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Heinrich Tischner Fehlheimer Straße 63 64625 Bensheim |
ZukunftFerienbibelseminar des Ev. Dekanats Reinheim 08.-15.04.1988 Zukunft in der Bibel |
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Allgemeines zum biblischen Zeitverständnis
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1. Die Antwort der ProphetenGott macht durch sein Wort GeschichteSo wie Gott durch sein Wort die Welt erschaffen hat, so bestimmt er durch sein Wort die Zukunft; der Prophet ist kein Wahrsager, der die Zukunft voraussagt, sondern er lässt das Wort Gottes laut werden und bringt damit erst das Geschehen in Gang.
Gott offenbart seine PläneAndrerseits wird Prophetie tatsächlich als Zukunftsschau verstanden; Gott offenbart seine Pläne den Propheten, [4] aber nicht, um ihre Neugier zu befriedigen, sondern um mit ihnen drüber zu diskutieren. Eine wichtige Funktion der Propheten war, durch Fürbitte das Unheil abzuwenden. [5] Gott ist in Seinem Handeln flexibelEr lässt mit sich reden:
2. Die Antwort der WeisheitGott kommt mit Seinen Plänen zum Ziel, trotz Dummheit, Bosheit und Vergesslichkeit der Menschen, wie es in der Josefsgeschichte gezeigt wird: Der Plan Gottes war, die Familie Jakobs am Leben zu erhalten. [9] Dies lässt sich nicht im Voraus, sondern nur aus der Rückschau erkennen. Aus der Rückschau hat sogar das Unrecht, das die Brüder Josef zugefügt hatten, einen Sinn gehabt: So kam Josef nach Ägypten und konnte das ganze Land und seine Angehörigen vorm Verhungern retten. Im Traum haben die Menschen einen verborgenen Zugang zu Bereichen, die ihnen im Wachbewusstsein verschlossen sind. Im Traum weiß Josef von seiner künftigen Größe, der Mundschenk und der Bäcker von ihrem weiteren Ergehen, der König vom Schicksal seines Landes; aber sie sind nicht in der Lage, im Wachbewusstsein darüber Auskunft zu geben. Da muss ein Traumdeuter her, der die Traumbilder in rationale Sprache umsetzen kann. Durch die Träume offenbart Gott nicht alles, sondern nur das, was notwendig ist: Der Traum des Mundschenks war notwendig, um auf die Fähigkeit Josefs aufmerksam zu machen – der Traum Pharaos, damit die Hungersnot rechtzeitig erkannt und vorgesorgt werden konnte. Der Plan Gottes selbst ist verborgen und kann erst aus der Rückschau erkannt werden. Von der Weisheit führt ein direkter Weg zur Apokalyptik, denn auch Daniel, der Vater der Apokalyptik, wird als Traumdeuter dargestellt, seine Visionen haben eher was mit Träumen als mit prophetischen Wortoffenbarungen zu tun. 3. Die Antwort der ApokalyptikMit den Propheten behauptet die Apokalyptik: Alles, was geschieht, entspricht dem Ratschluss Gottes. Auch die Not der Gegenwart und die Schrecken der Zukunft sind in Gottes Plan vorgesehen. Im Unterschied zu den Propheten setzt aber die Apokalyptik voraus, dass der Verlauf der Weltgeschichte bis in die kleinsten Kleinigkeiten vorherbestimmt ist. Zu diesem Eindruck trägt wesentlich bei, dass das Buch angeblich schon vor langer Zeit geschrieben worden ist und die Ereignisse der Gegenwart schon lange vorhergesagt worden sind. Im Unterschied zu den Propheten lässt sich für die Apokalyptik der Lauf der Geschichte weder von den Mächtigen noch von den Frommen beeinflussen. Das Geschehen nimmt unerbittlich seinen Lauf, und die Weissagung soll keine Änderung bei den Zuhörern bewirken, wie das die Propheten wollten, sondern nur die Ereignisse deuten und die Leser trösten: Es entspricht dem unerforschlichen Ratschluss Gottes, was ihr