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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Die Wahrheit über die Nibelungen: Interpreten

Heinz Ritter-Schaumburg
und die Thidreksaga

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eine uralte Sagensammlung?

Schauplatz in Nordwestdeutschland?

 

eine uralte Sagensammlung?

Heinz Ritter-Schaumburg hat eine altschwedische Handschrift der Thidreksaga aus dem Spätmittelalter, die sog. Svava ins Deutsche  übersetzt (1989) und hält diese knappe Darstellung für die älteste Fassung der deutschen Sage, angeblich noch aus der Zeit vor Karl d. Gr., der ja alte Heldenlieder gesammelt hatte.
Das versucht er damit zu beweisen, dass ausgesprochen christliche Motive kaum vorkommen (z.B. werden keine kirchlichen Einrichtungen aufgeführt). Die heidnischen Anklänge sind aber auch sehr spärlich. Das seien Zeichen einer Zeit, als das Heidentum schon halb vergessen war, das Christentum sich aber noch nicht durchgesetzt hatte.
Nun sind ja – abgesehen von der Erwähnung von Kirchen, Bischöfen und eines Kaplans – im Nibelungenlied die religiösen Motive ja auch sehr spärlich: kein Zeugnis hohen Alters, sondern einer gewissen Verweltlichung. Die Adligen des Hochmittelalters nahmen zwar ihre religiösen Pflichten ernst, waren aber in der Regel keine religiösen Menschen. Warum sollten sie also ein weltlichen Epos mit frommen Sprüchen zieren?
Das einzige erhaltene Lied aus der Zeit vor Karl d. Gr., das Hildebrandslied, ist zwar ebenfalls Teil eines größeren Ganzen, der Dietrichsage, deren Kenntnis sie voraussetzt. Diese war aber wohl kaum so mit allen möglichen anderen Sagen vernetzt wie die Einzelerzählungen in der Thidreksaga.
Andererseits  ist die Vernetzung in der Thidreksaga noch sehr oberflächlich und unausgegoren (z.B. im Vergleich mit dem Nibelungenlied, das ja ebenfalls einzelne Motive miteinander verknüpft). Wenn die Thidrekssaga wirklich so alt wäre, wie Ritter-Schaumburg behauptet, sollte man doch erwarten, dass die Motive deutlicher und besser miteinander verzahnt wären. Die oberflächlichen Beziehungen machen aber einen sehr jungen Eindruck, der durch Dubletten und Unebenheiten noch verstärkt wird. Da hat ein hochmittelalterlicher Nordländer alles zusammengetragen, was er an Sagen kannte. Nur dass er sie nicht wie die Brüder Grimm der Reihe nach aufgeführt, sondern miteinander verknüpft hat.

Im Falle der Nibelungensage hat Andreas Heusler überzeugend dargelegt, dass der Abschnitt über Kriemhilds Rache in der Thidrekssaga eine frühere Fassung des Nibelungenlieds nacherzählt. Man bekommt bei einem Vergleich eine Ahnung davon, was der letzte Dichter im Nibelungenlied hinzugefügt hat. Die Darstellung der Thidreksaga ist allerdings nicht eine bloße Nacherzählung einer Vorform des Nibelungenlieds. Manches daran wirkt sehr altertümlich wie der Ausdruck zur Hel schlagen = töten, Hagens Herkunft von einem Dämon oder Gunnars Tod im Schlangenturm. Hier haben sich also ältere Sagenelemente mit neueren vermischt.
Altertümliche Redeweise sind aber kein Beweis eines hohen Alters, wie Ritter-Schaumburg meint, sondern gehört zum Wesen einer Sage, was auch moderne Übertragungen und Nacherzählungen einschließlich der Ritter-Schaumburgs zeigen. Wenn also in der "Svava" stereotyp alle Kriegsopfer zur Hel geschlagen werden, so ist das kein Argument für das Alter der Sage, sondern nur ein Zeichen, dass der Erzähler die Sagenterminologie beherrscht. Das wirklich alte Hildebrandslied wirkt da viel urtümlicher und bringt Ausdrücke, die wohl schon zur Zeit Karls d. Gr. nicht mehr gebräuchlich waren.
Umgekehrt zeigt die "Svava" Züge, die damals sehr modern waren, z.B. dass Atilius den Hagen zum Ritter geschlagen hat.

Schauplatz in Nordwestdeutschland?

Ritter-Schaumburgs Hauptinteresse ist, nachzuweisen, dass die ganze Geschichte in Nordwestdeutschland spielt. Er mutet dem Leser einiges zu, wenn er Namen wie Apolii, Salerna (1), Hesbanien (6), Grekin (10) nicht in Südeuropa (Apulien, Salerno, Hispanien, Griechen) sucht, wo der große Theoderich regierte, sondern in Nordwestdeutschland. Am Anfang bedient er sich noch der ursprünglichen Schreibung und setzt den vermutlich gemeinten Namen in Klammer; später wird er nachlässiger, gebraucht die modernen Namen und suggeriert dem Leser, dass das schon so in den Handschriften stehe.
Er verwickelt sich mit seinen Identifizierungen aber so in Widersprüche, dass seine Theorie allein schon deshalb unglaubwürdig ist:

·         Grekin ist in 10 Graach an der Mosel, dagegen ist in 17 Greken nach dem Zusammenhang eindeutig Griechenland (vorsichtshalber von Ritter Schaumburg mit Fragezeichen versehen). [1]

·         Ungeren (8) "könnte der Engrisgau sein"; dagegen 17 ohne Kommentar Ungaria neben Rytzeland, Pullerna-Land (Polen?), Greken. Hier muss der Leser an die osteuropäischen Länder denken.

