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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Märchen erklärt

Der Froschkönig

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1. Inhalt

2. Versionen

a) Der Froschprinz

b) Wenn du drei Nächte weinst

3. Motiv-geschichte

a) »Lebensbrunnen«

c) »Der junge Mann am Brunnen«

d) »Der Tierbräutigam«

e) »Der vergessliche Bräutigam«

f) »Der eiserne Heinrich«

4. Literarische Vorlagen

a) Vom Frosch, der König wurde

b) The tayl of the volfe of the varldis end

5. Parallelen

a) Oda und die Schlange

6. Deutung

a) Überlieferungs-geschichte

b) Psychologische Deutung

 

1. Inhalt

Grimm, Kinder- und Hausmärchen 1,1 (1812 ff)

Einer Prinzessin fällt beim Spielen eine goldene Kugel in den Brunnen. Ein Frosch bietet ihr an, sie wieder herauszuholen, wenn sie ihm verspreche, dass er bei ihr leben, mit ihr essen und bei ihr schlafen dürfe. Das Mädchen verspricht, bekommt ihre Kugel und eilt davon. Der Frosch kommt am nächsten Tag ins Schloss und verlangt, nun das Versprechen einzulösen. Der König gibt ihm Recht. Sie muss dulden, dass er mit am Tisch sitzt und in ihrem Zimmer schläft. Voller Ekel wirft sie ihn an die Wand, da verwandelt er sich in einen Prinzen, den sie durch diesen aggressiven Akt erlöst hat.

Auf der Fahrt zur Hochzeit hört der Prinz dreimal etwas krachen, er vermutet einen Schaden am Wagen und er macht seinen Diener aufmerksam: "Heinrich, der Wagen bricht". Der aber sagt erleichtert, das seien die drei eisernen Bänder gewesen, die er aus Kummer um sein Herz gelegt habe und die jetzt vor Freude über die Erlösung zersprungen seien.

2. Versionen

a) Der Froschprinz

Grimm, Kinder- und Hausmärchen 2,13 (1815)

Drei Königstöchter haben einen Brunnen, der schönes, klares Wasser spendet. Eines Tages ist das Wasser trüb. Ein Frosch verspricht, es wieder klar zu machen, wenn eine von ihnen sein Schätzchen sein wolle. Die jüngste willigt schließlich ein. Der Frosch kommt dreimal abends zu ihr und schläft in ihrem Bett. Am dritten Morgen verwandelt er sich in einen Prinzen. Sie heiraten und die anderen Schwestern ärgern sich.

b) Wenn du drei Nächte weinst

aus der Überlieferung der westfälischen Familie von Haxthausen, nacherzählt bei: Walter Scherf, Märchenlexikon (Digitale Bibliothek).

Eine Prinzessin findet ein schwarzes Ungetüm und holt es abends zu sich ins Bett. Es sagt, es sei ein verzauberter Prinz und könne erlöst werden, wenn sie ihn drei Nächte lang ihn mit ihren Tränen wasche. Dies geschieht.

Der Entzauberte reitet allein nach Hause, um die Hochzeit vorzubereiten, vergisst seine Braut und verlobt sich mit einer Braut, die von den Eltern ausgesucht wurde. Diese tritt mit ihrer Kammerfrau in Männerkleidern als Graf Heinrich in den Dienst des Königs. Zur Hochzeit müssen sie ihn begleiten, da kracht der wahren Braut das Herz. Der König meint, der Sattel habe gekracht, da antwortet sie: "Es ist nicht der Sattel, sondern das treue Herz, das so manche Nacht bei König Herwich hat gewacht." Da gehen dem König die Augen auf und er heiratet seine erste Braut.

3. Motivgeschichte

a) »Lebensbrunnen«

Nach uralter Überzeugung liegt der Ursprung des Lebens im Paradies oder am Ende der Welt und wird durch zwei Bilder symbolisiert: die Quelle mit dem Lebenswasser und der Lebensbaum mit den goldnen Äpfeln. Der Zugang zu diesem ohnehin schon schwer erreichbaren Ursprung wird zusätzlich erschwert durch Ungeheuer, die Wache halten und überwunden werden müssen. Der Frosch im schottischen Märchen, der die Heldin bedroht, vertritt diese Wächterfiguren und karikiert sie ins Lächerliche. Die Schotten haben also das Bild mit dem Frosch falsch verstanden.

b) »Frosch«

Der Frosch ist bereits im altägyptischen Märchen ein Symbol des werdenden Lebens. [1] Ein Nachklang davon ist der Mythus vom Klapperstorch, der die Babys wie Frösche aus dem Teich zieht. Und irgendwie erinnert uns ein nackter Säugling ja noch heute an ein "Fröschchen".