erlebt; aber Gottes Pläne führen über die Gegenwart hinaus in eine Zukunft, die ganz anders sein wird. 4. Allgemeines zum biblischen ZeitverständnisDer Prediger Salomo behauptet: "Es geschieht nichts Neues unter der Sonne", [10] weil sich alles wiederholt. Für ihn läuft die Zeit zyklisch ab, wie ein Rad, das sich dreht, und bei dem ein Punkt mal oben, mal unten ist. Das Rad der Zeiten läuft weiter, ohne dass ein Ende abzusehen ist. Die übrige Bibel dagegen denkt nicht zyklisch, sondern linear: Wie unser Leben hat auch die Geschichte einen Anfang (in der Schöpfung) und läuft auf ein Ziel zu. Das Ziel der Wege Gottes ist für die Propheten das Heil Israels, das Kommen des Messias, die Bekehrung aller Völker, die Weltherrschaft Israels "am Ende der Tage" – nicht der Weltuntergang, den Gen 8,21.22 regelrecht ausschließt. Das Eingreifen Gottes als Richter ist nach Bedarf eine zwischenzeitliche, keine endzeitliche Maßnahme [11] und hat nichts mit dem Weltende zu tun. Erst in der Apokalyptik kommt auch das Ende der Welt in den Blick – soweit es überhaupt berechtigt ist, von einem "Ende" zu reden: Was endet, ist "dieses Zeitalter"; danach geht's aber weiter mit einem "zukünftigen Zeitalter". Für das biblische Zeitverständnis wichtig ist, dass das Hebräische nicht wie wir zwischen verschiedenen Zeitformen unterscheiden kann (Ich war – ich bin – ich werde sein). Das Hebräische unterscheidet nur zwei Verbalformen, von denen die eine mehr die abgeschlossene Handlung (sog. Perfekt), die andere mehr die unabgeschlossene (sog. Imperfekt) bezeichnet: "Perfekt: jadati 'ich habe kennengelernt und weiß', 'ich wusste und habe es wieder vergessen' – "Imperfekt": eda 'ich erkenne jetzt' – 'ich möchte, will erkennen und wissen', 'ich werde eines Tages erkennen und wissen'. Daneben gibt es eine Partizipialkonstruktion zur Bezeichnung der Gegenwart: ani jodea 'ich bin erkennend = ich erkenne'. Welche deutsche Zeitform bei der Übersetzung zu wählen ist, ist mitunter recht problematisch. Prophezeiungen gebrauchen oft das "Perfekt", das wir normalerweise mit unserer Vergangenheit übersetzen würden, z.B. "Darum wird der Herr selbst euch ein Zeichen geben (Imperfekt): Da, die Jungfrau ist schwanger geworden (Perfekt) und ist einen Sohn gebärend (Partizip) und hat seinen Namen Gott-mit-uns genannt (Perfekt)" [12] – was ist da Vergangenheit, was Gegenwart, was Zukunft? Wenn der Prophet im "Perfekt" redet und die Zukunft meint, dann drückt er damit doch wohl seine Gewissheit aus: Für Gott ist die Sache schon "perfekt", obwohl sie für uns noch Zukunft ist. 5. Die Antwort des Neuen TestamentsDas griechische Wort parousía kann 'Anwesenheit, Gegenwart, und 'Ankunft, Zukunft' bedeuten und bezieht sich im Neuen Testament in der Mehrzahl aller Fälle auf Christus, so dass man sagen kann: Die Zukunft im Neuen Testament heißt Christus!" Beispiel: "Seid geduldig bis zur Zukunft/ Ankunft/ Wiederkunft des Herrn." [13] Diese christliche Erwartung wird in dem liturgischen Ruf maranathá zum Ausdruck gebracht, [14] der Offb 22,20 mit "komm, Herr Jesu" übersetzt wird. Dies würde einem aramäischen marana tha entsprechen 'Unser Herr, komm!' Man kann aber auch trennen maran atha 'unser Herr ist gekommen' (Bezug auf das Kommen des historischen Jesus, seine Gegenwart im Gottesdienst und seine Wiederkunft am Jüngsten Tag): also dasselbe Durcheinander der Zeiten, das uns schon im Alten Testament aufgefallen war. Der Christus, der zeitübergreifend gekommen ist, jeweils neu kommt und kommen wird, hat