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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Märchen erklärt

Dornröschen

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Inhalt

Versionen

Motivgeschichte

»Frosch«

»Geburtsorakel«

»Spinnarbeit«

»die Jungfrau im Zauberschlaf«

»die unehelichen Kinder«

»Die Frau gibt dem Vater das Kind zu essen.«

Literarische Vorlagen

Der geweissagte frühe Tod

Der verwunschene Prinz

Die schlafende Schöne

Die Tochter des Jairus

Zellandine

Die Küchenmagd

Sonne, Mond und Talia

Die Schöne im schlafenden Wald

Der verwunschene Wohnort

Die Rache der betrogenen Frau

Von dem Machandelboom

Orange und Zitrone

Deutung

Literargeschichte

Fee, Spindel, Flachsfaser

Der König verbietet das Spinnen

Die Alte im Turm

Der hundertjährige Schlaf

Die Schlafende wird geschwängert

Die Kinder

Geliebte, nicht Ehefrau

Kinder und Mutter sollen ermordet werden

 

 

I. Inhalt

Ein Frosch prophezeit einem kinderlosen Königspaar ein Kind. Übers Jahr wird ein Mädchen geboren. Der König veranstaltet ein großes Fest und lädt zwölf Feen dazu ein – mehr Gedecke haben sie nicht. Die dreizehnte verflucht das Kind, es solle sich im 15. Jahr an einer Spindel stechen und tot umfallen. Die letzte Fee kann den Spruch geraden noch in einen hundertjährigen Schlaf umwandeln.

Obwohl der König alle Spindeln im Reich verbrennen lässt, sticht sich die Prinzessin am 15. Geburtstag bei einer alten Frau doch mit einer Spindel und fällt samt dem ganzen Schloss in einen tiefen Schlaf. Rund ums Haus wächst eine Dornenhecke. Aufgrund einer Sage versuchen viele Königssöhne die Schlafende zu wecken, scheitern aber an der Hecke,

Den letzten lässt die Hecke ungehindert durch. Er findet Dornröschen, weckt es samt dem ganzen Hof mit einem Kuss und feiert mit ihm Hochzeit.

II. Versionen

In der Erstausgabe bei Grimm 1812 kündigt ein Krebs die Geburt an.

Bechstein erzählt dieselbe Geschichte mit wenigen Besonderheiten: Der König schafft die Spindeln ab und lässt Spinnräder einführen. [1] Das uralte Spinneweiblein im Turm hat das Gesetz nicht gehört oder vergessen.

III. Motivgeschichte

1. »Frosch«

Der Frosch, der die Geburt ankündigt, gehört eigentlich in den Geburtsmythos (das Tier, das aus dem Wasser kommt, symbolisiert das Baby [2]). Daher der Frösche fressende Klapperstorch als Kinderbringer.

In Ägypten hatte der Schöpfergott Chnum eine froschköpfige Gemahlin Heket, die der Lehmfigur des von Chnum modellierten Menschen Leben einhaucht. [3]

Auch der Krebs in Grimms Erstausgabe ist ein Wassertier.

2. »Geburtsorakel«

Das Motiv, dass die Schicksalsgöttinnen (Feen) bei der Geburt das künftige Schicksal weissagen, findet sich schon im ägyptischen Märchen vom verwunschenen Prinzen.

3. »Spinnarbeit«

Die Überforderung der künftigen Ehefrau durch das Spinnen wird im "Rumpelstilzchen" anschaulich dargestellt ("Stroh zu Gold spinnen"). [4]

Auch im Märchen von den "Drei Spinnerinnen" [5] wird von einem faulen Mädchen erzählt, das vor der Hochzeit eine große Menge Garn spinnen soll. Ihr kommen drei alte Frauen zu Hilfe, die dann zur Hochzeit eingeladen werden. Sie sehen mit ihren vom Spinnen deformierten Füßen, Daumen und Lippen so abschreckend aus, dass der Bräutigam seiner Braut das weitere Spinnen erlässt.

Tatsächlich konnte das Spinnen zu körperlichen Beschwerden führen, auch dadurch, dass Splitter in die Hand eindrangen oder die Hand vom Gebrauch der Spindel taub wurde. Daran scheint das Märchen anzuspielen: Die Heldin muss seit ihrem 15. Geburtstag spinnen und ihre Aussteuer erarbeiten.

