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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Märchen erklärt

Hänsel und Gretel

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Inhalt

Grimm, Hänsel und Gretel

Grimms Fassung von 1819

Bechstein

Kinderlied

Versionen

Die weiße Hirschkuh

Das Märchen vom Bübchen und der bösen Stiefmutter

Brüderchen und Schwesterchen

Aschenputtel

Frau Holle

Motivgeschichte

»Hexe«

»Mutter und Hexe«

»Brüderchen und Schwesterchen«

»der weiße Vogel«

»das Knusperhäuschen«

»der Menschenfresser«

»Knöchlein und Backofen«

»Das Mädchen wird zur Arbeit gezwungen«

»Überlistung des Dämons«

»die Ente auf dem Teich«

Literarische Vorlagen

Odysseus bei Polyphem

Kronos

Der verlorene Sohn

Nennillo und Nenella

Der Däumling

Parallelen

Hänschen klein

Deutung

Überlieferungs-geschichte

psychologische Deutung

 

 

1. Inhalt

a. Grimm, Hänsel und Gretel

Die Frau eines armen Holzhackers überredet ihren Mann, die Kinder Hänsel und Gretel im Wald auszusetzen. Die Kinder hören zufällig mit. Gretel bricht in Tränen aus, aber Hänsel weiß Rat: Er markiert den Weg mit Steinen. Im Wald zünden die Eltern ein Feuer an und sagen, die Kinder sollen beim Feuer auf sie warten. Sie wollten im Wald Holz fällen. Wie sie nicht zurück kommen, finden die Kinder mit Hilfe der Steine den Heimweg wieder. Und wieder mahnt die Mutter, die Kinder im Wald auszusetzen, schließt aber die Haustür zu, damit Hänsel keine Steine sammeln kann. Hänsel wirft stattdessen Brotkrümel auf den Weg, während sie noch tiefer in den Wald hineingeführt werden. Die Krümel werden von den Vögeln aufgepickt, so dass sich die Kinder im Wald verirren. Dort finden sie am dritten Tag ein Häuschen aus Brot mit einem Dach aus Kuchen und Fenstern aus Zucker. Eine alte Frau lädt sie freundlich ein hereinzukommen, bewirtet sie und lässt sie in zwei Betten übernachten. Sie ist aber eine böse Hexe, die Kinder frisst, und sperrt am nächsten Morgen Hänsel in einen Stall, um ihn zu mästen und zwingt Gretel zur Hausarbeit. Jeden Tag muss Hänsel seinen Finger herausstrecken, damit die Hexe prüfen kann, ob er fett sei. Aber Hänsel streckt immer nur ein Knöchlein heraus. Nach vier Wochen soll Hänsel geschlachtet werden und Gretel muss dabei helfen. Die Hexe befiehlt der Gretel, im Backofen nachzuschauen, ob das Brot schon braun sei; sie sollte sich auf ein Brett setzen und in den Ofen schieben lassen. Aber Gretel stellt sich dumm, bittet die Hexe, ihr das vorzumachen. Gretel schiebt die Alte in den Ofen und macht die Tür zu, so dass die Hexe verbrennen muss. Gretel befreit Hänsel. Die Kinder stopfen sich die Taschen voller Edelsteine und finden den Weg nach Hause. Der Vater freut sich, die Mutter aber ist inzwischen gestorben. Dank der Juwelen hat nun die Not ein Ende.

Grimm, Kinder- und Hausmärchen 15,1 (1812 ff)

b. Grimms Fassung von 1819

Die zweite Fassung ist breiter ausgeführt als die erste. Am Ende ist eine Szene eingefügt:

Auf dem Heimweg kommen die Kinder an einen großen Teich. Gretel bittet eine Ente, sie hinüber zu bringen. Da die Ente nicht alle beide tragen kann, muss sie zweimal hin- und her schwimmen.

c. Bechstein, Hänsel und Gretel

im Wesentlichen dieselbe Handlung, wiederum breiter und nuancierter.

Ludwig Bechstein, Deutsches Märchenbuch (1857)

d. Kinderlied

Hänsel und Gretel verirrten sich im Wald. / Es war so finster und auch so bitter kalt. / Sie kamen an ein Häuschen von Pfefferkuchen fein. / Wer mag der Herr wohl von diesem Häuschen sein?