In Grimms "Dornröschen" kündigt der Frosch die Geburt der Prinzessin an.

c) »Der junge Mann am Brunnen«

Am Dorfbrunnen hat man nicht nur Wasser geschöpft, sondern man hat sich dort auch getroffen und hin und wieder zarte Bande geknüpft. Davon zeugen bereits die biblischen Geschichten von Elieser und Rebekka,[2] Jakob und Rahel [3] und Mose und Zippora. [4] Besonders auffällig ist die Parallele bei Mose, der Zippora und ihren Schwestern aus einer Verlegenheit hilft, sie aber lassen den Fremden einfach stehen und gehen wieder heim. Der Vater muss sie an das Gastrecht erinnern und nimmt Mose bei sich auf.

d) »Der Tierbräutigam«

Eine junge Frau lebt mit einem wilden Tier zusammen, das ein verzauberter Mensch ist. Das Motiv kommt vor in Basile "Pinto Smalto", Grimm "Das singende und springende Löweneckerchen", im französische Märchen "Die Schöne und das Biest" und ähnlich "Schneeweißchen und Rosenrot" und "Der Bärenhäuter". Fortsetzungen finden sich z.B. in "King Kong" und ähnlich "Das Phantom der Oper".

Im antiken Märchen "Amor und Psyche" ist der Geliebte ein Gott. Das weist zurück auf Mythen, nach denen ein Gott in Tiergestalt mit einer Menschenfrau verkehrt (Europa und der Stier, Leda und der Schwan).

Hinter dem Märchenmotiv dagegen stehen Lebenserfahrungen: Ein Unbekannter hält um die Tochter des Hauses an und wirkt in seiner Fremdartigkeit und Triebhaftigkeit wie ein wildes Tier. In dem Maße, wie ihn Braut und Verwandte kennenlernen und akzeptieren, verwandelt sich das "Tier" in einen Menschen.

e) »Der vergessliche Bräutigam«

Ein junger Mann kehrt nach vielen Abenteuern ohne seine Braut in die Heimat zurück, vergisst sie dort und ist dabei, eine andere zu heiraten. Die frühere Braut reist ihm nach und kann sich gerade noch rechtzeitig zu erkennen geben. [5] Es kommt ja oft genug im wirklichen Leben vor, dass ein Mann seine erste Geliebte verlässt und eine andere zur Frau nimmt.

Nach der Edda [6] hatte sich Sigurd zuerst mit Brynhild verlobt, bekommt aber einen Vergessenheitstrunk und heiratet Gudrun.

f) »Der eiserne Heinrich«

In "Wenn du drei Nächte weinst" nennt sich die vergessene Braut "Graf Heinrich" und ihr kracht das Herz, wie sie neben der Kutsche her reitet und ansehen muss, wie der König die falsche Braut küsst. Der König meint, es sei der Sattel, der gekracht habe, aber sie erklärt, dass sie bekümmert ist, weil er sie vergessen hat.

Das ist zwar alles ein fortlaufender Zusammenhang, während der zweite Teil im "Froschkönig" die Perspektive wechselt und eine neue Figur ins Spiel bringt. Der altertümliche Reim aber, der auf den Brunnen zurückweist, und dass es eiserne Bänder sind, die krachen, und nicht das Herz selbst, zeigen, dass die Version im "Froschkönig" der ursprünglichen Erzählung näher ist. In der Geschichte vom Grafen Heinrich wurde der Name des Dieners zum Pseudonym der Braut. In ähnlichen Märchen (z.B. Allerleirauh) legt sich die verkleidete Frau einen Phantasienamen zu oder der Erzähler verzichtet ganz auf einen Namen. Dies alles bestätigt die Vermutung, dass die längere Erzählung aus dem "Froschkönig" herausgesponnen ist.

Den "Eisernen" nannte man den hessischen Landgrafen Heinrich II. (regiert 1328-76) und andere Herrscher, die Heinrich hießen. Möglich, dass dieser Beiname in das Märchen eingeflossen ist.

