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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Märchen erklärt

Der goldene Esel

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I. Inhalt

II. Versionen

VI. Deutung

1. Der Aufbau der lateinischen Romans

2. Religiöses

3. Ein Entwicklungsroman

 

 

I. Inhalt

Lukios von Patrai, Lukios oder Der Esel (1er-Jahrhundert)

Ein junger griechischer Geschäftsmann Lucius aus Patrai reist nach Hypata in Thessalien. Er kehrt bei einem Bankier ein, verliebt sich in dessen Haushaltshilfe und erfährt, dass die Bankiersgattin zaubern kann. Das Mädchen verhilft ihm, dass er zuschauen darf, wie sie sich in einen Vogel verwandelt. Er möchte das auch mal ausprobieren, verwandelt sich aber in einen Esel. Das Mädchen sagt ihm, er solle sich bis zum Morgen gedulden, da will sie ihm Rosen holen, die ihn wieder entzaubern. Die Nacht verbringt er mit seinem Pferd und einem anderen Esel im Stall. Da kommen Räuber, plündern das Haus aus und nehmen auch die Tiere mit.

Lucius muss Esel bleiben und den Räubern und anderen Herren dienen, wird geschunden, gerät in die Hände einer "Sekte", wird an einen Müller verkauft, erlebt eine Menge Abenteuer. Sein letzter Besitzer macht ein Geschäft daraus, dass sein Esel sich wie ein Mensch gebärdet, stellt ihn zur Schau und vermietet ihn schließlich an eine Frau, die Sex dem Esel macht. Dies soll auch im Zirkus dargestellt werden, aber Lucius gelingt es, rechtzeitig Rosen zu fressen und sich in einen Menschen zurückzuverwandeln. Der Gouverneur erkennt ihn und nimmt ihn vor den wütenden Zuschauern in Schutz.

II. Versionen

Apuleius, Metamorphosen (1er-Jahrhundert)

Diese Lukian von Samosata zugeschriebene griechische Geschichte wurde von dem Afrikaner Apuleius zu einem glänzend erzählten lateinischen Roman ausgearbeitet. Er ergänzt die überlieferte Erzählung mit Geschichten, die Lucius als Mensch oder als Esel zu hören bekommt, darunter auch "Amor und Psyche".

Im einleitenden Teil, wo Lucius noch Mensch ist, ist folgende Szene eingeschoben:

»Wie Lucius spät am Abend ins Haus des Bankiers zurückkehrt, sieht er im Dunkeln drei Gestalten, die versuchen die Tür aufzubrechen. Er verteidigt seinen Gastgeber und sticht die drei ab. Am Morgen steht die Polizei vor der Tür, nimmt ihn mit und stellt ihn auf dem Marktplatz vor Gericht. Wegen des großen Andrangs von Publikum zieht man ins Theater um. Lucius verteidigt sich und wird ausgelacht. Man droht mit der Folter. Aber erst soll der Missetäter die Leichen aufdecken, um das Ausmaß seines Verbrechens aufzuzeigen: Da liegen drei durchlöcherte Weinschläuche. Man klärt ihn auf: "Heute ist der Feiertag des Gottes Risus ('Gelächter') [1], da haben wir dich gefoppt."
Es stellt sich heraus: Die zauberkundige Bankiersgattin wollte einen Liebeszauber anwenden, aber ihr Mädchen hatte Ziegenhaare statt Menschenhaare gebracht. Die dazu gehörigen Ziegenbälge wollten am Vorabend die Zauberin besuchen. Lucius hatte sie für Räuber gehalten.«

Den Schluss hat Apuleius völlig neu gestaltet:

