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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Die Wahrheit über den Nikolaus

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1. Der heilige Nikolaus

2. Der dämonische Begleiter des Heiligen

3. Umzug am Heiligentag

4. Das Christkindchen

5. Pädagogisches Theater

6. Warum muss man kleine Kinder belügen

7. Kleidermoden

 

1. Der heilige Nikolaus

Der heilige Nikolaus ist einer der bekanntesten Heiligen überhaupt. Jedes Kind hat schon von ihm gehört, weiß, dass sein Tag der 6. Dezember ist, und erwartet von ihm Geschenke.

Dabei ist über das Leben des Heiligen nur wenig Glaubwürdiges bekannt: dass er um 350 n. Chr. Bischof in der kleinasiatischen Stadt Myra war, mag richtig sein. Die vielen Wundergeschichten, die man von ihm erzählt, weisen ihn als Beschützer der Seefahrer und Gefangenen aus; als solcher wurde er später verehrt; sie geben uns aber keinen Eindruck von seinem wirklichen Leben. Jedenfalls war er weder Geschenkbringer noch Kinderbeglücker, wie man oft hören kann. Die Anknüpfung des modernen Weihnachtsmanns an den Bischof des 4. Jahrhunderts ist doch recht gekünstelt.

Wie  kommt es aber zu der Verbindung zwischen Geschenkbringer und Nikolaus?

Das ist eine lange Geschichte.

2. Der dämonische Begleiter des Heiligen

In katholischen Gegenden kann man heute noch erleben, dass Nikolaus nicht mit Kapuze, Sack und Rute, sondern im Bischofsornat mit dem Bischofsstab erscheint, oft in Begleitung eines Wesens namens Knecht Ruprecht, (Ostdeutschland) Krampus (Bayern, Österreich), Pelzmärtel (Schwaben), Pelznickel (Hessen). Der alte hessische Pelznickel war alles andere als ein Kinderfreund, eine furchterregende Gestalt, in Felle ("Pelze") gehüllt, mit Ketten gefesselt, entsetzlichen Lärm machend, vor der man vor Angst unter den Küchentisch kroch.

Den Namen Belznickel gibt es auch in den Vereinigten Staaten (pfälzisches Erbe), und bei Familien deutscher Herkunft in Brasilien, wo er Pelznickel heißt.

Ich selbst kann mich noch gut an den "Nikolaus" meiner Kindheit entsinnen, bekleidet mit einem dicken Mantel aus Schaffellen, mit langem Bart, wie sich's gehört, aber mit Bischofsmütze und Bischofstab. Er machte dem Namen Pelznickel also alle Ehre: Bischof Nikolaus und bepelzter Popanz in einer Gestalt.

Man hat sich oft Gedanken gemacht, wo diese dämonische Gestalt herkommt: etwa ein Überbleibsel aus dem alten Heidentum? Von den heidnischen Göttern hat man erzählt, dass sie zu bestimmten Zeiten auf die Erde kommen, die Menschen besuchen und die Guten belohnen, die Bösen bestrafen. Die heidnischen Götter aber sind seit anderthalb Jahrtausenden tot.

Oder handelt es sich um den bekannten Volksaberglauben, dass in der Dunkelheit der Nacht, besonders in den langen Winternächten, die Geister der Verstorbenen umherziehen? Unsere Vorstellungen von der Geisterstunde um Mitternacht (zwischen den Tagen) und unser Brauch des Neujahrsschießens (zwischen den Jahren, um Geister zu vertreiben), haben in diesem Glauben ihren Ursprung: in der Dunkelheit und da, wo zwei Zeiten aneinander stoßen, treiben die Gespenster ihr Unwesen, die am Tag und im geregelten Ablauf der Zeit keinen Platz haben.

3. Umzug am Heiligentag

Aber der Pelznickel war nicht das, was man sich unter einem Gespenst vorstellt. Sicher knüpft die Sitte an alte Umzüge verkleideter Gestalten an: vom Martinszug über Nikolaus und die drei Könige bis zu verschiedenen Fasnachtsbräuchen.

