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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Märchen erklärt

Der Geist im Glas

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Inhalt

Versionen

Grimm

Löhr

Literarische Vorlagen

Fischer und Flaschengeist

Parallelen

Paracelsus

Galgenmännlein

Motivgeschichte

groß und klein

Der Student

Der Dämon

Salomos Siegel

Der Geist im Gefäß

Der große Merkurius

abendländische und morgenländische Geister

Die Überlistung des Dämons

Deutung

Überlieferungs-geschichte

psychologische Deutung

 

1. Inhalt [1]

Ein Student findet im Wald eine Flasche. Beim Öffnen entweicht ein Dämon, der sich den "großen Merkurius" nennt und seinen Befreier töten will. Es gelingt dem jungen Mann, den Geist wieder einzusperren. Der verspricht ihm, er wolle ihn reich machen, wenn er ihm noch einmal die Freiheit schenke. Der Jüngling geht darauf ein und bekommt ein Pflaster bzw. einen Lappen, [2] mit dem er Wunden heilen und Eisen in Silber verwandeln kann, und wird ein großer Arzt.

(Grimm, Kinder- und Hausmärchen 1812/15 Nr. 9; 1819 Nr. 99)

2. Versionen

a. Grimm

Die jüngere Fassung Grimms ist besser ausformuliert als die ältere, inhaltlich unterscheiden sich beide Darstellungen nur unwesentlich.

b. Der Geist im Glase

(Johann Andreas Christian Löhr: Das Buch der Mæhrchen 1819/ 20 Bd. 1,334-339)

Löhrs Darstellung entspricht der Grimmschen, ist aber ausgeschmückt und mit Nutzanwendungen versehen. Der Geist trägt den Phantasienamen Mafech, was zeigt, dass Löhr die Bedeutung von Merkurius nicht verstanden hat.

3. Literarische Vorlagen

Die Erzählung vom armen Fischer und dem Geist in der Flasche

(Märchen aus Tausend und einer Nacht, Ausgabe Löwit  1,38-46, 129-136)

Ein armer Fischer zieht dreimal hintereinander nur Müll aus dem Wasser. Er bittet Allah, ein Wunder zu tun und findet schließlich im Wasser eine Messingflasche. Er öffnet sie, da kommt ein riesiger Geist heraus, der sich gegen König Salomo empört hatte und von ihm in die Flasche gesperrt und im Meer versenkt habe. Er kündigt an, er werde den Fischer umbringen, aber er dürfe sich die Todesart aussuchen. Der Fischer lässt sich nicht einschüchtern und beschließt seinen Verstand zu gebrauchen, der dem des Dämons überlegen ist. Er bezweifelt, dass ein so großes Wesen in eine so kleine Flasche passt. Der Geist kehrt in die Flasche zurück und wird wieder eingesperrt. Da ihm der Gefangene verspricht, ihn reich zu machen, lässt ihn der Fischer wieder frei. Der Dämon führt ihn zu einem See mit bunten Fischen, die er dem Sultan bringen soll  und mit denen er Geld verdienen kann… (Die Fortsetzung verliert sich in einer Menge ineinander geschachtelter Geschichten.) [3]

4. Parallelen

a. Paracelsus und der Teufel

(Die schönsten Sagen aus Wien, o. A., o. J., S. 272)

Der berühmte Arzt Paracelsus befreite als Student einen Teufel, der in ein Loch in einem Baum gefangen war. Zum Dank schenkte ihm der Böse zwei Tinkturen, mit denen er Wunden heilen und Eisen in Gold verwandeln konnte. Um zu verhindern, dass der befreite Satan Unheil anrichtet, fragte ihn Paracelsus, wie er es geschafft habe, in das Loch hineinzukommen. Der Teufel fiel auf den Trick herein und wurde wieder eingesperrt.

b. Eine Geschichte vom Galgenmännlein

(Friedrich de la Motte Fouqué, Erstdruck in: Pantheon 1,2 1810.)

Ein deutscher Kaufmann verjubelt und verspielt in Venedig sein ganzes Geld. Da wird ihm ein Glas mit einem Galgenmännlein angeboten, das wie der Teufel aussieht. Solange er es hat, hat er Geld im Überfluss. Er kann es nur los werden, wenn er es billiger verkauft als er's erworben hat. Wenn er es noch besitzt, wenn er stirbt, verfällt seine Seele dem Bösen. Der Kaufmann kauft das Glas mit seinem letzten Geld und lebt eine Zeitlang in Luxus. Dann wird er krank und möchte das Galgenmännlein loswerden, aber es kommt immer wieder zurück. Am Ende kann er es für einen halben Heller (eine Münze, die es nicht gibt) an einen verkaufen, der ohnehin dem Teufel dient.

5. Motivgeschichte

a. »Kann sich ein Großer so klein machen

Ein ähnliches Motiv findet sich im Gestiefelten Kater. Der bringt den Zauberer dazu, sich in eine Maus zu verwandeln, und frisst ihn auf.