4. Literarische Vorlagen

a) Vom Frosch, der König wurde

Das lateinische Spruch "Qui fuit rana nunc rex est: Der ein Frosch war, ist jetzt König" [7] ist ein Sprichwort und nicht die Kurzfassung des Märchens. Es geht nach dem Textzusammenhang nicht um die Erlösung aus einem unwürdigen Zustand zur eigentlichen Bestimmung, sondern um einen reich gewordenen Emporkömmling. Er stammt aus primitiven Verhältnissen (ist wie ein Frosch aus dem Schlamm gekrochen) und verdankt sein jetziges Ansehen nicht seinem edlen Charakter, sondern seinem Geld. Das Sprichwort gehört damit in die Nähe der Fabel vom aufgeblasenen Frosch, die ähnliche Verhältnisse karikiert: Wer nur groß tut und nicht groß ist, ist aufgeblasen und wird schließlich platzen.

b) The tayl of the volfe [8] of the varldis end

(Das Märchen vom Wicht am Ende der Welt,
Complaynt of Scotlande 1549)
[9]

Ein Mädchen reist im Auftrag der Stiefmutter ans Ende der Welt, um Wasser aus dem Brunnen am Ende der Welt zu holen. Nach vielen Abenteuern kommt sie zum Ziel. Im Brunnen sitzt aber ein Frosch, der ihr das Wasserschöpfen wehrt und sie mit Drohungen nötigt, sich zuerst mit ihm zu verloben. Das Mädchen kehrt heim, aber um Mitternacht erscheint der Frosch und erinnert sie an das Versprechen mit ähnlichen Worten wie bei Grimm: "Öffne die Tür, meine Süße, mein Herz, öffne die Tür, mein Eigen, meine Kleine, und erinnere dich an die Worte, die du und ich sprachen drunten auf der Wiese am Brunnquell…" Am Ende verwandelt sich der Frosch wieder in einen Prinzen.

Ein zweiter Teil, der dem "Eisernen Heinrich" entspricht, ist mir nicht bekannt. [10]

5. Parallelen

a) Oda und die Schlange

(Bechstein Nr. 36)

Ein Mann geht auf Reisen und fragt seine drei Töchter, was er mitbringen soll. Die jüngste, Oda, ist bescheiden und bittet um das, was auf der Heimfahrt unter seinem Wagen wegläuft. Das ist eine Schlange. Diese erreicht durch wiederholtes Bitten, dass Oda sie ins Haus, in ihre Kammer und in ihr Bett lässt. Dort verwandelt sie sich in einen Prinzen, der Oda zur Frau nimmt.

6. Deutung

a) Überlieferungsgeschichte

Vorlage scheint das schottische Märchen vom "Wicht am Ende der Welt" zu sein, das mit der Erlösung endet. Der "Froschprinz" hat das Motiv des Lebenswassers bewahrt, der "Froschkönig" die Flucht des Mädchens.

"Oda und die Schlange" ist eine vereinfachende Weiterbildung, die am Anfang das fremde Motiv vom Mitbringsel aufgenommen hat. Dadurch dass von einer Schlange, nicht von einem Frosch die Rede ist, bekommt die Geschichte eine eindeutig erotische Ausrichtung, die sicher nicht ursprünglich ist. [11]

Das Märchen vom Froschkönig in seiner jetzigen Gestalt hat zwei Höhepunkte: die Erlösung des Prinzen und die des Dieners, und ist sichtbar aus zwei selbständigen Motiven zusammengesetzt: "der Tierbräutigam" und "der eiserne Heinrich". Einzigartig im "Froschkönig" ist der innere Konflikt der Prinzessin herausgearbeitet, die ihr Versprechen nicht ernst nimmt und den Frosch nicht akzeptieren will.

Da im zweiten Teil ja nur die Hochzeit erzählt wird, ist dieser Teil verkürzt dargestellt. Das Gedicht am Schluss könnte Rest einer ausführlicheren Tradition sein. Das dritte Motiv in "Wenn du drei Nächte weinst", der vergessliche Bräutigam, ist eingeschoben.

b) Psychologische Deutung

i. Das Froschkind

Liest man den ersten Teil des "Froschkönigs" unvoreingenommen, erkennt man darin eine in sich geschlossene symbolische Erzählung von einem Mädchen, das schwanger wird und einen "Prinzen" gebiert.

Im schottischen Märchen zieht die Heldin aus, um Lebenswasser zu holen und in ihrem eigenen Bereich das Leben weiterzugeben.

