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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Nördliche und südliche Kimmerier

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Odysseus

Argonauten

Vergleich

Aiaia, Insel der Kirke

Aiaia in der Nordsee

Karte

Kimmerier

 

 

1. Odysseus

Odysseus kommt auf seiner Fahrt in das Reich der Toten auch zum Land der Kimmerier (Odyssee 10+11):

Von der Windinsel Aiolia segelt er mit günstigem Wind bis fast zu seiner Heimat Ithaka; der Windgott Aiolos hatte alle ungünstigen Winde in einen Sack gesperrt und an das Schiff gebunden. Im Anblick der Heimat öffnen die Gefährten aus Neugier den Sack. Odysseys wird nach Aiolia zurückgeworfen. Von dort wird er mit Schimpf und Schande verjagt. Nach 6 Tagen und Nächten am Ruder erreicht er die Stadt der Laistrygonen. mit gutem Hafen, der von steilen Felsen umschlossen ist. Die Laistrygonen züchten Schafe und Rinder und fahren Holz mit Wagen in die Stadt. Da sie Menschenfresser sind, muss Odysseus fliehen. Auf der Flucht (ohne Zeitangabe) gelangt er zur Insel Aiaia, auf der die Zauberin Kirke wohnt, eine Tochter des Sonnengottes und der Herse, eine Schwester des Aetes. Er landet in einer Bucht und steigt nach einer Ruhepause den schroffen Felsen am Ufer hoch, um das Land auszukundschaften. Die Insel ist bewaldet, und es gelingt ihm, einen starken Hirsch zu erlegen. Kirke schickt Odysseus weiter ins Reich des Aides; dort soll er den verstorbene Seher Teiresias wegen seiner Heimfahrt um Rat fragen. Kirke beschreibt ihm den Weg: "Kümmre dich nicht so sehr um einen Führer des Schiffes! Sondern richte den Mast und spanne die schimmernden Segel; dann sitz ruhig, indes der Hauch des Nordes dich hintreibt! Aber hast du im Schiffe den Ozean jetzt so durchsegelt und bist an dem niedern Gestad und den Hainen Persephoneiens voll unfruchtbarer Weiden und hoher Erlen und Pappeln, lande dort mit dem Schiff an des Ozeans tiefem Gestrudel, und dann gehe du selber zu Aides dumpfer Behausung. Wo in den Acheron sich der Pyriphlegeton stürzet und der Strom Kokytos, ein Arm der stygischen Wasser, an dem Fels,  wo die zwei lautbrausenden Ströme sich mischen, nahe bei diesem Orte ... " soll Odysseus durch ein Totenopfer den Seher heraufbeschwören. Odysseus fährt ab und berichtet: "Und wir durchschifften den Tag mit vollem Segel die Wasser und die Sonne sank, und Dunkel umhüllte die Pfade Also erreichten wir des tiefen Ozeans Ende. Allda liegt das Land und die Stadt der kimmerischen Männer. Diese tappen beständig in Nacht und Nebel, und niemals schauet strahlend auf die der Gott der leuchtenden Sonne, weder wenn er die Bahn des sternigen Himmels hinabsteigt, noch wenn er wieder hinab vom Himmel zur Erde sich wendet. Sondern schreckliche Nacht umhüllt die elenden Menschen." Odysseus landet dort und beschwört den Seher herauf. Auf der Rückfahrt gelangt Odysseus wieder zur Insel der Kirke, von dort zu der Insel der Sirenen und zwischen dem Felsen der Skylla und dem Strudel der Charybdis hindurch zur Insel Thrinakie, wo die heiligen Rinder des Sonnengottes weideten.

2. Argonauten

Auch die Argonauten besuchten die Insel der Kirke. Sie kamen aus dem Land Kolchis (Georgien), wo sie das Goldene Vlies geraubt hatten, das im Besitz von Aetes war; außerdem hatten sie dessen Tochter Medea, eine Zauberin, entführt.