4. »die Jungfrau im Zauberschlaf«

a. Sigdrifalied

Sigurd sieht aus der Ferne ein großes Licht; als er näher kommt, ist da nur eine Schildburg mit einem Banner. In der Mitte liegt jemand in voller Rüstung und schläft. Sigurd nimmt den Helm ab und sieht, dass es eine Frau ist. Das Kettenhemd muss er mit dem Schwert aufschneiden. Die Frau wacht auf und unterhält sich mit Sigurd: Sie heiße Sigdrifa und sei eine Walküre. Odin habe sie mit einem Zauberschlaf bestraft, weil sie bei einem Zweikampf dem falschen Kontrahenten das Leben nahm. Als Odin ihr befahl zu heiraten, schwor sie keinen Mann zu nehmen, der sich fürchten könne.

b. Brynhilds Helfahrt

Der Fürst Agnar stahl Brynhild und ihrer Schwester die Flughemden und nötigte sie zu einem Beistandseid. Also lässt Brünhild Agnar bei einem Zweikampf am Leben, obwohl Odin seinen Tod beschlossen hatte. Odin schließt sie zur Strafe mit Schilden und einem Feuer ein. Nur der dürfte durch die Feuerwand reiten, der ihr Fafnirs Gold brächte, und das war der Dänenheld Sigurd. Er lag acht Nächte neben ihr im Bett und konnte doch die Arme nicht um sie legen. Deswegen wurde sie von Gudrun gescholten, und das sei die Ursache für großes Leid gewesen.

5. »die unehelichen Kinder Sonne und Mond«

In der Fassung von Basile wird Talia ("Dornröschen") von einem verheirateten König geschwängert, gebiert im Schlaf zwei Kinder, Sonne und Mond. wird von der Königin mit tödlichem Hass verfolgt und beinahe aufgefressen.

Das erinnert an die antiken Mythen:

a. Zeus

Der verheiratete Zeus hat viele Liebschaften und besucht seine Geliebten gern in veränderter Gestalt, auch als Vogel (Schwan).

b. Leto

Die unehelichen Kinder von Zeus bekommen samt ihrer Mütter von Hera das Leben schwer gemacht, unter ihnen auch Leto (lateinisch Latona), die Mutter des solaren Gottes Apollon und der später mit dem Mond gleichgesetzten Artemis (Diana). Der italienische Name der Mutter Talia könnte durch Lautumstellung aus der dorischen Namensform Lato entstanden sein.

c. Rhea

Rhea ist die Mutter von Zeus und seinen Geschwistern. Hier ist es der Vater Kronos, der seine Kinder auffrisst, aber später wieder von sich geben muss, wie bei den "sieben Geißlein".

6. »Die Frau gibt dem Vater das Kind zu essen.«

Dieses Motiv kennt schon die Antike (Prokne und Philomele, Atreus [6]). Es wiederholt sich in der Edda bei Gudrun. In allen drei Fällen handelt es sich einen Racheakt. In "Von dem Machandelboom" [8] schlachtet die Stiefmutter ihren Stiefsohn, den sie nicht leiden kann.

IV. Literarische Vorlagen

1. Der geweissagte frühe Tod

a. Der verwunschene Prinz

Papyrus Harris (um 1290 v. Chr.)

Altägyptische Märchen, hrsg. E. Brunner-Traut S 24-28

Die Hathoren (Schicksalsgöttinnen) weissagen, dass ein Prinz durch Krokodil, Schlange oder Hund ums Leben kommt. Der Vater bringt den Jungen in einem isolierten Palast unter, von dem er schließlich auf Abenteuer auszieht. Später erzählt er, er sei vor seiner Stiefmutter geflohen, die ihn hasste. Am Ende flieht der Prinz vor seinem Hund ins Wasser und wird von einem Krokodil gepackt, das lange mit einem Geist gerungen hatte … (Die Handschrift bricht hier ab.)

