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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Märchen erklärt

Amor und Psyche

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I. Inhalt

III. Motivgeschichte

1. »Der Tierbräutigam«

2. »Die neidischen Schwestern«

3. »Der Liebhaber will nicht erkannt werden«

4. »Die Demütigung der Prinzessin«

5. »Das fleißige Mädchen«

6. »Hülsenfrüchte belesen«

7. »Die heimliche Hilfe«

8. »Der Gang in die Unterwelt«

9. »Das verhängnisvolle Mitbringsel«

IV. Nachwirkungen

1. Das Hängeschloss

2. Die Goldne Wurzel

3. Das singende und springende Löweneckerchen

VI. Deutung

1. Der Rahmen

2. Die Geschichte selbst

Religiöse Deutung Entwicklungspsychologische Deutung
Die Entwicklung einer Liebe

 

I. Inhalt

Lucius Apuleius, Metamorphosen 4,28-6,24 (2er-Jahrhundert):

Das sterbliche Mädchen Psyche ist so schön, dass die Menschen den Kult der Venus vernachlässigen und die Göttin auf Psyche eifersüchtig wird. Sie schickt ihren Sohn Amor, er solle sie dafür sorgen, dass sie sich in irgendeinen unwürdigen Mann verliebt.

Trotz ihrer Schönheit findet Psyche keinen Mann. Ein Orakel prophezeit, sie würde mit einer fliegenden Giftschlange vermählt werden, vor der selbst die Götter zittern. [1] Sie wird auf den Gipfel eines Berges gebracht, von wo sie zu einem wunderbaren Palast entführt wird. Dort wird sie von unsichtbaren Wesen bedient. Der unbekannte Gatte besucht sie immer nur in der Dunkelheit und verschwindet, bevor es hell wird.

Er warnt Psyche eines Tages vor ihren Schwestern, aber sie setzt durch, dass sie mit ihnen sprechen darf. Der Unsichtbare warnt sie noch einmal, sie solle nicht dem Rat der Schwestern folgen, nach seinem Aussehen zu fragen. Die Schwestern kommen mit Erlaubnis des Gatten zu Besuch. Wie sie das alles sehen, erwacht in ihnen der Neid. Sie erkundigen sich nach dem Ehemann. Psyche flunkert ihnen was vor. Auf dem Heimweg stacheln die Schwester ihren Neid an beklagen, dass sie es so viel schlechter getroffen haben, und beschließen, Psyche zu vernichten.

Und wieder warnt der Gemahl vor der Bosheit der Schwestern: Wenn sie erfährt, wie er aussieht, sind sie für immer getrennt und das Kind in ihrem Leib wird keinen göttlichen Vater haben.

Bei einem zweiten Besuch der Schwestern verstrickt sich Psyche in Widersprüche. Die Schwestern ahnen, dass der Gatte ein Gott ist und spinnen weiter ihre Intrigen. Beim nächsten Besuch behaupten sie unter Berufung auf das Orakel, Psyche sei mit einem Drachen verheiratet, der sie demnächst auffressen werde. Psyche gesteht, dass sie ihren Mann noch nie gesehen hat. Sie empfehlen ihr, im Schlafzimmer eine Lampe zu verstecken, ein Rasiermesser bereitzuhalten und dem Drachen den Kopf abzuschneiden.

Psyche bereitet also alles vor, und sobald ihr Mann im ersten Schlaf liegt, holt sie die Lampe, und erkennt Cupido. Sie betrachtet ihn verwundert, spielt mit einem Pfeil, verwundet sich aus Versehen, wird von Begierde ergriffen und fängt an, Cupido zu küssen. Dabei hält sie die Lampe nicht still. Ein Tropfen brennendes Öl fällt auf seine Schulter. Der Gott erwacht, fliegt auf eine Zypresse und erklärt seiner Frau, er habe seiner Mutter nicht gehorcht und sich mit seiner eigenen Waffe getroffen. Jetzt habe ihre Neugier alles verdorben. Die bösen Schwestern würden schon ihre Strafe bekommen und sie selbst sei mit seiner Flucht bestraft genug.

Psyche stürzt sich verzweifelt eine Klippe hinunter, aber der Flussgott setzt sie sanft am Ufer ab. Dort befindet sich Pan, der ihr rät, keinen weiteren Selbstmord zu versuchen und fleißig zu Cupido zu beten.

