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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Die Wahrheit über die Nibelungen: Personen

Siegfried

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Name Siegfried

Vater Sigemunt

Siegfrieds Heimat

Schatz und Drache

Verhältnis zu Brünhild

Der Streit der Königinnen

Ermordung Siegfrieds

Arminius

Siegfried im Kudrunlied

 

Siegfried lässt sich leicht aus der Sage herauslösen; er ist an Worms ja nur durch die Schwester Gunthers gebunden. Eigentlich gehört der Held ins Niderlant, an den Niederrhein und nach Westfalen.

1. Der Name Siegfried

Der Held heißt nur im Nibelungenlied Sîvrit, eine mittelalterliche Verschleifung von *Sigifrit. Daraus wurde in den Volksbüchern Seyfrid. Die moderne Namensform Siegfried wurde von Gelehrten gebildet.
In der Edda dagegen heißt der Held Sigurd, was wohl eher 'Sieg-Schicksal' [1] als 'Sieg-Wart' bedeutet. Da auch in Gjuki = Gibicho isländisches /u/ aus /b/ entstanden ist, könnte Sigurd auch = Sigibert 'siegglänzend' sein.
In dem zweifellos überlieferten Namen schwingt auch die Bedeutung 'der Sieger' mit. Der Sieg über den Drachen hat stark das Bild von dem Helden geprägt.

2. Siegfrieds Vater Sigemunt

Segimundus war der Schwager des Arminius, Sohn des Segestes.
Nach dem Beowulf war es Sigemund, der den Drachen tötete und dessen Schatz raubte.
Der Vater Siegfrieds trägt auch in der Edda diesen Namen.
Ein späterer Burgunderkönig Sigismund (516-524) hatte einen Sohn Sigirich. Namen mit Sieg waren eher fränkisch als burgundisch. Vielleicht war Sigismunds Mutter eine fränkische Prinzessin.

3. Siegfrieds Heimat

a. Xanten

Siegfried stammt nach dem Nibelungenlied aus Xanten am Niederrhein.
Ich glaube aber, dass es der historische Hagen war, der aus Xanten stammte. Er war wohl der Führer einer fränkischen Kolonistengruppe, welche die Siegfriedsage nach Worms verpflanzte. Von daher nahm man an, dass Xanten die Heimat Siegfrieds wäre.

b. Niederland

Ansonsten wird die Heimat des Helden im Nibelungenlied allgemein das Niderlant genannt, d.h. die Gegend am Niederrhein.

c. Köln

Wenn meine Überlegungen richtig sind, dass hinter Siegfried die historische Gestalt des Sigebert steht, dann haftete die Siegfriedsage eher an Köln als an Xanten. Nicht Xanten, sondern Köln war im 4er-Jahrhundert das politische Zentrum der ripuarischen Franken unter Sigebert.

4. Der Schatz und der Drache

Die Vorgeschichte des Nibelungenlieds berichtet knapp, wie Siegfried den Drachen tötete und den Schatz erwarb - zwei von einander unabhängige Abenteuer. In der übrigen Überlieferung war der Drache Hüter des Hortes und musste überwunden werden, damit er den Schatz freigab.
Im Nibelungenlied wird nur andeutungsweise davon erzählt. Dafür berichtet es sehr ausführlich über einen Kampf, den Siegfried allein gegen eine anrückendes Heer der Sachsen und Dänen bestand. Darüber schweigt die ältere Überlieferung völlig. Erst Hebbel und Rinke nehmen dieses Motiv wieder auf.
Im Nibelungenlied wird also der mythische Sieg über den Drachen durch einen historischen Sieg gegen ausländische Feinde ersetzt. Der historische Held tritt an die Stelle des ursprünglich mythischen Siegers (ein Gott > Heros, Engel, Heiliger).
Nur im Nibelungenlied erwirbt der Held potentielle Unsterblichkeit durch seinen Sieg über den Drachen. Und nur da muss er seine Unverwundbarkeit im Kampf gegen menschliche Feinde bewähren. Und nur da gerät ihm eine kleine verwundbare Stelle zum Verderben, und zwar wiederum im Zusammenhang mit einem, freilich fingierten
Angriff der Sachsen und Dänen.
Das Nibelungenlied ist also ein erstaunliches Zeugnis modernen Denkens (Historie statt Mythos), ohne freilich den tieferen Sinn des Überlieferten aufzugeben.