Die Helden schlagen einen anderen Rückweg ein und suchen die Ionische Mündung des Istros auf, der im Rhipaiischen Gebirge entspringt und dessen andere Hälfte im Sizilischen Meer mündet. Dort warten bereits die Kolcher auf sie. Es kommt zu einer Auseinandersetzung. Iason, der Führer der Argonauten tötet den Bruder der Medea.

Um den Mord zusühnen, müssen die Argonauten zur Insel Kirkes fahren. Sie kommen dorthin über den Fluss Eridanos, in den einst Phaeton bei seiner Unglücksfahrt mit dem Sonnenwagen abgestürzt war. Deswegen dampft noch heute der Fluss, und an seinen Ufern stehen Phaetons Schwestern, in Pappeln verwandelt, und weinen Bernsteintränen. In den Eridanos mündet an einer Klippe der Rhodanos; der Fluss selbst mündet ins Tyrrhenische Meer, und dort ist ganz in der Nähe die Insel der Kirke. Auf der Rückfahrt kommen die Argonauten ebenfalls an den Inseln der Sirenen sowie an dem Engpass zwischen Skylla und Charybdis vorbei, bis sie schließlich wie Odysseus zu, den gastfreundlichen Phaiaken und von dort in ihre Heimat kommen. Auf der Insel der Phaiaken warten noch einmal die Kolcher auf sie; es gelingt den Phaiaken, zu vermitteln, so dass die Argonauten endlich heimfahren können.

3. Vergleich

Die Argonautensage ist zwar literarisch jünger als die Odyssee (seit Pindar), macht aber insgesamt einen älteren Eindruck und spielt auch in einer älteren Zeit (die Argonauten waren z.T. Väter der Eroberer Trojas und fuhren auf dem ersten, seegängigen Schiff Die Argonautensage gebraucht aber im Unterschied zu Homer keinen mythischen, sondern modern klingende geographische Namen: Kolchis ist das Land am Schwarzen Meer, Istros die Donau, Eridanos der Po, Rhodanos die Rhone. Nur sind die geographischen Vorstellungen sehr unzureichend: Der Istros (Donau) mündet im Schwarzen Meer; eine Fahrt von Kolchis zur Donaumündung ist durchaus normal. Es gibt aber keinen Fluss, der zugleich ins Ionische und ins Sikilische Meer mündet., Diese Fluss müssten wir doch in Süditalien suchen. Der Eridanos (Po) mündet in die Adria ,und entspringt in der Nähe des Tyrrhenischen Meeres; dort mündet aber der Rhodanos (Rhone). - Man hat also den Eindruck, als seien in der Argonautensage die Namen der Flüsse modernisiert worden, ohne dass sich die Rückfahrt von Kolchis damit anschaulich machen ließe.

4. Aiaia, Insel der Kirke

 Odysseus und die Argonauten kommen beide zur Insel der Kirke, Odysseus auf dem Seeweg, die Argonauten trotz ihres seetüchtigen Fahrzeuges über den Fluss Eridanos.

a) Die Insel Aiaia liegt nach Homer offenbar in der Nähe von der Insel der Laistrygonen, diese wiederum 6 Tagereisen von der Insel Aiolia (ca. 450 km). Von Aiaia ist man innerhalb eines Tages mit dem Nordwind (also nach Süden) im Land der kimmerischen Männer angelangt, Das sind etwa 100-150 km. Die Kimmerier wohnen am Ende des Ozeans, d.h. auf dem Festland. Dort münden drei Ströme an einem, Felsen in den Ozean. Das Land der Kimmerier ist sonnenlos dunkel und nebelig. Dort ist es möglich, die Geister der Toten zu beschwören,

b) Die Insel Kirkes ist auch über einen dampfenden Fluss zu erreichen. In diesen mündet an einer Klippe ein anderer Fluss. An der Mündung des ersten Flusses findet man Bernstein.

c) Sowohl Odysseus als auch die Argonauten fahren auf einem anderen Weg nach Hause, der an einer Stelle vorbeiführt, wo hübsche Mädchen die Schiffer durch betörenden Gesang ablenken und die Schiffe scheitern lassen. Später muss man an einem gefährlichen Engpass zwischen einem steilen Felsen und einem Strudel vorbei. Schließlich gelangen die Helden ins Land der griechenfreundlichen Phaiaken, , Von dort ist's nicht mehr weit bis Griechenland.