Hintergrund: Nach mittelalterlichem Glauben besteht Geist aus einer "feinstofflichen Substanz", die man sich als eine Art Gas vorstellte, das sich komprimieren lässt und wieder ausdehnen kann.

b. »Der Student«

Es sei nur am Rande erwähnt, dass der Student ein eigenes literarisches Motiv ist. Man sagte den Studenten nach, dass sie lieber ihren Vergnügungen nachgingen als ihren Studien, dass sie stets knapp bei Kasse und ewig hungrig waren. Sie standen im Gegensatz zur ungebildeten Gesellschaft und kehrten oft ihre Überlegenheit hervor. Der Student gilt als übermütiger, jugendlicher Taugenichts.

Hier bei Grimm ist der Student durchaus ein besonnener junger Mann, der fleißig studiert hatte, aber sein Studium abbrechen musste, weil der Vater nicht mehr zahlen konnte. Der Sohn hat den guten Willen, sich durch Arbeit sein Geld zu verdienen, aber der Vater traut ihm nichts zu. Der Sohn zeigt seine Überlegenheit darin, dass er den Ungeschickten spielt und die zu Silber gewordene Axt verbiegt.

c. »Der Dämon«

i »Salomos Siegel«

Josephus berichtet, er habe selbst gesehen, wie ein Priester mit Hilfe eines Rings einen bösen Geist ausgetrieben habe. Der Ring habe ein Zaubermittel enthalten, das der weise Salomo empfohlen habe, der Geister bannen konnte. [4]

Das "Testament des Salomo" [5] erzählt: Als Salomo den Tempel baute, wurde einer seiner Aufseher von einem Dämon Ornias geplagt. Salomo bittet Gott, er möge ihm den Dämon ausliefern. Der Erzengel Michael gibt ihm einen Ring mit dem Siegel Gottes. Damit hat der König Macht über die Dämonen. Ornias muss beim Tempelbau helfen und gibt dem König Auskunft über die Welt der Geister. [6]

ii »Der Geist im Gefäß«

Im Märchen wurde der Geist vom König Salomo in die Flasche gesperrt und diese mit dem magischen "Siegel Salomos" verschlossen, weil er sich gegen ihn aufgelehnt hatte. Dahinter stehen die frühchristlichen Vorstellungen vom Höllensturz des Teufels zurück, die ansatzweise schon in der Bibel zu erkennen sind und auch im Testament Salomos angedeutet werden: Der Teufel war ursprünglich ein Engel, der gegen Gott rebelliert hatte, und daher aus dem Himmel verbannt und schließlich in der Hölle eingesperrt wurde.

iii »Der große Merkurius«

Ein Leiden, das man nur spürt, aber dessen Ursache man nicht kennt, kann belastender sein als wenn man den Namen der Krankheit weiß. So erzählen viele alten Geistergeschichten, dass ein Dämon seine Macht verliert, sobald ihn der Mensch mit Namen nennen kann. [7]

Der Geist im Glas verrät seinen Namen freiwillig. Er stellt sich aber nicht gleich vor, als der Student ihn entdeckt, sondern erst, als er merkt, dass der seine Drohung ihn umzubringen nicht ernst nimmt. Sein Name offenbart sein Wesen: Der großmächtige Merkurius kann nicht anders als dem den Hals zu brechen, der ihn loslässt.

Mercurius war der alchemistische Name des giftigen Quecksilbers. Es ist seine Natur, Menschen zu vergiften. Wem es aber gelingt, diesen Stoff zu bändigen, mit Bedacht einzusetzen, kann reich werden. Da sich Edelmetalle in Quecksilber lösen, kann man zum Beispiel eine eiserne Axt versilbern, aber nur an der Oberfläche. Wem es gelänge, Eisen ganz zu Silber werden zu lassen, könnte damit in der Tat reich werden. Man benutzte Quecksilber auch als Heilmittel und konnte als Arzt damit gut verdienen. Im Märchen wird diese doppelte Nutzung damit angedeutet, dass man mit dem Pflaster oder Lappen Eisen in Silber verwandeln und Wunden heilen kann.

iv »Der Unterschied zwischen abendländischen und morgenländischen Geister

Das Grimmsche Märchen "Der Geist im Glas" stammt deutlich aus "1001 Nacht" und mit dem Märchen das Motiv vom Dämon, der dem Menschen dienen muss.

In den Märchen, die im Abendland entstanden sind, macht der Held sein Glück meist mit zauberkräftigen Dingen (z. B. Wunschring, heilkräftige Wurzel, Siebenmeilenstiefeln). Diese Dinge werden dem Helden oft von einer Hexe oder Fee gegeben oder er muss sie auf einer gefahrvollen Reise finden und an sich bringen. Hexe oder Fee sind nur Vermittler. Die Zauberkraft steckt in den Dingen selbst.