Uhu, Schuhu, die Hexe kam heraus. / Sie lockt die Kinder ins Pfefferkuchenhaus. / Die Hexe tat sehr freundlich, doch Hänsel, welche Not: / Sie wollt ihn braten im Ofen gar wie Brot.

Als nun die Hexe zum Ofen schaut hinein, / ward sie gestoßen vom lieben Gretelein. / Die Hexe musste braten, die Kinder gehn nach Haus. / Nun ist das Märchen von Hans und Gretel aus.

2. Versionen

a. Die weiße Hirschkuh

Ein verwitweter Holzfäller hat zwei Töchter, das Annele und das Margretle. Die zweite Frau bevorzugt das Annele und kann das Margretle nicht leiden. Sie bespricht sich mit Annele, dass sie die kleine Schwester im Wald aussetzen. Die hört mit und erzählt es ihrer Patin. Die rät ihr, den Weg mit Sägemehl zu markieren. So findet sie wieder heim. Am nächsten Tag aber nimmt sie Haferspreu und die wird von den Vögeln gefressen. Sie findet im Wald eine Höhle, in der ist eine weiße Hirschkuh. Die nimmt sie auf und erlaubt ihr, von ihrer Milch zu trinken. … Die Stiefmutter lässt die Hirschkuh töten.

Märchen aus Elsaß & Lothringen, hrsg Marlies Hörger 110 ff.

Das lothringische Märchen wurde 1990 aufgezeichnet und entspricht ziemlich genau dem elsässischen »Erdkühlein«, das schon 1559 von Martin Montanus veröffentlicht wurde. [1]

b. Das Märchen vom Bübchen und der bösen Stiefmutter

c. Brüderchen und Schwesterchen

Die Geschichte folgt mehr dem Aufriss Basiles. Die Geschwister werden von einem König gefunden, der Bruder ist aber durch die Hexenkünste der Stiefmutter in ein Reh verwandelt.

d. Aschenputtel

In Aschenputtel wird das Schicksal eines benachteiligten fleißigen Mädchens behandelt, das zu Haus bleibt und trotzdem sein Glück macht.

e. Frau Holle

Das Märchen von der »Frau Holle« ist das positive Gegenstück zu »Hänsel und Gretel«: Die Heldin wird nicht ausgesetzt, sondern hält es zu Hause nicht mehr aus und wird zum Selbstmord gedrängt. Sie ist fleißig im Unterschied zu ihrer faulen Schwester, bewährt sich in der anderen Welt und kommt reich belohnt nach Hause.

3. Motivgeschichte

a. »Hexe«

Die Beschreibung der Hexe in diesem Märchen hat stark unsere Vorstellung von dieser Figur beeinflusst: »eine steinalte Frau, die sich auf eine Krücke stützte« [2] Noch deutlicher: »ein steinaltes, krummgebücktes, triefäugiges Mütterlein heraus von nicht geringer Hässlichkeit, Gesicht und Stirne voll Runzeln und in mitten eine große, große Nase. Hatte auch grasgrüne Augen.« [3]

Ähnlich die Beschreibung der Frau Holle: eine alte Frau »mit großen Zähnen«, Diese wirken wegen des Zahnfleischschwundes größer als normal.

Wie kommt es, dass die Hexe hier als alte Frau dargestellt wird? Weil sie als Dämonin schon uralt ist. Erfahrungen mit der alten Frau in der Familie (Großmutter, auch bei »Rotkäppchen«) mögen mit eine Rolle gespielt haben. Die Großmutter musste oft genug die gestorbene Mutter ersetzen und ist für den Erzähler also eine Alternative zur leiblichen Mutter.

Die von Bechstein betonte Hässlichkeit ist nach naivem Verständnis ein Ausdruck von Bosheit.

b. »Mutter und Hexe«

Die Hexe verbrennt und die Kinder können fliehen. Wie beim »Verlorenen Sohn« freut sich der Vater, dass sie wiederkommen. Die böse Mutter ist inzwischen gestorben. Die Kinder waren gerade einen Monat von zu Hause weg. Der Tod der Hexe und der der Mutter fallen also in dieselbe Zeit: ein Zeichen, dass der Erzähler ausdrücken will, dass Mutter und Hexe dieselbe Person ist. Er spielt sozusagen die beiden Varianten durch: die bettelarme Mutter, die die Kinder aus dem Haus treibt, und die reiche Hexe, die Hänsel mästet und Gretel hungern lässt.

