, warum es in der Alten und neuen Welt so viele biologische Gemeinsamkeiten gibt (z.B. Wolf, Hirsch, Leopard / Jaguar): Es habe dazwischen eine Landbrücke gegeben, die versunken sei. Diese Annahme ist durch die inzwischen hinlänglich nachgewiesene Kontinentalverschiebung hinfällig. Tatsächlich liegen die Azoren im Bereich des mittelatlantischen Rückens mit seinen vielen Vulkanen. Er steigt auf und ist nicht abgesunken.

  • Die merkwürdige Wanderung der europäischen Aale ins Sargasso-Meer vor Nordamerika sei am besten durch den Untergang von Atlantis zu erklären. Die Aale wären ursprünglich mit dem Golfstrom geschwommen, der von den Azoren nach Süden abgelenkt wurde und wieder an seinen Ursprung zurückkehrte. Als der Strom seine Richtung änderte, hätten das die Aale nicht gemerkt und wären statt in die Flüsse von Atlantis in die europäischen Flüsse geraten. Den Wechsel von Süß- und Salzwasseraufenthalt begründet Muck damit, dass die weiblichen Aale nur im Süßwasser die Geschlechtsreife erlangen könnten .

Einleuchtender lässt sich aber das merkwürdige Verhalten dieser Fische wohl durch die Kontinentalverschiebung erklären Die Aale sind seit der Kreidezeit nachweisbar, also vor der Trennung zwischen der alten und der neuen Welt. Sie haben sich nach dieser Trennung angewöhnt, vielleicht aus Gründen der Nahrungsbeschaffung zwischen den Flüssen und dem entstehenden Atlantik hin und herzuwandern. Unglücklicherweise geriet ihr Orientierungspunkt im Ozean durch die Kontinentalverschiebung immer weiter nach Westen, so dass sie immer weitere Wege zurücklegen mussten. Eine Insel mitten im Atlantik ist für diese Erklärung nicht notwendig.

b. Beweise für den Planetoiden-Einschlag

  • Als Beweis für den Planetoidenanschlag gibt Muck u.a. ein halb überseeisches, halbunterseeisches Kraterfeld an der Ostküste von Nordamerika an, dazu zwei ovale Tiefseelöcher im Nordwestatlantik.

Dass in vorgeschichtlicher Zeit mehrfach große Himmelskörper die Erde getroffen und riesige Krater eingeschlagen haben, ist unbestritten. Aber man darf nicht den methodischen Fehler begehen, willkürlich die Entstehung solcher Krater in einer Zeit zu legen, die für irgendeine Theorie geeignet ist.

  • Ein Glied in der Beweis– und Indizienkette ist die Lößschicht die sich in einem breiten Streifen durch Europa bis nach Russland zieht. Muck behauptet, das sei der vom Westpassat abgelagerte Staub von der Atlantiskatastrophe. Er greift die gängige Lehrmeinung an, wonach diese Staubablagerungen während der Eiszeit vom Wind angetrieben worden wären.

Wenn aber Muck Recht hat, müsste man sich fragen, warum dann im mehrmals vergletscherten Nordeuropa kein Löß zufinden ist. Denn der vulkanische Staub müsste sich doch auch über den Gletscherresten. abgelagert haben und beim (wie Muck betont) langsamen Abtauen auf dem Boden geblieben sein. Dagegen würde sich die Lößverteilung in Europa zwischen den vereisten Gebieten im Norden und in den Alpen gut als Windablagerungen in den nicht vereisten Tundren- und Steppengebieten Mitteleuropas erklären lassen: Im Norden und Süden Hochgebirge aus Steinen und Eis, dazwischen ein langer Steppenstreifen von West nach Ost, der den Westwinden keinen nennenswerten Hindernisse entgegenstellte.
In Asien scheinen die Verhältnisse etwas anders zu liegen. Zwar zieht sich der Lößstreifen da anscheinend auch nördlich des jungen Faltengebirges entlang; aber in Asien herrschen andere Windverhältnisse – gerade im lößreichen China: nach Jahreszeiten wechselnder Monsun vom Land aufs Meer und umgekehrt. Heute jedenfalls scheint kein Zusammenhang zu bestehen zwischen dem europäischen Westwind und dem asiatischen Monsun.

c. Kritik am methodischen Vorgehen

Das methodische Vorgehen Mucks sieht so aus, dass er aus welchen Gründen auch immer Atlantis mit dem versunkenen Azoren-Plateau gleichsetzt. Nun sucht er dazu Beweise und findet sie auch. Über die Beweise kann man sich im Einzelnen streiten, aber man wird regelrecht erdrückt von der Fülle von Material, das sich kaum nachprüfen lässt.

