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Heinrich Tischner Fehlheimer Straße 63 64625 Bensheim |
ZukunftFerienbibelseminar des Ev. Dekanats Reinheim 08.-15.04.1988 Methoden der Zukunftsforschung |
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Schon das Alte Testament kannte mehrere Methoden der Zukunftsvoraussage: 1. Die mantische MethodeIn der Josephsgeschichte und bei Daniel werden wiederholt heidnische Wahrsager erwähnt, die mit Hilfe von Traumdeutung und Zeichendeutung versuchten die Zukunft vorauszusagen. Joseph selbst konnte nicht nur Träume deuten, sondern versuchte angeblich, aus seinem Becher zu wahrsagen. [1] Wahrsagerei, Zeichendeuterei, Geister und Totenbeschwörung sind im Alten Testament streng verboten. [2] Von Saul lesen wir, dass er die Geisterbeschwörer und Zeichendeuter des Landes verwiesen hatte. [3] Mantik, d. h. der abergläubische Versuch, aus bestimmten Anzeichen die Zukunft vorauszusagen, lässt sich also mit dem biblischen Gottesglauben nicht vereinbaren. 1 Sam 28,6 nennt die drei einzigen legitimen Methoden der "Zukunftsforschung": Träume (deren Inhalt und Deutung Gott offenbaren muss) [4] – Losorakel – Prophetie. Das Losorakel durfte nur von Priestern gehandhabt werden. Es funktionierte wahrscheinlich so, dass der Priester aus der Anfrage eines Israeliten eine Ja- / Nein-Frage stellte und dann blind einen Ja- oder Nein-Stein zog. Das Losorakel diente aber auch dazu, aus der Volksmenge einen Schuldigen oder den zukünftigen König herauszufinden. [5] Diese Methode wurde in der frühen Königszeit durch die Befragung von Propheten ersetzt. 2. Die prophetische MethodeNicht nur die großen Propheten versuchten die Zukunft mit Hilfe von göttlicher Eingebung vorauszusagen; es gab an den Heiligtümern amtlich angestellte Propheten, die gegen Bezahlung den Willen Gottes verkündigten. Diese "Hauptamtlichen" standen später in einem schlechten Ruf, dass sie den Leuten nach dem Mund redeten und ihre eigenen Träume als Offenbarung ausgäben. Die großen Propheten hatten z. T. auch ein offizielles Amt (z.B. Jesaja offensichtlich als Berater der Königs, Jeremia als priesterlicher Fürbitter), sie weissagten aber ungefragt und entgegen der öffentlichen Meinung. Die prophetische Methode ist eigentlich keine "Methode", denn der Prophet redet nicht, weil er dafür bezahlt wird, sondern weil Gott gesprochen hat. 3. Die Traumdeutungist im Sinne des Alten Testaments auch keine "Methode", die man lernen kann, sondern ein intuitives Verstehen, das Gott schenkt – im Unterschied zu den ägyptischen und babylonischen Traumdeutern, die nach einem Lehrbuch arbeiteten. 4. Die Methode des NachdenkensSelbst die großen Propheten haben nicht nur Offenbarungen Gottes verkündigt, sondern manchmal auch ihren gesunden Menschenverstand gebraucht: Jer 28 steht Prophetenwort gegen Prophetenwort: Jeremia fordert im Namen Gottes: "Unterwerft euch dem Joch des Königs von Babel" – Hananja verkündigt: "Gott wird das Joch in Kürze zerbrechen." Jeremia weiß zunächst nichts dagegen zu sagen und wartet auf eine neue Offenbarung, gibt aber zu bedenken: Die großen Propheten der Vergangenheit haben sich unbeliebt gemacht, indem sie Unheil ankündigten. Heilsprophetie ist verdächtig und muss sich dadurch ausweisen, dass sie in Erfüllung geht. Heute sind wir nicht auf Propheten angewiesen, wenn wir die Zukunft ergründen wollen, sondern verlassen uns lieber auf den gesunden Menschenverstand – obwohl es nicht zu leugnen ist, dass es auch heute Menschen mit einem siebten Sinn gibt. 5. Die Zukunft als Fortschreibung der Gegenwartwird schon Gen 1,21.22 göttlicherseits genehmigt: Die Menschen sind und bleiben unverbesserlich; der normale Lauf der Jahreszeiten wird nicht mehr durch göttliche Eingriffe gestört. Zukunft ist in gewisser Weise vorhersehbar. Heute im Zeitalter der Datentechnik ist es kein Problem, Entwicklungen vorauszusagen, wenn die entsprechenden Daten aus der Vergangenheit bekannt sind. Wie sich z. B. die Entwicklung eine Guthabens durch regelmäßige Einzahlungen, Zins und Zinseszins vorausberechnen lässt, so lässt sich auch die Entwicklung der Weltbevölkerung fortschreiben und voraussagen. Das gilt auch für die Verringerung der Rohstoffvorräte oder das Ausmaß der Umweltverschmutzung in die Zukunft– natürlich immer unter der Voraussetzung, dass die Entwicklung so weiter geht wie bisher oder dass dieses