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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Märchen erklärt

Der gestiefelte Kater

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Inhalt

Versionen

Grimm, Der gestiefelte Kater

Ludwig Tieck, Der gestiefelte Kater

Der Graf von Katzenburg

Motivgeschichte

»der Hausgeist in Tiergestalt«

»Tier als Mensch«

»der Kater«

»Stiefel«

menschliche Züge

»Siebenmei-lenstiefel«

»der Lieblings-jünger«

»der Genießer«

»der König«

»der Hochstapler«

»der Nackte«

»der Zauberer«

Literarische Vorlagen

Sprichwort

Gagliuso

Der Meisterkater oder Der Gestiefelte Kater

Parallelen

Kleider machen Leute

Tobias

Deutung

Überlieferungs-geschichte

psychologische Deutung

 

1. Inhalt

Ein Müller hinterlässt seinen Söhnen seine Mühle, einen Esel und einen Kater. Der Jüngste weiß mit dem Erbe nichts anzufangen. Er überlegt, ob er dem Tier das Fell abziehen und Handschuhe draus machen lassen soll. Der Kater bittet ihn, er solle ihm ein paar Stiefel beschaffen, dann werde ihm bald geholfen. Er zieht die Stiefel an, geht in den Wald, fängt mit einer Falle Rebhühner und bringt sie dem König, der gern Rebhühner isst. Das sei ein Geschenk seines Herrn, des Grafen. Der König bedankt sich mit Gold. Der Müllersohn macht sich derweil Vorwürfe, weil er sein letztes Geld für die Stiefel ausgegeben hatte, da kommt der Kater und gibt ihm das Gold. Der Kater fängt weiter Rebhühner und macht sich bei Hofe beliebt. Dort erfährt er, dass die Prinzessin spazieren fahren soll, und fordert seinen Herrn auf, in einem See zu baden, an dem die Kutsche vorbei kommen sollte. Der Kater versteckt die Kleider und wie die Kutsche kommt, klagt er, man habe dem Grafen die Kleider gestohlen. Der König lässt prächtige Kleider holen und bittet den jungen Mann in die Kutsche. Und die Prinzessin findet Gefallen an ihm. Der Kater geht voraus und bedroht die Leute, die er an der Arbeit sieht, sie sollten sagen, Wiesen, Kornfeld und Wald gehörten nicht dem großen Zauberer, sondern dem Grafen. Das tun sie auch und der König ist sehr angetan von diesem Reichtum. Der Kater geht weiter zum Schloss des Zauberers und schmeichelt ihm, er habe von seiner Zauberkunst gehört. Ober es sich in einen Elefanten oder Löwen verwandeln könne. Der Zauberer tut's. Und in eine Maus? Der Zauberer tut's und wird vom Kater gefressen. Der Kater präsentiert das Schloss als das des Grafen. Der darf die Prinzessin heiraten und wird nach dem Tod des Königs dessen Nachfolger und der Kater erster Minister.

Grimm Nr. 33

2. Versionen

a. Grimm, Der gestiefelte Kater

Die beiden Versionen von Grimm 1812 / 15 und 1819 unterscheiden sich nur unwesentlich.

b. Ludwig Tieck, Der gestiefelte Kater

Das Märchenspiel ist nur der Rahmen einer literaturkritischen Komödie mit vielen satirischen Anspielungen auf die damalige Zeit.

Besonderheiten dieser Darstellung: Es sind drei Brüder, die einen Ochsen, Pferd und Kater erben. Gottfrieds Kater Hinze fängt Kaninchen und Rebhühner und bringt sie als Geschenk des Grafen von Carabas. Der Kater freundet sich mit dem Hofnarren an und wird bei Hofe für einen Menschen gehalten. Das Schloss gehört einem Tyrannen Popanz [1], der sich vor seinen Untertanen wahlweise in ein furchterregendes Rhinozeros oder eine Maus verwandelt. [2] Der Kater tritt als Gelehrter auf, für den sich Popanz in einen Löwen und eine Maus verwandelt. Das Märchen schließt damit dass Gottfried die Prinzessin heiratet und Hinze in den Adelsstand erhoben wird.

