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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Die Wahrheit über die Nibelungen, Schauplätze

Waskenwalt

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1. die Vogesen

2. nicht der Odenwald

3. das Pfälzische Bergland?

4. Siegfried wurde in seiner Heimat ermordet!

5. ursprünglich der "Baskenwald" = die Pyrenäen?

 

1. die Vogesen

Der Waskenwalt (lat. Vosegus, nhd. Vogesen) trennt die Rheinebene, in der auch Worms liegt, von den späteren Wohnsitzen der Burgunder.
Im Waltharius kommen der Aquitaner Walther und die Burgunderin Hiltgunt auf ihrer Flucht aus dem Hunnenland an Worms vorbei und ziehen weiter in Richtung Heimat. Sie werden von den Wormsern verfolgt. Am Vosegus kommt es zum Kampf.
Aus Sicht des mittelalterlichen Erzählers ist es folgerichtig, dass die Flüchtlinge an den Vogesen vorbei müssen, um nach Burgund oder Spanien zu kommen (die Burgunder wohnen ja nicht mehr bei Worms, sondern in der Bourgogne; die Verfolger sind keine Burgunder, sondern Franken). Aber wozu mussten die beiden überhaupt den Umweg über Worms machen? Weiter die Donau aufwärts und bei Basel durch die Burgundische Pforte südlich an den Vogesen vorbei wäre der kürzere Weg gewesen.
Das Nibelungenlied scheint diese Geschichte zu kennen, wenn es von einer Jagd im Waskenwalt berichtet, bei der Siegfried ermordet wurde. Auch dieses Abenteuer ist voller Ungereimtheiten, denn die Vogesen liegen auf derselben Rheinseite wie Worms, nach dem Nibelungenlied aber müssen die Burgunder über den Rhein, um im Waskenwalt zu jagen. Für einen schnellen Jagdausflug sind die Vogesen auch ein bisschen zu weit (mehr drei Tagereisen).

2. nicht der Odenwald

Von daher kann man verstehen, wenn der Herausgeber der Handschrift C an Stelle des Waskenwaldes den Odenwald setzt. Dazu passt auch besser, dass die Jagdgesellschaft von Worms aus den Rhein überquert. Aber auch der Odenwald ist für einen Jagdausflug ein bisschen weit. Man sollte annehmen, dass das Jagdgebiet direkt gegenüber von Worms auf der anderen Rheinseite lag.
Alle diese Schwierigkeiten lassen sich aber nicht dadurch lösen, dass wir auf der Landkarte ein näher gelegenes Terrain suchen. Denn sie sind dadurch entstanden, dass hier verschiedene Überlieferungen zusammengeflossen sind.
Von daher sind auch alle Versuche müßig, den Gebirgsnamen in Zusammenhang zu bringen etwa mit dem Flussnamen der Weschnitz (764 Wisgoz, 1493 Wessentze) oder dem Siedlungsnamen Waschenbach bei Nieder-Ramstadt, 15. Jh. Wassenbach).

3. das Pfälzische Bergland?

Nun sind ja die Vogesen vom Pfälzischen Bergland und Rheinhessischen Hügelland nicht so deutlich geschieden wie der gegenüberliegende Schwarzwald vom Odenwald. Waskenwalt könnte also auch Pfalz und Rheinhessen einschließen. Die Jagd hätte also auch in den linksrheinischen Bergen stattfinden können. Aber dazu hätten die Burgunder nicht über den Rhein gemusst.

4. Siegfried wurde in seiner Heimat ermordet!

Wenn es wahr ist, dass Siegfried vom Niederrhein stammt, so fühlt man sich bei dem ermordeten Helden doch an den ripuarischen Häuptling Sigebert erinnert, der von Köln aus über den Rhein in den Buchonischen Wald zog und dort von seinem Sohn ermordet wurde.
Buchonia hieß im frühen Mittelalter ein fränkischer Gau am Vogelsberg. Auch das ist etwas weit weg, so dass man annehmen muss, dass Sigibert ins gegenüberliegende Sauerland ging und dort den Tod fand. Die Parallelen sind deutlich: Der Held kommt aus einer linksrheinischen Hauptstadt und wird in einem rechtsrheinischen  Gebirge von einem Verwandten ermordet.
Dazu passt im Nibelungenlied, dass Siegfried nach seiner Hochzeit wieder in seine Heimat zurückkehrt und erste Jahre später anlässlich eines Festes wieder nach Worms kommt. Diese Episode stört zwar nicht den Erzählungsfluss und ist auch vom Ablauf her zu verstehen: Siegfried tritt die Nachfolge seiner königlichen Vaters an. Aber wenn das so war, ist nicht recht zu verstehen, warum Brünhild ihren Schwager immer noch für einen Dienstmann und nicht für einen ebenbürtigen Mitkönig hält. Vielleicht steckt in dem Einschub von der Xanten-Reise eine Erinnerung, dass der historische "Siegfried" ja tatsächlich am Niederrhein gelebt hat. Wenn er nach Meinung der Wormser in der Nähe von Worms ermordet wurde, dann brauchte er einen Anlass, um nach Worms zu kommen.
Wenn das Nibelungenlied erzählt, dass Sîvrit in einem rechtsrheinischen Gebirge ermordet wurde, so beruht das auf richtige Erinnerungen der Wormser Franken, die ja vom Niederrhein kamen. Nur dass sie jetzt ein passendes Gebirge in ihrer neuen Heimat suchen mussten. Warum haben sie dann aber vom Waskenwalt und nicht vom Odenwald geredet?
Ein Hinderungsgrund war vielleicht, dass es auch ein Buconia, ganz in der Nähe von Worms, gab. Das war ein ehemaliges römisches Militärlager zwischen Worms und Mainz, in fränkischer Zeit sicher schon lange aufgegeben. Aber vielleicht haftete der Name ja an dem Höhenzug über Oppenheim. [1] Als der alte Name in Vergessenheit geriet, suchte man einen Ersatz zunächst auf der linken Rheinseite und fand ihn im Waskenwalt, der vielleicht die Pfälzer und Reinhessischen Berge mit einschloss.
Dies vertrug sich aber nicht mit der Überlieferung, dass Siegfried auf der rechten Rheinseite ermordet wurde. Also hat der Bearbeiter der Handschrift C den Waskenwalt konsequent durch den Odenwald ersetzt. Damit wird die Geschichte schlüssig, aber nicht historisch richtiger. Denn der historische "Siegfried" wurde im Sauerland ermordet.

5. ursprünglich der "Baskenwald" = die Pyrenäen?

Vielleicht hat der Nibelungendichter ja auch den Waskenwalt aus der Walthersage übernommen, auf die er Bezug nimmt.
Im lateinischen Waltharius ist vom Vosegus die Rede ist, wo Walther sich den Wormsern stellte. Das könnte auf ein deutsches Waskenwalt zurückgehen. Der Dichter war ja ein Deutscher. Gemeint sind aber dort wohl nicht die Vogesen, sondern die Pyrenäen, wo sich der historische Wallia seinen Verfolgern stellte: Die Basken, die dort leben, heißen auf Lateinisch Vascones. Die baskische Gascogne hieß mittelhochdeutsch Wasconie (im Rolandslied).

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

[1] nicht zu Buche, sondern zu einem alten Wort für Berg, das noch in vielen Ortsnamen auf -buch vorkommt, denen ein -bach entspricht. Die beiden Orte hätten kelt.-lat. *Bâgonia oder germ. *Bôkonia und nicht Buconia, Buchonia heißen müssen, wenn sie nach dem Baum benannt worden wären.

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Datum: 1994 /2006

Aktuell: 29.12.2010