damit Eigenschaften des ewigen Gottes, "der da ist und der da war und der da kommt". [15] Diese Kennzeichnung stammt aus der alttestamentlichen Erklärung des heiligen Gottesnamens: [16] "Ich werde sein, der Ich sein werde"; "Ich bin, der Ich bin"; "Ich werde mich als der erweisen, der Ich bin"; ich bin der Ich-bin-da" – oder wie man die schwierige Formulierung übersetzen will. Deutlich ist jedenfalls, dass auch hier die Zeiten (Gegenwart und Zukunft) verschwimmen. Diese grammatischen Probleme entsprechen sehr genau den scheinbar widersprüchlichen Aussagen des Neuen Testaments über das Reich Gottes: Es ist mit Jesus mitten unter uns und muss doch noch kommen. "Wir sind schon gerettet, aber auf Hoffnung." [17] "Wer an Christus glaubt, hat das ewige Leben und wird auferweckt am Jüngsten Tag". [18] Dieses scheinbar unausgegorene Verhältnis zwischen Gegenwart und Zukunft des Heils entspricht zwar ganz genau der biblischen Denkweise, ist aber zugleich auch eine der Hauptschwierigkeiten, die der Glaube überwinden muss: "Wenn die Christen erlöst wären, müssten sie erlöster aussehen." Wir sind aber noch nicht erlöst – und sich doch schon erlöst. Verrückt? Credo quia absurdum, "ich glaube, weil's verrückt ist", sagte ein Kirchenvater. Dürfen wir diese Unbestimmtheit zugunsten einer eindeutigen Aussage aufgeben? Die Antwort des Neuen Testaments lautet also: Die Zukunft kann uns nur das bieten, was in der Gegenwart schon da ist. Heute entscheidet sich, was morgen sein wird. Entweder wir nehmen heute das Angebot Gottes an und erfahren schon heute und morgen, wie Gott uns hilft (das wäre Glauben), oder wir warten ab, was kommt, und werden dann kein Heil, sondern nur Unheil erleben (das wäre Unglauben). "Glaubst du, so hast du; glaubst du nicht, so hast du nicht" (Luther). 6. Vorherbestimmung und FreiheitEs wird im Neuen Testament zwar nicht ausdrücklich gelehrt, aber doch an einigen Stellen angedeutet, dass es von Gott "vorherbestimmt" ist, dass "wir" in den Himmel kommen. [19] Der Apostel deutet damit an, dass das allein an Gott und nicht an unserem Wollen und Laufen liegt; Gott hat es eben so gewollt und ist nicht unser Verdienst. Man hat nun gemeint, daraus schließen zu können, dass mindestens unsere Zukunft in Himmel oder Hölle, wenn nicht die gesamte Zukunft von Gott vorprogrammiert ist, so dass in der Geschichte eigentlich nur ein stures, unveränderbares Programm abläuft. Diese Auffassung stößt aber auf erhebliche Bedenken: +Kann man dann jemand noch einen Vorwurf machen, wenn er sündigt? +Wie verträgt sich die Vorherbestimmung mit unsrer Freiheit? +Die Propheten gehen davon aus, dass Gott flexibel ist und seine Pläne unserem Verhalten anpasst. Sie verstanden damit mehr von Kybernetik als die mittelalterlichen Theologen, die an eine Vorherbestimmung Gottes glaubten. Wie ist denn das nun tatsächlich?Das Denkmodell "Die Weltgeschichte ist wie ein vorher festgelegtes Veranstaltungsprogramm, das nur noch abgespielt wird", ist in dieser einseitigen Formulierung sicher falsch. Andrerseits können wir aber auch nicht behaupten, dass die Zukunft völlig offen ist; vielmehr ist vieles schon festgelegt:
