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Heinrich Tischner Fehlheimer Straße 63 64625 Bensheim |
Der heilige Georg |
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I. IkonographieDer heilige Georg war nach dem 1. Kreuzzug, also seit etwa 1100, zum Schutzheiligen der Ritter geworden. Er wird seit dem Mittelalter dargestellt als Ritter, der mit der Lanze einen Drachen tötet. So zeigt ihn das alte Georgenhäuser Gerichtssiegel (Abdruck aus dem Jahr 1751), und das ältere und neuere Kirchendsiegel sowie das Bensheimer Wappen::
Das Siegel zeigt den Drachen auf dem Rücken liegend mit Flügeln; diese Art der Darstellung hat Vorbilder in der Renaissance, so in einem Holzschnitt von Lucas Cranach [1] oder auf dem Marktbrunnen zu Marburg. Dass der Drache ein
vierfüßiges Ungeheuer mit langem Hals, langem Schwanz und
Flügeln ist, ist keineswegs selbstverständlich; die Vorstellung hat sich
erst im Laufe der letzten Jahrhunderte entwickelt. Wir müssen also zwei Perioden der Georgsverehrung unterscheiden:
Dieselbe Beobachtung können wir nun nicht nur an Hand bildlicher Darstellungen machen: Die verschiedene Art von Vorstellungen hat auch ihren literarischen Niederschlag gefunden: II. Zwei Arten von Legende1. Der MärtyrerDas altalemannische Georgslied aus dem 9. Jahrhundert [7] erzählt vom Grafen Gorio, der sich weigert, seinem christlichen Glauben abzuschwören. Er wird deshalb vom Wüterich Tacian zum Tode verurteilt. Es gelingt jedoch trotz mehrfacher Versuche nicht, den Grafen dauerhaft hinzurichten; er ersteht jedesmal wieder neu vom Tode auf. Er kann schließlich sogar die Königin Elossandria bekehren. - Leider bricht das Lied unvermittelt ab, so dass wir nicht mehr erfahren, wie der Heilige am Ende doch noch ums Leben gekommen ist. Die Legende erzählt
also von einem Märtyrer, der nicht tot zu kriegen ist: wohl ein verdichteter
Niederschlag von Erfahrungen, die man bei den Christenverfolgungen gemacht
hat: Das Blut der Märtyrer ist der Same der Kirche. Auch die
schärfsten Verfolgungen konnte die Zahl der Christen nicht verringern;
vielmehr schaffte man durch die öffentlichen Hinrichtungen ungewollt beim
Volk Sympathien für die unzähligen Menschen, deren Vergehen nicht recht
einzusehen war. Durch ihr mutiges Bekenntnis konnten die Glaubenszeugen
bei vielen Zuschauern einen tiefen Eindruck hinterlassen. 2. Der DrachentöterEin ganz anderes Bild ergibt die Überlieferung des späten Mittelalters, wie sie uns Jacobus von Voragine in seiner "Goldenen Legende" (1263-73) darstellt: [8] In einem See bei
der Stadt Silena in Lybien
[9]
hauste einst ein Drache, der die ganze Stadt in Angst und Schrecken
versetzte. Da sie gegen ihn nicht ankamen, brachten ihm die Einwohner Opfer:
zuerst zwei Lämmer täglich, und als sie keine mehr hatten, schließlich ihre
eigenen Kinder. Eines Tages fiel das Los auch auf die Königstochter. Sie
wartete schon in Fesseln auf ihren sicheren Tod, als in letzter Sekunde ein
Ritter namens Georgius von Kappadozien daherkam. Er griff das Untier mit der
Lanze an und warf es zu Boden. Die Jungfrau legte auf sein Geheiß dem
Drachen ihr Halsband um. Dadurch wurde er so zahm und gefügig dass er ihr
brav wie ein Hündchen an der Leine in die Stadt folgte.
[10] Hier wurde also die neue Drachentötergeschichte der alten Legende einfach vorgeschaltet; die Märtyrergeschichte blieb im Vergleich zur altalemannischen Fassung im wesentlichen unverändert. Die Drachentötergeschichte ist ein selbständiges Märchen, das bereits im Altertum in verschiedenen Fassungen erzählt wurde und daher uralt sein muss In Deutschland treffen wir das Drachentötermotiv in folgenden Fassungen an: [12]
Diese Ortssage geht von drei voneinander unabhängigen Anknüpfungspunkten aus:
III. Wer aber war der heilige Georg wirklich?Nach dem umfangreichen Material, das Jacobus von Voragine über den Heiligen gesammelt hat, lassen sich verschiedene "Bausteine" der Legende herausarbeiten, die eine sehr komplizierte Überlieferungsgeschichte erkennen lassen:
Jacobus berichtet
weiter, dass die Kreuzfahrer aufgrund einer Offenbarung die Gebeine des
Heiligen mit sich geführt hätten, um sich im Krieg gegen die Ungläubigen
seiner Hilfe zu vergewissern. 1. Märtyrer unter Dacian
Schon Ambrosius
scheint diese Tradition gekannt zu haben, wie Jacobus andeutet. Es ist also
denkbar, dass die Legende die Erinnerung an eine persische Christenverfolgung
aufbewahrt, von der wir weiter nichts wissen.