Bemerkenswert ist, dass die böse Frau im ursprünglichen Märchen die leibliche Mutter ist. Diesen Eindruck erweckt auch die jüngere Fassung von Grimm, bei der das Stichwort Stiefmutter beiläufig erst auf der zweiten Seite erwähnt wird, und das nur ein einziges Mal.

c. »Brüderchen und Schwesterchen«

Eine deutliche Parallele zu »Hänsel und Gretel« ist »Brüderchen und Schwesterchen«, das sich stärker am Vorbild Basiles orientiert. Auch dort wird das Kind im Wald von einem jagenden König gefunden. Anders aber als bei Basile wird bei Grimm das Brüderchen in ein Reh verwandelt, weil es seinen Durst nicht bezähmen kann. Das heißt, das jüngere Brüderchen hat den Schock des Abstillens noch nicht überwunden. Es will immer noch "trinken", während das Schwesterchen seine Triebe besser beherrschen kann.

Bei Hänsel und Gretel ist nicht klar, wer älter und wer jünger ist. Auf dem Weg zum Hexenhaus übernimmt Hänsel die Führung, auf dem Heimweg Gretel. Eine Differenzierung ihrer Rollen ist wohl nicht beabsichtigt, abgesehen davon, dass Gretel als Mädchen natürlich Hausarbeit machen muss, während Hänsel verhätschelt wird.

d. »der weiße Vogel«

In Grimms jüngerer Fassung und bei Bechstein werden die Kinder auf ein weißes Vöglein aufmerksam, das schön singt und dann vor ihnen her fliegt, bis sie zum Hexenhaus kommen. Man sollte annehmen, dass es ein Lockvogel ist, der die Kinder zum Hexenhaus führen soll.

Bei Bechstein warnt der Vogel aber Gretel, dass sie sich vor der Hexe hüten solle, die sie in den Backofen schieben will. Dieser Vogel und viele andere bringen den Kindern auch die Juwelen, die sie mit nach Hause nehmen. Das sei der Dank für die Brotkrumen auf dem Weg. Und schließlich zeigt ihnen der weiße Vogel auch wieder den Weg aus dem Wald.

Hier vermischen sich die Motive der dankbaren Tiere und des Seelenvogels, wie er auch in »Aschenputtel« vorkommt. Der Vogel, der Gretel warnt, ist deutlich ihre innere Stimme. Bei Grimm merkt Gretel selbst, was die Hexe vorhat.

Dass Vögel Menschen den Weg zeigen, ist uralt: Noah sendet Vögel aus, die ihm Kundschaft bringen vom Wasserstand. Da die Arche nicht navigiert werden kann und sich nur mit dem Wasser hebt und senkt, ist das eine sinnvolle Maßnahme. Ursprünglich haben Schiffer wohl Vögel als Navigationshilfe mitgenommen oder sich an Vögeln orientiert, die die Nähe von Land anzeigen.

In vielen Bildern wird die Sehnsucht als Vogel vorgestellt, die ihnen vorauseilt. So auch im Volkslied »Kommt ein Vogel geflogen«, der dem Wortlaut nach Briefträger spielt. In Wirklichkeit sind die beiden Liebenden in Gedanken verbunden.

Ähnlich im Psalm 84,3.4 »Meine Seele verlangt und sehnt sich nach den Vorhöfen (im Tempel) des HERRN… Der Vogel hat ein Haus gefunden, die Schwalbe ein Nest für ihre Jungen – deine Altäre, HERR Zebaoth…« Vogel und Schwalbe sind Bilder für die zuvor genannte Seele. Der Pilger schickt seine Seele voraus, ist schon in Gedanken im Tempel, während er selbst noch unterwegs ist.

e. »das Knusperhäuschen«

Das Motiv des essbaren Häuschens stammt aus dem »Märchen vom Schlaraffenland«. In diesem Land sind nach Bechstein [4] »die Häuser gedeckt mit Eierfladen, und Türen und Wände sind von Lebzelten, und die Balken von Schweinebraten.«

Die Lebkuchenhäuser der Weihnachtszeit erinnern an diese Märchen.

f. »der Menschenfresser«

Kannibalen, Menschen, die aus rituellen Gründen oder aus Not Menschenfleisch essen, hat es tatsächlich gegeben. Spektakuläre Fälle werden auch heute noch gemeldet.