Man hat hier den Eindruck, als sei der volkstümliche Pelznickel oder Pelzmärtel eine solche Gestalt des Aberglaubens, die nach dem Tag benannt ist, an dem sie ihren Umzug hält; im Mittelalter zählte man die Tage ja nicht wie heute als soundsovielten Tag des Monats, sondern man benannte sie nach Heiligen, die an diesem Tag ihr Fest hatten. Wir tun das heute noch, wenn wir von den Eisheiligen reden; das sind die Heiligentage Pankraz, Servaz, Bonifaz und Sophie im Mai, an denen es noch einmal Nachtfrost geben kann. Die Heiligen, nach denen diese Tage benannt sind, können nichts für diese Laune des Wetters. Sie waren redliche Christen. Einige sind für ihren Glauben gestorben.

Wir können uns das gut an einem anderen Beispiel deutlich machen: In Bayern geht um die Jahreswende ein Scheusal namens Perchta oder Percht 'die / der Glänzende' um; der Name scheint weiter nichts zu sein als eine deutsche Übersetzung von Epiphanias 'Erscheinungstag' (06.01.). Eine ähnliche Gestalt in Italien soll Befana heißen; hier schimmert der alte Name Epiphanias noch deutlich durch.

Halten wir also fest: der hessische Pelznickel war eine Schreckfigur, die am Nikolaustag ihren Umzug hielt; ähnlich scheint der schwäbische Pelzmärtel am Martinstag umgegangen zu sein.

Warum aber wählte man gerade diese beiden Tage? Weil es sich um sehr beliebte Heilige handelte, deren Tage auch wirklich gefeiert wurden. Dass also der Pelzgeist ausgerechnet Pelzmärtel oder Pelznickel hieß, liegt einfach daran, dass diese Heiligen ihren Gedenktag gerade in der Zeit des beginnenden Winters haben.

Die katholische Kirche mag irgendwelche Volksbräuche zum Anlass genommen haben, den heiligen Martin als reitenden Soldaten, den heiligen Nikolaus im Bischofsgewand und die Heiligen des Epiphaniasfestes als Könige wirklich auftreten zu lassen. Der althessische (evangelische) Pelznickel aber zeigt, dass der Popanz unabhängig von dem leibhaftig auftretenden Heiligen ist. Er heißt Pelznickel, weil er einen Pelz anhatte und am Nikolaustag umging.

Das aber ist nur die eine Hälfte der Wahrheit.

4. Das Christkindchen

Der Pelznickel war begleitet von einem ganz in Weiß gekleideten verschleierten Mädchen, dem Christkindchen. Beide hatten sich die Aufgaben folgendermaßen geteilt, dass das Christkindchen die Geschenke brachte, während der Pelznickel den Kindern Angst einjagte, den einen oder anderen verhaute, in den Sack steckte und mitnahm. Hier vertreten also beide das lohnende und strafende Prinzip, also zwei Aspekte Gottes. Darum ist das Christkindchen folgerichtig als Engel ausstaffiert, der Pelznickel dagegen trägt Züge des Teufels. Und wenn der moderne Weihnachtsmann ein alter Mann mit langem Bart ist, dann erinnert er an die landläufige Vorstellung, die man sich von Gott macht. Nur dass er das lohnende und strafende Prinzip in einer Person verkörpert: er trägt den Sack mit den Geschenken und die strafende Rute.

5. Pädagogisches Theater

Warum heißt nun aber der Geschenke bringende Engel ausgerechnet "Christkindchen"? Der Name "Christkind" meint ursprünglich das neugeborene Jesuskind in der Krippe. Das Geschenke bringende Christkind ist eine Erfindung des 15er-Jahrhunderts mit deutlich pädagogischer Absicht: Man redete den Kindern ein, das Jesuskind, dessen Geburt man an Weihnachten feiert, habe ihnen als Belohnung für braves Verhalten Geschenke mitgebracht. Wollte man dies durch ein kleines Theaterstück den Kindern vorführen, so spielte man natürlich nicht den leibhaftigen Jesus, sondern einen Engel, der im Namen des Christkindes die Geschenke überreichte. Zugleich erinnerte aber auch ein Teufel an die verschiedenen Fehlleistungen des kleinen Sünders und ermahnte ihn, sich künftig zu bessern.