Ludwig Tieck, Ein Kindermärchen in drei Akten 1797

c. Der Graf von Katzenburg

(The Earl of Cattenborough)

Das amerikanische Märchen unterscheidet sich von Grimm in folgenden Zügen: Das Tier ist eine Katze. Der jüngste Sohn Jack denkt nicht daran, die Katze zu töten. Sie fängt ihm Rebhühner oder Hasen mit einer Falle, damit er was zu essen hat. Als sie eines Tages zwei Hasen fängt, bringt sie einen dem König mit einer Empfehlung des Grafen von Katzenburg. Einmal findet sie eine Goldmünze und bittet im Namen des Grafen um einen Scheffel. [3] Darin befestigt sie die Münze und gibt das Gefäß zurück. Man berichtet dem König, der Graf messe sein Gold mit dem Scheffel. Wie die Katze schließlich ein Rebhuhn bringt, wünscht der König, den Grafen zu empfangen. Jack bekommt von des Königs Kleidern wie gehabt und wird vom König empfangen. Dass die Katze an seiner Stelle spricht, findet der König sehr vornehm. [4] Er lädt Jack zum Essen ein und verlobt ihm seine Tochter. Erst aber prüft er, wie vornehm Jack wirklich ist. Er bietet ihm ein Notbett zum Übernachten, aber die Katze besteht auf einem richtigen Bett. [5] Das überzeugt den König und die Hochzeit findet statt. Danach fahren sie zum Schloss Katzenburg, von dem Jack noch gar nichts weiß. Die Katze überredet die Leute, sie sollten sagen, das Land gehöre dem Graf von Katzenburg usw. und steigt wieder in die Kutsche. Der König sagt nun, er wolle zum Schloss. Die Katze bittet um Zeit, damit der König würdig empfangen wird, geht in das Schloss eines großen Ogers und kündigt an, das Heer des Königs komme, um ihn zu töten. Der Oger will sich verstecken, macht sich so klein wie eine Maus [6] und wird von der Katze gefressen. Jack und Prinzessin beziehen das Schloss. Eines Tages wurde die Katze schwer krank. Jack sagte, man solle sie auf den Mist werfen. Die Katze meinte, es wäre besser, sie in den Mühlbach zu werfen. Da dachte Jack an das, was sie für ihn getan hatte, bekam Angst, sie könne sein Geheimnis verraten, ließ den Leibarzt kommen und erfüllte ihr jeden Wunsch. Als der König starb, wurde Jack sein Nachfolger.

Joseph Jacobs, in: European Folk and Fairy Tales 1916.

d. Die geheimnisvolle Minusch

Die Katze Minusch frisst etwas Falsches und wird in eine Menschenfrau verwandelt. Sie freundet sich mit dem erfolglosen Journalisten Tibbe an, der ihr hilft, sich als Mensch zurechtzufinden, und sie versorgt ihm mit Nachrichten, so dass er endlich Erfolg hat. Sie schlägt die einzige Möglichkeit aus, sich wieder zurück zu verwandeln und bleibt bei Tibbe.

Annie M. G. Schmidt, Minoes 1970, deutsch 1971

3. Motivgeschichte

a. »der Hausgeist in Tiergestalt«

Der sprechende und sich wie ein Mensch verhaltende Kater ist eine Verkörperung des Hausgeistes (Kobolds), der den Hausbewohnern hilfreich zur Seite steht. Er zeigt sich auch als Wiesel und Schlange oder in anderer Tiergestalt. [7]

Die Katze selbst hat eine Menge magische und mythische Vorstellungen an sich gezogen. Das Handbuch des deutschen Aberglaubens widmet ihr 17 Seiten.

b. »Tier als Mensch«

Dass sich Menschen in Tiere verwandeln können oder in solche verzaubert werden, ist ja eine alte Überzeugung, die auch in diesem Märchen zum Ausdruck kommt. Im Märchen »Vom goldenen Vogel« ist der Helfer des Helden ein Fuchs, eigentlich der verzauberte Bruder der Braut.