Psyche geht weiter und kommt zu der einen Schwester. Sie erzählt wie ihr's ergangen ist und behauptet, Cupido habe sich von ihr geschieden, um die Schwester zur Frau zu nehmen. Die Schwester hat nichts Eiligeres zu tun als von der Felsenspitze zu springen – in den sicheren Tod. Genauso geht es auch der anderen Schwester.

Eine Möwe meldet der badenden Venus, dass Cupido krank im Bett liegt, und deutet an, dass er in Psyche verliebt sei. Venus eilt heim und schimpft ihren Sohn aus. Juno und Ceres versuchen ihren Zorn zu dämpfen. Die Göttin macht sich auf die Suche nach Psyche, um sich zu rächen.

Auf der Suche nach ihrem Geliebten kommt Psyche zum Tempel der Ceres und findet dort ein Chaos vor: Ähren, Erntekränze und Sicheln, alles wüst durcheinander. Psyche schafft Ordnung. Sie bittet Ceres, ihr beizustehen, aber die Göttin weist sie ab: Sie will es nicht mit Venus verderben. Auch Juno weigert sich, ihr zu helfen. Da entschließt sich Psyche, sich der Venus zu stellen.

Inzwischen hat Venus den Merkur gebeten, eine polizeiliche Fahndung nach Psyche einzuleiten. Das bestärkt Psyche in ihrem Entschluss. Die Göttin empfängt sie sehr ungnädig, lässt sie verprügeln und schlägt selbst drauf.

Dann schüttet sie verschiedene Samen zusammen und befiehlt, Psyche solle sie bis zum Abend sortieren. Da kommen Ameisen und nehmen ihr die Arbeit ab. Venus erkennt das nicht an, weil das nicht ihre Leistung war.

Am nächsten Tag soll Psyche eine goldne Wollflocke von Schafen bringen, die an einem Fluss weiden. Psyche macht sich auf den Weg, um ins Wasser zu gehen. Das Schilfrohr hält sie davon ab und erklärt, wie sie die Flocke holen kann: Die Schafe sind bösartig und gefährlich, aber gegen Abend kann sie die Flocken einsammeln, die an den Zweigen hängen. Auch diese Leistung erkennt die Göttin nicht an.

Danach soll Psyche an der Quelle des Unterweltflusses Styx Wasser schöpfen. Jupiters Adler kommt ihr dabei zu Hilfe. Auch jetzt findet Psyche keine Anerkennung. [2]

Die letzte Aufgabe: Psyche soll aus dem Orcus etwas von Proserpinas Schönheit holen, mit der sich Venus für ihren Theaterbesuch am Abend schminken will. Und wieder denkt Psyche an Selbstmord und will sich von einem hohen Turm hinabstürzen. Der Turm hält sie davon ab und erklärt ihr, wie sie in die Unterwelt kommt und wie sie mit den vielen Schwierigkeiten unterwegs fertig werden soll. Vor allem solle sie sich hüten, die Büchse zu öffnen. Psyche folgt den Anweisungen, bekommt das Gewünschte und macht sich wieder auf den Heimweg. Dann aber erliegt sie der Versuchung, von der göttlichen Schönheit ein bisschen für sich selbst Gebrauch zu machen. In der Büchse war aber keine Schönheit, sondern ein Todesschlaf, der Psyche sofort befällt.

Cupido, der im Haus seiner Mutter gefangen gehalten wurde, entwischt durch das Fenster, putzt den Todesschlaf von der Geliebten ab, sperrt ihn wieder in die Büchse und weckt Psyche durch Berührung mit seinem Pfeil auf. Diese liefert die Büchse ab, während Cupido zum Himmel fliegt und Jupiter um Hilfe bittet. Der beruft die Götter zu einer Versammlung ein und gibt bekannt: Der jugendliche Übermut Cupidos soll dadurch gebändigt werden, dass man ihm die Fesseln der Ehe mit der von ihm geschwängerten Psyche anlegt. Damit sich Venus wegen der unstandesgemäßen Verbindung nicht weiter grämen muss, bekommt Psyche einen Pokal mit Ambrosia und wird damit unsterblich. Dann wird Hochzeit gefeiert und bald darauf gebiert Psyche eine Tochter, die den Namen Voluptas erhält.

III. Motivgeschichte

1. »Der Tierbräutigam«

Vgl. "Die Schöne und das Biest", "Das singende, springende Löweneckerchen (Löwe) [3], "Der Froschkönig" [4], "Schneeweißchen und Rosenrot" (Bär) [5]. Hier ist der Bräutigam ein "Tier", das durch die Liebe zum Menschen wird.