Auch Sagen und Märchen erzählen davon. Klassische Beispiele der Antike sind Kronos und der Kyklop Polyphem. Zu den Märchen-Menschenfressern gehört auch der Wolf in die »Sieben Geißlein« und »Rotkäppchen«. Gerade am Beispiel von Kronos und den Zyklopen wird deutlich, dass es sich nicht um menschliche Kannibalen handelt, sondern um Dämonen, die den Menschen bedrohen und vernichten wollen. Darum gehört auch die Sage vom kanaanäischen Gott Moloch in diese Reihe, der "Kinder fraß", d. h. dem man Kinderopfer darbrachte.

Auch die Hexe in Hänsel und Gretel ist ein Dämon und nicht etwa nur eine böse Frau.

An die Stelle des Dämons tritt im Christentum oft der Teufel (Satan). Davon zeugt z.B. die Märchen »Von dem Teufel mit den drei goldenen Haaren« [5] und »Der Teufel und seine Großmutter« [6], in denen der Teufel die Rolle des Menschenfressers spielt, während seine Frau oder Großmutter den Besucher beschützt.

Wie stark diese Vorstellungen auch in die Volksfrömmigkeit durchgedrungen sind, zeigen folgende Beispiele bei Paul Gerhardt:

i Morgenlied

Heint [7], als die dunklen Schatten / mich ganz umgeben hatten, / hat Satan mein begehret. / Gott aber hat's gewehret. [8]

ii Abendlied

Breit aus die Flügel beide / o Jesu, meine Freude, / und nimm dein Küchlein ein. / Will Satan mich verschlingen, / so lass die Englein singen: "Dies Kind soll unverletzet sein." [9]

Gemeinsamer Gedanke beider Strophen: Die Nacht hat etwas Bedrohliches. Kleine Kinder haben Angst vor der Dunkelheit, die alles Sichtbare "verschlingt" und in der rätselhafte Geräusche und Schatten Grauen erregen. Ältere Menschen kennen die grausam schlaflosen Nächte mit endlosem Grübeln und die Schmerzanfälle, deren Zeit besonders die Nacht ist.

g. »Knöchlein und Backofen«

Hänsel überlistet die Hexe, indem er statt seines Fingers einen Knochen heraussteckt. Damit hat sie keine Möglichkeit festzustellen, ob Hänsel Speck angesetzt hat.

Der Backofen ist deutlich ein Bild für den Uterus: Gretel soll von der Hexe gefressen werden und damit in den Mutterleib zurück. Die Hexe aber fordert sie auf, nachzuprüfen, ob die Brote im Ofen schön braun geworden sind.

Kann man die beiden Bilder verstehen als Andeutung, dass die Kinder sexuelle reifen? Der Finger ist ja deutlich ein Penissymbol und zum Überprüfen des Masterfolgs wenig geeignet. Dass Hänsel an Stelle seines möglicherweise dick gewordenen "Fingers" eine Attrappe vorzeigt, kann man auch verstehen als ein Zeichen der Schamhaftikeit.

Der Backofen, indem die Böse verbrannt wird, ist aber auch ein Symbol der Hölle. Die Hexe muss also in der Hölle schmoren.

h. »Das Mädchen wird zur Arbeit gezwungen«

Dieses Motiv stammt aus Stiefmuttermärchen wie »Aschenputtel« und »Frau Holle«. Darin wird erzählt, dass das ältere Kind schon Pflichten übernehmen, während das jüngere noch verwöhnt wird. Das kann dazu führen, dass sich das ältere weniger geliebt fühlt.

i. »Überlistung des Dämons«

Hänsel versucht die Hexe mit dem Knochen zu überlisten. Sie glaubt zwar, dass er nicht zunimmt, verliert aber die Geduld und hätte Hänsel tatsächlich fast geschlachtet.

