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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Zukunft

Ferienbibelseminar des Ev. Dekanats Reinheim

08.-15.04.1988

Apokalyptisches Bilderbuch

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Die himmlische Mutter

Kap 12 bringt Johannes eine eigenartige Erzählung, die eine heidnische Vorgeschichte zu haben scheint: Eine himmlische Frau in Kindsnöten wird von einem Drachen bedroht, der das Kind verschlingen will. Das Kind wird zu Gott entrückt; die Frau kann in die Wüste fliehen. Der Drache wird von Michael und seinen himmlischen Scharen aus dem Himmel verjagt und verfolgt jetzt auf der Erde die Frau und ihre anderen Kinder, da er das Kind, was er ursprünglich fressen wollte, nicht erreichen kann.

Die Himmelsfrau wird mit astrologi­schen Bildern beschrieben: bekleidet mit der Sonne, den Mond unter ihren Füßen, 12 Sterne (= der Tierkreis?) als Krone auf ihrem Kopf. Eine ähnliche Zusammenstellung finden wir in einem Traum Josefs. [1] Man ist geneigt, an das Sternbild der Jungfrau zu denken, das aber eins von den 12 Sternbildern des Tierkreises ist.

Da die Sonne im Mittelpunkt steht, ist wohl eher an die heidnischen Geschichten von der Geburt des Sonnen­gottes gedacht, der von einem Ungeheuer gleich nach der Geburt gefressen werden soll. Seiner Mutter gelingt aber die Flucht, und später besiegt der junge Gott das Ungeheuer.

 

Ägyptisch

Griechisch

Mutter

Isis

Leto

Sohn

Horus

Apollon

Gegner

Seth

Typhon

Johannes hat aber den Mythos nicht unmittelbar aus dem Heidentum übernom­men, sondern in einer jüdischen Bear­beitung; danach ist die Mutter das Volk Israel, der Sohn der Messias und der Drache selbstverständlich der Teufel. Mutter Israel und ihre Kinder werden verfolgt, weil der Teufel des Messiasses nicht habhaft werden kann.

Johannes hat die Geschichte ins Christ­liche umgedeutet; so entstehen jetzt zwei Schwierigkeiten:

1. Die verfolgte Frau ist jetzt die Kirche; sie kann aber nicht die Mutter Christi sein; entweder handelt es sich also im ersten Teil um eine Person (Maria) oder weiterhin um das Volk Israel, aus dem der Christus hervorgegangen ist. Es muss aber gesagt werden, dass für Johannes Israel und die Kirche irgend­wie eins sind – weder in dem Sinn, dass Juden und Christen ein einiges Gottesvolk sind, noch in dem Sinn, dass die Kirche der Rechtsnachfolger des alttestamentlichen Gottesvol­kes ist. Wenigstens im Himmel gehören beide zusammen; darauf weisen die 24 Ältesten [2] (12 Stämme Israels + 12 Apostel) und die 144.000 Gläubigen [3] (= 12 x 12.000), die offensichtlich Christen sind, obwohl sie zu den Stämmen Israels gehören.

2. Dass der Messias gleich nach der Geburt zu Gott entrückt wird (ohne dass wenigstens sein gewaltsamer Tod erwähnt wird), passt vielleicht in eine jüdischen Geschichte, aber nicht auf die Person Jesu, auf dessen blutigen Tod der Seher doch so einen großen Wert legt. Diese Widersprüche lassen sich am besten damit erklären, dass Johannes eine jüdische Geschichte überarbeitet hat. Mit der Vision von der himmlischen Mutter beginnt der zentrale Teil der Offenbarung, der nicht die Zukunft, sondern die Gegenwart beschreibt. Dieser Teil setzt wie der Rahmen mit dem irdischen Christus ein (hier das verfolgte Kind, dort der Reiter auf dem weißen Pferd) und ist mit dem Rahmen organisch dadurch verbunden, dass der wiederkommende Reiter den Drachen und seine Helfershelfer aus dem Mittelteil besiegt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

[1] Gen 37,9

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 




 

[2] Kap 4

[3] Kap 7

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Übersicht

 

 

 

Datum: 1988 / 2007

Aktuell: 10.06.2008