5. Siegfrieds Verhältnis zu Brünhild

Sowohl in der Edda als auch im Nibelungenlied ist Brünhild die Frau Gunnars / Gunthers.
Deutlicher als im Nibelungenlied geben die Lieder der Edda zu erkennen, dass Brünhild eigentlich Siegfried geliebt hatte; er war es, der die Jungfrau aus dem Zauberschlaf in der Waberlohe erweckte und drei Nächte mit ihr im Bett verbrachte - durchs Schwert geschieden. Die Überlieferung ist nicht einheitlich. Aber es wird immer wieder gesagt, dass Sigurd im Auftrag Gunnars gehandelt hätte, der um Brünhild warb.
Im Nibelungenlied wird das so dargestellt, dass Siegfried unter der Tarnkappe dem unfähigen Gunther hilft, Brünhild im sportlichen Wettkampf zu besiegen und nach Gunthers schmählicher Niederlage im Bett die widerspenstige Braut gefügig zu machen. Trotzdem deutet auch das Nibelungenlied an, das Brünhild insgeheim gehofft hatte, Siegfried würde um sie freien.
Dahinter steht unzweifelhaft, dass die historische Merowingerkönigin Brunichild mit Sigibert I. von Austrasien (561-575) verheiratet war und ihn wohl auch geliebt hat.

6. Der Streit der Königinnen und seine Folgen

Die Ostgoten hatten dem verdienten und beliebten Kommandeur Urajas die Krone an Stelle seines glücklosen Onkels Witigis angeboten. Er lehnte mit Rücksicht auf seinen Onkel ab und schlug vor, einen anderen Offizier, Hildebad,  zum König zu machen. [4] Dieser ließ bald darauf Urajas ermorden, weil dessen Frau der neuen Königin nicht die gebührende Ehre erzeigt und sie sogar beleidigt hatte. Das gab Anlass für einen anderen Goten, auch Hildebad zu ermorden.

Diese Geschichte scheint historisches Vorbild für die entsprechende Szene in der Nibelungensage gewesen zu sein, die Anlass gab für die Ermordung Siegfrieds. [5]

7. Die Ermordung Siegfrieds

Der lichte Gott Balder, der 'Sonnenmann' Simson', der herrliche Achilleus und der heilige Georg starben wie Armnius und Siegfried eines gewaltsamen Todes, obwohl man ihnen Unverletzlichkeit nachsagte. Auch das sind mythische, nicht historische Ereignisse.
Historisches Vorbild für die Ermordung Siegfrieds waren dagegen wohl zwei fränkische Könige mit Namen Siegbert:

a. Der ripuarische Häuptling Sigebert (um 500)

war ein verdienter Kriegsveteran, der mit Chlodwig gegen die Alemannen gekämpft hatte und dabei verwundet wurde.
Er ging von Köln über den Rhein, um im Buchonischen Wald [6] umherzuschweifen und wurde in seinem Zelt auf Betreiben seines Sohns Chloderich ermordet, der die Macht an sich reißen wollte. Chloderich war seinerseits von Chlodwig angestiftet worden. Dieser ließ Chloderich erschlagen und annektierte damit das Reich Sigeberts.

b. Der Merowinger Sigibert I. (reg. 561-75),

Gatte Brunichilds, wurde von zwei Dienstleuten im Auftrag seiner Schwägerin Fredegunde mit vergifteten Dolchen erstochen. Angeblich war auch sein Bruder Gunthramn an der Verschwörung beteiligt. Ein gewisser Berulf nahm die Schätze des Ermordeten rechtswidrig an sich.

c. Siegfried

Von der ältere Geschichte stammt wohl das Motiv von der Ermordung im Wald, von der jüngeren die Einzelheiten der Ermordung (Bruder Gunthramn = Guttorm und Schwägerin, Raub des Schatzes). Nach der Edda war nicht Hagen, sondern Guttorm der Mörder.
Eine Variante der Edda erzählt, Sigurd sei im Bett ermordet worden, eine andere spricht vom Mord im Wald. Beides lässt sich auf die Geschichte von Sigebert zurückführen, der zwar im Wald, aber beim Mittagsschlaf im Zelt und nicht im Freien erschlagen wurde:
     Variante 1: beim Mittagsschlaf daheim im Bett
     Variante 2: im Wald bei einer Jagd beim Trinken aus der Quelle

d. Wo wurde Siegfried ermordet?