Ein methodisch sauberes Vorgehen wäre gewesen, nicht von einer Behauptung auszugehen, die bewiesen werden muss, sondern von Befunden auszugehen und daraus versuchen, Schlüsse zu ziehen. Nun wird man freilich zugeben, dass man aus einer Kombination von Eiszeit, Aalwanderung, Kraterfeld usw. nicht zwingend auf Atlantis kommen muss. Wenn eine Theorie so global und lückenlos alles erklärt, muss man doch stutzig werden.

d. Folgerung

Viele Einzelbeweise sind also nicht stichhaltig; es ist ferner die Frage, ob das methodische Vorgehen (Beweise suchen für eine vorgegebene Theorie und daraus weitere Schlüsse ziehen) berechtigt ist. Der Beweis, Atlantis sei das untermeerische Azorenplateau gewesen, ist also nicht überzeugend geglückt.
Mucks Theorie, das mag man ihr zugute halten, hat immerhin für sich, dass sie den Bericht Platons wörtlich nimmt und damit zu einer zunächst plausiblen Lösung kommt: Die versunkene Insel lag im Nordatlantik und versank 8–9.000 Jahre vor Solon. Nur das eben der Beweis nicht gelungen ist.

2. Lag Atlantis in der Nordsee?

Jürgen Spanuth [3] hat eine Fülle von Material zusammengetragen, die beweisen soll, dass Atlantis in der Nordsee lag (Überrest: das heutige Helgoland), und dass die Katastrophe von Atlantis im Zusammenhang steht mit der Seevölkerwanderung.

a. Beweise für Helgoland

Nun gibt es eine Fülle überzeugender Argumente, die dafür sprechen, dass die Seevölker aus dem Nordseeraum kamen, der durch das Schmelzwasser der Eiszeitgletscher allmählich vom Meer verschlungen wurde. Noch in historischer Zeit hat sich die See immer wieder ein Stück Festland nach dem anderen geholt.

i Archäologische Indizien

wie Ähnlichkeiten in Kleidung, Bewaffnung und Schiffbau zwischen Nordleuten und Seevölkern

ii Griechische Überlieferungen

Die frühen Griechen hatten offenbar Beziehungen zu Mitteleuropa und dem Nordseeraum, die in späterer Zeit wieder in Vergessenheit gerieten:

  • Die Hyperhoreer bei Herodot, die jährlich Opfergaben nach Griechenland schickten, zuerst durch persönliche Boten, später "per Post" über die Skythen und andere Stämme.

  • Die Argonautensage berichtet in einer Fassung, die Helden wären auf dem Rückweg vom Schwarzen Meer donauaufwärts gefahren, hätten dann das Schiff ein Stück über Land transportiert und seien über einen anderen Fluss in das Bernsteinland gelangt; ähnliches scheint die Odyssee von ihrem Helden zu berichten. Unabhängig von der Frage nach dem historischen Gehalt dieser Sagen ist doch zu erkennen, dass den Griechen der Weg über die Flüsse oder übers Meer in den Norden in alter Zeit noch vertraut war.

  • Herakles kommt bei seinen Abenteuern auf die "rote" Insel Erytheia, die außerhalb der nach ihm benannten Säulen liegt. Er fährt dorthin von Nordafrika aus auf einem Schiff, das ihm der Sonnengott geliehen hat. Zuerst muss er aber den König von Iberien besiegen, dann fährt er auf die Insel und tötet den dreileibigen Riesen Geryones [4] und kehrt nach einer Fassung der Sage über Gallien und Italien wieder nach Griechenland zurück.
    Später hat man die Insel mit Gadeira und Tartessus/ Südspanien identifiziert. Dies widerspricht aber der klaren Aussage der Geschichte, wonach Erytheia eine Insel ist, die man von Iberien aus erreichen kann. Die Insel aber muss außerhalb des Mittelmeeres liegen. Außerdem sollte man bei der Seefahrt mit dem Schiffchen des Sonnengottes eher an eine weitere Reise denken als nur an die von Nordafrika nach Spanien. Warum hat dann Herkules nicht den kürzesten Weg über die Straße von Gibraltar genommen?