An die Stelle des Teufels trat sehr bald der volkstümliche Pelznickel, der hinfort das Christkind verleitete, ein paar Wochen früher, am Nikolaustag zu kommen. Umgekehrt behauptete das Christkind aber auch seinen angestammten Termin und bewog den Pelznickel, erst an Weihnachten aufzutreten. So wurde aus dem Nikolaus der Weihnachtsmann.

6. Warum muss man kleine Kinder belügen?

Die Sitte, dass der Nikolaus und der Weihnachtsmann Geschenke bringen und das Christkind desgleichen, ja dass im Hessischen Christkindchen ein anderes Wort für 'Weihnachtsgeschenk' ist, hat also ihren Ursprung in jener pädagogischen Erfindung des 17er-Jahrhunderts, aber keinerlei Anhalt in der Heiligenlegende oder gar dem Leben Jesu. Es ist daher falsch, wenn man den Kindern sagt, sie bekämen Geschenke, weil der heilige Nikolaus den Kindern auch was geschenkt habe, oder in Erinnerung daran, dass Gott uns seinen Sohn geschenkt habe, oder dass die heiligen drei Könige dem neugeborenen König der Juden was mitgebracht hätten. Vielmehr sollen die Geschenke an die fragwürdige Weisheit erinnern, dass Gott die Guten belohnt und die Bösen bestraft.

Damit ist eigentlich auch ein Problem gelöst, das für uns Erwachsene eigentlich gar keins ist und vor allem die Kinder beschäftigt: ob's den Nikolaus wirklich gibt. Können Erwachsene ihre Kinder guten Gewissens anlügen und ihnen vormachen, der Nikolaus sei echt, so dass später die große Enttäuschung kommt, wenn sie feststellen, dass nur ein Erwachsener sich als Nikolaus verkleidet hatte? Vielleicht hängt sogar die weitere religiöse Entwicklung des Kindes von diesem Schock ab. Ist es dann nicht in Gefahr, nicht nur den Nikolaus und Osterhasen als ein Ammenmärchen abzutun, sondern auch den Glauben an Gott? Wenn wir uns an den ursprünglichen Sinn der Sache erinnern, dass das nur ein Theaterspiel ist, dann braucht man das Vertrauen der Kinder nicht in einer so gemeinen Art zu erschüttern.

7. Kleidermoden

Die Wahrheit über den Nikolaus war ein weiter Weg. Das können wir uns zum Schluss auch an der wechselnden Nikolausmode deutlich machen: der althessische Pelznickel trug einen Pelz, wie ich es noch als Kind erlebt habe. Er muss furchterregend genug aussehen und der Darsteller nicht zu erkennen sein. Besondere Kleidervorschriften galten für ihn nicht. Ich kann mich an einen Knecht Ruprecht erinnern, der im "blauen Anton" und Maske kam. Der erste Nikolaus, den ich sah, hatte einen normalen Mantel an und ein Taschentuch vorm Gesicht.

Auf alten Bildern sieht man freilich bereits den Weihnachtsmann mit Kapuzenmantel, Stiefeln, Handschuhen und langem Bart, wobei der Mantel alle möglichen Farben hat und der Bart nicht unbedingt weiß sein muss. Auf Bildern des 18er-Jahrhunderts trägt er sogar irgendwelche Kopfbedeckungen, nicht gerade eine Kapuze. Der heutige weißverbrämte rote Kapuzenmantel, wie man ihn allenthalben sieht, kam erst nach dem letzten Krieg auf und stammt wahrscheinlich aus Amerika. Sein Vorbild hat er wohl in dem roten Kapuzenmantel des Nikolaus im "Struwwelpeter".

Der historische Nikolaus hat als orthodoxer Geistlicher höchstwahrscheinlich einen Bart getragen, dazu eine weiße Bischofsrobe, allerdings nicht mit der zweizipfligen Mitra, sondern mit einer runden Mütze.

   

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Übersicht

 

Sprachecke | 05.12.2006 | Der Pelznickel im Odenwald

Name Nikolaus

 

Datum: 1983 / 2005

Aktuell: 29.12.2011