2. Die schlafende Schöne

a. Die Tochter des Jairus

b. Zellandine

Le Roman de Perceforest,  um 1330

Wie ein Fluch der Schicksalsgöttin Themis prophezeit, sticht sich die Prinzessin Zellandine mit einer Flachsfaser und fällt unvermittelt in einen Schlaf, aus dem sie nicht mehr aufwacht. Sie wird in einem unzugänglichen Schloßturm aufgebahrt, doch mit einem Zauber bewaffnet dringt räuberisch der Prinz Troylus ins Schlafgemach der adligen Jungfrau ein, wo er angesichts der rosigen Frische und der erotischen Reize der nackt Daliegenden nicht länger an sich zu halten vermag. Zuerst zögert er zwar noch, dann aber versagt die Kontrolle über seinen ritterlichen Triebhaushalt »unter dem Zuspruch der Venus« so daß »die schöne Zellandine mit gutem Recht den Namen Jungfrau verlor und dieses geschah, während sie schlief und ohne daß sie sich im geringsten bewegte« Sie wird schwanger und gebiert im Schlaf einen Knaben, der sie erweckt, indem er ihr die verhängnisvolle Flachsfaser aus dem Finger lutscht. Nach etwelchen Verwirrungen gewinnt Troylus schließlich Zellandine, indem er seine Vaterschaft bezeugt.« [9]

c. Die Küchenmagd

Giambattista Basile, La Schiavotella, Pentamerone (1634-36): [10]

Cilla isst ein Rosenblatt und wird davon schwanger. Sie gebiert eine Tochter Lisa, welcher die »Feen« ihren Segen geben. Die letzte stolpert und spricht vor Schmerz einen »Fluch« aus: Wenn sie 7 Jahre (»15 Jahre«) alt ist, soll die Mutter (»Mütterchen im Turm«) aus Vergesslichkeit den Kamm in ihrem Haar stecken lassen (»Spindel«)…

d. Sonne, Mond und Talia

Giambattista Basile, Sole, Luna e Talia, Pentamerone (1634-36): [12]

Bei der Geburt der Talia prophezeien die Wahrsager, dass ihr von einer Flachsfaser Gefahr drohe. Der Vater verbannt daher Flachs und Hanf aus seinem Palast. Talia wächst heran, sieht vom Fenster aus eine Frau auf der Straße, die spinnt, lässt sie hereinkommen und probiert es auch. Dabei gerät ihr eine Faser unter den Nagel und sie stirbt. Der Vater lässt die Türen des Lustschlosses versperren und verlässt es, um das Geschehen aus seinem Gedächtnis zu verbannen.

Einem König, der auf der Jagd ist, fliegt sein Falke in ein Fenster des Schlosses. Der König steigt auf der Suche nach dem Vogel durchs Fenster und entdeckt die bezauberte Prinzessin, die er aber nicht wecken kann. Er legt sie auf ein Bett, schwängert sie, geht weg und vergisst sie. Talia bekommt Zwillinge, die von Feen gepflegt und von der schlafenden Mutter gestillt werden. Eins der Kinder findet einmal die Brustwarzen nicht, nuckelt an ihrem Finger und saugt die Faser heraus. Die Prinzessin erwacht.

Der König erinnert sich wieder und findet Talia und die beiden Kinder, schließt mit ihr Freundschaft und geht wieder heim. Daheim nennt er so oft die Namen Talias und der Kinder (Sonne und Mond), dass seine Frau darauf aufmerksam wird. Der Geheimschreiber klärt die Sache auf. Die Königin lässt die Kinder holen und will sie schlachten, um sie dem König zu essen zu geben. Der mitleidige Koch vertraut die Kinder seiner Frau an und schlachtet zwei Zicklein, die der König mit großem Behagen isst. Die Königin ermuntert ihn zum Weiteressen mit den Worten: "Es ist von dem Deinen". Das sagt sie so lange, bis er sich ärgert und weggeht.

Nun lässt die Königin Talia holen, beschimpft sie und will sie im Hof verbrennen. Inzwischen kommt der König zurück, deckt die Verbrechen auf und lässt Königin, Geheimschreiber und Koch ins Feuer werfen. Der Koch braucht aber nicht zu brennen, weil er die Kinder gerettet hatte, wird belohnt und zum Kammerherrn ernannt. Der König aber heiratet Talia.

e. Die Schöne im schlafenden Wald

Charles Perrault, La Belle au Boit Dormant, [14] Histoires ou Contes du Temp Passé (1697) [15]

Ein kinderloses Königspaar bekommt nach langem Warten eine Tochter. Die Taufe wird prächtig gefeiert. Als Patinnen bestellt man die sieben Feen des Landes, die man gefunden hatte. Es kommt aber noch eine uralte Fee, die man längst für tot gehalten hatte, und für die hat man kein Geschenk besorgt. Sechs Feen sprechen ihre guten Wünsche aus, die Alte hat sich geärgert und verflucht das Kind, es soll sich an einer Spindel stechen und tot umfallen. Die siebte Fee kann diesen Fluch nur abmildern: Sie soll nicht sterben, sondern 100 Jahre schlafen und von einem Prinzen aufgeweckt werden. Der König verbietet sofort zu spinnen oder Spindeln im Haus zu haben.