2. »Die neidischen Schwestern«

"Frau Holle" [6] verbindet dieses Motiv mit dem Gang in die Unterwelt (»Brunnen«) und dem fleißigen Mädchen, das unaufgefordert die Arbeiten macht, die gerade anliegen (»Backofen, Apfelbaum«).

3. »Der Liebhaber will nicht erkannt werden«

4. »Die Demütigung der Prinzessin«

5. »Das fleißige Mädchen«

Anders als Psyche werden Cecella in "Die Drei Feen" [11] und die Goldmarie in "Frau Holle" (Grimm Nr. 24) für ihren Fleiß belohnt.

6. »Hülsenfrüchte belesen«

Das Motiv erscheint später in "Aschenputtel" [12] und verwandten Geschichten.

Diese Arbeit erscheint im Märchen als Schikane, war jedoch im praktischen Leben notwendig: Linsen brauchen eine Stütze. Man hat sie daher zusammen mit Getreide gesät und musste nach der Ernte die Früchte sortieren. [a]

7. »Die heimliche Hilfe«

Meist ist es ja der junge Mann, der sich in die Tochter eine Hexe verliebt und von der Mutter unlösbare Aufgaben gestellt bekommt. Die Geliebte hilft ihm dabei durch ihre Zauberkünste ("Die Taube" [13]; "Rosella" [14]; "Der Trommler" [15]). Ohne Bild: Was man mit Liebe tut, geht noch einmal so gut.

8. »Der Gang in die Unterwelt«

Ein sehr altes Motiv: Der Held oder die Heldin geht lebendig in die Unterwelt und kommt wieder lebendig heraus. Es hatte seinen ursprünglichen Sitz im Leben wohl in den Mysterienkulten (Persephone, Orpheus und Eurydike). In den Märchen: z.B. "Der Teufel mit den drei Goldnen Haaren" [16]; auch "Frau Holle" [17].

9. »Das verhängnisvolle Mitbringsel«

Vgl. das Danaergeschenk (das trojanische Pferd der Ilias), der Sack der Winde (Odyssee), die Büchse der Pandora

IV. Nachwirkungen

1. Das Hängeschloss

Giambattista Basile, Petamerone 19 (1634-36): [18]

Eine arme Frau bittet ihre drei Töchter, zu einem Brunnen zu gehen und Wasser zu holen. Sie weigern sich erst, dann geht Luciella, die Jüngste. Dort lädt ein Mohrensklave sie ein, in eine Grotte zu gehen. Sie wird dort bewirtet und zu Bett gebracht. Dann kommt noch jemand (»Cupido«) zu ihr ins Bett. Und das geht einige Tage so. Luciella bittet ihre Mutter besuchen zu dürfen und bringt ihr einen Beutel voll Gold mit. Die »Schwestern« werden neidisch und überreden sie, ihren Bräutigam bei Licht zu betrachten. Der jagt sie empört weg. Die Schwestern wollen nichts mehr von ihr wissen und Luciella irrt hochschwanger in der Welt herum. Eine Hofdame nimmt sie auf, bei der sie einem schönen Knaben das Leben schenkt. Die Hofdame beobachtet, wie jede Nacht ein schöner Mann kommt und das Kind bewundert und sagt: "Wenn keine Hähne mehr krähten, würde ich nie von dir scheiden." Die Hofdame veranlasst, dass alle Hähne getötet werden. Wie der Jüngling wiederkommt, erkennt die Königin ihren Sohn, der verwünscht worden war. Nun ist er erlöst und wird mit Luciella zusammen getan.

2. Die Goldne Wurzel

Giambattista Basile, Petamerone 44 (1634-36): [19]

Ein armer Gärtner gibt seinen drei Töchtern Pascuzza, Cice und Parmatella Ferkel, die ihnen die Aussteuer finanzieren sollen. Die älteren Schwestern dulden Parmatella nicht in ihrer Nähe. Sie geht in den Wald und entdeckt einen Baum mit goldnen Blättern, die sie nach und nach mit nach Hause nimmt. Sobald die Blätter alle sind, geht sie mit der Axt an die goldne Wurzel und entdeckt einen unterirdischen Palast. Dort heiratet sie einen Mohren. Der verwandelt sich nachts in einen schönen Jüngling (»Cupido«) und wohnt ihr im Dunkeln bei. In der nächsten Nacht macht sie Licht und bewundert den schönen Mann in ihrem Bett. Der erwacht und beklagt, dass er jetzt noch einmal sieben Jahre Mohr sein müsse. Er schickt Parmatella wieder heim und verschwindet.