Umgekehrt wird auch erzählt, dass sich Tiere wie Menschen benehmen (beliebtes Fabelmotiv, in den modernen Comics aufgegriffen). Im modernen Märchen »Minusch« wird reizvoll erzählt, in welche Schwierigkeiten ein Tier gerät, das in einen Menschen verwandelt wird. Das Umgekehrte stellt der antike Eselsroman dar.

Der gestiefelte Kater ist kein Mensch gewordenes Tier, sondern die Verkörperung eines Geistes. Tiecks Darstellung lässt offen, ob Hinze Tier- oder Menschengestalt hat. Das liegt allerdings auch daran, dass der Stoff ja für die Bühne bearbeitet wurde, wo der Kater von einem Menschen gespielt wird.

c. »der Kater«

Der Kater ist nur vordergründig der Hausgeist, hintergründig ist er ein Teil der Seele des Burschen, sein Schutzengel und besseres Ich. Der Müllersohn handelt gar nicht mehr selbst, seitdem er dem Kater die Stiefel gegeben hat. Im englischen Märchen wird betont, dass der Kater für ihn spricht, was der König als Zeichen von Vornehmheit hält. Der Kater bzw. das bessere Ich läuft dem Wagen voraus und tötet den Besitzer des Schlosses.

Das erinnert an den sog. Lieblingsjünger in der Passionsgeschichte bei Johannes. Er ist das bessere Ich des Petrus.

In der Geschichte von »Tobias« ist der hilfreiche Geist ein Engel, in »Aschenputtel« die verstorbene Mutter. Durch die Tiergestalt (Kater) soll hier ausgedrückt werden, dass der Held einen sicheren "tierischen Instinkt" hat für die richtigen Entscheidungen.

Zu bedenken ist, dass die Geschichte damit beginnt, dass der Vater des Helden stirbt. Der Held wird dadurch mündig und muss allein sein Leben bestehen. An die Stelle des Vaters tritt der ererbte Kater, den man nach Freud geradezu als "Über-Ich" verstehen könnte, als das verinnerlichte Vorbild des Vaters. Die auffallende Parallele der »Tobias«-Geschichte legt diesen Schluss ja geradezu nahe.

d. »Stiefel«

i menschliche Züge

Selbst die Erzähler wussten nicht recht, warum der Kater Stiefel haben musste. Ein Grund ist wohl, dass das Tragen von Kleidern Mensch und Tier unterscheidet. Wenn der Kater auch nur Stiefel trägt, bekommt er dadurch menschliche Züge.

Ich hörte einen Missionsvortrag, da erzählte ein Mann, der lange Zeit in Afrika gelebt hatte, von einem Eingeborenenstamm, der normal unbekleidet war und durch Gesetz gezwungen wurde Kleider anzuziehen. Man habe dem Gesetz Genüge zu tun versucht, indem man Schuhe anzog oder einen Hut aufsetzte und sonst nackt blieb.

Im Märchen von den »Wichtelmännern« sind die hilfreichen Geister in Menschengestalt nackt. Sobald sie von der dankbaren Frau des Schusters Kleider bekommen haben, stellen sie ihre Arbeit ein.

In »Harry Potter« werden Hauselfen als Sklaven gehalten. Sie erlangen dadurch ihre Freiheit, dass ihnen jemand ein Kleidungsstück schenkt. Sie tragen stolz irgendein abgelegtes Stück und fühlen sich bekleidet, was sie nach unseren Begriffen aber noch nicht sind.

