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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Zukunft

Ferienbibelseminar des Ev. Dekanats Reinheim

08.-15.04.1988

Apokalyptisches Bilderbuch

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roter Drache

Tier aus dem Meer

Tier vom Land

 

Höllische Zoologie

Johannes beschreibt in [1] mehrere Fabelwesen, die für widergöttliche Mächte stehen:

1. den roten Drachen

mit sieben Köpfen, der das Messiaskind fressen will. [2] Siebenköpfigkeit finden wir auch sonst bei Ungeheuern, z.B. bei der Hydra, die von Herakles getötet wird. Johannes wird dieses Bild aus einer jüdischen Sage übernommen haben, die auch von der Himmelsfrau erzählte. Dass mit dem Drachen der Teufel gemeint ist, geht aus 20,2 eindeutig hervor; der Drache wird mit der "alten Schlange" aus der Sündenfallgeschichte identifiziert.

Etwas schwieriger zu verstehen sind die beiden Tiere. [3] Dazu müssen wir einen Blick in das Buch Daniel werfen. Dan 7 handelt von einer Vision, bei der der Prophet hintereinander 4 Tiere aus dem (Chaos‑) Meer aufsteigen sah: einen geflügelten Löwen, einen Bären, einen geflügelten vierköpfigen Panther und ein undefiniertes Tier mit zehn Hörnern. Ganz gleich, wie man diese Vision im einzelnen deuten will, es handelt sich um vier Weltreiche, die einander ablösen; mit dem letzten ist das gegenwärtige gemeint; jedes Horn steht für einen König. Daniel fährt fort, er habe danach gesehen, wie ein Uralter Gericht hielt und das letzte Tier zum Tod verurteilte. Danach habe der Uralte die Weltherrschaft einem Menschengestaltigen ("der aussah wie eines Menschen Sohn") aus dem Himmel für alle Zeiten übertragen. Auch dieses Bild ist deutlich: der fünfte menschliche Herrscher aus dem Himmel steht im Kontrast zu den unmenschlichen Weltreichen aus dem Chaosmeer, die vorher gewesen sind. Johannes greift nun das Bild von dem letzten Tier in doppelter Weise auf:

2. das Tier aus dem Meer:

Johannes versteht das Bild vom Meer bei Daniel nicht symbolisch, sondern wörtlich: es handelt sich um eine Macht, die über das Mittelmeer gekommen ist (im Unterschied zum Tier Nr. 3, das vom (= aus dem) Land kommt, also einheimisch ist.

Das Tier hat sieben Köpfe wie der Drache, von dem es seine Macht hat und trägt die Kennzeichen der vier Tiere bei Daniel: Pantherleib, Bärenfüße, Löwenrachen und 10 Hörner (die schlecht mit den 7 Köpfen zu vereinbaren sind). Johannes will damit ausdrücken, dass das Tier aus dem Meer alle Merkmale der vier Daniel‑Tiere trägt, aber mit keinem von ihnen identisch ist. Dieses Tier äfft das verwundete Lamm (= Christus) nach: Einer seiner Köpfe bzw. das Tier selbst wurde tödlich verwundet und ist wieder heil geworden. Es hat seine Macht vom Drachen und bringt die nichtchristliche Welt dazu, es anzubeten.

In Kap 17 taucht dieses Tier nochmals auf, ohne dass dabei auf Kap 13 Bezug genommen wird (eigene Vorgeschichte?). Hier handelt es sich um das Reittier der Hure Babylon; es ist scharlachrot (also ähnlich wie der Drache, der nicht erwähnt wird). Es schließt sich eine ausführliche Deutung an: Ganz eindeutig ist an Rom gedacht (Babylon = Deckname für Rom [4]); die 7 Köpfe sind die 7 Hügel Roms; die Hure auf dem Tier ist betrunken vom Blut der Christen.

Zugleich werden die sieben Köpfe gedeutet auf sieben Könige, die zehn Hörner auf "Könige, die ihre Macht noch nicht empfangen haben", also zukünftige Herrscher. Das mit den sieben Königen wird noch genauer ausgeführt: Fünf sind gefallen, einer ist jetzt an der Regierung, der 7. regiert nur kurze Zeit, und sein Nachfolger, der 8. König ist einer von den sieben.

Mit den fünf "gefallenen" Königen sind gemeint: 1. Augustus, 2. Tiberius, 3. Caligula, 4. Claudius, 5. Nero. Der jetzige (Nr. 6) wäre Vespasian, Nr. 7 Titus (regierte nur 2 Jahre), Nr. 8 Domitian, um den es eigentlich geht.

