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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Zukunft

Ferienbibelseminar des Ev. Dekanats Reinheim

08.-15.04.1988

Deutung der Offenbarung

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zeitgeschichtliche Deutung

typologische Deutung

totalitärer Staat

Neuartige Waffen-systeme

Umweltprobleme

zeitgenössische Deutung

 

Es gibt grundsätzlich zwei legitime Möglichkeiten, die Offenbarung zu verstehen. Dass beides möglich und berechtigt ist, hängt damit zusammen, dass dieses Buch nicht als eine einlinige und eindeutige Aussage gemeint ist, sondern vieldeutig und mehrschichtig ist und mehrere Interpretationen zuläßt.

1. Die zeitgeschichtliche Deutung

Johannes schreibt Ende des 1. Jahrhunderts an Leser in Kleinasien, die in Schwierigkeiten kommen, weil sie sich weigern, den Kaiser anzubeten.

Ihnen macht er klar: Wir leben jetzt zur Zeit der höllischen Tiere zwischen der ersten und der zweiten Ankunft des Siegers Christi. Mit Christus hat das apokalyptische Geschehen seinen Anfang genommen; Schreckliches haben wir bereits hinter uns (z.B. die von Jesus angekündigte und als Weltuntergang stilisierte Zerstörung von Jerusalem). Die sieben Siegel und die sieben Posaunen sind, wollen wir den Aufriss des Buchs streng chronologisch verstehen, schon Vergangenheit; was bevorsteht, ist der Untergang "Babylons", die Wiederkunft Christi, das tausendjährige Reich, der letzte Krieg und das Jüngste Gericht.

Was ist davon inzwischen eingetroffen? Ganz sicher der Untergang "Babylons" = des heidnischen Römertums. Nach einer letzten furchtbaren Verfolgung unter Diokletian hat Konstantin 313 das Christentum zur erlaubten Religion erklärt, verlegte seine Hauptstadt nach Byzanz / Kleinasien, betrachtete sich selbst als Christ und ließ sich auf dem Totenbett taufen. Wenig später war das Christentum Staatsreligion. Das von Konstantin begründete oströmische Reich war also von Anfang an ein christliches Reich.

Was hätte Johannes davon gehalten? Für die Christen am Ende des 0er-Jahrhunderts hätte ein christliches Reich das goldene Zeitalter bedeutet, war aber für sie unvorstellbar und in weiter Ferne. Es besteht die Gefahr, dass man ein solches Ziel idealisiert und vergisst, dass es auch da nur menschlich und allzu menschlich zugehen kann.

Johannes erwartet keinen militärischen, sondern einen ideellen Sieg Christi. [1] Die Feinde haben sich zwar leibhaftig bei Harmagedon versammelt, aber sie werden nicht von den Christen, sondern von einem himmlischen Heer besiegt. Die Anhänger des widergöttlichen Tiers werden zwar vom Schwert Christi erschlagen; aber dieses Schwert führt Christus nicht in der Hand, sondern mit dem Mund; es ist ein geistliches Schwert und ein geistlicher Sieg. Dies würde ganz gut zum Sieg des Christentums unter Konstantin passen, wobei Konstantin allerdings durch einen real‑irdischen Sieg mit christlichen Soldaten und christlichen Symbolen an die Macht gekommen ist.

Von dem darauf folgenden Friedensreich heißt es, dass der Teufel außerstande sei, die Völker weiter wie bisher (zur Staatsvergötzung) zu verführen, und dass die Seelen der Märtyrer mit Christus tausend Jahre regierten. Es ist zwar von einer "ersten Auferstehung" die Rede, aber Johannes vermeidet zu sagen, die "Leiber" der Märtyrer würden auferstehen, sondern ihre "Seelen" würden lebendig. Von einer leiblichen Auferstehung ist also keine Rede. Die Herrschaft der Heiligen müssen wir uns also als eine geistliche Herrschaft vorstellen – ungefähr so, wie man sich im Mittelalter tatsächlich die himmlische Tätigkeit der Heiligen vorgestellt hat.