Nach 15 oder 16 Jahren entdeckt die Königstochter in einem Turmzimmer eine alte Frau, die spinnt und von dem Verbot nichts weiß. Die Prinzessin will's auch mal versuchen, sticht sich und wird ohnmächtig. Die Alte schreit um Hilfe. Man legt das Mädchen auf ein Bett, wohl wissend, dass sie nur schläft. Die siebte Fee wird durch einen Zwerg von dem Unfall alarmiert und fliegt mit ihrem feurigen Drachenwagen sofort herbei, lässt das gesamte Personal außer dem Königspaar einschlafen und vor dem Schloss einen dichten Wald wachsen. König und Königin verlassen das Schloss und verbieten, sich ihm zu nähern.

Nach hundert Jahren entdeckt ein Königssohn auf der Jagd das verwunschene Schloss und fragt die Leute, was es damit auf sich habe. Ein alter Bauer hat von seinem Vater von der schlafenden Prinzessin gehört. Der Prinz macht sich gleich auf den Weg dorthin, die Bäume lassen ihn durch. Er findet das Personal und alles im Schlaf, auch die Prinzessin, die in diesem Augenblick erwacht. Sie haben sich viel zu erzählen. Inzwischen ist auch das Personal aufgewacht und hat das Essen bereitet. Die Prinzessin trägt altmodische Kleider und die Hofkapelle spielt längst verklungene Musik und der Hofkaplan traut das Paar.

Der Prinz geht wieder heim und besucht seine Frau nur heimlich. Er wagt nichts zu sagen, weil seine Mutter von Ogern abstammt und selbst kannibalische Gelüste hat. Als aber sein Vater gestorben ist, lässt er seine Frau kommen, die inzwischen zwei Kinder namens Aurora und Tag geboren hat.

Dann zieht er für längere Zeit in den Krieg. Die Kannibalin befiehlt dem Haushofmeister, erst die Aurora, dann den Tag und schließlich die junge Königin zu schlachten und anzurichten. Der Haushofmeister bringt's nicht übers Herz, versteckt die Kinder und ihre Mutter bei seiner Frau und serviert Tiere. Schließlich erfährt die Menschenfresserin, dass die drei noch leben. Sie lässt im Hof einen großen Kessel mit Kröten und allerlei Schlangen füllen und will gerade die Königin mit ihren Kindern und den Haushofmeister samt Frau und Dienstmädchen hineinwerfen. Da kommt überraschend der König zurück. Das boshafte Weib stürzt sich selbst in den Kessel und wird sofort von den Tieren gefressen. Der König trauert trotzdem, sie war ja seine Mutter, und tröstet sich mit seiner schönen Frau und den beiden Kindern.

Moral: Es lohnt sich, auf den rechten Ehemann zu warten. Aber die jungen Leute haben's heute ja so eilig.

f. Der verwunschene Wohnort [16]

Im altindischen Märchenbuch Śukasaptati (vor 1300) wird von einer göttlichen Jungfrau (Apsaras) erzählt, die vom Gott Indra eine Stadt namens Viśālapurī geschenkt bekommt. Wegen einer Verfehlung wird sie verflucht: Sie soll leblos niedersinken und von zwei Frauen bewacht werden, bis ein Mann in die Stadt eindringt und sich die Geschichte von ihrem toten Körper erzählen lässt. Dann wird sie wieder aufwachen. Die Apsaras beschwichtigt Indra und bittet, dass niemand Oberhaupt der Stadt sein soll, solange sie schläft. Daraufhin werden alle Einwohner außer den beiden Wächterinnen in einen Zauberschlaf versetzt.

Die tote Apsaras wird als Königstochter wiedergeboren und will nur den heiraten, der ihr die Geschichte von Viśālapurī erzählen kann. Ein junger Mann kommt mit Hilfe von Zauberschuhen dorthin, findet die Schlafende, lässt sich die Geschichte erzählen und kehrt zurück. Er beweist mit Hilfe von Details, dass er wirklich dort war und genießt die Liebe der Königstochter.