  • Die griechische Sage weiß etwas von, alten Beziehungen zwischen Griechenland und Ägypten: Aigyptos und Danaos sind Brüder und kommen aus Libyen Aigyptos besetzt Ägypten und Danaos zieht nach Griechenland. Die Töchter des Danaos heiraten die Söhne des Aigyptos bringen sie um und werden dafür  im Tartaros bestraft. Das klingt beinahe wie ein Nachhall der Atlantisgeschichte und verweist wiederum auf die Seevölker (Danaer).

iv Die Seevölker

Die von den Ägyptern besiegten Seevölker gaben an, ihre Heimat sei im Meer versunken. Das könnte freilich auch für die Ägäis gelten (Explosion des Santorin-Vulkans mit entsprechenden Verwüstungen, u.a. von Kreta), Aber waren die Seevölker wirklich in der Ägäis zu Hause, oder kamen sie von weiter her? In welchem Verhältnis steht z.B. der Seevölkersturm zur dorisch-illyrischen Wanderung? 

Einige Indizien weisen sogar noch deutlicher auf eine Identität zwischen versunkenem Nordseeland und Atlantis:

v Das "Bergerz"

Das auf Atlantis, abgebaute wertvolle Bergerz, das dem Golde gleich geachtet wurde, wird von manchen Forschern mit dem Bernstein identifiziert, der an der Nord und Ostseeküste gefunden wird. [6]

vi Der Hauptgott Poseidon = Fosites

Hauptgott von Atlantis war nach Platon Poseidon, von dem auch die Atlanter angeblich auch abstammten. Dieser Gott wurde in klassischer Zeit als Meeresgott verehrt, obwohl er in. ursprünglich ein Gott des Festlandes war (Name abgeleitet von Posis Das 'Herr der Erde'), der den Beinamen, "Erderschütterer" trug und dem das Pferd geheiligt war. Zum Meeresgott wurde er offenbar dadurch, dass er von seefahrenden Völkern verehrt wurde, u.a. von den Griechen.
Interessanterweise trug der Hauptgott der Friesen, der in Helgoland, dem 'heiligen Land' seinen Tempel hatte, denselben Namen: Fosites – mit einer anderen Endung die lautgerechte germanische Entsprechung zum griechischen Namen Poseidon. Fosites wird übrigens erst sehr spät genannt (Ende des 1. Jahrtausends) und spielt in der bekannten germanischen Mythologie und in der Edda keine Rolle.

vii das unbefahrbare Meer = Wattenmeer

Nach Platon war das Meer nach dem Untergang von Atlantis wegen des in geringer Tiefe befindlichen Schlamms, den die untergehende Insel zurückließ, unbefahrbar. Dies kann man nur mühsam wie Muck durch auf dem Wasser treibenden Bimssteinen, erklären; viel einleuchtender ist es, an das seichte Wattenmeer der Nordsee zu denken, das bei Ebbe ebenfalls unbefahrbar ist.

b. Widersprüche zu Platon

Nun sind das allerdings zwar Indizien für eine Beziehung zwischen Nordseeraum und Ägäis, nicht aber ein Beweis, für die Identität zwischen versunkenem Nordseeland und Atlantis; dafür sind die Widersprüche zum Bericht von Platon zu groß

i Katastrophen in Politik und Natur vertauscht

Die Seevölkerwanderung wurde von Naturkatastrophen ausgelöst; der Naturkatastrophe folgte die politische. Bei Atlantis war es umgekehrt: Die Atlanter wurden auf dem Höhepunkt ihrer Macht von den Athenern geschlagen (Danaiden ermorden die Aigyptiden?); erst dann ging die Insel unter.