Unterwegs begegnet sie einer Fee, die ihr verschiedene Dinge gibt und sagt, wie sie sich verhalten soll. Sie geht sieben Jahre, bis sie zu einem Haus kommt, auf dessen Balkon sieben Frauen spinnen, die Schwestern des Mohren. Die versprechen ihr mit einem feierlichen Eid, dass sie Parmatella nicht fressen wollen. Sie geben ihr weitere Anweisungen und Parmatella lässt sich auch von der Mutter der sieben schwören, dass sie ihr nichts zuleide tut.

Die Hexe (»Venus«) sucht Gelegenheit, Parmatella zu schaden und lässt sie »Hülsenfrüchte« sortieren. Der entzauberte Mohr Donnerundblitz (»Cupido«) erscheint und lässt die Früchte durch Ameisen sortieren. Danach soll sie Bettbezüge mit Federn füllen. Donnerundblitz ruft Vögel herbei, die Federn lassen. Als nächstes soll Parmatella zur Schwester der Hexe (»Proserpina») gehen, um Instrumente (»Schönheitsmittel«) für die Hochzeit zu holen mit der geheimen Nachricht, dass die Schwester Parmatella schlachten solle. Donnerundblitz rät ihr, wie sie sich verhalten soll: einem bösen Hund (»Cerberus») ein Brötchen und einem Pferd Heu geben, vor die auf- und zuschlagende Tür einen Stein legen, ein Kind der Hexe ins Feuer werfen, die Instrumente hinter der Tür mitnehmen und ja nicht das Futteral (»Büchse«) öffnen. Natürlich macht Parmatella das Futteral auf, die Instrumente kommen heraus und machen einen furchtbaren Lärm. Donnerundblitz steckt sie wieder in den Sack und Parmatella liefert die Instrumente ab.

Inzwischen ist die abscheuliche Braut gekommen und die Hochzeit wird gefeiert. Der Bräutigam bittet Parmatella ihn zu küssen, das will sie angesichts der Braut nicht tun. Die Braut macht sich darüber lustig, Donnerundblitz ersticht sie und geht mit Parmatella ins Bett. Wie die Hexe das erfährt, geht sie zu ihrer Schwester, sieht dass sie sich selbst verbrannt hat und schlägt sich an der Wand den Schädel ein.

3. Das singende und springende Löweneckerchen

Grimm Nr. 88

Ein Mann geht auf Reisen und will seinen Töchtern was mitbringen. Die Jüngste bittet um ein Löweneckerchen (Lerche). Dies gehört einem Löwen (»angeblicher Drache«), der den Mann fressen will, wenn er als Preis für den Vogel ihm nicht das verspricht, was ihm zuerst begegnet.

Das ist aber seine Tochter. Die geht getrost zum Löwen, der ein verzauberter Prinz (»Cupido«) ist und samt seinen Leuten nur nachts seine wahre Gestalt zurückbekommt. Sie besucht die Hochzeit ihrer einen Schwester. Bei der zweiten bittet sie ihren Mann mitzukommen, aber der hat Angst: Wenn ein Lichtstrahl auf ihn fällt, wird er für sieben Jahre zu einer Taube. Er lässt sich überreden, geht mit und wird zu einer Taube. Die Frau folgt den Federn und Blutströpfchen, welche die Taube fallen lässt. Schließlich verliert sie die Spur, fragt Sonne und Mond, die zwar die Taube nicht gesehen haben, ihr aber ein Kästchen und ein Ei schenken. Auch die Winde wissen von nichts. Der Südwind aber hat gesehen, wie die Taube am Roten Meer zum Löwen geworden ist und mit einem Lindwurm kämpft, der eine verzauberte Königstochter ist. Der Nachtwind verrät, wie sie die beiden erlösen kann, und schenkt ihr eine Nuss.