Es spricht also manches dafür, dass mit dem Friedensreich die mittelalterliche christliche Welt gemeint ist, wobei Johannes wohl vor allem an das byzantinische Reich denken müsste.

Dafür spricht noch ein anderes Argument:

Der Teufel, der sich im Alten Testament (Hiob) noch im Himmel befindet, wird aus dem Himmel auf die Erde geworfen. [2] Dies bezieht sich auf die Zeit Jesu. [3] Der Teufel treibt nun auf der Erde sein Unwesen [4] und wird schließlich in die Unterwelt ("Hölle") gesperrt. [5] Genau da hält er sich nach mittelalterlicher Vorstellung zurzeit auf. Die mittelalterliche Weltanschauung geht also selbst davon aus, dass das tausendjährige Reich angebrochen ist, obwohl das meines Wissens kein mittelalterlicher Theologe behauptet hat. Die miserablen Zeitumstände hätten ihn Lügen gestraft. Aber Johannes spricht nicht vom Paradies auf Erden, sondern nur davon, dass der Teufel keine Macht mehr hat und Christus zusammen mit den Heiligen die Welt regiert. Die mittelalterlichen Menschen haben allerdings gewusst, dass der Teufel von seinem unterirdischen Gefängnis aus Macht über die Menschen hat. Auch darum geht es Johannes nicht, dass keine Verbrechen mehr begangen werden – das kommt erst mit der Vollendung [6] – sondern dass der Teufel die Völker nicht mehr (zur Staatsvergötzung) verführen kann.

Ich will damit nicht sagen, dass der Himmelssturz und die Höllenfahrt des Teufels historisch nachweisbare Fakten sind. Aber es hat sich im Bewusstsein der abendländischen Menschen offenbar ein historisch nachweisbarer Wandel vollzogen, dokumentiert in den Vorstellungen vom Aufenthaltsort des Teufels. Das christliche Mittelalter ging nach ungefähr tausend Jahren zu Ende. Es begann für Deutschland mit der Taufe des Frankenkönigs Chlodwig 496 und endet mit der Renaissance und der Reformation ab etwa 1500. Mit der Reformation hat wenigstens für einen Teil der Christenheit das Zeitalter der Heiligen aufgehört. Sie haben in Deutschland tatsächlich tausend Jahre geistliche Herrschaft ausgeübt.

Johannes hat nicht an Deutschland, sondern an seine eigene Heimat Kleinasien gedacht. Hier verlief die Geschichte merkwürdigerweise ähnlich: Etwa 1000 Jahre nach Konstantin fiel das christliche byzantinische Reich nach und nach in die Hände der Türken; 1453 machten die Türken mit der Eroberung von Konstantinopel dem letzten Rest des oströmischen Imperiums ein Ende. Streng im Sinne des Johannes müssten also die "Könige aus dem Osten" die Türken sein (die u. a. auch "die geliebte Stadt" Jerusalem erobert hatten).

Die Prophezeiung des Johannes hätte sich also bis hin zum Ende der tausend Jahre einigermaßen wörtlich erfüllt. Bloß für die Zeit danach treffen die Weissagungen nicht mehr zu: Der letzte Kampf und das Jüngste Gericht haben nicht stattgefunden; es hat vielmehr viele grauenvolle Kriege gegeben, die aber nach der Weissagung Jesu noch nicht das Ende gewesen sind. [7] Es sind seither viele falsche Propheten, absolutistische Herrscher und totalitäre Diktatoren aufgetreten, und es herrscht die allgemeine Meinung, dass wir jetzt in einem nachchristlichen Zeitalter leben. Immerhin hat Johannes auch insofern recht gehabt, dass nach den tausend Jahren die Staats‑ und Menschenvergötzung wieder angefangen haben.

Was Johannes für eine "kurze Zeit" [8] hält, dauert jetzt schon fast ein halbes Jahrtausend und spitzt sich immer mehr zu. Es muss aber auch gesagt werden, dass für manche Christen das christliche Zeitalter erst mit der Reformation begonnen hat.

