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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Die Wahrheit über die Nibelungen: Personen

Hagene

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Quellen

Nibelungenlied
Edda
Waltharius

Heimatort
kaum = Hagen von Dhronecken
Hagen von Troja = Xanten 
Hagen, ein Burgunder?
Hagen, ein Franke
War Hagen ein Alane?
War Hagen ein hunnischer Titel?

Hagens Vater

Der Name Hagano, Hagene

Spätere Vorstellungen von Hagen

Hagen im Kudrunlied

 

1. Quellen

a. Nibelungenlied

Hagene ist im Nibelungenlied ein Verwandter der burgundischen Könige und ihr Berater. Er erkennt Sîvrit gleich bei der Ankunft und erzählt die Geschichte vom Drachen. Er ist es auch, der die Ermordung Sîvrits vorbereitet und durchführt. Er versenkt das Gold im Rhein, warnt vor der Reise zu Etzel, fährt dann aber doch mit und organisiert die Fahrt. In Ungarn provoziert er die Hunnen, indem er den kleinen Prinzen tötet, behütet zusammen mit Volker den Schlaf seiner Freunde und wird erst ganz zuletzt zusammen mit Gunther von Dietrîch überwältigt. Nach Gunthers Tod ist er der letzte, der um das Geheimnis des Schatzes weiß, und wird von Kriemhilt enthauptet.

b. Edda

In der Edda heißt er Högni, ist ein Bruder Gunnars und spielt eine geringere Rolle als im Nibelungenlied. Er ist nicht der Mörder Sîvrits und ist auch nicht der letzte, der um das Geheimnis des Schatzes weiß.

c. Waltharius

Das Zweigespann Gunther und Hagen kommt auch im Waltharius vor:

Hagano verbringt seine Jugend als fränkische Geisel zusammen mit Waltharius und Hiltgunt bei den Hunnen. Es gelingt ihm zu fliehen, während Waltharius ais Rücksicht auf seine Braut bleibt.
Als dann auch Waltharius und Hiltgunt fliehen können, führt ihr Weg über Worms, ohne dass sie sich um die Leute dort kümmern. Am Königshof aber wird man ihrer gewahr und Guntharius bietet ein paar Leute auf, um den Flüchtlingen ihren Schatz abzujagen. Der tapfere Waltharius erschlägt alle fränkischen Krieger. Hagano hatte sich bisher zurückgehalten. Jetzt muss er auf Befehl des Königs eingreifen. Er schlägt dem Gunther ein Bein und dem Waltharius die rechte Hand ab und bekommt von Waltharius das Gesicht aufgeschlitzt.

Hagano ist nach Auskunft des Dichters eindeutig ein Franke, was aber nichts heißen will, weil im zeitgenössischen Worms eben Franken lebten.

Das Nibelungenlied und die Thidreksaga setzen die Jugendabenteuer Hagens als bekannt voraus.

2. Heimatort

Als Heimatort Hagens geben die Handschrift B des Nibelungenlieds Tronege an, A dagegen Tronie, wie der Ortsname wohl tatsächlich ausgesprochen wurde. [1]

a. kaum = Hagen von Dhronecken

Wolfgang Selzer [2] denkt an einen Hagano von Dhronecken im Hunsrück, der wie Gernot und Giselher im Jahr 1168 erwähnt wird.
Dagegen spricht, dass Ecke nie mit [j] gesprochen wurde und dass die Ortsangabe älter ist (schon im Waltharius)

b. Hagen von Troja = Xanten

Helmut Berndt [3] vermutet, dass Hagen von Tronje aus Troja = Xanten stammt. Er beruft sich auf den Beinamen Högni "af Troia" in der Thidreksaga und zwei Quellen um 1500, die einen Hagen aus dieser Stadt nennen. Auch Handschrift n hat die Lesart Troie.
Schon Waltharius redet davon, Hagen sei de germine Trojae = aus Troja entsprossen
[4]. Das soll hier wohl nur bedeuten, dass der Held aus altem fränkischem Adel stamme - die Franken führten ihren gelehrten Stammbaum auf die Trojaner zurück.

c. Hagen, ein Burgunder?

Wenn Hagen wirklich aus Xanten stammen sollt, wäre es verwunderlich, warum er eine so enge Bindung an Gunther hat. Bei einem engen Vertrauten Gunthers sollte man eigentlich annehmen, dass er ein Burgunder war und aus der Gegend um Worms stammt.

d. Hagen, ein Franke

Gleichgültig, wie wir die Bemerkung im Waltharius verstehen - "Hagen aus Xanten" oder "Hagen aus fränkischem Adel" - muss der historische Hagen ein Franke gewesen sein. Zum Burgunder wurde er nur in der Sage, die burgundische (Gunther) und fränkische Traditionen (Brunichild) verbindet.
Vielleicht war er der Anführer der fränkischen Kolonisten (Nibelungen), die sich in Worms niederließen und die Siegfriedsage mitbrachten. Seine Leute adoptierten die Wormser Überlieferungen vom Burgunderkönig Gunther und der Merowingerin Brunichild. So kam es zu der fast familiären Beziehung zwischen Hagen und der königlichen Familie in der Sage.

Hagen, ein Francus Nebulo de germine Troja  = ein nibelungischer Franke aus Xanten?