Sie kommt zu einem Schloss, wo der Prinz gerade die Königstochter heiraten will. Das goldne Kleid gefällt der Braut so gut, dass sie ihr erlaubt, eine Nacht in der Kammer des Bräutigams zu schlafen. Sie versucht seine Erinnerungen zu wecken, aber er hat einen Schlaftrunk bekommen und hört nichts. Die Heldin holt aus dem Ei eine goldne Glucke mit Küken und erkauft sich damit eine zweite Nacht in der Kammer. Inzwischen hat der Klammerdiener den Prinzen aufgeklärt und schüttet den Schlaftrunk weg. Der Prinz erkennt seine Frau und sagt, die Königstochter hätte ihn bezaubert. Sie fliehen auf dem Rücken des Vogels Greif. Überm Roten Meer lässt die Frau die Nuss fallen, daraus wächst ein Nussbaum, auf dem sich der Greif ausruhen kann, und dann kehren sie nach Hause zurück.

VI. Deutung

1. Der Rahmen

Man kann dieses Märchen nicht verstehen ohne seinen Rahmen, den Eselsroman: So wie Lucius durch vielerlei Leiden die Gottheit findet, so findet Psyche nach vielerlei Leiden ihren geliebten Gott Cupido wieder und wird selbst zur Göttin.

Dabei lässt der Erzähler Apuleius keinen Zweifel, dass er sich von dieser Erzählung und dieser Art Erlösung distanziert. Das zeigt nicht nur die Rahmenhandlung (Erzählung einer ständig betrunkenen alten Frau, der man keinen Glauben schenken darf), sondern auch die frivole Sprache und Darstellung, die auch die ganze Eselsgeschichte durchzieht, während Apuleius da, wo es um die Erlösung des Lucius und die Mysterien der Isis geht, auf einmal ganz ernst wird.

Das Mädchen Psyche, die am Anfang der Geschichte als zweite Schönheitsgöttin Venus angebetet wird, liebt, verliert und findet wieder den Cupido, den Gott der sinnlichen Begierde, und muss wider Willen der echten Venus, Göttin der sinnlichen Lust, dienen. Die Tochter von Psyche und Amor heißt Voluptas, die Wollust. Ist es Zufall, dass der Sohn der Venus nicht Amor, Liebe, genannt wird, sondern Cupido, Begierde? Es ist, anders als bei Isiskult, das sinnliche Vergnügen, welches Psyche sucht und findet.

2. Die Geschichte selbst

Sehen wir von diesem kontrastierenden Rahmen ab, so ist die Geschichte von "Amor und Psyche" gleichwohl eine Erlösungsgeschichte mit einem tiefen symbolischen Gehalt:

a. Religiöse Deutung

Das zeigt schon der Name der Heldin: Psyche, die Seele.

Schon früh zeigt sich die Bestimmung der Seele, zu sein wie Gott: Psyche wird wie eine Göttin verehrt und wird damit unbeabsichtigt zur Rivalin der wahren Gottheit. Ihr Ziel erreicht sie aber nur über einen langen Leidensweg.

Das Märchen zeigt das Schicksal der Seele aus hellenistischer Sicht: Sie war mit Gott (hier Cupido) vereint, wurde von ihm getrennt und muss ihn wieder finden. Die ursprüngliche Einheit ist vorbewusst. Wie in der biblischen Geschichte vom Sündenfall (Gen 3) wird Psyche in dem Augenblick von der Gottheit getrennt, wo die Erkenntnis einsetzt, und wird aus ihrem "Paradies", dem Zauberschloss, vertrieben.

Auf ihrem Weg zur Gottheit zurück ist die Seele vielen Gefahren und Versuchungen ausgesetzt. Erlösung findet Psyche nur, wenn die erzürnte Gottheit (Venus) zufrieden gestellt ist. Ihre Versuche, bei anderen Göttern (Ceres, Juno) Hilfe zu finden, scheitern. Es bleibt ihr nicht erspart, sich der Venus zu unterwerfen, die scheinbar ihre Launen an ihr auslässt und sie mit unlösbaren Aufgaben schikaniert, in Wirklichkeit sie aber prüfen will, ob sie wirklich zur "Schwiegertochter", für eine Vergottung geeignet ist. Sie kann die Aufgaben aber nur lösen, weil Cupido ihr dabei hilft und "denen, die Gott lieben alle Dinge zum Besten dienen müssen" (Röm 8,28). Der geflügelte Liebhaber übernimmt also hier die Funktion eines Genius oder Schutzengels. Die Versöhnung mit Venus und die Wiedervereinigung mit der Gottheit kann aber auch Cupido nicht erreichen, dazu bedarf es die Hilfe des obersten Gottes Jupiter, der der Seele das ewige Leben verleiht.