2. Die typologische Deutung

Unabhängig davon, ob die Weissagungen der Offenbarung in einem bestimmten geschichtlichen Ereignis in Erfüllung gegangen sind oder noch in Erfüllung gehen, lassen sich viele einzelne Bilder dieses Buchs auch typologisch deuten. Dazu nur ein paar Beispiele:

Der totalitäre Staat,

wie wir ihn in seiner ganzen Grausamkeit erst in der unmittelbaren Vergangenheit kennengelernt haben. Das Dritte Reich trägt viele Züge des widergöttlichen Tieres in der Offenbarung: der Personenkult um den "Führer" – der falsche Prophet = Propagandaminister – die blutige Verfolgung der Christen gleich welchen Bekenntnisses – die lebenswichtige Bedeutung des richtigen Abzeichens (Parteiabzeichen oder Judenstern) usw.

Direkt an die Offenbarung knüpft an die Selbstbezeichnung als "Tausendjähriges Reich" bis dahin, dass vor seinem Anfang und bei seinem Ende zwei furchtbare Kriege in nie gekanntem Ausmaß stattfanden, bei denen ganze Städte durch "Feuer vom Himmel" vernichtet wurden.

Ähnliches lässt sich auch von anderen totalitären Systemen der jüngeren Geschichte sagen. Hitler steht uns aber näher als Stalin oder Franco oder Mussolini.

Ich brauche nicht zu betonen, dass Johannes nicht an diese Diktatoren gedacht hat, sondern dass es sich nur Typen handelt, wie sie in der Offenbarung geschildert sind. Ähnliche Gestalten finden wir auch in der Vergangenheit, z.B. in Napoleon oder nach Meinung der Reformatoren in den Päpsten des 15er-Jahrhunderts.

Neuartige Waffensysteme

könnte man in einigen Einzelzügen der Offenbarung vorausgesagt sehen, z.B. in den merkwürdigen Wesen, die in Kap 8 beschrieben werden und eher an moderne Waffen als an antike Reiterheere erinnern:

  • eiserne Harnische und rasselnde Flügel = moderne Panzer und Kampfhubschrauber [9]

  • Die "Heuschrecken" kommen aus dem "Abgrund", haben gefährliche Schwänze, die nicht töten, sondern qualvoll dahinsiechen lassen = unterirdisch stationierte Atomwaffen [10]

  • Pferde, die Feuer und Schwefel spucken und gefährliche schlangenähnliche Schwänze haben = Kampffahrzeuge mit Kanonen und Maschinengewehren [11]

Manche Ausleger sehen tatsächlich unser modernes Waffenarsenal in diesen Bildern vorausgesagt; Johannes hätte diese tödliche Maschinerie ganz realistisch gesehen, wäre aber unfähig gewesen, sie angemessen zu beschreiben, weil er gar nicht verstand, was das sein sollte, und hätte daher versucht, das Gesehene mit dem ihm bekannten Anschauungsmaterial zu beschreiben. Richtiger wird sein, dass Johannes mit seiner blutrünstigen Phantasie Bilder aktiviert hat, die in jedem von uns schlummern und schließlich zur Verwirklichung dieser Ideen in Gestalt unserer Overkill‑Maschinen geführt hat: Also keine direkte Vorausschau oder Prophezeiung, sondern er macht sich bewusst, wozu Menschen fähig sind.

Auch Umweltprobleme

finden wir in der Offenbarung vorausgesagt:

  • Durch einen Feuer‑ und Bluthagel wird ein Drittel der Bäume und übrigen Vegetation vernichtet = saurer Regen [12]

  • Ein Drittel des Meerwassers wird in Blut und ein Drittel des Süßwassers in Wermut verwandelt, damit lebensfeindlich, ungenießbar und giftig: Wasserverschmutzung [13]

  • Ein Drittel des Tageslichts kommt nicht auf dem Erdboden an = durch die Luftverschmutzung [14]

  • böse und schlimme Geschwüre an Mensch und Tier = Hautkrebs Umweltgifte, verstärkte UV‑Strahlen und Radioaktivität  [15]

  • Die Sonne versengt die Menschen = verstärkte UV-Strahlung durch das Ozonloch [16]

Da es Umweltprobleme auch schon im Altertum gab (z.B. durch rücksichtslose Abholzung der Wälder, Überweidung und Verwüstung von Randzonen, Versalzung der Böden durch künstliche Bewässerung), hat wahrscheinlich nicht allzu viel Phantasie dazugehört um sich auszumalen, was sonst noch alles passieren könnte.