Gretel trickst die Hexe damit aus, dass sie sich dumm stellt und die Alte veranlasst, selbst in den Backofen zu kriechen.

Dass man einen Dämon oder den Teufel überlisten kann, ist Thema vieler Märchen, z.B. »Rumpelstilzchen«, »Der Bauer und der Teufel«. [10] In anderen Fällen geht es um eine Hexe oder einen Zauberer, d.h. Elternfiguren, gegen die sich die jugendlichen Helden durchsetzen müssen, z.B. in »Fundevogel« [11] oder »Die Kristallkugel« [12].

Bei der Hexe in »Hänsel und Gretel« haben sich beide Motive vermischt. Die Hexe ist sowohl Dämonin als auch Mutterfigur.

j. »die Ente auf dem Teich«

Erst in der Endfassung Grimms kommt das große Wasser vor, das den Kindern den Weg versperrt, und die hilfreiche weiße Ente, die sie hinüberbringt. Bechstein dagegen erzählt von einem Schwan, dem man eher zutraut, ein Kind auf den Rücken zu nehmen.

Diese nachträglich einfügte Szene stammt aus der »Magischen Flucht«, z.B. in »Fundevogel«: [11] Hier flieht ein junger Mann mit seiner Braut vor einer Hexe, die sie verfolgt. Dem Mädchen gelingt es immer wieder, sich und den Jungen durch Gestaltwandel zu verbergen. Zuletzt verwandelt sie ihn in einen See und sich in eine Ente. Wie die Hexe sich bückt, um den See auszusaufen, packt die Ente sie am Kopf und zieht sie ins Wasser, wo sie ertrinkt.

Das hemmende Gewässer erinnert aber auch an den Fluss, der die Unterwelt vom Reich der Lebenden trennt. In der griechischen Mythologie und im Märchen »Von dem Teufel mit den drei goldenen Haaren« [5] ist es ein Fährmann, der den Wanderer hinüber bringt. Das Abenteuer von Hänsel und Gretel hat also auch etwas vom Gang in die Unterwelt an sich, von der Überwindung des Todesdämons und der Wiedergeburt zu einer höheren Form von Leben, hier illustriert durch die mitgebrachten Juwelen.

4. Literarische Vorlagen

a. Odysseus bei Polyphem

Odysseus wird bei seiner Rückfahrt von Troja auf eine Insel verschlagen, auf der die Kyklopen, einäugige Riesen leben, die Menschen fressen. Er findet in einer Höhle Unterschlupf, in der auch der Riese Polyphem wohnt, der sogleich beginnt, die Gefährten des Helden nach und nach aufzufressen. Schließlich gelingt es den Griechen, den Riesen zu blenden und zu fliehen.

Homer, Odyssee 9

b. Kronos

Dem griechische Urgott Kronos, Sohn des Himmels und der Erde, gebar Rheia sieben Kinder, die er der Reihe nach auffraß, außer Zeus, dem jüngsten. Den hatte seine Mutter versteckt. Sie gab dem Ungeheuer stattdessen einen in Windeln gewickelten Stein. Zeus wurde in einer Höhle versteckt, von der Ziege Amaltheia gesäugt, wuchs im Verborgenen heran, zwang dann seinen Vater, die Geschwister wieder von sich zu geben und entmachtete ihn mit Hilfe seiner Geschwister.

Hesiod, Theogonie 453-491

c. Der verlorene Sohn

Ein nachgeborener Bauernsohn lässt sich sein Erbe auszahlen, weil er in der Fremde eine Existenz gründen will. Stattdessen verprasst er sein Geld. Das Geld geht ihm aus und ausgerechnet da beginnt eine Hungersnot. Er sucht Arbeit, wird als Schweinehirt angestellt, muss zusehen, wie die Schlachttiere fressen, und leidet selbst Hunger. Da beschließt er nach Hause zu gehen und wird wider Erwarten freudig vom Vater aufgenommen. Ihm zu Ehren gibt es ein großes Fest. Der daheim gebliebene Bruder ärgert sich und der Vater weist ihn zurecht.