ii »Siebenmeilenstiefel«

Der Kater eilt immerzu seinem Herren voraus. Das wird besonders deutlich bei der Szene mit der Kutsche. Dieses Fahrzeug, muss man sich vorstellen, war für damalige Verhältnisse ja ziemlich schnell. Der Kater läuft aber nicht wie ein Diener vor der Kutsche her und macht den Weg frei. Sondern er trifft Vorbereitungen. Er muss mit den Leuten unterwegs reden und mit dem Zauberer verhandeln und ihn auffressen. [8] Das ist nur denkbar, wenn dieses Schuhwerk die Eigenschaft der Siebenmeilenstiefel hat, die in kürzester Zeit gewaltige Entfernungen zurücklegen können. [9]

Es geht aber hier nicht um technische Phantasien, sondern es ist ja der Geist, der dem Körper vorauseilt. So planen wir ja tatsächlich eine Reise, indem wir im Geist uns die einzelnen Etappen vorstellen und die entsprechenden Vorbereitungen treffen.

Wenn wir schon die Technik bemühen, sollten wir nicht an moderne Fortbewegungsmitteln denken, sondern an die heutigen Möglichkeiten der Kommunikation. Wer eine Reise plant, kann sich ja schon vorher informieren, Fahrt oder Flug und Unterkunft buchen usw., ohne sein Haus zu verlassen.

iii »der Lieblingsjünger«

Ich komme noch einmal auf den schon oben erwähnten Lieblingsjünger zurück, den ich als "besseres Ich des Petrus" verstehe: Er liegt beim letzten Mahl näher bei Jesus als Petrus, hat also besseren Kontakt zu ihm und bekommt die Informationen aus erster Hand. [10] Er steht unterm Kreuz, da Petrus körperlich abwesend ist. [11] Er eilt am Ostermorgen dem Petrus voraus zum Grab. [12] Und er erkennt in Galiläa früher als Petrus, dass der Mann am Ufer der auferstandene Herr ist. [13] Es ist also der Geist, der dem Jünger immer voraus eilt. Der Körper kommt kaum nach.

e. »der Genießer«

Der König, der Rebhühner oder Hasen über alles liebt, ist eigentlich kein Märchenmotiv, sondern eine zeitgenössische Karikatur vom Schlemmerleben der Monarchen, die auch Hauff in »Zwerg Nase« zeichnet: Dass der Held eine Zutat zu einem Rezept nicht kannte, hätte ihn fast das Leben gekostet.

Dass sich das Oberhaupt nur noch um Essen und trinken kümmert, wird schon in der biblischen Josefsgeschichte erzählt: Der Ägypter Potifar überträgt seinem Sklaven Josef alle Verantwortung für seinen Haushalt und kümmert sich nur noch "um das, was er aß und trank". [14] Potifars Zeichen von Vertrauen ist in den Märchen ein Zeichen von Verantwortungslosigkeit.

Es ist freilich zu bedenken, dass der ursprüngliche Hörer oder Leser keine Vorstellung von dem hatte, was ein König zu tun hat. Die Märchen betonen seinen Reichtum, seinen Luxus und sein Wohlleben und erwähnen das "Regieren" meist nur nebenbei.

f. »der König«

Sofern er eine Tochter im heiratsfähigen Alter hat, ist der Märchenkönig weiter nichts als das überhöhte Bild des künftigen Schwiegervaters, der seine Tochter entweder ganz schnell verheiraten oder nicht hergeben will. Er stellt Forderungen an den Bewerber und lässt sich im »Gestiefelten Kater« und »Tapferen Schneiderlein« von einem Angeber blenden. Er ist andererseits aber auch nicht leichtgläubig. Schon Basile betont, dass er nachprüfen will, was der Bewerber wirklich besitzt. Im »Graf von Katzenburg« macht er zusätzlich noch eine Adelsprobe mit dem Bett.

g. »der Hochstapler«

Es war ein alter Gaunertrick, dass sich jemand als Adligen auf Reisen ausgab, dem sein Gepäck gestohlen wurde, und sich so Geld und bevorzugte Behandlung erschwindelte. Vermutlich dienten solche Vorfälle als Anschauungsmaterial zur Ausschmückung des Märchens.

h. »der Nackte«

Hier geht es vordergründig darum, dass der Müllersohn ja keine passende Garderobe hat und der König ihm mit seinen Kleidern aushilft.

