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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Die Wahrheit über die Nibelungen, Handschriften

Handschrift n,
eine überlieferungsgeschichtliche Sensation

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Die Darmstädter Handschrift n (Hs 4257) ist eine überlieferungsgeschichtliche Sensation. Sie stammt zwar erst aus dem Jahr 1449, wie die Unterschrift verrät. Aber sie stellt einen älteren Überlieferungszustand dar:

Teil 1 (Syfferts Tod) ist sehr knapp in der Art alter Heldenlieder geschrieben mit vielen Dialogen und wenig Handlung. Für die ganze 16. Aventiure (Ermordung des Helden) verwendet die Handschrift gerade eine Strophe, dafür umso mehr für die Vorbereitung des Mords und die Reaktion Cremhylts.

Die Geschichte beginnt unvermittelt mit dem Streit der Königinnen, der zum Mord führt und endet mit Cremhylts Trauer - insgesamt nur 15 Strophen.

Teil 2 (Originaltitel: cremhylten hochtzit 'Cremhylts Fest') folgt im wesentlichen der Handschrift B ab Aventiure 20 (insgesamt 882 Strophen) mit folgenden bemerkenswerten Ausnahmen:

  • Die Einladung nach Ungarn wird sehr knapp beschrieben. Die Werbung durch Wärbel und Swämmel fehlt. Die beiden Namen fehlen auch sonst in der Handschrift.
  • Es fehlt ein größeres Stück zwischen der Auseinandersetzung mit Gelpfrat und der Ankunft in  Bethelar bei Rüdeger. Es fehlt der Aufenthalt bei Bischof Pilgerîn in Passau, die Geschichte vom schlafenden Ritter und die Ankunft in Bethelar. Da scheint ein Stück der Vorlage verloren gegangen zu sein. Möglicherweise stand auch dort nichts von Passau und dem schlafenden Ritter.
  • Die Handschrift n weicht beträchtlich von B ab. Meist sind es nur Kleinigkeiten, aber an einigen Stellen sind Strophen eingeschoben oder die Handlung ist mit ganz anderen Worten erzählt. Der Vers ist völlig in Unordnung geraten, das Versmaß verloren und manchmal stimmt auch der Reim nicht.

So viele Änderungen und Textverderbnis innerhalb von 250 Jahren kommen wohl kaum durch schlecht ausgebildete Schreiber und willkürliche Veränderungen. Sondern ich habe den Eindruck, dass der Text vorwiegend mündlich tradiert wurde. Ich habe dasselbe bei zwei Fassungen eines nur mündlich tradierten Gedichts aus den 1920er-Jahren beobachtet, die nach 40 Jahren ebensolche großen Unterschiede zeigen. Vielleicht lassen sich die Unterschiede zwischen den großen klassischen Handschriften auch dadurch erklären, dass vieles aus dem Gedächtnis zitiert wurde.

Die Sprache der Handschrift ist frühneuhochdeutsch und stark mitteldeutsch geprägt.

Die Handschrift n ist auf den 05.04.1449 datiert und damit sehr jung. Sie nimmt einerseits Elemente der späteren Volksbücher auf (Andeutung von Cremhylts Abenteuer auf dem Trachensteyn), zeigt aber im ersten Teil sehr altertümliche Züge (Darstellung nach Art der Heldenlieder) und repräsentiert damit einen Überlieferungsstand, der wenigstens im ersten Teil vor dem mutmaßlichen Abfassungsdatum der klassischen Fassung um 1200 liegt.

Der durch die Textlücke fehlende Bischof Pilgerin wird in einem Einschub gegen Ende des Liedes trotzdem genannt: 804-805 Zweiundsiebzig Teufel hatten Kremhylt zu dem Mord geraten. Als Wolffhart sein Schwert schwang, ergriffen die Teufel die Flucht. Einer der Teufel meldete das dem Bischof Bygerin. Der zwang ihn in ein Fenster. Die Geschichte wurde dem König Rüdolffin vorgelesen - also eine ältere Sage: Rudolf I. regierte 1273-1291.

   

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Übersicht

 

Sprachecke 22.05.2012

 

 

Datum: 1994 /2006

Aktuell: 21.05.2012