5. Aiaia in der Nordsee?

Geht man davon aus, dass um 1000 v.Chr. Helgoland, noch zum Festland gehörte und ein Teil der Doggerbank noch aus der Nordsee herausragt, so ergibt sich folgende Hypothese:

Die Stelle wo die drei Unterweltflüsse bzw. der Eridanos ins Meer münden, liegt am Felsen von Helgoland. Die drei Flüsse Homers müssten also Weser, Elbe und Eider gewesen sein,. Die Argonauten wären also tatsächlich über die Donau und von da über die Moldau und die Elbe gekommen. Dies passt sowohl auf das Dampfen des Eridanos (bei kalter Luft.) wie auf den Bernstein, den man an der Mündung findet. Die Insel Kirkes wäre dann eine versunkene Insel ca. 150 km nw. von Helgoland. Die Laistrygonen und die Windinsel Aiolia hätte man entweder auf der Doggerbank oder auf den Britischen Inseln oder auf Skandinavien zu suchen. Südnorwegen liegt etwa 500 km = ca. 6 Tagereisen von den Untiefen der westlichen Doggerbank entfernt (= Aiolia?) Über Südnorwegen liegt heute noch häufig ein sturmerzeugende Tief.

Bei der Rückfahrt von der Insel Kirkes denken sowohl Homer als auch die Argonautensage an den Seeweg; die Helden hätten also durch den Ärmelkanal gemusst, der damals schmaler gewesen ist als heute und wegen des starken Gezeitenhubs sicher nicht einfach zu passieren war, (Homer berichtet, dass die Charybdis unter einem Felsen liegend dreimal täglich Wasser einsaugt und wieder ausspeit: falsche Information über Ebbe, und Flut?).

Die Phaiaken auf der Insel Scheria waren hier nicht heimisch, sondern, aus dem Land Hypereia ausgewandert, offenbar von den benachbarten Kyklopen vertrieben (Odyssee 6), Die Insel Scheria wurde später mit Kerkyra 150 km nördlich von Ithaka identifiziert. Der Name erinnert an das nordische Inselwort Schäre, ähnlich auch Aiaia = anord . ey 'Insel',2). Vielleicht ist den Worten Homers zu entnehmen, dass die Phaiaken zur Zeit des Theseus noch in Hypereia gewohnt haben? Hypereia ist kein originaler Ländername, sondern ist das "Land drüben" (von Scheria aus gesehen),

6. Karte

7. Kimmerier

Die Angabe Homers über die kimmerischen Männer erscheint im Reisebericht des Odysseus wie ein Fremdkörper. denn er will ja nicht in dieses Land, sondern ins Reich des Aides /Hades. Die Kimmerier fehlen denn auch in der Argonautensage, die stattdessen die Beziehung zwischen Kolchis und Aiaia bzw. Aetes und Kirke betont. Wie ist dies zu erklären?

a Die Kimmerier waren in historischer Zeit ein Volk an der Nordküste des Schwarzen Meeres. Von dort wurden sie im 8er-Jahrhundert (Zeit Homers) von den Skythen nach Kappadozien verdrängt, wo Homer sie kennengelernt haben, dürfte. In Kleinasien verloren sie in der Mitte des 6er-Jahrhunderts eine Schlacht gegen den assyrischen König Asar-Haddon, zogen nach Westen und setzten sich in Lydien fest.. Dort vertrieb sie der lydische König Alyattes (um 600) und seitdem sind sie verschollen. Vgl. Herodot I 15f IV 11 f. Die Kimmerier in Kleinasien werden auch in der Bibel (Gomer) und in assyrischen Texten (Gimirrai) erwähnt.