»Der Esel kann aus dem Zirkus fliehen, gelangt ans Meer, sieht den Mond am Himmel stehen und bittet die Himmelskönigin um Erlösung. Die Göttin Isis offenbart sich ihm, verspricht zu helfen und sagt, dass er durch die Erlösung ihr Eigen werde. Am nächsten Tag gerät Lucius in eine Isisprozession. Einer der Priester weiß Bescheid und gibt dem Esel einen Rosenkranz, der ihn wieder in einen Menschen zurückverwandelt. Lucius lässt sich in die Mysterien des Isis einweihen, reist nach Rom, wird dort in die beiden Stufen der Osiris-Mysterien eingeführt und bekommt von der Gottheit den Auftrag, in Rom als Jurist zu wirken.«

VI. Deutung

1. Der Aufbau der lateinischen Romans

Die scheinbar bunt zusammengestückelten Abenteuer und Geschichten lassen ein durchdachtes System erkennen:

  • Lucius wird zweimal für seine Neugier bestraft, einmal, weil er sich für Magie interessierte und in einen Esel verwandelt wird, und das zweite Mal, weil er in Eselsgestalt aus Neugier seinen versteckten Herrn verrät.. Genauso wird Psyche zweimal für ihre Neugier bestraft, erst durch die Flucht Cupidos und dann dadurch, dass sie in einen Todesschlaf fällt.

  • Am Anfang steht das Liebesabenteuer mit der Küchenhilfe, welches Lucius sehr genießt. Als Esel hat er keine Chance für sexuelle Freuden. Ein Versuch, ihn als Deckhengst auf der Weide einzusetzen, scheitert. Das schamlose Verhalten der Sektenpriester ekelt ihn an. Am Schluss wird er von der perversen Frau missbraucht und soll mit dieser "Nummer" auch noch öffentlich auftreten, was ihm peinlich ist und das Verlangen in ihm weckt, wieder Mensch zu werden.

  • Der Esel arbeitet sich hoch vom missachteten und gequälten Lasttier über den besseren Arbeitsplatz in der Mühle, wo er auch die Möglichkeit hat Verantwortung wahrzunehmen (Erweiterung von Apuleius) und bis zum dem Luxusleben als dressiertes Tier.

  • Am Anfang und am Schluss steht ein öffentlicher Auftritt im Theater, dazwischen das scheinheilige Theaterspiel der Sektenpriester.

  • Am Anfang und am Schluss stehen karnevalsähnliche Szenen: Der Scheinprozess am Fest des Gottes Risus und die fröhliche Maskerade bei der Isisprozession.

Apuleius gibt an, die Geschichte von Amor und Psyche sei von der ständig betrunkenen Haushälterin der Räuber erzählt und von dem Esel mangels Aufzeichnungsmöglichkeiten nur unvollkommen im Gedächtnis behalten worden. Diese von Apuleius eingeschobene Legende hat zweifellos einen hohen Stellenwert in der Gesamterzählung. Der Erzähler relativiert sie aber durch diese Angaben und dadurch, dass er in seiner gewohnten Weise auch von den olympischen Göttern sehr respektlos spricht.

Tatsächlich scheinen sich Rahmenhandlung und Legende zu entsprechen, Lucius blickt dabei wie in einen Spiegel und sieht alles seitenverkehrt: Das Mädchen Psyche ('die Seele') ist in Wirklichkeit der junge Mann Lucius, der flatterhafte Götterjüngling Cupido die altehrwürdige Göttin Isis. Psyche wie Lucius treten nach einem kurzen amourösen Abenteuer einen langen Leidensweg mit vielen Demütigungen an. Beide verlieren dabei ihre Würde: Die Prinzessin wird zum Dienstmädchen, der Mensch zum Esel erniedrigt. Beiden wird ihre Neugier zum Verhängnis. Beide müssen in die Unterwelt hinab, bevor sie von den Göttern ernst genommen werden.

Die Legende von Amor und Psyche korrespondiert wiederum einer kleinen Rahmenerzählung: »Eine junge Frau wird von den Räubern gefangen, versucht vergeblich mit dem Esel zu fliehen, bis sich ihr Verlobter als angeblicher Räuberkandidat im Räuberlager Einlass verschafft und die Geliebte befreit. Der Mann stirbt schließlich durch die Schuld eines Rivalen, die Frau rächt ihn und folgt dem Geliebten in den Tod.« Auch hier wieder der Spiegeleffekt: Der Mann muss nach der Frau suchen und sie befreien. Aber statt in den Himmel geht's am Ende in die Unterwelt.