Tatsächlich steckt aber mehr dahinter: Wer in alter Zeit in ein Amt eingesetzt wurde, bekam bei einer feierlichen Zeremonie die Amtskleidung angezogen (Investitur 'Bekleidung'). Der König leiht also dem Burschen nicht nur Kleider, sondern er bestätigt damit den angeblichen Adels- und Grafenstand.

Sicher spielt in dieser Geschichte auch eine Rolle, dass "Kleider Leute machen" und das Ansehen oft vom Aussehen abhängig ist.

Bevor man die neuen Kleider anlegt, muss man die alten ausziehen und ist eine Zeitlang nackt. Paulus spricht das in 2 Kor 5,1-5 an; dort ist das ein Bild für Tod und Auferstehung. Im Märchen geht es um das wahre Sein des Burschen: Er ist kein Graf in schönen Kleidern, sondern nackt, ein Nichts. Dass er der königlichen Kleider würdig ist, muss er erst beweisen. Mit Hilfe des Katers gelingt es ihm, was vorher nur Schein war, Wirklichkeit werden zu lassen.

i. »der Zauberer«

Der böse Zauberer ist eine überzeichnete Vater- oder Erwachsenenfigur. Das Kind untersteht seiner Autorität und ist wirtschaftlich von ihm abhängig. Der Vater bzw. Erwachsene ist ihm an Kraft, Wissen und Können überlegen. Dies wird im »Gestiefelten Kater« dadurch ausgedrückt, dass der Zauberer ein Feudalherr und sehr reich ist und magische Künste beherrscht, die ein normaler Mensch nicht begreift.

Der Glaube an Zauberer und magische Künste wurde zum Teil dadurch genährt, dass es Menschen gab, die besser als andere die Zusammenhänge der Natur ahnten und zu nutzen wussten.

In alter Zeit war ein normaler Dorfschmied in den Augen der Dorfbewohner schon eine Art Zauberer, weil er Steine in Gebrauchsgegenstände verwandeln konnte. Für ihn selbst war sein Handwerk eher eine Art Magie als eine Art Technik. Es funktionierte nur, wenn er genau das vorgeschriebene Ritual einhielt. Dazu gehörte zum Beispiel auch, dass er das glühende Eisen zum Härten ins Wasser warf, dabei einen Spruch aufsagte und das Eisen wieder aus dem Wasser holte. Das war aber nach unserm heutigen Verständnis kein Zauberspruch, sondern ein Zeitmaß: Der Schmied hatte ja keine Uhr und es kam auf jede Minute an.

Der Übergang von der magisch verstandenen Alchimie zur wissenschaftlichen Chemie ist ein weiteres Beispiel.

Drittes Beispiel ist die ärztliche Kunst, die ursprünglich Aufgabe des Schamanen war, der nicht technisch durch Medikamente und Operation den Körper reparierte, sondern durch magische Zeremonien die Seele heilte.

Im Märchen etabliert sich der Held dadurch in der Erwachsenenwelt, dass er den Zauberer oder die Hexe überwindet. Der gestiefelte Kater frisst den Zauberer. In »die Kristallkugel« führen Held und Zauberer einen Kampf auf Leben und Tod. Gretel verbrennt die Hexe im Backofen. Lenchen und Fundevogel machen sich frei von der Hexenköchin, die sie verfolgt, und ertränken sie.

Dem Zauberer entspricht im französischen Märchen der Oger. Das ist bei Perrault die Karikatur eines Feudalherrn, der die Fähigkeit hat, sich in Tiere zu verwandeln. Ähnlich Tieck, bei dem der Tyrann Popanz 'Schreckgespenst' heißt und seine Untertanen das Fürchten lehrt.