Gleichnis Jesu, Lukas 15,11-32

d. Nennillo und Nenella

Jannuccio hat zwei Kinder, Nennillo und Nenella. Die Stiefmutter will sie loswerden, Jannuccio führt sie mit einem Korb Essen in den Wald und lässt sie allein. Eine Spur aus Asche zeigt ihnen den Weg nach Hause. Die Stiefmutter schickt den Mann mit den Kindern wieder in den Wald. Diesmal legt er eine Spur von Kleie, die von den Vögeln gefressen wird. Die Kinder irren im Wald umher. Dann hören sie die Hunde eines Königs, der jagt. Nennillo klettert auf einen Baum, Nenella flüchtet ans Meer und wird von Seeräubern mitgenommen. Deren Anführer adoptiert sie.

Inzwischen haben die Hunde den Baum umstellt. Der König nimmt Nennillo mit und lässt ihn zum Vorschneider ausbilden.

Der Seeräuber soll gefangen werden, flieht und ertrinkt mit seiner Familie. Nennella wird von einem Fisch verschlungen und ans Ufer gebracht. Dort hält sich gerade der König mit seinem Gefolge auf. Nennillo geht auf den Fisch zu, der lässt Nenella aussteigen. Der Prinz lässt sich die Geschichte erzählen und durch Ausrufer die Eltern suchen. Die werden gefunden. Der Prinz fragt die Stiefmutter, was man mit jemand tun solle, der so prächtige Menschen in Lebensgefahr bringt. Gemäß ihrem Urteilsspruch wird sie in ein Fass gesteckt und den Berg hinabgerollt. Die Geschwister werden reich verheiratet.

Basile Nr. 48 S. 627-636

e. Der Däumling

(Le Petit Poucet)

Ein Holzfällerehepaar hat sieben Buben, der Kleinste ist ein Däumling, der nicht viel spricht und verachtet wird, aber sehr gewitzt ist. Die Eltern sind sehr arm und können die Kinder nicht mehr ernähren, darum will der Vater sie im Wald aussetzen. Däumling hört das und sammelt Steine, mit denen er den Rückweg markiert. Inzwischen haben die Eltern vom Dorfherrn 10 Écus bekommen und kaufen dafür viel zu viel Fleisch. Nun bedauern sie, dass sie die Kinder ausgesetzt haben, da kommen sie zur Tür herein.

Nach einiger Zeit ist das Geld alle und die Kinder werden wieder in den Wald geführt. Diesmal hatte der Däumling keine Gelegenheit zum Steinesammeln und streut Brotkrumen, die von den Vögel weggepickt werden. Die Kinder finden den Heimweg nicht mehr, entdecken aber in der Nacht einen Lichtschein und kommen zu einem Haus, in dem eine mitleidige Frau sie aufnimmt.

Sie warnt aber die Kinder, ihr Mann sei ein Menschenfresser, und versteckt sie unterm Bett. Der Mann kommt heim und riecht Menschenfleisch, die Frau versucht ihm das auszureden. Der Mann betrinkt sich und legt sich ins Bett. Dabei entdeckt er die Kinder, fängt sofort an, sein Messer zu schleifen und geht dem Ersten an die Kehle. Die Frau erwirkt einen Aufschub. Der Mann legt sich wieder schlafen. Die Frau bringt die Kinder in ein anderes Zimmer, in dem ihre sieben Töchter schlafen, alle kleine Menschenfresser, mit goldnen Krönchen auf dem Kopf. Die Buben schlafen in einem anderen Bett. Däumling vertauscht Krönchen und die Mützen der Buben. Da beschließt der Menschenfresser doch, mit dem Schlachten anzufangen, ertastet im Dunkeln Krönchen und Mützen und tötet seine eigenen Töchter.

Die Buben fliehen. Der Menschenfresser verfolgt sie mit Siebenmeilenstiefeln und holt sie kurz vor dem Elternhaus ein. Da er müde ist, schläft er erst ein bisschen. Däumling nimmt ihm die Stiefel ab und zieht sie selbst an.

Schluss 1: Er geht zurück zur Menschenfressersfrau und sagt, ihr Mann sei von Räubern gefangen worden, die würden ihn umbringen, wenn er nicht seine Schätze den Räubern gebe. Däumling sei geschickt worden sie zu holen, als Beweis dienen die Stiefel. Er nimmt das Geld und bringt es seinen Eltern, die jetzt genug für sich und die heimgekehrten Geschwister haben.