2. Religiöses

Religion spielt für Lucius am Anfang nur insofern eine Rolle, als er sich für Magie interessiert, die ja nur eine primitive Vorstufe echter Religion ist. Durch Magie wird er zum Opfer des Metapher-Gottes Risus. In einen Esel verwandelt tritt er in den Dienst der lasterhaften Sektenpriester, eine sehr verkommene Form religiöser Lebensgestaltung. Eine ehebrecherische Anhängerin des Monotheismus verleidet ihm auch diese Art von Glauben. Die Erlösung findet er schließlich im Dienst der Isis. Während Apuleius bisher frech, frisch und frivol erzählt hat, auch die Geschichte von Amor und Psyche, wird er ernst, wenn es um die Mysterien geht, in die er eingeweiht wurde. Er betont, dass er das eigentliche Geheimnis dieses Kultes nicht verraten darf.

Wir merken also: Lucius ist auf der Suche. Er probiert alles aus, was auf dem religiösen Markt geboten wird und hat an allem etwas auszusetzen: Durch sein Interesse für Magie und seine Neigung zu spotten (Risus) schadet er sich selbst. Die leichtfertigen olympischen Götter (Amor und Psyche) kann man nicht ernst nehmen. Die irdischen Vertreter der Syrischen Göttin und des jüdisch-christlichen Gottes bringen durch ihr Verhalten ihren Glauben in Misskredit. Auf Fortuna ist kein Verlass. Im Mysterienkult der Isis findet Lucius schließlich das, was er sucht.

3. Ein Entwicklungsroman

Der Eselsroman ist also die Geschichte einer Entwicklung und Läuterung: Der junge Mann aus gutem Haus muss einen langen Leidensweg durchmachen, bis er würdig ist, der Gottheit zu begegnen und ihr zu dienen. Er beginnt seinen Weg ziemlich unbedarft, lässt sich auf ein zweifelhaftes Liebesabenteuer ein, das ihm doppeltes Unglück bringt, und wird schon vor seiner Verwandlung wie ein Esel behandelt. In Tiergestalt hat er ohne eigene Schuld Anteil an Verbrechen und Sünden anderer und wird am Ende selbst in sexuelle Perversion verwickelt. Die Schicksalsgöttin Fortuna scheint ihm übel zu wollen, bis ihn schließlich Isis erlöst und in ihren Dienst nimmt.

Genauso macht Psyche eine Entwicklung durch: Dass sie schließlich zur Gottheit wird und Unsterblichkeit erlangt, ist ihr in die Wiege gelegt, denn sie wird ja schon als Mädchen als neue Venus verehrt. Aber sie muss einen langen Leidensweg durchmachen, bis sie schließlich von den Göttern als ihresgleichen anerkannt wird.

Warum aber erzählt Apuleius auch die Psyche-Legende in seiner respektlosen Art, während er Isis gegenüber einen ganz anderen Ton anschlägt? Weil er etwas Höheres anstrebt als den sinnlichen Genuss (Cupido 'das Verlangen', Venus 'das Vergnügen', die Tochter Voluptas 'die Lust'). Die Begegnung mit dem ägyptischen Götterpaar läutert ihn, so dass er das "Lustprinzip" überwindet und sich dem "Leistungsprinzip" zuwendet: Er leistet in Rom nützliche Arbeit als Jurist.

   

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

[1] wohl nur eine Metapher. Risus ist die Personifikation eines lokalen Brauchs (Art Aprilsscherz) und erhielt so wenig göttliche Verehrung wie heute der Gott Jocus ('Scherz') an Fastnacht oder der angebliche Wettergott.

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Übersicht

 

 

 

Datum: 2006

Aktuell: 26.03.2016

Der Goldne Esel, Eselsroman