Nibelungen kommen unter Führung Hagens nach Worms und importieren

die Sigebert-Sage vom Niederrhein

 

 

Nibelungen adoptieren

 

die ältere Überlieferung vom Burgunder Gunther

die jüngere Überlieferung von der Merowingerin Brunichild

e. War Hagen ein Alane?

In einer antiken Nachricht wird der Burgunderkönig Gyntiarios zusammen mit einem Alanen (ohne Titel) namens Goar [5] genannt. Die Alanen waren ein iranisches Reitervolk, die von den Hunnen nach Westen gedrängt wurden. Verbirgt sich also in der Gestalt Hagens die Erinnerung an den Alanenführer Goar, der mit dem historischen Gunther zusammenarbeitete? Wenn Goar in einer germanischen Umgebung einen germanischen Namen angenommen hätte, wäre das nicht ungewöhnlich. Das könnte bei Attila (got. 'Väterchen') und seinem Bruder Bleda (germ. 'freundlich') auch so gewesen zu sein. Wahrscheinlich waren die Namen der Brüder aber hunnisch.
Andererseits taucht der Name Goar in der 1. Hälfte des 6er Jahrhunderts noch einmal auf: Der Namengeber von St. Goar am Rhein stammte aus einer vornehmen aquitanischen Familie. Vielleicht war er ein Nachkomme des Alanenfürsten. Das Fortleben des Namens Goar spricht nicht gerade dafür, dass der Kollege Gunthers einen germanischen Namen angenommen hat.

f. War Hagen ein hunnischer Titel?

Hier würde sich der awarische Königstitel Caganus (lateinische Schreibung bei Einhard) anbieten. Die Awaren lebten in Ungarn und waren Nachfolger der Hunnen. Der Titel entspricht türk. hakan, alttürkisch [xaγan] 'König, Kaiser'. Das entspricht genau der altgermanischen Aussprache von Hagano. War Hagen ein hunnischer Heerführer? Dafür würde die Überlieferung im Waltharius sprechen, dass Hagen seine Jugend als Geisel bei den Hunnen brachte. Dagegen spricht allerdings dass der Titel "Kaiser" für einen Offizier doch sehr hoch gegriffen ist und eher Attila zukommt.

3. Hagens Vater

Hagens Vater trägt in der Überlieferung unterschiedliche Namen:

  • Hagathie im Waltharius
  • Aldriân im Nibelungenlied
  • ein ungenannter Elff in der Thidreksaga. Sein Stiefvater heißt Aldrian.
  • Der Dämon Alberich bei Wagner
  • Alphere ist im Waltharius der Vater Walthers. Das könnte ursprünglich ein dritter Name von Hagens Vater gewesen sein und scheint an die Dämon-Tradition anzuspielen.

Aldrîan ist ein ungewöhnlicher Name und scheint mit asächs. aldor, aengl. ealdor 'senior, Herr, Fürst' zusammenzuhängen, -an kennzeichnet einen Titel wie in got. þiud-ans 'König'. Aldriân ist also eher ein Titel als ein Name. Die Dämon-Tradition könnte u.a. auch dadurch entstanden sein, dass in der Überlieferung das ungewöhnliche Aldr- durch das viel häufigere Alb- ersetzt wurde.
Dagegen ist Haga-thie
[6] ein echter Personenname mit dem häufigen Grundglied þiwo, ahd. dio 'unfreier Mensch, Diener'. Auch Hag- kommt in verschiedenen Personennamen vor. Dass Verwandte oft Namen mit demselben Anlaut trugen, sehen wir auch an Gebica, Godomar, Gislaharius, Gundaharius bei den Burgundern.
Wahrscheinlich war also Hagens Vater kein Elff, sondern ein Aldriân 'Häuptling, Hauptmann' mit Namen Hagathie.

4. Der Name Hagano, Hagene

Hagano ist wahrscheinlich ein germanischer Kurzname zum ahd. Verb hagan 'hegen, pflegen, nähren', genauer ein passives Partizip 'der Gehegte'.

5. Spätere Vorstellungen von Hagen

Das uns nicht mehr greifbare Bild des historischen Hagen, des Führers der fränkischen Kolonisten in Worms, wird überzeichnet durch mythische Vorstellungen und historische Erinnerungen:

a. mythisch

b. historisch

Die Rolle, die Hagen im Waltharius und Nibelungenlied spielt, erinnert an die merowingischen Hausmeier [7], die immer mehr Macht gegenüber den immer schwächeren Königen bekamen.
Im Waltharius wird das besonders deutlich, wo Guntharius ein habgieriger Schwächling ist, der andere in den Tod schickt und sich jämmerlich anstellt, wenn er selbst kämpfen muss.

6. Hagen im Kudrunlied

ist ein irischer Königssohn, der allerlei Abenteuer besteht (Vorspann der eigentlichen Erzählung). Da sich dieses Epos an das Nibelungenlied anlehnt, ist denkbar, dass der Name des Helden aus der Nibelungenüberlieferung entnommen ist.

   

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

[1] richtig wohl [troneje]


 

[2] Wolfgang Selzer, Laurissa Jubilans 111

 


 

[3] Die Nibelungen 134 ff


 

[4] Waltharius 28

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


 

[5] kein germanischer Name!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


 

[6] vgl. ahd. (H)agandeo

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


 

[7] schon zu Brunichilds Zeiten

 

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Übersicht

 

Sprachecke 29.05.2012

 

Datum: 1994 /2006

Aktuell: 26.03.2016