Sie bittet ihn, die Geschichte erst zu erzählen, wenn sie danach fragt. Er kann sich aber nicht beherrschen und erzählt trotzdem. Da kehrt die Apsaras wieder in ihre Stadt zurück und der Mann macht sich Vorwürfe.

Die einfache Dornröschengeschichte wurde hier dadurch verkompliziert, dass die Geschichte auf zwei Ebenen verlagert wird (Himmel und Erde). Dass auch Götter wieder geboren werden, ist indisches Gemeingut, nicht aber, dass ihre Leichen im Himmel liegen. Das zeigt, dass diese Geschichte nicht in Indien entstanden, sondern der indischen Denkweise angepasst ist.

Der Schluss von dem Mann, der nicht schweigen kann, ist deutlich angehängt, um das alte Märchen dem Rahmen anzupassen. Dieser zeigt an Beispielgeschichten, dass es nicht immer gut ist, nach der Wahrheit zu fragen oder ungefragt die Wahrheit zu verraten.

Für das Motiv vom verwunschenen Wohnort gab es überall auf der Welt Anschauungsmaterial in verlassenen Siedlungsplätzen und überwucherten Ruinen, von denen man sich allerlei Sagen erzählte. In "Tausendundeine Nacht" ist z.B. von einer verzauberten Stadt die Rede, deren Einwohner gestorben sind. Die Helden der Geschichte verfallen teilweise selbst dem Fluch, der auf dieser Stadt ruht. Die irischen Erzählungen vom Elfenhügel, in dem Menschen verschwinden, mögen auf ähnliche Vorstellungen zurückgehen. Dass dort eine wunderschöne Königin lebt, die den Helden in ihren Bann zieht (Beispiel Tamlane), kann man sich ja fast denken. Diese einander ähnlichen Geschichten müssen also nicht voneinander abhängig sein.

3. Die Rache der betrogenen Frau

a. Prokne und Philomela

b. Von dem Machandelboom

c. Orange und Zitrone

VI. Deutung

1. Literargeschichte

Bei Basile und Perrault sind zwei ursprünglich selbständige Geschichten miteinander verknüpft:

a. Die schlafende Schöne

Sie ist durch eine Flachsfaser oder Spindel in einen Zauberschlaf gefallen. Sie wird von einem Eindringling geschwängert und gebiert ein Kind, das sie wieder aufweckt.

b. Die Rache der betrogenen Frau

Ein verheirateter Mann hat ein Verhältnis mit einer anderen Frau. Die Betrogene rächt sich, in dem sie ihr Kind schlachtet und dem Vater zu essen gibt. Am Schluss werden die Frauen und der Mann in Vögel verwandelt.

Die deutschen Märchen enden damit, dass der Prinz die Schlafende aufweckt. Wurde da der ursprüngliche Schluss abgebrochen oder ist das eine Rückkehr zum ursprünglichen Typ a?

Der Typ b wirkt nach im Märchen "Von dem Machandelboom", bei dem der geschlachtete Sohn sich in einen Vogel verwandelt.

2. Fee, Spindel, Flachsfaser

a. Schicksalgöttinen

Im "Roman de Perceforest" heißt es ausdrücklich, dass die Schicksalsgöttin Themis [17] ein Zauberschlaf verhängt.

In den späteren Versionen sind es Feen (aus lateinisch fatum 'Schicksal'), die mittelalterlichen Nachfolgerinnen der antiken Schicksalsgöttinnen (Moiren, Parcen, Nornen). Man stellte sich vor, dass sie die Lebensfäden drehten, zumäßen und abschnitten. Der durch Flachsfaser oder Spindel verursachte frühe Tod hat also einen inneren Zusammenhang zur Fee, die ihn verhängt: Der Lebensfaden ist nur sehr kurz.

b. Spinntechnik

Beim Handspinnen waren die zu verspinnenden Fasern auf einem Stab (Rocken) aufgesteckt, den man unter dem Arm hielt. Daraus zog man einzelne Fasern und drehte sie zu Fäden zusammen, die sich auf einen anderen Stab (Spindel) aufwickelten, der durch eine Schwungscheibe (Wirtel) in Drehung gehalten wurde.