Die Jagd, bei der Siegfried ermordet wurde, fand im Nibelungenlied im Waskenwalt = in den Vogesen (lat. Vosegus) statt.
Nun wohnten aber Gunther und Hagen nach beiden Gedichten und der ältesten Überlieferung nicht in Straßburg, sondern in Worms, so dass man sich wundern muss, warum Walther nicht den einfacheren Weg nach Frankreich durch die Pfalz wählt und die Burgunderfürsten so eine weite Reise wegen eines Jagdausfluges machen und dazu auch noch über den Rhein müssen. Der Schreiber der Handschrift C hat daher den Waskenwalt durch den näher gelegenen Odenwald ersetzt. Aber auch B kennt sich nicht besser aus. Da erklärt Hagene, es seien keine Getränke da, weil man sie versehentlich in den Spehtsharte = Spessart geschickt habe. Der ist zwar auch vom vermeintlichen Jagdort Odenwald zu weit entfernt, aber noch viel weiter von den Vogesen.
Statt nun auf der Landkarte nach näher gelegenen Stellen zu suchen, ist es vernünftiger anzunehmen, dass der Dichter oder Bearbeiter keine Ortskenntnisse hatte und willkürlich einen Namen einsetzte, den er vom Hörensagen kannte. Vielleicht stammt der Irrtum ja einfach daher, dass der Nibelungendichter eine passende Ortsangabe für die Jagd dem Waltharius [7] entnahm, wo der Vosagus ein Gebirge in der Nähe von Worms ist, das man erreicht, indem man den Rhein überquert (von Ungarn aus gesehen, nicht von Worms aus).
Wenn meine Überlegungen richtig sind, dass die Geschichte von dem Meuchelmord zurückgeht auf den tragischen Tod des ersten Sigebert, dann müssten wir nicht im Odenwald, sondern im Buchonischen Wald = im Sauerland östlich von Köln suchen.

8. Arminius

Der Sieger der Schlacht im Teutoburger Wald, Arminius, hat einiges mit Siegfried gemeinsam:
Er selbst heißt zwar Arminius = germ. Ermen, ahd. Irmin, ist aber Sohn des Cheruskerfürsten Segimer, Schwiegersohn des Segestes, der einen Sohn Segimund hatte, alle Namen mit der altgermanischen Form von Sieg gebildet.

  • Er war, obwohl "Königssohn", als römischer Offizier wie Siegfried in fremden Diensten.
  • Er hatte wie Siegfried einen Schatz erbeutet. [2]
  • Er hat seinen Dienstherrn, Varus, verraten. Auch Siegfried wirft man Verrat vor, obwohl das im Nibelungenlied nicht mehr ganz verständlich ist.
  • Er wird wie Siegfried von der angeheirateten Verwandtschaft ermordet.
  • Auch die Heldentaten des Arminius wurden in Liedern besungen. [3]

Möglicherweise haben diese Lieder dazu beigetragen, dass aus dem mythischen Drachentöter ein militärischer Sieger wurde.

9. Siegfried im Kudrunlied

Der Nibelunge Siegfried ist im Kudrunlied gleich zweimal vertreten:

a. Siegfried von Mohrland

kommt nicht nur aus diesem Land, sondern ist von "dunkler Farbe". Er wirbt um die schöne Kudrun und versucht sie, mit seinen Turnierkünsten zu beeindrucken, wird aber wie viele andere von Kudruns Vater Hettel abgewiesen und schwört Rache. Als die begehrte Jungfrau dann mit dem Dänen Herwig von Seeland verlobt wird, überzieht Siegfried Seeland mit Krieg. Kudruns Vater kommt dem bedrängten Schwiegersohn zu Hilfe; indes wird Kudrun von einem dritten Konkurrenten, dem Normannen Hartmut entführt. Die Dänen und Mohren schließen Frieden und verbünden sich, um Kudrun zu befreien. Er macht dann auch mit der Befreiung und heiratet schließlich bei dem allgemeinen Happy End die Schwester Herwigs.

b. Morung von Niflanden

ist ein Lehnsmann Hettels und entspricht in seiner Funktion etwa dem Ortwin von Metz im Nibelungenlied. Sein Name Morung erinnert an die Heimat des schwarzen Siegfrieds, seine Heimat Nifland an die Nibelungen.

Der erfolglose schwarze Siegfried im Kudrunlied ist also eine Gegenfigur zum "lichten" Helden im Nibelungenlied, der selbstverständlich die begehrte Jungfrau bekommt.

   

 

 


 

[1] anord. Urðr ist eine der drei Nornen (Schicksalsgöttinnen)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


 

[4] Prokop, Gotenkrieg 2,30


 

[5] Karl Friedrich Strohecker, Germanentum und Spätantike 269

 

 

 

 

 

[6] das Bergland zwischen Rhein und Weser, später war Buchonia Name des fränkischen Gaus Vogelsberg.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

[7] Da er Hagens Abenteuer mit Walther von Spânje erwähnt (1756,3; 2344,3), hat er wohl den Waltharius oder wenigstens die mündliche Walthersage gekannt.

 

 

 

 

 

 

[2] den Schatz des Varus. Ein Teil, sein Silbergeschirr, wurde angeblich bei Hildesheim gefunden.

[3] Tacitus, Annales 2,88; Anlass zu Spekulationen, ob diese Lieder in die Siegfriedsage eingeflossen seien

 

 

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Übersicht

 

Sprachecke  29.05.2012 | Türkeireise 2012

 

Datum: 1994 /2006

Aktuell: 26.03.2016