Startseite | Religion | Sprachwissenschaft | Geschichte | Humanwissenschaft | Naturwissenschaft | Kulturwissenschaft | Kulturschöpfungen

Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Der Drachentöter

Email:

Chaoskampf eines Gottes

Drachenkampf mit Befreiung einer Jungfrau

Der Hüter des Lebensquells

Der fast unverwundbare Held

Der biblische Simson

Der nordische Balder

Der griechische Herakles

Der griechische Achilleus

Der heilige Georg

Siegfried

 

In vielen Variationen wird erzählt, wie ein Held einen Drachen tötete. Das ist weder eine Erinnerung an die Dinosaurier noch Jägerlatein, sondern die ältesten Geschichten berichten vom

Chaoskampf eines Gottes

Der altorientalische Wettergott Baal [1] besiegt eine chaotische Macht, die die Welt bedroht. Der Name des Ungeheuers, Jam 'Meer', Nahar 'Fluss' zeigt, dass es sich um die zerstörende Macht des Wassers handelt, die wiederum sinnbildlich für das Chaos steht. Diese Macht wird hier in ihren beiden Erscheinungsformen mit den gewöhnlichen Vokabeln bezeichnet, die heute noch ihm Hebräischen üblich sind.

Eine germanische Form des Mythos ist der Kampf des Gewittergottes Thors mit der Midgardschlange, welche Midgard, die Menschenwelt umgibt und bedroht. [2]

Im Orient wurden auch mythische Namen wie Tanin und Lotan gebraucht. In der Bibel ist Tanin ein Seeungeheuer, von Luther als 'Walfisch' gedeutet. Leviatan ist in Hiob 40 ganz zum einem zoologischen Begriff geworden und bezeichnet das 'Krokodil'.

Hier lässt sich also schön die Tendenz aufzeigen, die alten Geschichten zu "entmythologisieren": aus mythischen Mächten werden reale Tiere, aus Göttern Halbgötter und schließlich historische Menschen.

Dieses Stadium ist erreicht in der Heraklesüberlieferung, wo der Halbgott die siebenköpfige Hydra 'Wassertier' tötet, die man sich vorstellen muss als ein seltenes zoologische Exemplar.

Drachenkampf mit Befreiung einer Jungfrau

Herakles und Perseus, beides Halbgötter, töten ein Seeungeheuer, das der Meeresgott Poseidon geschickt hat, und befreien eine Jungfrau, die dem Untier geopfert werden soll. Auch bei Perseus handelt es sich nicht mehr um ein mythisches Monstrum, sondern um eine zoologische Art: den Haifisch.

Dieses Abenteuer wurde bis in die Neuzeit in Legende [3], Sage [4] und Märchen [5] verschiedenen, zum Teil historischen Personen zugeschrieben, auch dem Siegfried. [6]

Dem moderne lothringischen Märchen "Die schöne Bauerntochter und der Sohn des Königs" [a] liegt die Lebensgeschichte der heiligen Johanna zugrunde. Im Märchen hilft sie einem verstoßenen Prinzen auf den Thron und befreit Paris von einem Drachen. Hier ist also die Jungfrau die Heldin und der Prinz wird gerettet. Der Drache symbolisiert die englischen Besatzungstruppen im Hundertjährigen Krieg.

Der Hüter des Lebensquells

Ebenfalls altorientalischen Ursprungs ist die Erzählung, wonach die Quelle des Lebens [7] von Fabelwesen gehütet wird [8]. Sie bedrohen nicht das Leben, aber sie beschützen seinen Ursprung. Wer aus dem Lebensquell schöpfen will, muss diese Hüter besiegen. Auch dieses Motiv wurde in der Literatur reich entfaltet [9].

Bei Siegfried besteht die Lebensquelle erstens im Drachenblut, das den Helden unverletzlich macht, und zweitens in dem unerschöpflichen Schatz, [10] der ein angenehmes Leben ermöglicht.

Nach der Edda wurde auch der Schatz von dem Drachen bewacht. Eine Weiterentwicklung der Sage berichtet von der mythischen Herkunft des Goldes und dem Fluch, der darauf liegt.

Im Nibelungenlied dagegen hat Siegfried den Schatz nicht dem Drachen, sondern dem mythischen Volk der Nibelungen abgerungen.

Beide Versionen stellen dar, dass man auch an diese Lebensquelle nur kommt, indem man den Hüter überwindet.

Der fast unverwundbare Held

Wer Zugang zum Lebensquell hat, braucht nicht zu sterben, d. h. er verfügt über die ewige Jugend oder ist unverwundbar. Sigurds Schatz und Siegfrieds Unverwundbarkeit werden dadurch gewonnen, dass der Held den hütenden Drachen besiegt.

Auch dieser Sagentyp vom fast unverwundbaren Helden, der durch die Schuld einer Frau doch noch zugrunde geht, hat Vorgänger im Altertum:

Der biblische Simson [11]

hat übermenschliche Kraft, weil er seine Haare frei wachsen lässt. Er tötet wie Siegfried ein Untier (Löwe) und vollbringt eine Reihe von Heldentaten. Er führt eine altertümlichen "Besuchsehe" mit Delila, welche ihm das Geheimnis seiner Kraft entlockt und an die Philister verrät. Die schneiden ihm die Haare ab, blenden ihn und lassen ihn als Sklaven für sich arbeiten.