Da die Spindel an den Enden zugespitzt war, konnte man sich tatsächlich daran stechen, wie Zitate bei Grimm zeigen. [18]

c. Dornröschen muss arbeiten

Spinnen war bis zu Grimms Zeiten eine wichtige Beschäftigung der unverheirateten Mädchen, die sich Garne für ihre Aussteuerwäsche selbst erarbeiten mussten. Dass ein Kind, das bisher nur gespielt hatte, zur Arbeit gezwungen wird, kann ein harter Schock sein, wie ich aus eigener Erfahrung weiß: Die verwöhnte Prinzessin fällt ihn Ohnmacht, sobald man ihr das Arbeitsgerät zeigt.

d. Die Spindel, ein sexuelles Symbol

Das Dornröschen im Märchen wird aber vom Anblick der ungewohnten Arbeit nicht schockiert, sondern ist davon fasziniert, sie will es selbst probieren bzw. damit spielen [19] Hier ist der Stab ganz deutlich ein Penissymbol. Dieses wurde aber erst nachträglich in das Märchen eingeführt. In den älteren Darstellungen ist nur von einer Flachsfaser die Rede.

e. Flachsfaser

Die Flachsfaser ist nur ein winziges Element der Rohfasern und des Spinnzubehörs. Es ist nahezu unmöglich, dass man sich damit gefährlich verletzt. Es ist auch keine sexuelle Symbolik darin zu erkennen. [20]

Die Flachsfaser wird also ein Symbol für das Spinnen und Arbeitenmüssen selbst sein.

3. Der König verbietet das Spinnen

Bei Basile, "Die Küchenmagd", und Perrault verbannt der Vater Flachs und Hanf bzw. Spindeln nur aus seinem Haus, bei Grimm alle Spindeln im ganzen Reich: ein Verdrängungsprozess, der bei Basile auch darin zum Ausdruck kommt, dass der alte König das Schloss verlässt, um nicht mehr an das Unglück erinnert zu werden, ähnlich Perrault (Bild), während der zweite König, der die Schlafende schwängert, sie wieder vergisst (Klartext).

Das Spinnverbot soll in erster Linie sicherstellen, dass das angedrohte Unheil nicht stattfinden kann. Aber man hat wenigstens bei Grimm den Eindruck, dass die "Spindel" bzw. was damit gemeint ist, die Sexualität, auch ein Thema ist, über das man nicht spricht. Das Mädchen wird nicht über die drohende Gefahr aufgeklärt und fällt ihr prompt zum Opfer.

4. Die Alte im Turm

Die alte Frau im Turm, bei der sich Dornröschens Schicksal erfüllt, wird nicht ausdrücklich "Fee" genannt, aber man fühlt sich doch stark an eine Schicksalsgöttin erinnert.

Das "Oberstübchen" ist in Träumen das Gedächtnis, der Keller dagegen das Unbewusste. Der verschlossene Raum oben im Turm symbolisiert also das Vergessene, Verdrängte, zu dem man keinen Zugang mehr hat, das aber trotzdem im Gedächtnis vorhanden ist. Den Fluch der bösen Fee hat das Königspaar mit den Spindeln verdrängt und damit vergessen, sonst wären sie an diesem gefährlichen Tag nicht verreist und hätten die Tochter nicht allein gelassen.

5. Der hundertjährige Schlaf

Nach dem ursprünglichen Fluch hätte die Prinzessin sofort sterben müssen, jetzt fällt sie samt dem Schloss nur in einen hundertjährigen Schlaf.

Schneewittchens Zauberschlaf ist unbegrenzt, theoretisch ewig wie der Tod von Jairus' Tochter. Dass ein Erlöser kommt und den Schlaf beendet, lässt sich nicht vorhersehen.

Brünhilds Zauberschlaf dagegen ist zeitlich begrenzt: Sie soll so lange schlafen, bis einer kommt, der sich als Held erweist (Sigurd). So wird Dornröschen von einer Dornhecke umgeben, an der viele Prinzen scheitern, bis nach Ablauf der Frist der Richtige kommt.

Der Zauberschlaf wird in diesem Märchen durch eine Flachsfaser bzw. die Spindel verursacht, d.h. zwischen Kindheit und Ehe liegt eine begrenzte Zeit des "Schlafens", in der die Heldin spinnen und sich damit auf die Ehe vorbereiten muss.

Psychologisch schließt sich die Dornröschengeschichte (ab 15, Ende der Pubertät) an die von Schneewittchen an (ab 7, Latenzzeit nach der ersten Entdeckung der Sexualität). Wie bei Schneewittchen der ersten Endeckung der Sexualität eine Zeit der Ruhe (bei den Zwergen) folgt, so folgt auch bei Dornröschen nach der Geschlechtsreife eine Zeit der Ruhe, in der die Sexualität nicht praktiziert wird, wie bei Schneewittchen symbolisiert durch den Zauberschlaf.