Schluss 2 (da einige Schluss 1 nicht glauben): Däumling geht in die Stadt und verdient mit den Stiefeln Geld als Bote zu der Armee des Königs, die im Krieg liegt. Mit dem Geld kehrt er nach Hause zurück und erkauft seinem Vater und den Brüdern Beamtenstellen. Damit sind sie alle wohl versorgt.

Moral: Man darf nicht über den Kleinsten in der Familie lachen, denn manchmal kann gerade er seiner Familie zum Glück verhelfen.

Charles Perrault, Histoires ou Contes du Temp Passé (1697)
(Charles Perrault, Le Chat Botté…, dtv zweisprachig 112 ff)

5. Parallelen

Hänschen klein

6. Deutung

a. Überlieferungsgeschichte

Die italienische Geschichte erzählt vom Schicksal zweier ausgesetzter Geschwister, die mit Hilfe einer Spur wieder nach Hause finden und ein zweites Mal ausgesetzt werden. Die Fortsetzung erinnert an Brüderchen und Schwesterchen.

In der französischen Geschichte geraten sieben Buben ins Haus eines Menschenfressers, finden bei der Frau Hilfe und werden dank der Pfiffigkeit des Jüngsten gerettet.

Die deutsche Geschichte hat also durchaus eigenständigen Charakter und ist nicht direkt von den beiden älteren Versionen abhängig. Es fällt auch auf, dass sich die beiden Fassungen von Grimm und die von Bechstein nur unwesentlich unterscheiden. Deutsche Märchen wie Aschenputtel, Brüderchen und Schwesterchen, Frau Holle empfinden wir nicht als Varianten dieser Geschichte, sondern als selbständige Fortsetzungen vom Eingangsmotiv der bösen Stiefmutter.

b. psychologische Deutung

i Erste Ebene

Das Märchen erzählt vom Schicksal zweier Kinder, die von verzweifelten Eltern ausgesetzt wurden und die in die Hände gewissenloser Menschen fallen, die sie ausnutzen. So etwas geschieht leider ja auch noch heutzutage.

ii Zweite Ebene

Das Märchen zeigt, dass ein Leben im Überfluss keine Alternative zu einem Leben in Armut ist. Die Kinder bekommen bei der Hexe nicht etwa ausreichend zu essen, sondern Hänsel wird gemästet, d.h. er wird mit Essen vollgestopft, und Gretel muss arbeiten und bekommt nur Abfälle zu essen. Überfluss ist also nur möglich, weil andere hungern müssen. Was im biblischen Gleichnis vom verlorenen Sohn als zeitliches Nacheinander dargestellt wird (erst Prassen, dann Not), wird hier als Nebeneinander erzählt und zu einer Einheit dadurch zusammengefasst, dass die Hexe beide Kinder ausnutzt: Sie gibt dem Hänsel nicht zu essen, damit es ihm gut geht, sondern damit er fett wird und sie ihn schlachten kann. Sie füttert aber nicht selbst, sondern Gretel muss diese Arbeit tun, d. h. Hänsel lebt auf Kosten von Gretel.

iii Dritte Ebene

Das Märchen erzählt einen Mutterkonflikt: Die Mutter weigert sich, ihre Kinder weiter zu ernähren. Sie verstößt sie. Die Kinder finden zu einer Ersatzmutter, die sie aber nur aus ganz egoistischen Gründen bei sich aufnimmt. Mutter und Kinder fressende Hexe sind ein und dieselbe Person. Nicht zufällig wird erzählt, dass beide am Ende tot sind. Als die Kinder nach Hause kommen, ist nicht nur die Hexe verbrannt, sondern auch die Mutter gestorben.

Tatsächlich erlebt ja jedes Kind, dass die Mutter ihm keine Nahrung mehr gibt: beim Abstillen. Das macht man heute sanfter als früher. Früher muss das Entwöhnen für das Kind ein Schock gewesen sein. Es erlebt erstmals die Mutter nicht mehr als bedingungslos lieb, sondern als böse. Sie gibt dem Kind keine Milch mehr. Stattdessen "mästet" sie den kleinen Bruder und die ältere Schwester muss vielleicht sogar mithelfen, ihn zu füttern. Die Mutter stellt zunehmend Forderungen, das Kind bekommt Aufgaben zugeteilt, die es erfüllen muss.