Es ist aber auch denkbar, dass an eine Eroberung des heiligen Landes durch die Perser im Jahr 614 gedacht ist, die von den Juden gegen die christlichen Byzantiner zu Hilfe gerufen worden waren. Dieser Feldzug, der zu schweren Verwüstungen führte, war aber nur ein kurzes Zwischenspiel. Bald darauf übernahmen die Byzantiner wieder die Macht, um sie aber nach kurzer Zeit wieder an den Islam zu verlieren. [18] Damals aber lag Georg schon 200 Jahre in seinem Grab in Lydda. Der Persersturm könnte also der Geschichte höchstens ein paar neue Akzente aufgesetzt haben, kann aber nicht Kern der Legende sein. 2. Märtyrer unter Diokletian
Unter der Herrschaft der beiden Kaiser brach 298-305 noch einmal eine schwere Christenverfolgung aus - die letzte im Römischen Reich. Zunächst wurde das Heer von Christen gesäubert; später verloren alle Mitglieder der Kirche ihre bürgerlichen Rechte. Schließlich erließ Diokletian ein Opfergebot, dem auch die Angehörigen der kaiserlichen Familie unterlagen. Es wird behauptet, dass Frau und Tochter Diokletians selbst der verbotenen Religion angehört hätten. Durch die Verfolgung gab es viele Märtyrer; es fielen aber auch viele vom Glauben ab. Dies erinnert auffallend an die Legende, in der auch vom Opferzwang die Rede ist - allerdings nicht dem Kaiser, sondern den Götzen gegenüber -, und nach der Georgius ein "Ritter" war, also einen hohen militärischen Rang innehatte, auf den er aber zu Beginn der Verfolgung verzichtete. Sogar der Brand im Hause des Richters hat ein Vorbild: Im Kaiserpalast brach ein Brand aus, der den Christen zur Last gelegt wurde. Und schließlich könnte die Legende von der Bekehrung der Königin Alexandria ihren Rückhalt haben in dem Gerücht, dass die Kaiserin selbst an Christus geglaubt hätte. Ich habe also den Eindruck, als seien Erinnerungen an eine historisch nicht mehr greifbare persische Christenverfolgung vermischt worden mit den überlieferten Ereignissen unter Diokletian. 3. Schon vor Diokletian?Wer der Heilige wirklich war, lässt sich heute nicht mehr eindeutig feststellen. Seine Legende ward auf dem Konzil zu Nicaea (325) unter die apokryphen Bücher gesetzt, ihre Lesung also nicht empfohlen, weil man eine sichere Nachricht über sein Martyrium nicht hat. [20] Das wäre verwunderlich, wenn es sich um einen Glaubenszeugen gehandelt haben sollte, dessen Tod erst ein Vierteljahrhundert zurückliegt. Georg war also entweder nur ein "Bekenner", der zwar unter der Folter treu blieb, aber nicht den Zeugentod starb; oder er kam vor Diokletian ums Leben, vielleicht unter einer persischen Verfolgung. 4. SymbolfigurJedenfalls wurde er zu einer Symbolfigur für die Märtyrer der römischen Verfolgungen überhaupt. Die Legende hat das auf verschiedene Weise zum Ausdruck gebracht:
IV. Die Geschichte der Georgsüberlieferung
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[1] Geisberg XII,22 Ausgabe Jahn 337
2] Wendt, Ich suchte Adam
Abb. 2/3 (hinter S. 96) [3] Kirschner, Burg Frankenstein S. 19 [4] eine Georgskirche, geweiht 1235 (Großmann, Limburg S. 32) [5] Geisberg 1,20; Ausgabe Jahn S. 325. Das Bild zeigt Georg in voller Rüstung mit abgenommenem Helm, mit Heiligenschein und starker Lanze, ohne Drachen und ohne Pferd. [8] Ausgabe Benz S. 300-306 [10] Das Motiv ist der Einhornsage entlehnt, nach der nur eine Jungfrau in der Lage ist, das ungebärdige Tier zu bändigen
[12] Fernzuhalten ist die Siegfriedsage, in der der Drache einen Schatz hütet. Schatz und Jungfrau sind wiederum in der Geschichte vom "Hürnen Seyfrid" verbunden. [13] Nr. 60, Ausgabe Winkler S. 338 [15] erzählt von Pfr. H. E. Scriba, in: Albach, Sagen und Geschichten aus dem Odenwald S. 26. Eine kürzere Fassung bei Grimm, Sagen Nr. 219
[16] Es ist mir leider nicht
gelungen, die Stelle ausfindig zu machen [19] Einen Märtyrer unter Diokletian hätte man leicht erfinden können und die passende Legende dazu; der sonst nicht bekannte Name Dacian dagegen deutet auf eine ursprünglichere Überlieferung, Jacobus irrt also: Dacian war der Verfolger, nicht Diokletian.
[20] Legenda Aurea, Ausgabe Benz 301
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Datum: 1977 / 2006 Aktuell: 29.12.2010 |
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