ii Reihenfolge der Angriffe vertauscht

Die Seevölkerwanderung ging von der Ägäis aus; die Seevölker hatten also "Athen" besetzt, oder "Athen" war sogar ihre Heimat, griffen Ägypten an und wurden von den Ägyptern geschlagen. Bei Atlantis war es gerade umgekehrt: Die Atlanter hatten Ägypten besetzt und wurden von den "Athenern" geschlagen.

iii Himmelsrichtungen vertauscht

Nach Platon war der Norden von Atlantis gebirgig, der Süden dagegen flach; bei alten Helgolandkarten ist es dagegen gerade umgekehrt: der heutige Rest, das Sandsteinmassiv, lag im Südwesten, die flache Hauptmasse der Insel dagegen im Nordosten.

Nun sind ja auch echte Erinnerungen manchmal falsch. Wenn diese drei Gegenargumente nicht stichhaltig sind, beweist das freilich noch nichts für Helgoland.

c. War Atlantis auf der Doggerbank?

Wenn überhaupt, kann Atlantis nicht Helgoland gewesen sein, sondern es müsste sich überhaupt um versunkenes Nordseeterrain handeln. Am ersten wäre noch an die Doggerbank zu denken, die nur 13–35 m unter dem Nordseepegel liegt und relativ spät endgültig im Meer versunken sein müsste. Die höchsten Teile der Doggerbank liegen nur wenig tiefer als der Meeresboden bei den Friesischen Inseln. Auch bei der Doggerbank müsste man annehmen, dass sie nicht plötzlich, sondern allmählich im Meerversunken ist. [7]

d. Zusammenfassung

Es gibt zwar viele Gründe, die für einen Zusammenhang zwischen der Seevölkerwanderung und dem Untergang alten Nordseeterrains sprechen; eine Gleichsetzung mit Atlantis ist aber auch hier problematisch, weil viele Einzelheiten nicht mit der überlieferten Sage übereinstimmen.

3. Wo lag denn sonst Atlantis?

Wir werden uns damit begnügen müssen, dass der Atlantisbericht von Platon zwar einen oder mehrere historische Kerne hat, dass er aber durch den Traditionsprozess dermaßen entstellt ist, dass ihm keine exakten Angaben mehr zu entnehmen sind, die eine Identifizierung der Insel möglich machen.
Der Versuch Mucks (Atlantis bei den Azoren) nimmt zwar die Überlieferung wörtlich, ist aber in der Beweisführung nicht überall überzeugend und in den Ausführungen äußerst fragwürdig.

Eine Lokalisierung in der Nordsee hat sachlich viel für sich, scheitert aber an Einzelheiten der Überlieferung.
Mit welchem Recht zweifeln wir diese und jene Einzelheit in der Überlieferung, an und glauben dafür ein anderes Detail der Tradition? Wenn wir grundsätzliche Zweifel an Platons Bericht hegen, können wir ihn nicht als Grundlage für die Suche nehmen. Entweder wir glauben ihn ganz oder gar nicht.
Wobei, wie oben gezeigt, Zweifel an der Überlieferung schon angebracht sind. Aber was sind die Kriterien für die Glaubwürdigkeit? Atlantis wird also für immer nicht nur im Meer, sondern im ewigen Vergessen versunken bleiben.

   

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 





 


 

 

[1] Der kleine Pauly 1 687

 

[2] Timaios: so groß wie Kleinasien und Nordafrika zusammen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


 

 

 

 

 

 

 

 


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

[3]  Ich beziehe meine Kenntnisse aus einem Jugendbuch "Das Neue Universum" um 1956. Neuere Veröffentlichungen:  Die Atlanter, Volk aus dem Bernsteinland.  Atlantis – Heimat, Reich und Schicksal der Germanen. … und doch Atlantis enträtselt.  Atlantis, eine Germania der Bronzezeit

 

 

 

 

 

 

 

 


 

 

 

 

 

 

[4] Hesiod Theogonie 290

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

[6] Platon denkt aber an ein Metall

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

[7] Vor 7.000 Jahren erreichte das Wasser den Nordrand, nach 1.4000 Jahren war die Bank ganz überflutet.

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Übersicht

 

 

 

Datum: 1986 / 2006

Aktuell: 26.03.2016