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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Die Wahrheit über die Nibelungen, Verfasser

Der Verfasser des Nibelungenlieds

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Handschriften
Mundart
Abweichungen im Textbestand

Einschübe und Ergänzungen
Synoptischer Vergleich
Einleitung
Kleiderstrophen

Vermutungen über den Verfasser
Österreicher
Franken
Norddeutsche
Fazit

 

Das Nibelungenlied ist uns anonym überliefert. Von daher sind alle Spekulationen fragwürdig, wer der Verfasser gewesen sei. Auch die glaubwürdigsten Identifizierungsversuche müssen einfach daran scheitern, dass wir den Namen des Verfassers nicht wissen. Endgültige Klarheit könnte allenfalls ein neu entdecktes Dokument bringen, in dem eine bestimmte Person als Autor des Liedes genannt wird.

I. Das Problem der verschiedenen Handschriften

Das Nibelungenlied ist in 33 heute bekannten Handschriften überliefert; davon sind 10 einigermaßen vollständig, dazu 3 mit Spezialthemen (Aventiurenverzeichnisse, "Klage"). [1]

Die wichtigsten werden mit den Siglen A, B und C bezeichnet. A scheint eine Weiterbearbeitung von B zu sein, so dass uns heute zwei verschiedene Typen des Liedes vorliegen: *B und *C. Die Urfassung, die beiden zugrundeliegt, ist weder erhalten noch rekonstruierbar. [2]

Die meisten Germanisten scheinen B  für die ursprünglichere Fassung zu halten; C dagegen wird von Heimatforschern bevorzugt, weil sie Ortskenntnisse von der Gegend um Worms beweist.

1. Mundart

a.  Bairische Besonderheiten

Merkwürdig ist, dass die meisten Handschriften in Süddeutschland gefunden wurden. [7] Der Endverfasser zeigt Ortskenntnisse von der Donau, zeigt aber in der 26. Aventiure von Gelpfrât eine Abneigung gegen die Bayern, so dass er also kaum diesem Stamm angehört haben wird.

Das Nibelungenlied ist eindeutig in oberdeutscher Schriftsprache abgefasst. Aber man kann nicht behaupten, dass es einen speziell bairischen Einschlag hat. Bei Handschrift C könnte ein südfränkischer Schreiber mitgewirkt haben, der sich nur teilweise an seine Vorlage hielt.

b. Probleme beim Abschreiben

Es ist kaum möglich, dass ein Bearbeiter eine Vorlage genau nachahmt, ohne dass ihm seine persönliche Orthographie und Diktion immer wieder einfließen. Genauso ist es kaum vorstellbar, dass der Kopist seine Vorlage exakt in seine eigene Mundart überträgt. [8] Von daher müssen wir annehmen, dass die Abschreiber immer wieder ihre eigene Schreibung einbringen oder dass ihnen die Übertragung in einen anderen Dialekt nicht fehlerfrei gelingt.

Die Heimatsprache des Dichters lässt sich kaum ausfindig machen, weil er

  • Standarsprache schreibt

  • Die Abschreiber ihre eigenen Gewohnheiten einbringen.

2. Abweichungen im Textbestand

Schon an der verschiedenen Anzahl der Verse lässt sich erkennen, dass der Textbestand in den drei Handschriften nicht identisch sein kann: A hat 2316 Strophen, B 2379 und C hat mit 2439 Strophen bei weitem die längste Fassung.

Die berühmten Erwähnungen von Odenwald, Odenheim und Lorsch stehen nur in der Handschrift C, sind also kaum original, stehen jeweils am Ende einer Aventiure und sind daher heutlich Nachträge.

II. Einschübe und Ergänzungen

1. Synoptischer Vergleich der Überlieferung

Im Nibelungenlied haben eine ganze Anzahl von Aventiuren keine Entsprechung in der nordischen Sage. Szenen wie der Sachsenkrieg, die beiden Reisen Siegfrieds in den Norden, sein Begräbnis, die Reiseberichte Kriemhilds und ihrer Brüder, die Überfahrt über die Donau und die anschließende Schlacht mit den Bayern, der Aufenthalt in Bechelâren, und fast alle Einzelheiten der "Völkerschlacht" stehen nur im Nibelungenlied, scheinen also Zutaten des oder der Dichter zu sein.

2. Einleitung

Das Kudrunlied beginnt ähnlich wie das Nibelungenlied mit den Worten "Es wuchs in Irlanden / Burgonden und Niderlanden" und stellt wie das Nibelungenlied zunächst einmal die Helden vor. Dies ist aber im Nibelungenlied schon die 2. Strophe. Davor seht als erstes eine Einleitung "Uns ist in alten mæren…" Das könnte ein Hinweis sein, dass der Verfasser der Kudrun die 1. Strophe des Nibelungenlieds noch nicht gekannt hat. Sie fehlt auch in der wohl ältesten Handeschrift B.