Auf diesem Weg zum ewigen Leben muss die Seele aber erst den Tod überwinden, unversehrt in die Unterwelt hinabsteigen, unversehrt wieder herauskommen und die tödliche Büchse unangetastet abliefern. Wie später Lucius steigt also die Seele in die Unterwelt und kommt wieder heil heraus, aber das ewige Leben hat sie damit noch nicht, sondern sie verfällt der Todesmacht, die sie in der Büchse mitgebracht hat. Um wirklich unsterblich zu werden, muss sie von der Gottheit wieder auferweckt werden und Ambrosia trinken.

b. Entwicklungspsychologische Deutung

Psyche ist wie Lucius ein Mensch auf dem Weg zum Erwachsenwerden. Es genügt nicht, einen Geliebten gefunden zu haben, sondern sie muss die Achtung ihrer Schwiegermutter erringen, und die macht es ihr nicht leicht. Sie muss auch die Achtung der anderen Erwachsenen (»Götter«) erringen und muss feststellen, dass Fleiß und Ordnung (»Aufräumen des Cerestempels«) allein nicht ausreichen. Ihren Cupido bekommt sie erst, nachdem dieser beim Familienoberhaupt (»Jupiter«) formell die Genehmigung für eine Eheschließung erwirkt hat. Sie wird durch die Heirat in die Familie (»der Götter«) aufgenommen und bekommt Anteil an deren Gruppenidentität (»Unsterblichkeit«).

c. Die Entwicklung einer Liebe

Psyche gibt sich in einer rauschhaften Umarmung einem Mann hin, den sie nicht kennt. Er kommt nur im Dunkeln zu ihr und geht weg, bevor es hell wird. Psyche hat ein berechtigtes Interesse, zu wissen, wer ihr Liebhaber ist. Sie wird ja schließlich schwanger. Der Liebhaber hat ein verständliches Interesse, unerkannt zu bleiben, die Umarmung zu genießen und nicht an die Folgen zu denken. Sobald ihn Psyche bei Licht betrachtet, muss sie ihn "verletzen". Er ergreift wie so mancher andere Liebhaber die Flucht, kehrt zu seiner Mama zurück und verkriecht sich ins Bett. Es geht Cupido wie den Liebeskranken, die er mit seinen Pfeilen verletzt hat. [20]

Psyche reagiert ganz anders: Jetzt, wo sie das wahre Wesen ihres Liebhabers erkannt hat, will sie erst recht nicht auf ihn verzichten und macht sich auf die Suche. Bei dieser Suche reift sowohl das Mädchen als auch ihr Liebhaber. Was sie schließlich finden, sind nicht weitere unverbindliche wilde Liebesnächte, sondern echte Partnerschaft: Das verwöhnte Zuckerpüppchen muss sich der Schwiegermutter unterwerfen, arbeiten und ihre Lebenstüchtigkeit beweisen. Cupido muss Verantwortung für die Geliebte übernehmen, ihr helfen, die Aufgaben zu erfüllen und schließlich die "behördliche Genehmigung" für eine Eheschließung einholen. Dass er dabei in den Dienst des himmlischen Schürzenjägers tritt und Psyche in den der Sexgöttin, ist amüsante antike Zutat. Immerhin: Was sie vorher illegal taten, Herzen brechen und Liebe genießen, ist jetzt ganz legal und in Ordnung.

 

[1] rätselhafte Umschreibung der Begierde (lateinisch cupido) und zugleich kritische Wertung: Sie ist nichts "Heiliges", sondern etwas Verderbliches.

[2] Diese drei Aufgaben sind die typischen Arbeiten einer damaligen Frau: Kochen, mit Wollflocken arbeiten = Kleider machen und Wasser holen.

[3] Grimm Nr. 88

[4] Grimm Nr. 1

[5] Grimm Nr. 161

[6] Grimm Nr. 24

[11] Basile Nr. 39

[12] Grimm Nr. 21

[a] Schwarzwälder Bote 02.05.2009, Wochenend-Journal S. 1

[13] Basile Nr. 17

[14] Basile Nr. 29

[15] Grimm Nr. 193

[16] Grimm Nr. 29

[17] Grimm Nr. 24

[18] Italienische Märchen, Insel-Verlag 255-261

[19] Italienische Märchen, Insel-Verlag 586-600

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

[20] Wie ganz anders ist doch das Liebesverständnis der Bibel, wo "erkennen" eine Umschreibung für den Geschlechtsakt ist (Gen 4,1 u. ö.).

 

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Übersicht

 

Sprachecke 02.01.2013

 

Datum: 2006

Aktuell: 27.12.2012