Der Wandel von der lieben Mutter zur Menschen fressenden Hexe beruht also auf kleinkindlichen Erfahrungen. Sie wird sicher auch genährt von der Erfahrung einer Besitz ergreifenden Liebe, die das Kind für sich in Anspruch nimmt und ihm keine Entfaltungsmöglichkeit lassen will.

Dazu kommt die kleinkindliche Angst, verschlungen zu werden. So wie es selbst die Welt erforscht, indem es Dinge in den Mund nimmt, und so wie es Essen verschlingt, fürchtet es, in den Mund genommen und verschlungen zu werden.

Das Märchen spiegelt auch in anderer Weise das ambivalente Verhältnis zur Mutter: Von der Mutter verschlungen werden, das bedeutet ja: wieder zurück in den Mutterleib müssen. Der war zwar ein Platz, wo man sich geborgen fühlen konnte, aber jetzt, wo das Kind den Mutterleib verlassen und sein eigenes Leben begonnen hat, empfindet es das Zurückmüssen, Verschlungenwerden als eine Bedrohung. Es will leben, sich weiter entwickeln und nicht wieder zum Ursprung zurück.

Tatsächlich kommt es aber in Extremsituationen vor, dass man in ein überwundenes Stadium zurück fällt. Die Psychologen nennen dies Regression. Eine solche Extremsituation liegt vor bei der Aussetzung. Es findet eine ungewollte Regression statt, indem die Kinder statt zum Elternhaus an das Hexenhaus geraten, wo ihre Esslüste erst mal gestillt werden. Was sie sich damit eingehandelt haben, Unfreiheit und drohender Tod, merken sie erst, als es zu spät ist. Nur durch einen Gewaltakt können sie sich befreien.

Dass Hexen verbrannt werden, muss man als ihr übliches Schicksal ansehen. Warum aber im Backofen? Weil der Backofen ein Symbol des Uterus ist: Die Regression soll weiter gehen, zurück in den Uterus. Die Geburt soll ungeschehen gemacht werden.

Die Kinder bestehen also bei der Hexe eine Überlebensprobe und reifen dabei. Sie überwinden das "orale Stadium", in die unmittelbare Bedürfnisbefriedigung im Vordergrund steht. Das äußert sich bereits darin, dass Hänsel sein Vesperbrot opfert, um eine Spur zu legen, und Gretel ihr Brot mit ihm teilt. Sie können aber nicht der Versuchung widerstehen, vom Knusperhäuschen zu essen und verlieren daher ihre Freiheit an die Hexe.

Ein Zeichen der Befreiung ist es, dass sie aus dem Schlaraffenland der Hexe keine Esswaren, sondern Juwelen mitbringen, also sozusagen selbst verdientes Geld, mit dem sie und der Vater gut leben können.

Die Überwindung des "oralen Stadiums" und der Übergang in erwachsene "genitale" und der damit verbundene Reifungsprozess wir angedeutet im Penissymbol des vorgestreckten Fingers und dem Uterussymbol des Backofens mit dem gar werdenden Brot.

 

[1] ausführlich bei Aschenputtel

[2]  Grimm, jüngere Fassung

[3] Bechstein

[4] Deutsches Märchenbuch S. 226 (1857)

[5] Grimm Nr. 29

[6] Grimm Nr. 39

[7] heute Nacht

[8] Paul Gerhardt, Wach auf, mein Herz, und singe, EG 446,2

[9] Paul Gerhardt, Nun ruhen alle Wälder, EG 477,8
Jesus wird hier mit einer Hühnermutter verglichen, die ihre Küken unter ihre Flügel nimmt, wenn sich ein Raubvogel am Himmel zeigt, der die Jungen "verschlingen" will.

[10] Grimm Nr. 189

[11] Grimm 51

[12] Grimm 197

 

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Übersicht

 

 

 

Datum: 2007

Aktuell: 13.07.2013