b Der Kimmerier-Exkurs Homers ist also wohl eine zeitgeschichtliche Randbemerkung des Dichters, der auf eine kimmerische Überlieferung zurückgreift, wonach dieses Volk ursprünglich im hohen Norden gewohnt hat, u.zw. in der Nähe der Insel Kirkes.

c Zur Zeit, als die Argonautensage literarische Formen annahm (Pindar um 500), waren die Kimmerier schon längst vergangen und vergessen. Ihr Land am Schwarzen Meer nannten die Griechen jetzt Kolchis. Aber man wusste aus der Sage noch Beziehungen zwischen dem Land Kolchis und der Insel Aiaia im hohen Norden. (Verwandtschaft von Aetes und Kirke). Die Kolcher sind sozusagen die modernen Nachfahren der Kimmerier.

d Es ist also anzunehmen, dass die Kimmerier vor langer Zeit aus dem Norden ans Schwarze Meer gekommen sind. genauso wie es viel später auch die Goten gemacht haben. Ihre alte Heimat an der Nordseeküste ist von Homer wohl zutreffend gekennzeichnet; die Kimmerier wären also mit den späteren Cimbern identisch. Die Kimmerier / Kimbern müssen also im 1er-Jahrtausend ein großes Volk an der Nordseeküste gewesen sein, dessen Land im Laufe der Zeit von der See verschlungen wurde, so dass sie wiederholt nach Süden ausweichen mussten, einmal vor 1000 als Kimmerier ans Schwarze Meer, das 2. Mal im 1er-Jahrhundert als Cimbern und Teutonen. Die Kimmerier wären somit auf dem umgekehrten Weg gekommen wie die Argonauten. Auch die  Kimbern haben zunächst die Richtung nach Südosten eingeschlagen, um sich dann nach der Schlacht bei Noreia nach Westen zu wenden.

e Das Goldene Vlies, welches die Argonauten raubten, war ein wichtiges gut gehütetes Heiligtum der Kolcher gewesen, Dies erinnert an vorgeschichtliche kultische Beziehungen zwischen dem Norden und dem Süden. Herodot berichtet IV 33, dass die Hyperboreer (Nordleute) jährlich Opfergaben über die Skythen und viele andere Völker bis nach Delos geschickt hätten. Ursprünglich seien diese Gaben durch zwei hyperboreische Jungfrauen und fünf Männer persönlich überbracht worden; da die Abgesandten aber nicht zurückkamen, sei man dazu übergegangen, die Opfer sozusagen "mit der Post" zu schicken.

f Auf kultische Beziehungen zum Norden weisen auch die Fahrten des Odysseus und der Argonauten in den Norden:

Odysseus sucht den lange vor seiner Zeit gestorbenen thebanischen Seher Teiresias auf. Der ist natürlich im Reich der Toten. Dieses liegt im Norden, weil da die Gräber der Ahnen sind. Also kamen die Vorfahren des Odysseus aus dem Norden, und Odysseus wusste das noch, hatte aber den Weg vergessen.

Die Argonauten suchen bei der Zauberin Kirke Sühne für den Mord am Bruder Medeas. Heilige Frauen, die auch mit Sehergabe ausgezeichnet waren, wurden nach Tacitus Germania 8 von den Germanen in hohen Ehren gehalten und kamen erst später als Hexen in Misskredit. Nach der Meinung von Tacitus war Odysseus übrigens am Rhein gewesen und hat dort die Stadt Asciburgium gegründet (Germania 3). Dabei denkt Tacitus wohl nicht nur an keltische Steininschriften die dort gefunden wurden, sondern er hat wohl auch eine alte antike Tradition über die Fahrten des Odysseus im Sinn.

   

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Datum: 1978 /

2006

Aktuell: 27.12.2011