Der "goldne Ball" ist ein Symbol für das Ei, das beim Eisprung in den "Brunnen" fällt und verdirbt. Es kann aber durch die Befruchtung gerettet werden.

Die kindliche Prinzessin begreift das noch nicht, sondern trauert ihrem "Spielgerät" nach, d.h. ihre Kindheit, und möchte sie wiederhaben. Die goldne Kugel bekommt sie aber nur dadurch zurück, dass sie ein Kind bekommt, im Bild, wenn sie den "Frosch" in ihr Haus aufnimmt, ihn füttert und ins Bett legt. Der Frosch folgt ihr unbeholfen und kommt erst am nächsten Tag – wie das Baby ja auch nicht gleich, sondern nach einem längeren Zeitraum kommt.

Die Prinzessin hat zwar ihre "goldne Kugel" wieder, aber sie ist schwanger und sträubt sich gegen die Schwangerschaft, bis dann statt des Fetus ("Frosch"[12]) ein "Prinz" neben ihr im Bett liegt, den sie als ihren lieben Gefährten anerkennt.

Im schottischen Märchen wird die Hilflosigkeit des Wesens durch das Wort volfe 'armseliger Wicht' dargestellt. Grimm deutet dasselbe an, wenn er berichtet, der Frosch habe von ihrem Teller gegessen und nach dem Essen gesagt, er sei müde und möchte ins Bett. Sie muss ihr wie ein kleines Kind in die Kammer tragen.

ii. Der Froschkönig

Man kann in derselben Geschichte aber auch die Geschichte zweier junger Menschen erkennen, die zueinander finden:

Sie treffen sich zufällig am Brunnen, der Junge hilft dem Mädchen aus einer Verlegenheit, sie verspricht ihm leichtfertig die Ehe, geht dann aber heim, ohne sich weiter drum zu kümmern. Er kommt nach und erinnert sie an ihr Versprechen. Der Vater gibt ihm Recht. Sie muss dulden, dass er neben ihr am Tisch sitzt, und findet ihn ekelhaft wie einen Frosch. Sie duldet sogar, dass er mit ihr ins Zimmer geht, aber als er zudringlich wird, wehrt sie sich, stößt ihn heftig gegen die Wand und verletzt ihn. Damit ist sie zu weit gegangen. Da bekommt sie Mitleid und entdeckt die Liebe: Der garstige Frosch verwandelt sich in einen liebenswerten Mann.

Das Reizvolle an diesem Märchen ist, dass beide Motive ineinander verflochten sind: Die Bilder vom goldnen Ball, Brunnen und Frosch passen besser zu einer Schwangerschaft, die gewalttätige Erlösung besser zu einer Brautnacht.

iii. Der eiserne Heinrich

Man kann die Geschichte aber genauso aus der Sicht des Prinzen lesen:

Ein Kind ("Frosch") wird zum Mann und macht in der Pubertät einen Gestaltwandel durch, wobei sich eine Zeitlang in seinem eigenen Körper nicht mehr zurechtfindet. Er wirkt nicht nur auf andere Leute, sondern auch auf sich selbst wie ein "garstiges Tier". Zum Menschen wird er erst dadurch, dass er Verantwortung übernimmt, dem Mädchen bei einer Verlegenheit hilft, zu seinem Wunsch steht, sie zu heiraten und schließlich vollends durch die Liebe. In der Erzählung geschieht die Erlösung plötzlich, aber trotzdem wird eine Entwicklung angedeutet: Das "Tier" nimmt von sich aus Kontakt mit einem "Menschen" auf, verlässt das Wasser und will wie ein Mensch in einem "Schloss" wohnen, gesittet vom Teller essen und in einem Bett schlafen.

Wenn der Erzähler im zweiten Teil den Diener in den Mittelpunkt rückt, dann deutet er an, dass er jetzt die Perspektive wechselt und nicht mehr aus Sicht der Prinzessin erzählt.

Die eisernen Bänder ums Herz des treuen Dieners sind ein eindrückliches Bild für den Kummer, den er mit dem jungen Mann während der Pubertät hatte und von denen er jetzt durch die Hochzeit befreit wird. Der Diener, der nicht mit im Wagen sitzt, sondern ihn hinten auf dem Trittbrett begleitet, steht also für den Vater oder Erzieher, der ja auch heute noch manchen Kummer mit Heranwachsenden hat.