4. Literarische Vorlagen

a. Sprichwort

ἐκ  γὰρ τοι τούτων φάτις ἀνθρώπους ἀναβαίνει ἐσθλή(ek gàr toi toútōn pʰátis entʰrṓpous anabaaínei éstlḗ) = Denn durch schöne Kleider erlangt man ein gutes Gerüchte bei den Leuten. [15]

Homer (um 800 v. Chr.), Odysee 6,29 f

Et cultus concessus atque magnificentia addit hominibus, ut Graeco verso testatum est, auctoritatem. = Verleiht ja doch auch, wie es der griechische Vers bezeugt hat, ein geschmackvoll und prächtig gepflegtes Aussehen den Menschen Ansehen. [16]

M. Fabius Quintilianus (ca. 35-100) Institutio oratoria VIII, 5

Vestis virum reddit = Die Kleidung ergibt den Mann

deutsche Fassung: Kleider machen Leute.

Erasmus von Rotterdam, Adagia 3,1,60 [17]

b. Gagliuso

Ein armer Mann stirbt und hinterlässt seinem einen Sohn ein Sieb, dem anderen namens Pippo eine Katze. Das Tier verspricht dem neuen Herrn Glück. Es fängt Fische und stiehlt Vögel, die es in die Küche des Königs bringt, Aufmerksamkeiten des Herrn Gagliuso. Der König will sich erkenntlich zeigen und lädt den vornehmen Herrn ein. Dem wurden aber leider die Kleider gestohlen. Der König schickt ihm Ersatz. Da die Katze von dem unermesslichen Reichtum Gagliusos schwärmt, erwägt der König ihm die Hand seiner Tochter zu gebe, zieht aber erst Erkundungen ein. Die Katze eilt voraus und instruiert die Leute, sie sollten sagen, das gehöre alles Herrn Gagliuso.

Alles geht gut. Gagliuso verspricht der Katze, er wolle sie einbalsamieren lassen und in einen goldnen Sarg legen lassen. Bald darauf stellt sie sich tot. Gagliuso hat sein Versprechen vergessen und will sie zum Fenster hinaus werfen. Die Katze beschwert sich über die Undankbarkeit und verlässt ihren Herrn.

Basile Kap. 16

c. Der Meisterkater oder Der Gestiefelte Kater

(Le Maître Chat ou Le Chat Botté)

Ein Müller hinterlässt den älteren Söhnen die Mühle und den Esel. Der Jüngste muss sich mit dem Kater zufrieden geben. Der bittet um ein paar Stiefel und einen Sack, fängt ein Kaninchen und bringt es dem König, angeblich im Auftrag seines Herrn, des Marquis de Carabas [18], danach zwei Rebhühner und andere Beutetiere.

Wie er erfährt dass die Prinzessin spazieren fahren will, schickt der Kater seinen Herrn baden in einem Fluss. Wie der König vorbeikommt, schreit der Kater, der Marquis sei am Ertrinken. Die Leibwächter ziehen ihn heraus. Da dem Marquis angeblich auch die Kleider gestohlen wurden, er bekommt feine Kleider geholt. Die Prinzessin verliebt sich in ihn und der König bittet den Marquis, doch in der Kutsche Platz zu nehmen. Der Kater eilt voraus und bedroht die Bauern unterwegs, so dass sie sagen, die Wiesen und Felder gehörten dem Marquis. Der König ist sehr angetan, wie er das hört.

Schließlich kommt der Kater in das Schloss eines Ogers. Der Kater schmeichelt sich bei ihm ein und bittet ihn, sich in ein Tier zu verwandeln. Der Oger verwandelt sich in einen Löwen, dann in eine Maus, die die Kater auffrisst. Nun kommt die Kutsche und der Kater stellt das Schloss des Marquis vor und lädt zu einem Imbiss ein. Der König ist entzückt und bietet dem Marquis die Hand seiner Tochter an. Sie heiraten und der Kater wird ein großer Herr.

Moral:

  1. Fleiß und Know how sind mehr wert als eine Erbschaft.

  2. Kleider machen Leute.

Charles Perrault, Histoires ou Contes du Temp Passé (1697) [19]

5. Parallelen

a. Kleider machen Leute

Ein armer Schneider wird von einer vornehmen Kutsche mitgenommen und für einen Grafen gehalten. Er verliebt sich in die Tochter eines Amtsrats. Der Schwindel, an dem der Schneider unschuldig ist, fliegt auf, aber nach einigen Komplikationen kommt es zu einem glücklichen Ende.