Bei Perrault lässt die Fee zusätzlich auch das ganze Schloss in einen Schlaf verfallen, [21] angeblich, damit das Mädchen nicht in einer ganz unbekannten Umgebung, ohne den gewohnten Komfort erwacht. Tatsächlich ist aber der Schlaf der Umgebung wie die Dornenhecke bzw. der Zauberwald und wie Brünhilds Waberlohe ein Schutz: Die vertraute Umgebung (Schloss) akzeptiert die Ruheperiode und verfrühte Freier werden durch die äußere Barrikade abgehalten – im tatsächlichen Leben waren das bis vor wenigen Jahrzehnten scharfe Kontrollmaßnahmen der Eltern (Odin bei Brünhild, Fee bei Perrault, Zwergenwache bei Schneewittchen). Sobald der "richtige Prinz" kommt, wird die Barrikade auf einmal durchlässig, d.h. die Eltern haben nichts mehr einzuwenden.

6. Die Schlafende wird geschwängert

Die Nachfolger Perraults haben die Fortsetzung der älteren Versionen weggelassen, wonach die Prinzessin im Schlaf geschwängert wird und ein oder zwei Kinder gebiert. Eins der Babys lutscht ihr die Flachsfaser aus dem Finger, wodurch sie erwacht. Der Vater erinnert sich später und holt Frau und Kinder heim.

Bei Basile steigt ein verheirateter König bei der Verfolgung eines Falken durch das Fenster, eine nicht unübliche Art, die Geliebte zu besuchen ("Fensterln"). Der König war auf der (Schürzen-) Jagd, sein Jagdfalke ist ihm entflogen (sein Trieb ist erwacht) und er gelangt zu der Prinzessin, indem er seinem Falken / Trieb auf verbotenem Weg (durchs Fenster) folgt. [22]

Im "Roman de Perceforest" wird anschaulich der Gewissenskonflikt des eingedrungenen Prinzen beschrieben, der die Bedenken des Anstands überwindet und dem Anblick der nackten, schlafenden Schönheit nicht widerstehen kann.

Die Mutter, die im Bett geschwängert und vom Mann allein gelassen wird, in seiner Abwesenheit Kinder gebiert und erst wieder aufsteht, wenn das Baby an ihrem Finger saugt – das waren ja zur Zeit der Märchenerzähler ganz normale Vorgänge: Der Vater war bei der Geburt nicht dabei und hatte mit der Mutter auch eine Zeitlang keinen Sex. Das Baby saugt erst an der Brust. Dann versiegt die Milch und das Kind muss sich mit dem Finger (oder Schnuller) begnügen. Kern dieser Szene ist also das Wochenbett, verlängert auf die Zeit zwischen Zeugung und Entwöhnung. Das ist ein eigenes Motiv und hat mit dem Zauberschlaf nichts zu tun, oder ist dessen Fortsetzung unter anderen Voraussetzungen.

7. Die Kinder

Bei Perrault heißen die Kinde Jour und Aurore 'Tag und Morgenröte'. Ist das eine Anspielung, dass die schlafende Mutter die Nacht symbolisiert?

8. Geliebte, nicht Ehefrau

Für den jagdlustigen König bei Basile war der Besuch in dem verwunschenen Schloss nur ein kurzes Abenteuer, das er vorerst wieder vergisst. Später erinnert er sich wieder und unterhält mit Talia eine außereheliche Beziehung, hinter die seine Frau bald kommt.

Perrault mildert dieses unmoralische Verhältnis dadurch, dass der Eindringling ein unverheirateter Prinz ist, der die Prinzessin erst heiratet und dann schwängert. Aber auch er besucht sie nur heimlich, statt sie mit nach Hause zu nehmen und seinen Eltern vorzustellen. Er hat begründete Angst vor seiner Mutter hat, die eine geborene Menschenfresserin ist.

Vielleicht steht hinter diesem Abschnitt der Geschichte der antike Mythos von der eifersüchtigen Hera, die die unehelichen Kinder des Zeus und ihre Mütter verfolgt. Das war aber nicht nur auf dem Olymp so, sondern geschieht bis heute immer wieder.