3. Kleiderstrophen

Das Nibelungenlied ist berüchtigt für seine "Kleiderstrophen". Immer und immer wieder wird langatmig mit schwer verständlichen Worten berichtet, wie die Helden mit den teuersten Kleider aus den exotischsten Ländern ausgestattet werden. [9] Das scheint wie manche andere Ausschmückung eine allerletzte Zutat zu sein von einem Bearbeiter, der sich ein einfacheres höfisches Leben gar nicht mehr vorstellen kann.

III. Vermutungen über den Verfasser

Das Nibelungenlied ist uns ohne Verfasserangabe überliefert. Das war im Hochmittelalter keineswegs üblich; bei vielen Werken wissen wir, wer der Verfasser war. Es gibt aber auch noch andere anonyme Schriften. Die meisten mittelalterlichen Epen, die germanische Sagenstoffe behandeln, sind uns anonym überliefert. [10] Das gilt auch für das Kudrunlied.

Gründe für die Anonymität gibt es viele. Manche Autoren nennen ihren Namen nicht oder schreiben unter einem Pseudonym, weil sie sich vor den Folgen der Veröffentlichung fürchten. Andere haben einfach nicht daran gedacht, ihren Namen unter das Werk zu setzen. [11]

Beim Nibelungenlied hat wahrscheinlich eine Rolle gespielt, dass das Epos nicht Werk eines einzigen Dichters ist. Warum sollte ein späterer Bearbeiter das ganze als sein Werk ausgeben?

1. Österreicher

Dass sich der Autor an der Donau auskennt, beweisen viele Details aus dem zweiten Teil. Dass er wohl kein Bayer war, zeigt die negative Darstellung der Bayern im Rahmen des Donauübergangs. Daher vermuten manche, es könnte sich um einen Österreicher gehandelt haben.

Dafür scheint nicht nur die Überlieferungslage zu sprechen (die meisten Handschriften stammen aus dem Donauraum), sondern auch der süddeutsch oder sogar bairisch klingende Dialekt.

Meister Konrad | Der Kürenberger | Ein Passauer Geistlicher

2. Franken

Manche glauben, der Verfasser sei ein Franke gewesen. Dies könnte auf den Schreiber der Handschrift C zutreffen, aber kaum auf das Original.

Denn damit sind weder die österreichischen Ortskenntnisse zu erklären noch der Eindruck, den viele Forscher haben, dass der zweite Teil der Sage an der Donau entstanden muss.

Sigehard von Lorsch            Bligger von Steinach

3. Norddeutsche

Nach Ausweis der Thidreksaga wurde die Nibelungenüberlieferung auch in Norddeutschland gepflegt und von Gewährsleuten aus Bremen, Münster und Soest nach Skandinavien gebracht. [12]

Dafür spricht auch die merkwürdige Namensform Kriemhilt, eine falsche Anpassung eines niederdeutschen *Grêmhild an süddeutsche Gepflogenheiten. [13]

Dass Siegfried am Niederrhein (Xanten) zu Hause war, weiß schließlich auch das Nibelungenlied.

Aber es wäre sicher ebenso übereilt, nach einem norddeutschen Dichter zu suchen.

4. Fazit

Von einem alleinigen "Verfasser" des Nibelungenlied kann also keine Rede sein; die Personen, die von verschiedenen Forschern als Verfasser benannt wurden, waren allenfalls Autoren einer Vorlage oder  spätere Bearbeiter beziehungsweise Herausgeber.

Die Nibelungensage ist eine gesamtdeutsche Sage, die Norddeutsche, Westdeutsche und Südostdeutsche maßgeblich mitgestaltet haben. Auch von daher ist es müßig, nach "dem" Verfasser zu fragten.

   

 

 

 

 

 


 

[1] Otfried Ehrismann, Nibelungenlied, Epoche – Werk – Wirkung ² 40

[2] ebd. 40.41

 

 

 


 

[7] Ehrismann, a.a.O. 40

 

 

 

 

[8] Was dabei herauskommen kann, sehen wir am Hildebrandslied, das versucht eine oberdeutsche Vorlage ins Niedersächsische zu übersetzen. Das Ergebnis ist ein undefinierbares Kauderwelsch.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

[9] In der 6. Aventiure lässt sich der Autor 6 Strophen darüber aus, dass die Recken bei der Brautwerbung standesgemäß gekleidet sein müsste; in weitere 4 Strophen erzählt er, wie die Kleider aus den exotischsten Materialien hergestellt wurden.


 

[10] Fritz Martini, Deutsche Literaturgeschichte 82 ff

[11] Wer weiß, wie viele der bekannten Autoren das wirklich getan haben und wie viele Namen durch den Scharfsinn der Forscher erschlossen wurden?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


 

[12] Otfried Ehrismann, Nibelungenlied. Epoche – Werk – Wirkung ² 20

[13] Das ursprüngliche Grĭmhild hätte süddeutsche Krimhilt lauten müssen, beide mit kurzem /i/.

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Datum: 1994 /2006

Aktuell: 14.06.2011