In den orientalischen Märchen dagegen bekommt der Besitzer des magischen Gegenstands Macht über einen Geist, der ihm dienen muss, obwohl er mächtiger ist als ein Mensch. [8]

Dem entspricht im europäischen Märchen der Versuch, mit Hilfe des Teufels sein Glück zu machen. Der Teufel will aber nicht dem Menschen dienen, sondern verfolgt seine Eigeninteressen: Er will die Seele des Menschen haben. Daher wird oft ein Pakt abgeschlossen: Irdisches Glück gegen den Verlust der ewigen Seligkeit.

v »Die Überlistung des Dämons«

Im Märchen vom Fischer wird deutlich gesagt, dass der Mensch klüger ist als der Dämon. Daher kann er ihn überlisten, wieder in die Flasche sperren und ihn zwingen, ihn reich zu machen.

Auch in den europäischen Märchen gilt der Teufel als so dumm, dass er von einem einfachen Bauern angeführt werden kann. [9] Meist aber muss der Held sehr bedacht vorgehen, wenn er irdisches Glück haben will, ohne die himmlische Seligkeit zu verlieren. Allzu leicht verfällt er der Macht des Bösen. Er genießt das Leben und leidet seelische Qualen, bis er schließlich doch noch die Erlösung findet wie im Märchen vom Galgenmännlein.

6. Deutung

a. Überlieferungsgeschichte

Grimm will die Geschichte 1813 von einem Schneider aus der Gegend von Paderborn gehört haben. [10] Sie verbindet das Motiv vom Flaschengeist mit dem vom verkannten Genie des Studenten. Vorlage für den Hauptteil ist nicht das orientalische Märchen selbst, sondern die Sage von Paracelsus, deren Wurzeln bis ins Mittelalter zurückgehen (Vergil, der Zauberer, zu dem ich nichts gefunden habe).

b. psychologische Deutung

Grimm erzählt die Geschichte von einem Sohn armer Eltern, der studieren darf, solange der Vater das Geld dafür aufbringen kann. Der Vater versteht zwar, dass der Sohn durch das Studium bessere Chancen bekommt, aber er hat keinerlei Verständnis für das, was es im Studium zu lernen gibt. Was für ihn allein zählt, ist Geschick, Kraft und harte Arbeit.

Der Sohn macht aber sein Glück nicht bei der Arbeit, sondern indem er sich während der Pause im Wald herumtreibt und nach Vogelnestern sucht, also anfängt zu "forschen". Seine Stärke besteht nicht in Muskelkraft, sondern dadurch, dass er sich nicht einschüchtern lässt und den Flaschengeist überlistet. Er macht also sein Glück nicht mit Kraft, sondern mit Verstand. Er muss aber das, was er gefunden hat, beherrschen lernen und Schwierigkeiten meistern können. Das ist ja das Wesen jedes Berufes.

Das Märchen zeigt auch die Gefahren, die von einem unbedachten Gebrauch der Kunst und Hilfsmittel ausgehen. Man kann mit Quecksilber heilen und versilbern, man kann aber auch damit sich und andere vergiften.

Wir denken heute beim "Flaschengeist" eher an den Alkohol, der einen unvorsichtigen Menschen ruinieren kann, aber in Technik und Medizin gute Dienste leistet.

 

[2] Ein Pflaster war ursprünglich kein Wundschnellverband, sondern eine Salbe oder Paste, die man auftrug und mit einem Stück Tuch abdeckte. Man konnte mit einer geeigneten Salbe Wunden heilen und durch Auftragen von Amalgam Eisen versilbern.
In der jüngeren Ausgabe redet Grimm von einem Lappen, mit dem man die betroffene Stelle einreibt. Man muss sich vorstellen, dass dieser Lappen mit dem Wirkstoff getränkt ist.

[3] In "Tausend und eine Nacht" ist bereits der zweite Teil der Geschichte nur mühsam zu finden. Löhr bringt eine brauchbare Nacherzählung, die abrupt endet, weil auch er Fortsetzung und Schluss nicht kennt.

[4] Josephus, Ant. 8,2,5

[5] Altjüdisches Schrifttum außerhalb der Bibel, übersetzt und erläutert von Paul Riessler 1927 / 1966 S. 1251-62  (aus den ersten Jahrhunderten nach Christus)

[6] Angeblich bannte ihn der König am Ende wieder in ein Gefäß. Ich kann dazu aber keinen Textbeleg finden.

[7] Klassisches Beispiel: Rumpelstilzchen

[8] ganz deutlich in "Aladdin und die Wunderlampe". Wer die Lampe besitzt, kann sich die magischen Kräfte eines Geistes zunutze machen.

[9] Grimm (1819) Nr. 189 Der Bauer und der Teufel

[10] Scherf, Märchenlexikon, Bd. 1, S. 407

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Übersicht

 

Sprachecke 15.04.2008

 

Datum: 2007

Aktuell: 26.03.2016