9. Kinder und Mutter sollen ermordet werden

Bei Basile will die Königin dem König seine unehelichen Kinder zu essen geben, d.h. sie "tischt ihm auf", dass er uneheliche Kinder hat, und "schmiert sie ihm aufs Butterbrot". Die modernen Redensarten zeigen, wie die italienische Geschichte zu verstehen ist: Sie stellt ihren Mann zur Rede und konfrontiert ihn mit den Tatsachen, die er ihr verschwiegen hatte. Dass Talia verbrannt werden soll, ist wohl als Hinrichtung zu verstehen. [23] Der König veranlasst schließlich, dass die böse Königin und ihr Detektiv verbrannt werden: Wer jemand zu Unrecht bestrafen haben will, verfällt selbst der zugedachten Strafe.

Auch hier mildert Perrault ab: Es handelt sich um eine legale Ehe des jungen Königs mit Talia. Aber seine Mutter gehört zur Rasse der Menschenfresser. Es gelüstet sie nach dem Fleisch der fremden Menschen und sie kann eine Zeitlang widerstehen. Dass sie schließlich schwach wird, ist entschuldbar, sie kann nichts für ihre Rasse. Nachdem ihrem Tod trauert der junge König, sie war ja seine Mutter.

Wie der Jäger in "Schneewittchen" schlachten Koch bzw. Haushofmeister an Stelle der Menschen Tiere und verstecken die Menschen in ihrem Haus. Das ist sicher eine Abmilderung der ursprünglichen barbarischen Erzählung, nach der die Kinder tatsächlich geschlachtet wurden.

Das uralte Motiv, dass die Mutter ihre Kinder schlachtet und dem Mann zu essen vorsetzt, soll wohl den Wunsch ausdrücken, dass die Geburt der unerwünschten Kinder wieder rückgängig gemacht wird: Der Vater soll sie fressen, dann sind sie wieder dort, wo sie hergekommen sind.

 

[1] Eine sinnvolle Bemerkung, denn es kann ja kein ganzes Reich jahrzehntelang aufs Spinnen verzichten. Spinnräder gibt es schon seit dem Spätmittelalter {Brockhaus, Technik der Frühzeit}.

[2] Oft wird ja ein kleines Kind mit einem Frosch vergleichen. Es hat mit seinen kurzen Gliedmaßen und seiner unbeholfenen Art zu krabbeln eher etwas von einer Kröte an sich.

[3] E.Brunner-Traut, Altägyptische Märchen 81

[4] Grimm Nr. 55

[5] Grimm Nr. 14

[6] Vollmer, Wörterbuch der Mythologie 81
 

[8] Grimm Nr. 47

[9] Zitat aus {Web}

[10] Italienische Märchen, Insel-Verlag 247-254

[12] Italienische Märchen, Insel-Verlag 601-609

[14] "Die schlafende Schöne" würde heißen "la belle dormante"

[15] Charles Perrault, Le Chat Botté…, dtv zweisprachig 6 ff

[16] übersetzt von Wolfgang Morgenroth, Ausgabe Diederichs, S. 80 ff

[17] in der Antike die Mutter der Schicksalsgöttinnen

[18] Grimm, Deutsches Wörterbuch 16,2495: "Die Spindel stach in den Finger, das bedeutet Besuch".

[19] Bechstein. Das immerhin 15-jährige Mädchen hascht wie ein kleines Kind nach der Spindel.

[20] Es sei denn, man unterstellt den mittelalterlichen Menschen, sie hätten unbewusst eine Vorstellung von Aussehen und Funktion der Spermien gehabt, die ja ähnlich unscheinbar sind und doch eine durchdringende Wirkung haben.

[21] In der bekannten Version schläft das gesamte Schloss automatisch ein.

[22] Der Falke erinnert an Zeus, der seine Geliebten gern in verwandelter Gestalt besucht, z.B. die Leda als Schwan. Ihr Name erinnert als Leto / Latona.

Im "Roman de Perceforest" und bei Perrault ist es ein unverheirateter Prinz, der "Dornröschen" heiratet.

[23] z.B. für Ehebruch, Grimm, Deutsche Rechtsaltertümer 2,282. Eigentlich hätte der König auf den Scheiterhaufen gehört.

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Übersicht

 

Sprachecke 02.01.2013 | 30.04.2013 | 16.02.2016

 

Datum: 2006

Aktuell: 26.03.2016