Gottfried Keller 1866

b. Tobias

Die Spätschrift des Alten Testaments [20] erzählt von einem jungen Mann, der von seinem Vater auf eine weite Reise geschickt wird, um Geld zu holen, das der Vater bei einem Freund deponiert hatte. Er findet einen Reisebegleiter, wie sich am Schluss herausstellt, einen Engel, erledigt seinen Auftrag, findet eine Frau und kommt nach einigen Abenteuern wieder nach Hause.

6. Deutung

a. Überlieferungsgeschichte

Das deutsche Märchen ist weiterentwickelt aus dem französischen und dies aus dem italienischen. Die Geschichte vom erfolgreichen Hochstapler könnte herausgesponnen sein aus dem Sprichwort "Kleider machen Leute", das Perrault ja ausdrücklich in seiner Moral zitiert.

b. psychologische Deutung

Wesentliche Aussage des Märchens ist aber nicht, dass der Held durch seine Kleider Eindruck macht. Das ist nur ein Nebenzug, wenn auch auffällig betont.

Wichtiger ist, dass der Held wie jeder Anfänger zunächst einmal nichts hat und nichts kann. Er tritt aber nicht wie das »tapfere Schneiderlein« als großmäuliger Angeber auf, sondern bleibt bescheiden und folgt seinem "guten Geist". Im Grunde geht es ja um die Karriere eines jungen Mannes, der Besitz und ein Haus erwirbt und die "Prinzessin" heiratet.

Dahinter steckt die alte Weisheit, dass der Weg eines Menschen vorgezeichnet ist. Wenn er sensibel genug ist, wird er diesen Weg an den entscheidenden Wendepunkten seines Lebens erkennen und instinktiv die richtigen Entscheidungen treffen.

 

[1] Übersetzung von frz. ogre

[2] deutet wohl an, dass der Potentat sich gegenüber seinen Untertanen aufspielt, selbst aber vor der Obrigkeit kuscht. Er selbst ist nur ein "Popanz", eine Vogelscheuche.

[3] Motiv aus »Ali Baba und die vierzig Räuber« (1001 Nacht)

[4] Karikatur der Gepflogenheiten am Hof

[6] Er kuscht vor dem König.

[7] Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens 5, 37

[8] Schon Joseph Jacob hat das gesehen, wenn er schreibt, der Kater hätte um Zeit gebeten, um auf dem Schloss alles vorzubereiten.

[9] Wenn man in der Sekunde nur drei Schritte macht und wenn man die französische Meile mit ca. 4,4 km ansetzt, kommt man mit diesen Stiefeln auf 47.520 km/h = 38fache Schallgeschwindigkeit, fast doppelt so schnell wie ein Raumschiff.

[10] Joh 13,23-26

[11] Joh 19,26 f

[12] Joh 20,3-5

[13] Joh 21

[14] Gen 39,6

[15] Übersetzung von Johann Heinrich Voss

[16] Text und Übersetzung bei Büchmann, Geflügelte Worte 43 S. 219

[17] Büchmann ebd.

[18] Der Name erinnert an Karabaş 'Schwarzkopf', Stadtteil von Istanbul, in dem Zigeuner leben. Bei einem so exotischen Namen ist es ja kein Wunder, wenn der französische König den Marquis nicht kennt. Türk. karabaş bezeichnet auch einen Junggesellen. Der listig ausgesuchte Name deutet also den wahren Status des Helden an und dass es jetzt Zeit ist zu heiraten.

[19] Charles Perrault, Le Chat Botté…, dtv zweisprachig 54 ff

[20] in vielen Bibel nicht enthalten

 

 

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Übersicht

 

Sprachecke 05.03.2013

 

Datum: 2007

Aktuell: 26.03.2016