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Heinrich Tischner Fehlheimer Straße 63 64625 Bensheim |
Die Wahrheit über die Nibelungen, StoffgeschichteDie Ermordung des Sohnes |
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Nach der Edda rächt Gudrun die Ermordung ihrer Brüder, indem sie ihre beiden Kinder schlachtet und Atli zu essen gibt, ohne dass er's weiß. In der Nacht bringt sie ihn um und zündet den Palast an. Das scheint mir die ursprüngliche Fassung zu sein. Dieses Motiv hat deutlich sein Vorbild in der antiken Sage
von Prokne und Philomela: Philomela ist die Schwester der Prokne, die mit
Tereus verheiratet ist. Tereus hat Philomela vergewaltigt und gezwungen, seine
Geliebte zu sein. Wie Prokne das erfährt, schwört sie Rache und überlegt, ob
sie den Palast anzünden oder Tereus zerstückeln soll. Schließlich schlachtet
sie ihren Sohn Itys und gibt ihn dem Tereus zu essen. Tereus und die beiden
Schwestern werden am Ende in Vögel verwandelt.
[1] Die Frau rächt sich also, nicht indem sie den Mann tötet, sondern den gemeinsamen Sohn, der sie ja mit dem Mann verbindet. Der Mann hat also keine Zukunft mehr, die in dem Sohn verkörpert war, auch keinen Rächer, der die Ermordung seines Vaters ahnden könnte. Im Nibelungenlied und der Thidreksaga ist diese grausame Tat abgemildert, da ist es Hagen, der den Sohn Kriemhild tötet. Die antike Geschichte vom ermordeten Sohn lebt weiter im Märchen "Von dem Machandelboom" [2], wo der ermordete Junge in einen Vogel verwandelt wird, der schließlich die böse Stiefmutter tötet. Er klagt mehrmals in einem Lied sein Schicksal: "Mein Mutter, der mich schlacht, mein Vater, der mich aß…" |
[1] Ovid, Metamorphosen 6,608 ff.
[2] Grimm Nr. 47
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Datum: 1994 /2006 Aktuell: 29.12.2010 |
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