Die eisernen Bänder lagen aber auch um das Herz des Prinzen selbst: Er hat er sich ja nicht nur körperlich entwickelt, sondern ist innerlich gereift. Dieses Reifen geschieht wie bei Samen, Eiern oder Insektenpuppen zunächst im Verborgenen: [13] Eine natürliche Schutzhülle hüllt die zarten Keime zunächst ein, bis sie groß genug sind, sich der Außenwelt zu stellen. Dann entfalten sich die inneren Kräfte und die Schutzhülle wird gesprengt – im Bild: die Kutsche fährt mit acht Pferden vor und die Schutzbänder bersten nach und nach mit lautem Krachen. Dass es mehrere ("drei") Bänder sind, ist ein Bild dafür, das beim Menschen ja nicht nur das natürliche System der Latenz, sondern auch soziale Kontrollen und Einschränkungen wirksam sind. Sie werden mit dem Heranreifen nach und nach aufgehoben, bis schließlich durch Mündigkeit, Ehe und die Übernahme von Verantwort das größtmögliche Maß von Freiheit erreicht ist.

Der "Diener" ist in seiner bisherigen Aufgabe damit überflüssig geworden, er hat die Kutsche angespannt und vorgefahren, jetzt kann er dem "Prinzen" die Zügel in die Hand drücken und steigt hinten aufs Trittbrett, steht also weiterhin im Hintergrund als Berater zur Verfügung. [14]

iv. "Heinrich, der Wagen bricht"

Auf den holprigen Straßen kam es ja immer wieder vor, dass Wagen zu Bruch gingen und liegen blieben. Hier ist die riskante Fahrt ein Bild für die Wirrnisse der Pubertät. Der junge Mann ist  noch dermaßen daran gewöhnt anzuecken, dass er die Signale der Entspannung als neue Alarmzeichen missdeutet.

Der abschließende Reim "als Ihr in dem Brunnen saßt, als ihr eine Fretsche wast" greift wieder auf den Anfang zurück. Die merkwürdige Formulierung beruht wohl auf einem niederdeutschen Dialekt. Fretsche ist verkürzt aus mnd. vrêtesche 'die gefräßige': Das Tier im Brunnen ist wie ein Säugling "gefräßig". Ein Säugling kann nichts außer essen und schreien. [15] Normalerweise entwickelt er sich rasch weiter. Es könnte aber sein, dass das Kind auf dem Stadium des "Fressers", in der oralen Phase, stehen bleibt. [16] Das ist wieder ein neuer Gesichtspunkt, der viel früher ansetzt, schon im Säuglingsstadium, und an das Bild vom "Fröschlein" Baby anknüpft.

 

[1] E. Brunner-Traut, Altägyptische Märchen 81

[2] Gen 24

[3] Gen 29

[4] Ex 3

[5] Basile: 17 Die Taube. bei Grimm: 88 Das singende, springende Löweneckerchen, 113 De beiden Künnigeskinner, 127 Der Eisenofen, 186 Die wahre Braut, 193 Der Trommler.

[7] Petronius, Satyricon 73

[8] 'Wolf' heißt neuschottisch oof, ouf, dasselbe Wort bedeutet auch 'kleines, unbedeutendes Wesen, Narr, Idiot'

[10] Damit entfällt die Erklärung von Fretsche aus schott. wratch, engl. wretch 'armseliges Wesen', das inhaltlich zur volfe passen würde.

[11] Die Schlange stammt möglicherweise aus slawischen Varianten. Im Deutschen wurde das alte Wort Unke 'Ringelnatter' später als 'Art Kröte' verstanden (heute auch ein zoologischer Begriff). Das zeigt, wie nahe beide Bilder verwandt sind.

[12] volfe 'armseliger Wicht' in der schottischen Geschichte betont die Hilflosigkeit des angeblichen Monsters.

[13] Die Psychologen reden von einer "verborgenen" Latenzphase der sexuellen Entwicklung.

[14] als Gewissen oder Freuds Über-Ich

[15] nach Freud das orale Stadium

[16] Daran erinnert das Märchen vom Wechselbalg: Zwerge stehlen das schöne menschliche Kind und legen eins ihrer eigenen hässlichen Kinder hinein, das nur isst und schreit und sich nicht entwickelt. Dahinter stehen wohl auch Erfahrungen mit behinderten Kindern.

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Übersicht

 

Sprachecke 02.04.2013 | Jahresthema Märchen

 

Datum: 2007

Aktuell: 28.03.2013