Warum Johannes seine Botschaft verschlüsselt, kann man verstehen: Er kann ja nicht offen den Kaiser als Handlanger des Teufels bezeichnen. Aber warum hat er sein Werk in die Zeit Vespasians zurückdatiert? Eine Möglichkeit wäre, dass er seiner Schrift den Charakter einer Weissagung (und nicht einer Deutung gegenwärtiger Verhältnisse) geben wollte. Damit wäre dem Buch die Spitze genommen: Er kann ja nicht gut den 2. Nachfolger des jetzigen Kaisers kritisieren. Durch die Zurückdatierung macht er aber noch was anderes klar: der letzte der "gefallenen" Könige war Nero, der sich bei einer Revolte das Leben genommen hatte. Ähnlich wie bei Hitler ging bald die Sage um, Nero sei nicht tot, sondern zu den iranischen Parthern geflohen, sammle dort ein Heer und kehre zurück, um sich zu rächen. Als klar wurde, dass Nero tot war und von den Parthern nichts zu befürchten war, blieb doch die Furcht, Nero könnte aus dem Totenreich wiederauferstehen. Da Vespasian und Titus angeblich noch am Leben sind, kann der 8. König also nur der wiederauferstandene Nero sein.

Wir verstehen jetzt also auch, was es mit der tödlichen Verwundung und der "Auferstehung" des Tieres auf sich hat: Es handelt sich um Tod und "Auferstehung" Neros, mit der er Tod und Auferstehung Christi nachäfft. – Merkwürdigerweise ist auch Domitian eines gewaltsamen Todes gestorben. Mussten da nicht die Christen auch seine Wiederkehr und erneute Verfolgungen befürchten?

Einen weiteren Hinweis darauf, wer gemeint ist, erhalten wir 13,18 mit der geheimnisvollen Zahl 666.

Die Juden und Griechen hatten keine Ziffern wie wir, sondern verwendeten die Buchstaben des Alphabets als Zahlenzeichen, also Alpha = 1, Beta = 2, Gamma = 3 usw. Man hat dieses System auch zu Spielereien benützt, um die Buchstaben eines Namens wie Ziffern zu behandeln und mit ihnen zu rechnen. So kommt z.B. bei der Addition der griechischen Buchstaben des Namens Jesus (ΙΗΣΟΥΣ) 888 heraus. Auch die 666 muss die Summe der Buchstaben eines Namens sein, u. zw. wohl eines Kaisernamens. Welcher Name steckt dahinter? Da sich Neron auf griechisch mit Omega (letzter Buchstabe) schreibt, und Domitianos mit den Buchstaben t und s auch zwei hohe "Ziffern" in seinem Namen hat, kommt das griechische Alphabet nicht in Frage, wohl aber das Hebräische. Schreibt man "Kaiser Neron" oder "Titus Flavius Domitianus, unser Herr und unser Gott" auf hebräisch, so ergibt die Summe der Buchstaben jedesmal 666.

3. Auch das Tier vom Land

hat Ähnlichkeiten mit Christus: Es hat zwei Hörner wie ein irdisches Lamm. Auch das Gotteslamm hat Hörner, aber nicht zwei oder zehn, sondern sieben (heilige Zahl. Auch die Zahlen haben also ihre Bedeutung.) Das lammähnliche Tier redet aber wie ein Drache und verrät damit seine Herkunft. Es erinnert an die falschen Propheten, die in Schafskleidern kommen, inwendig aber reißende Wölfe sind. [5] Tatsächlich wird dieses Tier mit dem falschen Propheten identifiziert. [6]

Es verführt die Menschen, das zweite Tier anzubeten und verfügt dazu nicht nur über magische Kräfte, sondern auch über ganz irdische Machtmittel: Nur wer sich öffentlich zu dem zweiten Tier bekennt, darf Handel treiben oder kaufen; die Christen sind also diskriminiert.

Mit diesem Tier, das aus dem Land stammt, sind wahrscheinlich die kleinasiatischen Priester des Kaiserkults gemeint. Gerade in Kleinasien scheint der Kaiserkult besondere Blüten getrieben zu haben; die Verfolgung, der die Leser der Offenbarung ausgesetzt sind, wurden wahrscheinlich nicht in Rom befohlen, sondern von übereifrigen Kaiseranbetern inszeniert – allerdings auch nicht gegen den Willen Domitians, der sich mit "unser Herr und unser Gott" anreden ließ. Solche und ähnliche Titel (Divus 'Göttlicher', Augustus 'Verehrungswürdiger') sind wohl mit den gotteslästerlichen Namen gemeint, die das Reittier der Hure Babylon trägt. [7]

 

[1] Kap 12; 13; 17

[2] Kap 12

[3] Kap 13; 17

[4] 1. Petr. 5,13

[5] Mt 7,15

[6] 19,20

[7] 17,3

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Übersicht

 

 

 

Datum: 1988 / 2007

Aktuell: 29.01.2012