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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Märchen erklärt

Es blies ein Jäger wohl in sein Horn

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I. Inhalt

II. Versionen

III. Motivgeschichte

1. »Das schwarzbraune Mädel«

2. »Der Jäger und das Mädchen«

3. »Drei Lilien auf dem Grab«

VI. Deutung

1. Fassung Wunderhorn

2. Die Lilien auf dem Grab

3. Moderne Fassung

 

I. Inhalt

Des Knaben Wunderhorn 1,31 (1806) "Die schwarzbraune Hexe":

Ein Jäger bläst in sein Horn, aber "alles, was er blies, das war verlorn". Deshalb wünscht er sich, er möchte kein Jäger mehr sein.

Er zieht sein Netz über den Strauch, da springt ein schwarzbraunes Mädel heraus, das entspringen will. Der Jäger droht ihm mit seinen Hunden, die wissen, dass es heute noch sterben soll. Das kümmert das Mädel nicht: "Sterb ich nun, so bin ich tot, begräbt man mich unter Rosen rot."

Auf dem Grab wachsen drei Lilien, die ein Reuter abbrechen will, sie aber für einen jungen frischen Jäger bestimmt sind.[1]

II. Versionen

In der modernen, Volksliedfassung geht der erste Teil bis dahin, dass das Mädel unter Rosen begraben werden soll. Dann wirft er ihr das Netz erst über den Fuß, damit sie fallen muss, dann über den Arm, da ist sie gefangen, und schließlich über den Leib, worauf sie sein Weib wird.

 

III. Motivgeschichte

1. »Das schwarzbraune Mädel«

ist nach der Überschrift im Wunderhorn eine Hexe, nach dem ursprünglichen Sinn wohl ein weiblicher Naturdämon, den der Jäger zufällig fängt.

"Schwarzbraun ist" nach dem Volkslied "die Haselnuss". Das erinnert an eine Erzählung von Stifter, in der das braune Mädchen den Geist der Haselnuss verkörpert. Gemeint ist aber in dem Lied ein "schwarzbrauner Mann", etwa ein Fahrender oder Sinti, der sich ein ebensolches "Madel" wünscht.

2. »Der Jäger und das Mädchen«

Der zweite Teil erinnert an Schneewittchen, das von einem Jäger getötet werden soll.

3. »Drei Lilien auf dem Grab«

sind in anderen Liedern Zeichen der Unschuld. In "Alle bey Gott, die sich lieben"[2] wachsen zwei weiße und zwei schwarze Lilien auf dem Grab, die weißen für die Mutter, die bei der Geburt gestorben ist und den Mann, der sich aus Verzweiflung getötet hat, die schwarze für das ungetaufte Kind.

VI. Deutung

Der Jäger brauchte sein Jagdhorn als Signalinstrument, um sich mit anderen Jägern zu verständigen, anzugeben, wo das tote Wild liegt und um die Jagd zu beenden. Das Netz wurde verwendet, um Tiere am Entkommen zu hindern.

Wenn alles, was der Jäger blies, verloren war, dann ist das im wörtlichen Sinn wohl so zu verstehen, dass seine Jagsignale umsonst waren, dass er keinen Erfolg hatte. Das entmutigt ihn so, dass er lieber kein Jäger mehr sein möchte.

1. Fassung Wunderhorn

Da er es darauf anlegt, das gefangene Mädel zu töten, muss man aber das "verloren" so verstehen, dass das, was er anbläst, sterben muss.[3] Der Jäger scheint also ein Bild für den Tod zu sein, der auch junge Mädchen anbläst und unter Rosen und Klee ins Grab legt.

Ähnlich singen viele Volkslieder vom frühen Tod des Mädchens, die gar zu oft im Kindbett starben oder wegen der Schande nicht mehr leben wollten.

2. Die Lilien auf dem Grab

Der Schluss, dass die Lilien auf dem Grab für den Jäger bestimmt sind, deutet aber an, dass das Mädel sich ihm versprochen hat und nur ihm die Blumen der Unschuld opfern will. Der Reuter – ein Soldat – soll sie also in Ruhe lassen.

Von daher lässt sich auch das ganze Lied verstehen: Der "Jäger" hat bei der Schürzenjagd keinen Erfolg, bis er schließlich sein Mädchen findet. Sie liegt wie Dornröschen in einem todähnlichen Schlaf und wartet auf ihre Erlösung. Wie in "Dornröschen" versuchen auch andere (»Reuter«) erfolglos ihr Glück. Sie bleibt "tot", bis der Richtige kommt.

Merkwürdig: Der Jäger ergreift einerseits gleich am Anfang die Initiative und das Mädel geht ihm ins Netz, andererseits liegt das Mädel in einem Todesschlaf und wartet auf den Jäger: Der zweite und dritte Teil des Liedes erzählen also aus unterschiedlicher Perspektive.

3. Moderne Fassung

In der modernen Fassung legt's der Jäger drauf an, das gefangene Mädchen zu seinem Weib zu machen. Hier ist das, was in dem Bild von den Lilien auf dem Grab angedeutet wird, viel derber und deutlicher ausgedrückt. Dabei mutiert der Bräutigam zum wilden Schürzenjäger, der im "Dschungel" der Gesellschaft Mädchen "zu Fall bringt".

 

[1] Es gibt ein eigenes Volkslied von drei Lilien, die auf dem Grab stehen und die ein stolzer Reiter brechen will. Er soll sie doch bitte stehen lassen, damit sie Feinsliebchen noch lange sehen kann.
Die beiden letzten Strophen stammen also aus einem anderen Lied. Die Lilien auf dem Grab passen auch nicht zu den Rosen, unter der das Mädel begraben wird.

[2] Wunderhorn Bd. 2,247

[3] Dazu passt aber nicht, dass er lieber kein Jäger sein möchte. Sind die beiden ersten Strophen Reste eines anderen Liedes?

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Übersicht

 

Karl Spaeth, Jagdgedanken

 

Datum: 2006

Aktuell: 15.05.2013