Wenn es um die Zukunft geht, haben wir oft den Eindruck, dass wir da total ins Leere blicken. Tatsächlich liegt aber schon vieles fest, was geschehen wird. Diese Erkenntnis wird nur dadurch getrübt, dass es eben wichtige Dinge gibt, die sich nicht mit Hilfe des Terminkalenders oder des Computers voraussagen lassen: das Wetter, Zwischenfälle und Naturkatastrophen, unseren Tod und menschliches Verhalten. Beim Wetter liegt's wohl zum größten Teil daran, dass da sehr viele Faktoren mitspielen, die wir noch nicht überblicken; aber unsere Methoden und Voraussage-Ergebnisse haben sich schon wesentlich verbessert. Unglücke, Katastrophen usw. können wir nicht mit 100 % Wahrscheinlichkeit voraussagen, aber doch die Gefahr voraussehen und davor warnen. Wir können einschätzen, wie groß die Gefahr ist, dass ein Haus von einer bestimmten Bauweise abbrennt oder durch ein Erdbeben zerstört wird, und können die Gefahr durch eine verbesserte Bauart verringern. Wir können sogar voraussagen, dass ein Raucher eine niedrigere Lebenserwartung hat als ein Nichtraucher und können das Risiko durch Aufgeben des Rauchens verringern. Aber wir können trotz allem einem Raucher oder Nichtraucher nicht auf den Kopf zusagen, wie lange er noch zu leben hat. Das hängt nicht nur wie beim Wetter an der Vielzahl unvorhersehbarer Faktoren (was ist, wenn der Nichtraucher ermordet wird oder bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kommt?), sondern mit Umständen zusammen, die gleich noch zu besprechen sein werden. Überhaupt nicht voraussagbar ist menschliches Verhalten, u. zw. deswegen, weil der Mensch frei ist in seiner Entscheidung. Selbst wenn man einen Menschen noch so gut kennt, und er in vergleichbaren Situationen immer dasselbe gemacht hat, hat er doch die Freiheit, das nächste Mal was Anderes zu tun. Weil Menschen frei in ihrer Entscheidung sind, lassen sich z.B. auch Kriege nicht voraussagen. Es kann sein, dass sich ein Konflikt dramatisch zuspitzt, aber deswegen ist noch lange nicht zwangsläufig ein Krieg vorprogrammiert. Wenn wir uns selbst diese Freiheit zugestehen, müssen wir sie erst recht auch Gott zubilligen. Es kann nichts geben, was Gott zwingen sollte, so und nicht anders zu handeln. Und unser Schicksal und die Zukunft lassen sich nicht bloß so rationalistisch analysieren, wie ich es eben getan habe. Was die Zukunft trotz unserer Pläne und Entscheidungen unverfügbar macht, ist die Freiheit Gottes, der sich nicht vor unseren Karren spannen lässt. Es bleibt dabei: Unser Schicksal steht in Gottes Hand, und wir sterben nicht wegen dieser oder jener Todesursache, sondern weil es Gott so gewollt hat. Wobei wir Ihm eben zugestehen müssen, dass er auch Herr seiner eigenen Pläne ist und sie ändern kann. Das Bild vom gedruckten Veranstaltungsprogramm, das nach einem vorher festgelegten Plan abläuft, ist falsch, wie wir gesehen haben. Gilt das auch für das Bild vom Computer, der nicht einfach stur sein Repertoire abspielt, sondern auf variable Eingaben reagiert? Gott als der Programmierer, der das Programm entwickelt hat, oder sogar der, der an der Tastatur sitzt und in den Programmablauf eingreift? Wenn ich die Propheten recht verstehe, dann steht nicht in einem himmlischen Kalender auf Tag und Stunde genau, wann wir zu sterben haben, und wann die Welt untergeht, sondern das ergibt sich je nach Lage der Dinge: Wenn ich rauche, dann sterbe ich eher; und wenn ich rechtzeitig meine Aufgaben fertig habe, darf ich früher heimgehen. |
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[1] 1 Kön 18,1-20
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1 Kön 22 [4] Gen 18 von Abraham; Am 3,7 [13] Jak 5,7 [15] Offb 1,8 von Christus [17] Röm 7,24 [20] geschrieben 1988
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Datum: 1988 / 2007 Aktuell: 22.01.2010 |
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