Die typologische Deutung ist etwas ganz anderes, als wenn wir danach fragen, mit welchem Ereignis diese oder jene Weissagung der Offenbarung in Erfüllung gegangen ist. Wenn wir historisch fragen, wer der von Johannes gemeinte Antichrist war, dann gibt es nur eine Antwort: Domitian bzw. diejenigen römischen Kaiser, die sich als Gott anbeten ließen. Alle anderen Antworten sind falsch. Der von Johannes gemeinte Antichrist kann also weder ein Papst noch Napoleon noch Hitler gewesen sein, weil sonst die anderen Aussagen des Buches nicht mehr stimmen. Wenn wir aber typlogisch denken, dann gab es solche Antichristtypen schon vorher, angefangen mit dem Pharao bei Mose über Nebukadnezar bei Daniel und Antiochos IV. bei den Makkabäern bis zum König Herodes in der Geschichte von den Weisen aus dem Morgenland. Auch Hitler oder ein moderner Diktator wird nicht der letzte gewesen sein.

Die typologische Deutung ist deswegen berechtigt, weil das Neue Testament das Alte selbst typologisch auslegt und typologisch denkt (z.B. Jesus ist der wahre Messias, aber es werden viele falsche Messiasse kommen – Jesus ist der neue Adam, der das wieder gut macht, was der alte angerichtet hat – die eherne Schlange als Sinnbild für Jesus usw.)

Überhaupt nichts damit zu tun hat

3. die zeitgenössische Deutung

Da wird mit besonderer Vorliebe irgendeine Person der Gegenwart mit dem Antichristen gleichgesetzt: für Luther war's der Papst und für manchen amerikanischen Ausleger sind's die Muslime. Damit wird der jeweilige Gegner verteufelt, und man hat zugleich einen historischen Anknüpfungspunkt, so dass man sagen kann: Wir leben jetzt zur Zeit des Antichrists, der mit allen Mitteln bekämpft werden muss (und wenn's darum geht, Feuer vom Himmel fallen zu lassen). Wenn er besiegt ist, bricht das tausendjährige Reich und das goldene Zeitalter an.

Oder man tröstet sich damit, dass die Atombomben schon in der Bibel geweissagt sind, dass wir jetzt in der Endzeit leben und alle die Kriege und Katastrophen, die wir erleben oder befürchten, von Gott vorgesehen und damit unabänderliches Schicksal sind. Jesus hat zwar "Kriege und Kriegsgeschrei" angekündigt und gesagt, wir sollten keine Angst haben, aber er hat mit keinem Wort angedeutet, dass die Christen sich in die Händel der Welt einmischen oder den vermeintlichen Antichristen bekämpfen sollten. Vielmehr hat er gesagt: Haltet die Augen offen, lasst euch nicht verführen und "beharret bis ans Ende".

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

[1] Kap 19

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

[2] Offb 12,9

[3] Lk 10,18; Jh 12,31

[4] Offb 12,12

[5] Offb 20,2.3

 

 

 



 

[6] Kap. 21

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

[7] Matth. 24,6

 

 

 

 

 

[8] 20,3 Ende

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

[9] 9,9

 

[10] 9,2‑5.10

 

[11] 9,17‑20

 

 

 

 

 

 

 

 

 



 

[12] 8,7


 

[13] 8,8.10.11
 

[14] 8,12

[15] 16,2

 

[16] 8,8.9

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Übersicht

 

 

 

Datum: 1988 / 2007

Aktuell: 29.01.2012