·         8 Der Jarl von Bern (Bonn) beherrscht auch Ungeren, Swaweren, Beyeren und Torkeren, also nach Ritter-Schaumburg den Engrisgau und "ein Gebiet, das sich nördlich des Harzes und des Sauerlandes hinzog" [2]. Die Beyeren und Torkeren sollen späterer Zusatz sein. [3] Warum nicht = Ungarn, Schwaben, Bayern, Thüringer (oder Türken), die man von Bern = Verona aus beherrschen könnte? Verona war Regierungssitz der Ostgoten und Langobarden; schon Kaiser Honorius war von Rom ins benachbarte Ravenna gezogen.

Manches an seinen Identifizierungen ist fragwürdig. So setzt er Thorta (314) mit Dortmund gleich, das aber 1222 Dortmunde und 890 Throtmanni hieß [4]. Davon, dass die Nyflungen in Wernitza gewohnt hätten, finde ich in der "Svava" überhaupt nichts. Und wenn Venedi östlich von Bern liegt, so denkt man doch wohl eher an Venetien und das italienische Verona als an das deutsche Wenden und Bonn, das ein mittelalterlicher Gelehrter tatsächlich Verona nennt [5]

  • Dagegen lässt sich nicht leugnen, dass das Susat [6] der Sage dem alten Namen für Soest (985 Sosat, 1306 Soest [7] ist). Das bedeutet aber nur dass die Soester die alte Sage für sich adoptiert und wohl auch einige Ortssagen hineingebunden haben, nicht, dass die Geschichte sich dort wirklich ereignet hat.

Ritter-Schaumburg übersieht, dass Sagen dazu neigen, die überlieferte Geschichte in der Heimat des jeweiligen Erzählers anzusiedeln. Die Zuhörer fühlten sich geschmeichelt, wenn ein berühmter Held wie Siegfried oder Dietrich auch in ihrer Gegend war, oder wenn berichtet wurde, ein lokaler Potentat habe über halb Europa geherrscht.
So bindet die Handschrift B des Nibelungenliedes die Geschichte von Siegfrieds Tod stärker in die Landschaft um Worms ein. Die selbständige Drachentötergeschichte wird von verschiedenen Orten berichtet. Also werden auch die niederdeutschen Gewährsleute der Thidreksaga die Orte in ihrer eigenen Heimat gesucht haben. Das ist genauso historisch oder unhistorisch wie die junge Sage vom Ritter von Frankenstein, der bei Nieder-Beerbach einen Drachen erlegt haben, oder Sagen über Schinderhannes, der an verschiedenen Orten dieselben Abenteuer bestanden haben soll.
Man darf bei Erzähler und Zuhörer in der Regel auch keine großen geographischen Kenntnisse voraussetzen. Der nordische Sagenerzähler kennt seine nordische Heimat (Schweden, Dänemark) leidlich und hat von dem einen oder anderen deutschen Ortsnamen vielleicht erst durch seine niederdeutschen Gewährsleute gehört. Kann man von ihm so genaue geographische Kenntnisse erwarten, dass er exakt die Wegstationen der Nibelungen in ihren Untergang aufführt? Wenn er die Gegend nicht zufällig kannte oder sich nicht die Mühe machte, dorthin zu reisen, hatte er ja keine Möglichkeit, sich genauer zu informieren, und musste die Namen so aufschreiben, wie er sie gehört und verstanden hatte, d.h. in der Regel falsch. Und die verschiedenen Abschreiber haben wieder neue Fehler dazugetan. Wie soll man aus diesen  verworrenen Angaben irgendwelche Rückschlüsse ziehen?
Weiter ist zu berücksichtigen, dass sich die hochmittelalterlichen Schriftsteller darin gefallen, von exotischen Ländern und unaussprechliche Namen zu erzählen. Sollte das im Norden anders gewesen sein als in Mitteleuropa? 

   

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

[1] Ritter-Schaumburg ist sich bewusst, dass die Handschrift für die Namen meist mehrere Variationen bietet. Also Grekin = Greken. Das war im Mittelalter nicht selten.

 


[2] ohne Begründung
[3] wiederum ohne Begründung

[4] Duden, Geographische Namen in Deutschland 81

[5] ebd. 60

[6] In Anmerkung 18 gesteht Ritter-Schaumburg, dass der Sitz Attalas "Susa oder Susat, einmal auch Susak" heißt. Das liest sich so, als sei Susa die gebräuchliche Form. Wenn Ritter-Schaumburg immer Susat schreibt, dann suggeriert er dem Leser die Gleichung mit Soest.

[7] ebd. 246

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Datum: 1994 /2006

Aktuell: 26.03.2016