oder jenes zu der und der Zeit geändert wird. "Die Grenzen des Wachstums"Anfang der 70er Jahre hat eine Untersuchung des Club of Rome "Die Grenzen des Wachstum" einen Zukunftsschock aus- gelöst. Eine vereinfachte Modellrechnung ergab: Durch das rapide Ansteigen der Weltbevölkerung, verbunden mit immer stärkerer Industrialisierung und Umweltverschmutzung, werden die natürlichen Rohstoffvorräte (vor allem fossile Brennstoffe) bald nach 2000 rapide zur Neige gehen. Es kommt dann nicht nur zu einer Wirtschaftskrise mit katastrophalen Auswirkungen. Schlimmer noch ist, dass es dann auch nichts mehr zu essen gibt, weil Produktion und Verteilung der Nahrungsmittel immer stärker von der Industrie abhängig geworden ist (Treibstoff für Maschinen und Transport, Energie zur Kühlung, künstliche Dünger, chemische Schädlingsbekämpfung). Im Rahmen der allgemeinen Wirtschaftskrise werden auch Dienstleistungen ausfallen, das Gesundheitswesen zusammenbrechen usw. Es kommt zu einem Massensterben auch in den Industrienationen. Trotzdem wird die Weltbevölkerung noch ein paar Jahrzehnte weiter wachsen, bis sie in der 2. Hälfte des 20er-Jahrhunderts wieder auf den heutigen Stand zurückgeht. Industrie- und Nahrungsproduktion werden aber unter den Stand von 1900 zurücksinken. Das bedeutet also: halb so viel Essen und halb so viele Güter für dreimal so viele Menschen um 2100! Die Studie hat auch mehrere andere Möglichkeiten durchgespielt (z.B. mehr Rohstoffe als angenommen, sofortige weltweite stabilisierende Maßnahmen), kam aber immer wieder zu ähnlichen Ergebnissen. Nicht berücksichtigt werden können die politischen Umstände: Weder die hoffnungslose politische Lage der 3. Welt noch die Spannungen zwischen den Machtblöcken lassen sich vorausberechnen. Wir können auch nicht voraussagen, ob und wann es einen 3. Weltkrieg geben wird, ob darin Atomwaffen eingesetzt werden oder wie sich der Nord-Südkonflikt weiter entwickelt. Nicht vorausgesehen werden konnte die Gewichtsverlagerung in der Energieversorgung (für und wider die Kernenergie mit allen Problemen), ferner die inzwischen gewaltig vertieften Einsichten in die Umweltproblematik. Vorteil dieser Untersuchung war, dass sie übersichtlich war und auf den ersten Blick das Wesentliche zeigt.e Sie hat aber einen wichtigen Nachteil: Man kann Indien, die USA und Jugoslawien nicht über einen Kamm scheren. Jede Region hat ihre eigenen Probleme, und was in Indien z.B. dringend notwendig wäre, ein Rückgang der Geburtenrate, wäre in Deutschland ein großes Übel. Es kamen weitere Studien heraus, die auf diese Unterschiede eingingen und deshalb zu genaueren Ergebnissen führten. Sie haben aber wieder den Nachteil: Je genauer, desto weniger lesbar. [6] 6. Die Zukunft als Anfrage an unser WollenDie Futurologie kann zwar Entwicklungen vorausberechnen, Alternativen aufzeigen und Ratschläge geben. Sie kann aber keine Entscheidungen fällen. Sowohl die Zukunft der ganzen Menschheit wie die unsres Landes wie unsere persönliche hängt zu einem guten Teil davon ab, was wir wollen und wir uns entscheiden. Dabei wird der bequemste Weg (nämlich nichts zu ändern oder noch mehr Komfort anzustreben) nicht der beste sein. Wir sind gefragt, zu entscheiden, ob wir eine Zukunft wollen, in der wir noch weniger arbeiten und noch mehr verdienen, in der wir zwischen beliebig vielen Fernsehprogrammen wählen und unseren doppelt so langen Urlaub auf dem Mars zubringen können. All das ist machbar, wenn wir es nur energisch genug wollen. Die Frage ist nur, ob wir das verantworten können, und wie lange wir dann noch diese Errungenschaften genießen können. Sinnvoller ist sicher, sofort umzudenken, uns mit weniger zu begnügen und darauf zu sinnen, wie wir alle überleben können. |
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[1] Gen 44,5.15 [2] Lev 19,31; 20,6; Deut 18,10.11 [3] 1 Sam 28,3
[5] Jos 7,14; 1. Sam 10,20.21
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[6] Literatur:Dennis Meadows, Die Grenzen des Wachstums. Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit, deutsch 1972 Mihailo Mesarović / Eduard Pestel, Menschheit am Wendepunkt. 2. Bericht des Club of Rome zur Weltlage, deutsch 1974 Global 2000. Der Bericht an den Präsidenten. USA 1980. |
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Datum: 1988 / 2007 Aktuell: 10.06.2008 |
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