Die Geschichte von dem "Sonnenmann" Simson [12] könnte ein historisierter Sonnenmythos sein, der vom Schwinden der Sonnenkraft im Winter erzählt. Die Kraft der Sonne liegt in ihren "Haaren" = Strahlen. Dazu passt auch ganz gut die Tötung des Untiers. Das Sternbild Löwe wird in der Astrologie der Sonne zugeordnet.

Dem entspricht deutlich

Der nordische Balder

Der lichte Gott wird von seinem blinden Bruder Hödur mit einem Pfeil aus Mistelholz getötet. Der zwielichtige Loki hat ihm dabei die Hand geführt. Dass ein Blinder ein Ziel trifft, ist genauso unwahrscheinlich, wie dass ein Pfeil aus dem Mistelholz tötet. Baldur ist eigentlich unverletzlich. Auch sein Mythos erzählt vom Sterben des Lichtes im Winter.

Der griechische Herakles

hat übermenschliche Kraft, weil er ein Halbgott ist. Er gerät wie Siegfried in den Dienst eines unwürdigen Königs. Dieser plagt ihn mit einer Reihe von Arbeiten. Unter anderem muss Herakles verschiedene Ungeheuer töten (Löwe, Hydra, Schlange). Er beginnt ein Verhältnis mit einer Frau, die ihm aus unbegründeter Eifersucht ein vergiftetes Hemd schickt, an dem Herakles stirbt.

Dazu gehören noch zwei weitere Sagen, bei denen die Ähnlichkeit weniger deutlich ist:

Der griechische Achilleus

ist eigentlich ein Antiheld, der sich vor dem Kriegsdienst in Troja drücken will, indem er sich als Mädchen verkleidet, aber von Odysseus entlarvt und eingezogen wird. Er nutzt aber die nächste Gelegenheit, um sich beleidigt von den Kampfhandlungen zurückzuziehen. Eigentlich ist er unsterblich, weil ihn seine Mutter in Ambrosia gebadet hat. Nur da, wo sie ihn festgehalten hat, an der Ferse, hat er eine verwundbare Stelle, und genau da wird er von einem Pfeil getroffen.

Der heilige Georg

ist in der älteren Legende ein Märtyrer, der nicht totzukriegen ist. Der heidnische Tyrann foltert ihn mit verschiedenen Methoden, aber nachts flickt Christus den geschundenen Helden immer wieder zusammen. Er bekehrt sogar die Frau des Tyrannen, bis dieser den Heiligen enthaupten lässt. Und dabei ist's geblieben.

Die jüngere Legende kam erst in den Kreuzzügen auf: Danach hat Georg vor seinem Martyrium einen Drachen bezwungen und damit eine Jungfrau gerettet, welche dem Ungeheuer zum Opfer gebracht werden sollte.

Siegfried

Im altenglischen Beowulf wird auch von Siegfrieds Vater Siegmund eine solche Heldentat berichtet, bei der der Held  einen Schatz erbeutete und das Ungeheuer in seiner eigenen Glut zerschmolz. Vielleicht wurde dieses Abenteuer vom weniger bekannten Vater auf den bekannteren Sohn übertragen.

Auch Siegmunds Sohn Siegfried gehört zu diesem Typ des fast unverwundbaren Drachentöters, der dann doch einen gewaltsamen Tod findet. Dem mythischen Kampf gegen den Drachen, der nur in Seitenzweigen der Siegfriedsage genauer entfaltet wird, entspricht im Nibelungenlied der "historische" Sieg des Einzelkämpfers gegen die Sachsen und die Dänen.

 
 

 

 

[1] in Babylon Marduk

 

 

[2] ein mythisches Bild für den Ozean, der nach antiker Vorstellung die flache Erdscheibe umgibt.

 

 

 

 

 

[3] St. Georg

[4] Sintram und Beltram, Winkelried, Frankenstein bei Grimm; Dietrich bei Aick

[5] Die zwei Brüder (Grimm), Die drei Hunde (Bechstein)

[6] in den Volksbüchern, Aick

[a] Märchen aus Elsaß & Lothringen, hrsg. Marlies Hörger 102 ff

[7] Paradies, Lebensbaum, Lebenswasser

[8] in der Bibel die Cherubim

[9] z.B. Die goldnen Äpfel am Baum der Hesperiden werden von einem Drachen gehütet, den Herakles nicht selbst zu töten wagt. Grimms Märchen 121 Vom Königssohn, der sich vor nichts fürchtete

[10] verkörpert in der Wünschelrute, mit der man sich immer noch mehr herbeizaubern kann

 

 

 

 

 




[11] Richter 13-16

 

 

 

[12] hebräisch Šimšôn ist abgeleitet von šämäš  'Sonne'

 

nach oben

Übersicht

 

 

 

Datum: 1978 / 2006

Aktuell: 26.03.2016